E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Pearson Zweiunddieselbe
1. Auflage, Überarbeitete Neuausgabe 2021
ISBN: 978-3-7336-0430-1
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das vergessene Leben der Jenna Fox
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-7336-0430-1
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mary E. Pearson wurde 1955 in Südkalifornien geboren. Nach einem Universitätsstudium in San Diego unterrichtete sie viele Jahre, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Sie ist verheiratet, hat zwei Töchter und zwei Golden Retriever. Sie liebt das Lesen, lange Spaziergänge, Skifahren, Kochen, Reisen und Familienfeiern. Ihr Roman »Zweiunddiesselbe« ist der erste Band einer Trilogie über die Protagonistin Jenna Fox und wurde 2010 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.
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Ich höre Lily vor sich hinsummen. Meine Füße wollen sich selbständig machen, aber ich beherrsche mich, denn Lily soll mich nicht hören. Ich drücke mich an die Wand und spähe in die Küche. Sie hat mir den Rücken zugewandt. Sie verbringt viel Zeit in der Küche und kocht ausgefallene Gerichte. Früher war sie im Städtischen Krankenhaus von Boston Chefärztin der Inneren. Vater war ihr Assistenzarzt. So hat er auch Mutter kennengelernt. Lily hat ihren Beruf inzwischen an den Nagel gehängt, warum, weiß ich nicht. Sie hat sich aufs Gärtnern und Kochen verlegt. Anscheinend erfinden sich alle Bewohner unseres Hauses neu, und keiner ist mehr der, der er früher einmal war.
Wenn Lily gerade nicht kocht, ist sie im Garten und kümmert sich um das Gewächshaus. Ich darf nichts essen, was sie zubereitet. Ob das vielleicht ein Grund dafür ist, dass sie mich nicht mag? Jetzt klappert sie mit den Töpfen und dreht den Wasserhahn auf. Ich schleiche mich zur Haustür.
Die schwere Tür knarrt, als ich sie aufmache, aber Lily kommt nicht sofort angelaufen. Wahrscheinlich hat sie bei dem ganzen Töpfegeklapper und Wasserrauschen nichts gehört. Ich bin noch nie weiter gekommen als bis auf die Vortreppe, außer einmal, als es schon dunkel war und Mutter mit mir einen kleinen Spaziergang zu Lilys Gewächshaus gemacht hat. Seit ich wieder wach bin, schärft mir Mutter ständig ein, immer in der Nähe des Hauses zu bleiben. Sie hat Angst, dass ich verloren gehe.
verloren 1. abhanden gekommen 2. einsam, verlassen 3. dem Untergang geweiht
Ich habe Angst, dass ich schon verloren bin.
Es ist ein warmer Nachmittag. Die Sonne tut mir in den Augen weh. Ich ziehe die Tür hinter mir zu, damit Lily keinen Verdacht schöpft, und laufe los. Ich will nicht weit weg, ich bleibe in Sichtweite des Hauses. Da ist das Wort wieder, wie ein Hindernis direkt vor mir, aber auch wie ein Stups von hinten. Ich komme am Außenschornstein des Wohnzimmerkamins vorbei. Die obersten Ziegelsteine sind heruntergefallen und vom Unkraut schon fast überwuchert. Der übrige Schornstein ist mit hellgrünen Flechten bewachsen. Ich gehe hinten um die Garage herum, damit mich Lily nicht sieht. Auf dieser Seite des Hauses sind ein paar Fenster mit Brettern verrammelt, und ein Stück Dach ist abgedeckt. Mutter scheint genug Geld zu haben. Warum hat sie dann nicht einmal die nötigsten Reparaturen in Auftrag gegeben? Schließlich hatte sie doch ein Jahr lang Gelegenheit dazu, während ich im Koma lag.
