E-Book, Deutsch, Band 1, 252 Seiten
Pears Giottos Handschrift: Ein Fall für Argyll und di Stefano - Band 1
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96655-003-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 1, 252 Seiten
Reihe: Ein Fall für Argyll und di Stefano
ISBN: 978-3-96655-003-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Iain Pears, geboren 1955 im englischen Coventry, studierte in Oxford und arbeitete später in Rom und Paris als Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters. Heute ist er als Journalist und Kunsthistoriker bekannt - und als Autor hochgelobter Kriminalromane und historischer Romane. Sein internationaler Bestseller »Urteil am Kreuzweg« wurde in 15 Sprachen übersetzt. Bei dotbooks veröffentlichte Iain Pears die Romane »Urteil am Kreuzweg« und »Scipios Traum« sowie die Kriminalromane rund um den Kunsthistoriker Jonathan Argyll und die Kommissarin Flavia di Stefano: »Giottos Handschrift«, »Caravaggios Erben« und »Die makellose Täuschung«
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Kapitel 1
Den Anstoß zu dem triumphalen Feldzug, mit dem General Bottando den undurchsichtigen englischen Kunsthändler Geoffrey Forster als größten Kunstdieb seiner Generation entlarvte, gab ein in Rom abgestempelter Brief, der eines besonders schönen Morgens im späten Juli auf seinen Schreibtisch im dritten Stock der Abteilung Kunstraub flatterte. Die kuvertierte und frankierte Nachricht war hochbrisant, blieb aber zunächst liegen. Der General hielt sich wie jeden Morgen an ein starres Schema, solange er zum Improvisieren noch nicht wach genug war. Er goß die Topfpflanzen, studierte die Zeitungen und trank eine Tasse von dem Kaffee, den die Bar auf der anderen Seite der Piazza San Ignazio in regelmäßigen Abständen anlieferte.
Dann arbeitete er sich Stück für Stück durch die Post, die seine Sekretärin unter ›Eingänge‹ abgelegt hatte. Langsam nahm der Stapel vermischter Nachrichten ab, bis der General gegen 8 Uhr 45 endlich das besagte Kuvert, es war aus dünnem, billigem Papier, in die Hand nahm und mit dem Brieföffner aufschlitzte.
Sein Interesse an diesem Brief hielt sich sehr in Grenzen. Das Gekrakel der handgeschriebenen Adresse ließ auf einen recht alten Menschen schließen. Wahrscheinlich war es reine Zeitverschwendung, sich damit zu befassen. Öffentliche Einrichtungen ziehen für gewöhnlich ein Sammelsurium von Spinnern an, die auf sich aufmerksam machen wollen, und die Spezialeinheit Kunstkriminalität machte hierin keine Ausnahme. Jeder Angehörige der Einheit hatte seinen Lieblingsspinner in dieser buntscheckigen, zumeist harmlosen Schar. Bottando mochte jenen Trientiner am liebsten, der sich für die Reinkarnation Michelangelos hielt und den David für sich beanspruchte, weil die Medici ihm damals nicht genug dafür gezahlt hätten. Flavia di Stefano, deren eigenartiger Humor damit zu tun haben mochte, daß sie mit einem Engländer zusammenlebte, hatte eine besondere Schwäche für einen Mann, der immer wieder damit drohte, das Viktor-Emanuel-Denkmal in Rom mit Marmelade zu beschmieren, um die Aufmerksamkeit der Weltpresse auf das schwere Los der apulischen Wühlmaus zu lenken. Am liebsten hätte sie den Mann brieflich in seinem Vorhaben bestärkt, da ihrer Ansicht nach dieses Monstrum-Monument durch so einen kulinarischen Anschlag nur gewinnen konnte und in anderen Ländern solche Aktionen aus staatlichen Kunsttöpfen gefördert wurden.
Bottando lehnte sich also zurück, faltete den Brief auseinander und las ihn flüchtig. Dann las er ihn noch einmal, diesmal gründlicher, und runzelte die Stirn, als versuche er sich vergeblich an einen Traum zu erinnern.
Er telephonierte mit Flavia in ihrem Büro und bat sie, sich den Brief ebenfalls anzusehen.
