E-Book, Deutsch, Band 2, 277 Seiten
Pears Caravaggios Erben: Ein Fall für Argyll und di Stefano - Band 2
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96655-004-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 2, 277 Seiten
Reihe: Ein Fall für Argyll und di Stefano
ISBN: 978-3-96655-004-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Iain Pears, geboren 1955 im englischen Coventry, studierte in Oxford und arbeitete später in Rom und Paris als Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters. Heute ist er als Journalist und Kunsthistoriker bekannt - und als Autor hochgelobter Kriminalromane und historischer Romane. Sein internationaler Bestseller »Urteil am Kreuzweg« wurde in 15 Sprachen übersetzt. Bei dotbooks veröffentlichte Iain Pears die Romane »Urteil am Kreuzweg« und »Scipios Traum« sowie die Kriminalromane rund um den Kunsthistoriker Jonathan Argyll und die Kommissarin Flavia di Stefano: »Giottos Handschrift«, »Caravaggios Erben« und »Die makellose Täuschung«
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Kapitel 1
Besprechungen verlaufen auf der ganzen Welt mehr oder weniger gleich, und so ist das wohl schon seit Anbeginn. Einer hat die Zügel in der Hand, ein anderer müsste sie eigentlich in die Hand nehmen, ein dritter möchte sie unbedingt in der Hand haben. Und jeder von ihnen hat seine Parteigänger und seine Gegner. Dann gibt es noch die Unentschlossenen, die sich treiben lassen und darauf hoffen, dass die Wellen nicht zu hoch gehen. Es wird immer eine Kontroverse ausgetragen, in der die latenten Gegensätze in Erscheinung treten können. Manchmal geht es dabei um eine wichtige Streitfrage, die den Kraftaufwand rechtfertigt. Aber nicht oft.
So war es auch bei der Besprechung, die an einem Nachmittag im September in Rom stattfand, in einem weitläufigen Gebäudekomplex auf dem Aventin. Zwanzig Leute saßen in dem großen, eher kahlen Raum, zwanzig Männer zwischen fünfunddreißig und fünfundsiebzig. Es lag eine Tagesordnung mit vierzehn Punkten vor und es gab zwei Lager, die sich in allem durchzusetzen gedachten, galt es doch (für die eine Seite) die Verfechter gefährlicher und reichlich kindischer Neuerungen zu stoppen oder aber (für die andere Seite) einen engstirnigen Traditionalismus zu überwinden, der die Erfordernisse der heutigen Welt völlig außer Acht ließ. Das wird ein langer Nachmittag, dachte der Mann, der den Vorsitz führte. Er konnte nur hoffen, dass man die Diskussion nicht allzu erbittert führen würde, man hatte schließlich die letzten zwei Stunden gebetet, damit die göttliche Weisheit in die Entscheidung einfließen möge.
Dennoch war er nicht sehr zuversichtlich. Obwohl er fürchtete, sich damit am Rande der Häresie zu bewegen, wünschte er sich doch manchmal, dass Gott etwas deutlicher zum Ausdruck bringen würde, was er wollte. Dann wäre es nicht dahin gekommen, dass er, Pater Xavier Münster, befürchten musste, nicht nur der neununddreißigste, sondern womöglich auch der letzte Superior des Ordens des Johannes Battista zu sein. Er wurde ganz mutlos, als er das kampflustige Glitzern in den Augen der Mönche sah, die ihm doch theoretisch unbedingten Gehorsam schuldeten. Pater Jean hatte seine Unterlagen wie Panzerdivisionen vor sich aufgereiht und war offenbar wild entschlossen, sich ihm zu widersetzen – ohne zu wissen, mit welchen Schwierigkeiten sich sein Superior konfrontiert sah. Was unter den gegebenen Umständen aber auch besser war.
»Vielleicht sollten wir beginnen«, sagte Pater Xavier mit fester Stimme zur Versammlung der derzeit in Rom weilenden Ordensbrüder.