Als ich an der Garage vorbei bin, habe ich einen guten Blick auf das Grundstück des neugierigen Mr. Bender, aber ich kann ihn nirgends entdecken. Der Garten hinter unserem Haus fällt zum Teichufer hin sanft ab. Der Teich ist groß, die Oberfläche ist glatt. Er liegt zwischen unserem und Mr. Benders Grundstück, und der sich dahinschlängelnde Bach, aus dem er sich speist, dient unserem Grundstück als natürliche Grenze zu den Nachbarn auf der Südseite, wie eine Art Zaun. Auf der Nordseite geht der Teich wieder in den Bach über, der in einem Eukalyptuswald verschwindet.
Noch ein paar Schritte, dann sehe ich Mr. Bender. Er hockt auf der Erde wie die dreijährige Jenna auf den DVDs. Bei einem Erwachsenen sieht das merkwürdig aus. Er schaut auf den Boden. In der einen Hand hält er etwas, die andere streckt er aus, als wollte er etwas aufheben. Er hockt so reglos da, dass ich stehen bleibe.
Interessant. Anscheinend bin ich doch neugierig.
Ich laufe weiter, bis ich unten am Teichufer stehe, dann gehe ich in den Wald hinein. Die Bäume haben dünne Stämme, aber sie stehen dicht beieinander. Ein paar Meter weiter ergießt sich der Teich in den Bach. Das Wasser strömt kaum kräftiger als das Wasser aus dem Hahn in Lilys Küche und ist fast überall nur eine Handbreit tief. Ich springe von einem trockenen Trittstein zum nächsten, bis ich auf Mr. Benders Grundstück stehe. Ich klettere die Uferböschung hoch. Eigentlich müsste ich mich fürchten. Mutter würde wollen, dass ich mich fürchte. Aber abgesehen von Mutter, Vater und Lily ist Mr. Bender der einzige Mensch, der mir begegnet ist, seit ich wieder wach bin. Ich möchte endlich mit jemandem sprechen, der mich nicht kennt. Mit jemandem, der Lily und Mutter nicht kennt. Mit jemandem außerhalb unserer merkwürdigen Runde. Mr. Bender sieht mich kommen und steht auf. Er ist viel größer, als ich dachte. Ich bleibe wieder stehen.
»Tag!«, ruft er.
Ich rühre mich nicht von der Stelle.
»Na, hast du dich verlaufen?«
Ich drehe mich nach unserem Haus um. Ich betrachte meine Hände. Von beiden Seiten. Ich heiße Jenna Fox. »Nein«, erwidere ich und gehe weiter.
Er streckt mir die Hand hin. »Ich bin Clayton Bender. Bist du meine neue Nachbarin?« Er deutet mit dem Kinn auf unser Haus.
Neu? Was bedeutet für ihn ? Ist ein Jahr ? »Ich heiße Jenna Fox. Ja, ich wohne da drüben.« Wir geben uns die Hand.
»Du hast ja eiskalte Hände, junge Dame! Musst du dich erst noch akklimatisieren?«
Ich weiß nicht, was das bedeutet, aber ich nicke und sage »Ja«. »Ich habe Sie von meinem Fenster aus gesehen. Sie haben dagehockt und auf die Erde geschaut. Was haben Sie da gemacht?«
Er lacht und erwidert: »Du bist aber neugierig!«
»Ich weiß nicht.«
Er lacht noch einmal und schüttelt den Kopf. »Ich habe auf den Boden geschaut, weil ich gerade etwas mache. Du kannst es dir gern ansehen.« Er geht ein paar Schritte und zeigt auf die Erde. Ich folge ihm.
»Was ist das?«, frage ich.
»Ich habe mir noch keinen endgültigen Titel dafür ausgedacht, aber wahrscheinlich nenne ich es ›Kiefernschlange‹. Oder so ähnlich. Ich mache Umweltkunst.«
»Was machen Sie?«
»Ich erschaffe Kunstwerke aus Sachen, die ich in der Natur finde.«
Auf dem Boden liegen sorgfältig aufgereiht lauter lange Kiefernnadeln. Sie sind an beiden Enden vorsichtig in die lose Erde gesteckt, so dass sie eine gewundene Schlange bilden, die sich in die Erde hinein- und wieder hinausschlängelt. Ich würde die Schlange gern anfassen, aber dann würde sie kaputtgehen. Wozu soll das alles gut sein? Mr. Bender hat den ganzen Vormittag damit zugebracht, etwas zu erschaffen, das schon morgen zertrampelt oder vom Wind weggepustet sein wird. »Warum machen Sie so etwas?«, frage ich.