Sehr geehrter, hochgeschätzter Herr, begann die Briefschreiberin, ich schreibe Ihnen, um ein Geständnis abzulegen. Ich war in den Diebstahl eines Gemäldes verwickelt, das sich im Besitz des Palazzo Straga in Florenz befand. Dieses Verbrechen, zu dem ich mich voll und ganz bekenne, ereignete sich im Juli 1963. Möge Gott mir vergeben, ich selbst kann es mir nicht verzeihen. Ihre Maria Fancelli
Flavia kam in Bottandos Büro und überflog den Brief ohne großes Interesse. Sie ging ihn noch einmal durch, um zu prüfen, ob ihr nichts entgangen war. Dann strich sie sich die langen blonden Haare aus der Stirn, rieb mit der flachen Hand nachdenklich über den Nasenrücken und gab ihr Urteil ab:
»Pah! Das hat doch nichts zu sagen!«
»Wer weiß? Vielleicht doch.«
»Wie kommen Sie darauf?«
»Wissen Sie, das Alter bringt auch gewisse Vorteile mit sich«, sagte er feierlich. »Zum Beispiel die bruchstückhafte Erinnerung an eine graue Vorzeit, die einem jungen Ding wie Ihnen völlig fremd ist.«
»Ich bin letzte Woche dreiunddreißig geworden.«
»Gut – einem mittelalten Ding wie Ihnen, wenn Ihnen das lieber ist. Palazzo Straga. Da war doch was ...« Bottando tippte sich mit dem Bleistift an die Zähne, runzelte die Stirn und hob den Blick zur Decke. »Hm«, machte er. »Straga ... Florenz ... 1963. Ein Bild. Hm.«
Dann saß er eine ganze Weile einfach nur da und schaute versonnen aus dem Fenster. Flavia ließ sich geduldig ihm gegenüber nieder und wartete darauf, daß er sie an seinen Gedanken teilhaben ließ.
»Ha!« sagte er mit einem erleichterten Lächeln, als sein Gedächtnis nach einigen weiteren Minuten endlich wieder spurte. »Ich hab's. Wären Sie so nett, einen Blick in die Ausschußkammer zu werfen, meine Liebe?«
›Ausschußkammer‹ war die verunglückte Bezeichnung für die Besenkammer im Keller, die als letzte Ruhestätte für hoffnungslose Fälle diente. Sie war mit Akten von Verbrechen vollgestopft, bei denen die Aufklärungschancen gegen Null tendierten.
Flavia stand auf. »Sie haben ein phänomenales Gedächtnis«, sagte sie und fügte skeptisch hinzu: »Meinen Sie wirklich?«
Bottando machte eine lässige Handbewegung. »Wir werden ja sehen, was Sie finden«, sagte er zuversichtlich. »Wissen Sie, mein Gedächtnis läßt mich nie im Stich. Alte Elefanten wie ich ...«
Für Flavia hieß das, ab in den Keller, wo sie dicke Staubschichten aufwirbelte und ihre Kleidung ruinierte. Eine halbe Stunde später tauchte sie sehr schlechtgelaunt wieder aus der Besenkammer auf, obwohl sie fündig geworden war.
Als sie mit ihrer dicken Akte in das Büro ihres Chefs trat, wollte sie sich gleich beschweren, wurde aber durch anfallartiges Niesen daran gehindert.
»Gesundheit«, sagte Bottando.
»Das ist Ihre Schuld«, beklagte sie sich. »Da unten herrscht das reinste Tohuwabohu. Wenn nicht ein ganzer Aktenstoß umgekippt wäre, hätte ich die richtige nie gefunden.«
»Aber Sie haben sie gefunden.«
»Bloß nicht da, wo sie hingehört hätte, sondern ganz woanders. In einem riesigen Aktenbündel mit der Aufschrift ›Giotto‹. Was hat man sich denn darunter vorzustellen?«
»Ah!« rief Bottando. »Deshalb kam mir das so bekannt vor. Giotto!«
»Giotto?«
»Eines der ganz großen Genies seiner Zeit«, sagte der General mit zuckenden Mundwinkeln.
Flavia streifte ihn mit einem irritierten Blick.