Nach fünf Stunden war man fertig, die Patres wankten erschöpft aus dem Raum. Während man sonst nach solchen Besprechungen auf der Terrasse einen Aperitif nahm, fanden sich diesmal nur die paar Leute ein, die nicht allzu sehr in den unziemlichen Zank verwickelt gewesen waren. Die anderen verschwanden gleich in ihren Zellen (die trotz ihres Namens eher den Zimmern in Studentenwohnheimen glichen), um dort zu beten oder zu meditieren oder einfach vor Zorn nur zu kochen.
»Das hätten wir hinter uns«, seufzte einer der jüngsten Mönche, Pater Paul, ein großer, gutaussehender Mann aus Kamerun. Es zeugte von Selbstlosigkeit, dass er so milde gestimmt war, hatte er doch gehofft, man würde sich auch mit seinem Anliegen befassen. Aber auch diesmal hatte sein unbedeutendes Problem so weit unten auf der Tagesordnung gestanden, dass man nicht mehr dazu gekommen war.
Obwohl er nur leise vor sich hingesprochen hatte, hörte ihn der alte Pater Jean, der beim Pernod am Tisch stand. Er nickte erschöpft und blickte zu Pater Paul auf, der ihn um mehr als vierzig Zentimeter überragte. Pater Jean fühlte sich wie gerädert, solche Kämpfe kosteten viel Kraft, und manchmal wunderte und ängstigte es ihn selber, was für eine wilde Wut Pater Xaviers Reformbestrebungen in ihm aufsteigen ließen. Auf die Terrasse war er nicht etwa gekommen, weil er Gesellschaft suchte, sondern weil er dringend einen Drink brauchte, was so gar nicht seiner Art entsprach.
Da er sich in der Vergangenheit stets aus solchen Streitigkeiten herausgehalten hatte, konnte er es noch nicht so recht glauben, dass er auf einmal die Opposition anführte. Das hatte er sich nicht gewünscht. Er konnte sich einen schöneren Lebensabend vorstellen und war ja eigentlich von Natur aus ein loyaler Mensch. Seit ein Priester seine Begabung erkannt und ihn als zwölfjährigen Jungen aus der Dorfschule herausgeholt hatte, war er immer treu und ergeben gewesen.
Jetzt war auf einmal alles anders. Er war entsetzt über die Schärfe seiner Auseinandersetzungen mit Xavier. Nicht einmal auf dem Höhepunkt des Zweiten Vatikanischen Konzils, als man mit schlimmen Zweifeln und Ängsten zu kämpfen hatte, war es zu einer dermaßen unangenehmen Besprechung gekommen wie heute Nachmittag. Aber das war nicht zu ändern, denn der geistige Mittelpunkt des Ordens stand auf dem Spiel, da war er sich absolut sicher. Xavier war zweifellos ein guter Mensch und bewies Mut. Und auch unter den Heiligen hatte es viele gegeben, die ihre Absichten nicht weniger entschlossen und rücksichtslos verfolgt hatten. Zum Beispiel der heilige Bernhard und auch der heilige Ignatius, die beide nicht unbedingt dafür bekannt waren, dass sie ein Thema von allen Seiten beleuchtet hätten. Aber man lebte doch nicht mehr im Mittelalter und auch nicht im 17. Jahrhundert. Heutzutage brauchte man andere Eigenschaften. Geduld, Takt, Überzeugungskraft. Und daran fehlte es Xavier.
Pater Jean nickte traurig vor sich hin. »Fürs Erste haben wir es hinter uns«, sagte er. »Aber die Sache ist wohl leider noch längst nicht ausgestanden.«
Pater Paul zog die Augenbrauen hoch. »Warum nicht? Die Entscheidung ist gefallen. Und zwar ganz in deinem Sinne. Du müsstest eigentlich vollauf zufrieden sein.«
Paul brauchte sich nicht zu ereifern, weil er fast als Einziger auf keiner der beiden Seiten stand. Es war ihm gar nicht so ganz klar, worum es ging. Er wusste durchaus, was Anlass zu dem Streit gegeben hatte, aber mit der Ursache, die ihm zu Grunde lag, konnte er nicht viel anfangen. Und die Kraft, die man für diesen Konflikt aufbot, ließe sich doch ganz bestimmt anderswo nutzbringender verwenden.
