E-Book, Deutsch, 498 Seiten
Pedersen Die Wikingerbrüder - Veulf
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-305-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Roman | Band 2
E-Book, Deutsch, 498 Seiten
ISBN: 978-3-98952-305-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
S. C. Pedersen (geb. 1967) ist eine dänische Schriftstellerin und Musikerin. In ihrer mitreißenden Reihe um den mutigen Krieger Arnulf erweckt sie die Wikingerzeit wieder zum Leben - die fiktionalen Ereignisse und Figuren in ihren Romanen basieren auf gründlicher Recherche und historischen Begebenheiten. Die Website der Autorin: scpedersen.dk/ Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin die historischen Romane »Die Wikingerbrüder - Arnulf« und »Die Wikingerbrüder - Veulf«.
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Kapitel 4
»Hat der Mönch dich etwa gar nicht schlafen lassen? Du schnarchst, als wärst du tagelang wach gewesen!«
Arnulf sah verwirrt auf, als hätte man ihm eins mit der Peitsche übergezogen. Svend hatte sich tief über ihn gebeugt, sodass seine blonden Haare ihn fast berührten. Die graublauen Augen huschten hin und her. »Wir haben schon gegessen, aber Bjørn hat dir einen Brocken aufgehoben, damit du wieder zu Kräften kommst. Worauf wartest du noch, Jungfernhaut? Mein Vater sagt nie Nein zu einem Schenkel mehr.«
Arnulf setzte sich auf und nahm die ausgestreckte Hand. Jungfernhaut. An den Namen würde er sich nie gewöhnen! Svend wartete einen Augenblick, bevor er Arnulf auf die Beine half, die ein unschönes Geräusch von sich gaben. Arnulf brauchte einen Moment, ehe er Svend über das leere Deck folgen konnte, sein Körper fühlte sich schwer und ungeschickt an.
Am Strand waren die Zelte aufgestellt worden, und ein großes Lagerfeuer knisterte. Feiner Rauch stieg auf und zog über das Wasser, man hatte ein Bierfass angestochen. Die Jomswikinger saßen mit den Krügen am Feuer, einer der Männer sang ein Lied. Bratenduft machte Arnulf darauf aufmerksam, wie lange er nichts mehr gegessen hatte. Benommen folgte er Svend und setzte sich in den Kreis. Es war ein lauer Abend, die See war ruhig unter dem goldenen Himmel. Svend gab ihm Braten und einen Krug, Arnulf richtete Schlangenzahn und prostete Seidenhaar zu. Das Meer war so friedlich. Verräterisch mild wie zu Mittsommer, bald kam Freyjas Zeit.
Der Sänger verstummte und erntete Beifall, Vagn stand auf und begann, eine Geschichte zu erzählen. Schwarzes Feuer glühte in seinen dunklen Augen, das Licht warf einen bronzenen Schein auf seine Haut.
»War er ein guter Bruder, der, der dir das Schwert gab?«
Svend sprach gedämpft, um Vagns Bericht nicht zu stören. Saft tropfte vom Braten.
»Der Beste.«
Arnulf schluckte das halb zerkaute Fleisch hinunter und verlor die Ruhe. »Er hat mir das Schwert nicht gegeben, ich habe es mir nach seinem Tod genommen, denn mein anderer Bruder …«
Svend nickte ermutigend, doch Arnulf wandte den Blick ab und senkte die Hand, mit der er das Fleisch hielt. Der Hunger war nicht mehr so groß.
»Ich habe mir immer Brüder gewünscht. Du bist ein reicher Mann. Einer ist besser als keiner.«
Das Bier linderte den Durst, nicht aber die brennende Hitze, die in ihm entfacht worden war.
»Ich habe keinen Bruder mehr. Sie wurden beide getötet.«
»Dann hast du allen Grund zur Rache, Veulf!«
Svend verzog das Gesicht, doch Arnulf schüttelte den Kopf, sodass ihm schwarz vor dem Auge wurde. Gütige Idun, wie lange sollte er diesen Schmerz noch ertragen?