»Nicht der Giotto, den Sie meinen«, erläuterte Bottando. »Ich spreche von einem äußerst scharfsinnigen Herrn, dessen Kühnheit einem den Atem verschlägt, der fast übermenschliche Fähigkeiten besitzt und sich anscheinend unsichtbar machen kann, und den es, Gott sei's geklagt, gar nicht gibt.«
Für dieses rätselhafte Gerede strafte ihn Flavia mit einem sehr finsteren Blick.
»Giotto ist das Hirngespinst eines geruhsamen Sommers vor ein paar Jahren«, fuhr er fort. »Damals, als aus Mailand dieser Velásquez verschwunden war. Wann war das noch gleich? Ach ja, 1992.«
Damit hatte er Flavias Interesse geweckt. »Das Porträt aus der Sammlung Calleone?«
»Ja. Praktischerweise war die Alarmanlage defekt. Jemand ging rein, hängte das Bild ab und verschwand damit. Still und leise. Das Porträt eines Mädchens namens Francesca Arunta. Zwei Jahre sind eine lange Zeit, aber bisher ist es nirgends wieder aufgetaucht. Es gibt kein Foto davon, aber es soll ein wunderschönes Bild sein.«
»Wie bitte?«
»Nein. Kein Foto. Erstaunlich, nicht wahr? Leute gibt's! Aber das kommt sogar ziemlich oft vor. Jedenfalls hat mich das auf die Idee mit Giotto gebracht. Aus einem Haus voller Bilder wird genau das gestohlen, das als einziges nie fotografiert worden ist. Aber es gibt wenigstens aus dem 19. Jahrhundert einen Druck von dem Gemälde. Da drüben.«
Er zeigte auf das Schwarze Brett an der Wand, an das Fotos von spurlos verschwundenen Gemälden, Skulpturen und sonstigem Krimskrams geheftet waren. Halb verdeckt von der Abbildung eines goldenen Kelchs aus dem 14. Jahrhundert, der vermutlich längst zu Barren eingeschmolzen war, hing dort die eselsohrige Fotokopie eines Gemäldedrucks. Die Kopie war so schlecht, daß vor Gericht wohl wenig damit anzufangen gewesen wäre, vermittelte aber immerhin eine ungefähre Vorstellung von dem Bild.
»Dieser Fall war für uns ziemlich unangenehm«, fuhr er fort. »Nicht zuletzt, weil der alte Calleone uns kräftig eingeheizt hat. Aber unsere Informanten konnten uns nicht weiterhelfen. Wir hatten es weder mit einem alten Bekannten noch mit dem organisierten Verbrechen zu tun – und doch mit einem Vollprofi. Aus lauter Verzweiflung habe ich in sämtlichen unerledigten Fällen nach Anhaltspunkten gesucht. Das Ergebnis war eine ganze Liste von Bildern, von denen es auch keine Fotos gab und die auf ähnliche Weise gestohlen worden waren. Die Akte ist so dick, weil ich mich richtig in die Sache hineingesteigert habe. Ich hatte sogar schon Ermittlungen eingeleitet, als ich endlich merkte, daß an der Sache nichts dran war.«
»Für mich hört sich das recht plausibel an«, sagte Flavia, setzte sich und legte die Akte neben sich auf das Sofa. »Sind Sie sicher, daß Sie falsch lagen?«
»Oh, in der Theorie war an meinen Überlegungen nichts auszusetzen, aber daran sieht man nur, was von Theorien zu halten ist. Dummerweise hätte das nämlich bedeutet, daß ein Mann, den ich übrigens Giotto taufte ...«
»Warum ausgerechnet Giotto?«
Bottando lächelte. »Weil meine imaginäre Figur ein wahrer Meister seines Fachs und ein Mann von großer Bedeutung schien, über den wir praktisch nichts wußten. Ein bißchen eben wie bei Giotto. Und das hätte bedeutet, daß diese Kopfgeburt für über zwei Dutzend Diebstähle verantwortlich war, die mindestens bis ins Jahr 1963 zurückreichten und in vier verschiedenen Ländern verübt wurden, wobei immer Bilder entwendet wurden, von denen es keine Fotos gab – und von denen kein einziges je wieder aufgetaucht ist. Ohne daß in über einem...