Er lacht schon wieder. Warum lacht er andauernd? »Sie sind aber kritisch, Miss Fox! Ich mache Kunst, weil ich muss. Es kommt einfach aus mir heraus. Es ist wie Atmen.«
Wie kann eine Kiefernnadelschlange aus ihm herauskommen? Und dann noch eine, die nicht halten wird. »Morgen ist Ihre Schlange kaputt.«
»Da hast du allerdings recht. Das ist ja das Schöne und Wundersame daran. Finde ich jedenfalls. Sie ist empfindlich und vergänglich und zugleich ewig. Meine Kunstwerke kehren wieder in die Natur zurück und sind unendlich wiederverwendbar. Ich ordne die Bestandteile der Natur nur vorübergehend anders an, damit meine Mitmenschen das Alltägliche mit neuen Augen sehen und erkennen, wie schön es ist. Der Betrachter soll innehalten und …«
»Aber hier sieht Ihr Kunstwerk doch niemand.«
»Wenn es fertig ist, fotografiere ich es. Allzu große Vergänglichkeit kann ich mir nicht leisten. Auch ich muss von etwas leben. Hast du denn noch nie von Clayton Bender gehört?«
»Nein.«
Er grinst. »Tja, offenbar sind manche meiner Arbeiten nicht besonders bekannt, aber als junger Künstler habe ich einmal eine Eisskulptur im Schnee gemacht. Weiß auf Weiß. Damit wurde ich ziemlich berühmt. Fast in jedem Bürogebäude und in jeder Arztpraxis hängt ein Foto davon. Es ist nicht mein bestes Werk, aber das bekannteste. Wahrscheinlich, weil Weiß immer passt. Mit dem Geld, das ich damit verdient habe, habe ich mir dieses Haus gekauft. Heutzutage könnte ich mir kein Haus mehr leisten.«
»War Ihr Haus teuer?«
»Es ist eine teure Gegend. Heute muss man hier für ein Haus ein kleines Vermögen hinlegen. Aber mein Haus habe ich für einen Appel und ein Ei bekommen, weil ich es kurz nach dem großen Beben gekauft habe. Daran kannst du dich sicher nicht erinnern, weil du noch zu jung bist, aber …«
»Vor fünfzehn Jahren. Südkalifornien. Neunzehntausend Tote. Zwei ganze Ortschaften sind im Meer versunken, und das gesamte öffentliche Verkehrsnetz brach zusammen, weil der halbe Bundesstaat unter Wasser stand. Es war die größte Naturkatastrophe, die es in unserem Land je gab, und gilt zugleich mit der Aureus-Epidemie ein Vierteljahr danach als Auslöser für die zweite große Wirtschaftskrise, die sechs Jahre lang anhielt.«
Ich bin verdutzt. Ist das das richtige Wort? Ja: Keine Ahnung, wo ich das alles herhabe.
Mr. Bender holt tief Luft. »Donnerwetter! Du kennst dich ja hervorragend aus, Jenna. Bist du ein Geschichtsfan?«
War ich so jemand? Bin ich so jemand? Mich beschäftigt immer noch, wie selbstverständlich die ganzen Zahlen und Fakten aus mir herausgesprudelt sind. »Scheint so.«
»Aber du hast ganz recht. Wegen dieser schrecklichen Ereignisse konnte ich das Haus so unverschämt billig erwerben. Inzwischen ist das Erdbeben längst vergessen, und die Wissenschaftler behaupten, es dauert noch etliche hundert Jahre, bis wieder eines kommt, das Stärke neun erreicht, darum sind die Immobilienpreise inzwischen wieder in schwindelerregende Höhen gestiegen.«
»Unser Haus ist ziemlich heruntergekommen. Das ist bestimmt nicht viel wert.«
»Es hat ja auch jahrelang...