»Nicht alles kann gerächt werden, Sohn von Bui.«
»Warum nicht? Wurde er etwa von Sven Haraldsson höchstpersönlich umgebracht?«
»Vom König? Nein!«
Arnulf streckte die Hand mit dem Goldring aus. »Der hat Helge diesen Ring hier als Skaldenlohn gegeben.«
»Helge? Dem das Schwert gehörte?«
»Ja, ihm gehörte Schlangenzahn. Er war ein großer Wikinger.«
Ein flüchtiges Lächeln huschte über Svends Gesicht, als käme ihm eine schnippische Bemerkung in den Sinn, aber er behielt sie für sich.
»Ein guter Name, Schlangenzahn. Meine Axt nenne ich Schnapper.«
Er klopfte auf den scharf geschliffenen Axtkopf. Er war mit feinen Ornamenten versehen und genauso prächtig wie tödlich.
»Wer keine Brüder hat, kann sie auch nicht verlieren. Du hast Vagn.«
Svend lachte leise. »Ja, und den verliere ich nicht, weil ich zuerst sterben werde.«
Er holte einen Knochenkamm aus seiner Gürteltasche und begann, sein Haar zu pflegen. Allerhand, wie er sich darum kümmerte! Arnulf biss ohne Appetit ins Fleisch, denn Hunger schwächte selbst den Stärksten. Vagn begann nun zu dichten, eine Spottstrophe, die er mit großem Elan vortrug, und der sein Publikum angetan zuhörte.
»Auf mich wirkst du schwer totzukriegen, Svend Seidenhaar!«
Svend zuckte mit den Schultern. »Wir alle sterben, Veulf, für die Söhne Jomsborgs ist das eine Wahl, eine Bedingung. Weil wir uns dessen bewusst sind, können wir ohne Furcht kämpfen.«
»Lebt ihr deshalb ohne Familien?«
»Ja.«
Svends Haar leuchtete wie Gold.
»Viel zu viele Frauen würden verwitwen und es schwer haben, die Kinder zu ernähren. Außerdem haben die Sorgen der Frauen schon mehr Männern das Leben gekostet, als mir lieb ist.«
»Wie meinst du das?«
Der Krug war leer. Svend lächelte höhnisch. »Sie flüstern ihren Männern irgendwelche Vorzeichen und böse Träume ins Ohr und bitten sie darum, im nächsten Kampf vorsichtig zu sein, aber weißt du was, Veulf? Es ist um keinen Mann schlechter bestellt, als um den, der versucht, seine eigene Haut zu retten. Sobald er das tut, wird er so sicher getroffen, wie Mjölnir stets zurückkehrt. Die Liebe einer Frau stört mehr als die Biene, die Brokkr stach.«
Arnulf entfernte einen Fleischfetzen zwischen seinen Zähnen. Hätte Svend Frejdis gekannt, würde er das anders sehen! Allein der Gedanke an sie flößte ihm neuen Mut ein, gab ihm etwas, für das es wert war, zu kämpfen.
»Bui muss doch eine Frau gehabt haben, immerhin wurdest du geboren.«
Svend zog den Kamm durch einen Haarknoten. »Sie starb kurz nach meiner Geburt. Nachdem mein Vater nach Jomsborg gereist war, lebte ich bei meinem Großvater Veseti auf Bornholm. Ich wurde nachgeholt, als ich acht Sommer alt war. Kein Mann in der Festung darf jünger als achtzehn oder älter als fünfzig sein, aber ich war kein Mann, und Palnatoki mochte mich.«
Sein Blick wurde fern, der Kamm fiel in seinen Schoß.