»Die Entscheidung fiel mit einer Mehrheit von einer Stimme«, sagte Pater Jean. »Letztes Jahr – was wollte er da noch gleich durchsetzen? Ich komme jetzt nicht drauf, aber da haben ihm jedenfalls noch fünf Stimmen gefehlt. Folglich wird er das heutige Ergebnis als Fortschritt werten und nicht als Niederlage.«
Pater Paul schenkte sich Orangensaft ein und nippte an dem Glas. »O je. Wenn ich doch nur in meine Heimat zurückkehren könnte. Ich habe nicht den Eindruck, dass ich hier im Sinne des Herrn tätig bin.«
»Tja«, sagte Pater Jean mitfühlend und fragte sich, ob ein zweiter Pernod vertretbar wäre. »Du findest uns sicher ganz furchtbar, und vermutlich hast du sogar Recht. Dass dein Antrag auf Rückkehr in die Heimat wieder nicht behandelt worden ist, tut mir wirklich Leid. Vielleicht nächstes Mal. Sofern sich die Gemüter beruhigt haben. Ich werde mich dafür einsetzen.«
Ein paar Kilometer entfernt, direkt im Stadtzentrum, widmete sich eine weltliche Einrichtung ganz unaufgeregt, aber durchaus effizient der Wiederbeschaffung gestohlener Kunstschätze. Die Türflügel am Haupteingang (erst vor kurzem unnötigerweise für furchtbar viel Geld automatisiert) sausten auf und zu, weil ständig eilige Polizisten ein und aus gingen. In den fensterlosen Räumen der Registratur und des technischen Dienstes war man konzentriert bei der Sache, in den Büros der Stockwerke darüber wurden eifrig Akten studiert, Telefongespräche geführt und Schriftsätze verfasst, und aus dem Büro im obersten Stock, das in der freundlicher gesinnten Presse oft als Schaltzentrale der Abteilung Kunstraub bezeichnet wurde, drang ein leises Sägen, das nur vom hartnäckigen Brummen einer dicken Schmeißfliege gestört wurde.
Der effiziente Apparat steuerte sich selber, die Schaltzentrale war außer Betrieb. Es war ein heißer Nachmittag, und General Taddeo Bottando schlief fest.
Aber das war eigentlich kein Problem. Bottando war schon relativ weit in den Sechzigern und zählte jugendlichen Elan nicht mehr zu seinen hervorstechendsten Eigenschaften; seine reiche Erfahrung machte diesen Mangel mehr als wett. Wen störte es schon, wenn er mit seinen Kräften ein wenig haushalten musste? Er behielt den großen Überblick, und sein Organisationstalent hatte die Jahre unbeschadet überstanden. Alle wussten, was er von ihnen erwartete, und alle hielten sich daran, auch wenn er sie nicht Tag und Nacht beaufsichtigte. Und falls etwas vorfiel, während er nicht zu sprechen war, konnte er sich darauf verlassen, dass jemand aus seinem Team, jemand wie Flavia di Stefano, die Situation meisterte.
So etwa hatte er seine Funktion auch zwei hohen Beamten beschrieben, von denen er heute zum Mittagessen eingeladen worden war, in ein sehr gutes, sündhaft teures Restaurant. Er war sich nicht ganz im Klaren darüber gewesen, warum er auf einmal so beliebt war, musste er doch seit Jahren nicht nur ständig um Finanzmittel kämpfen, sondern sogar um den Fortbestand der Abteilung. Aber auf einmal – vermutlich dank eines großen Erfolgs vor ein paar Monaten – mochten ihn jetzt alle unheimlich gern, und hatten schon immer große Stücke auf ihn gehalten und ihn insgeheim unterstützt in seinem Kampf gegen die Intrigen anderer. Schon komisch, dass ihm das die ganzen Jahre nicht aufgefallen war. Dennoch trug er nicht wenig dazu bei, dass eine zweite und auch noch eine dritte Flasche Chianti geleert wurde, suhlte sich dabei förmlich in Selbstzufriedenheit und hätte beinahe wie eine Katze geschnurrt vor Wohlbehagen.
Er hätte es eigentlich wissen müssen, schließlich war er ein alter Hase. Diese...