»Er ließ dich bleiben?«
»Ja, ich bin dort aufgewachsen. Ich lernte viele große Männer kennen und sah viele neue ihre Plätze einnehmen. Sie haben mich alle respektiert. Ich brachte ihnen Bier, passte auf die Pferde auf, putzte Waffen. Kein Junge hatte so viele Väter wie ich!«
Buis Sohn lächelte forsch. »Mit fünfzehn Jahren versuchte ich mich an den Prüfungen, dann noch einmal mit sechzehn. Voriges Jahr gelang es mir dann. Zuletzt verlangte Sigvaldi, dass ich gegen Vagn antrete.«
Er enthaarte den Kamm und steckte ihn zurück in die Tasche. Arnulf zog die Augenbraue hoch. »Ich dachte, du hättest ihn nie erwischt!«
»Nein. Er hat mich viermal verwundet, ehe Sigvaldi den Kampf abgebrochen hat.«
»Dein eigener Verwandter!«
Arnulf entwischte ein ungläubiges Schnauben, Svend schüttelte den Kopf. »An jenem Tag war er der Hüter der Gesetze, er tat es nicht, um mir zu schaden.«
Arnulf sah auf das Meer. Jomsborgs Hüter. Er selbst hatte Rolf umgebracht, weil der ihn mit einem Gürtel hatte schlagen wollen! Was waren das nur für Männer, die Wunden und Tod einfach so hinnahmen, und deren Ruf selbst Könige zum Zittern brachte?
Der Horizont wurde dunkler, die ersten Sterne trotzten dem Licht. Vagn dichtete nicht mehr, sondern ging langsam mit erhobenen Händen um das Feuer.
»Erzähl mir von den Gesetzen.«
»Die Gesetze?«
Svend schlang die Arme um die Knie. »Sie wurden festgelegt, um Mannesmut und Zusammenhalt zu stärken und die Bruderschaft unzerstörbar zu machen. Palnatoki war ebenso klug wie stark. Seither wurde kein Heer so gefürchtet wie unseres.«
Seine Stimme war voller Stolz. »Freundschaft oder Verwandtschaft dürfen keinen Einfluss darauf haben, wer in Jomsborg aufgenommen wird. Gehört ein Mann einmal dazu, muss er für jeden seiner Gefährten einstehen, als wären sie Brüder. Alle sollen friedlich und ohne Zwietracht zusammenleben, kommt dennoch Feindschaft auf, schlichtet Sigvaldi den Zwist allein. Kein Mann darf vor einem ebenbürtigen Gegner die Flucht ergreifen, Angst oder Besorgnis zeigen, ganz gleich, wie hoffnungslos die Lage sein mag, und Neuigkeiten müssen zuerst Sigvaldi überbracht werden, ebenso wie jede Kriegsbeute. Darüber hinaus darf niemand ohne sein Einverständnis für mehr als drei Tage fortbleiben, und wer nicht jedes dieser Gebote einhält, wird umgehend verwiesen.«
Arnulf stieß einen beeindruckten Pfiff aus. Zwischen Toki und dem Heer Jomsborgs lagen Meilen, ja, es war gar zu bezweifeln, ob König Svens Gefolge an diese Männer herankam. Helge hatte sich für unbesiegbar gehalten, sobald er nur drei Schiffe bei sich hatte, aber sie waren nichts als Ackermänner und Fischer gewesen, die sonst Pflüge zogen und sich Mut antranken.
Svend pustete sich eine Goldlocke aus der Stirn. »Zumindest war es früher so. Nun gibt es ab und zu Zweikämpfe, und manche meinen, ihnen stehe eine Frau zu, weil Sigvaldi selbst eine hat.«
»Was ist mit den Alten, den über Fünfzigjährigen? Werden sie auch verwiesen?«
Svend lächelte. »Bjørn ist eine Ausnahme, weil Vagn nicht auf ihn verzichten will. Nein. Wer möchte, kehrt zu seiner Familie zurück, der Rest bereitet sich auf den letzten Kampf vor.«
Er stützte das Kinn aufs Knie und beobachtete eine tieffliegende Möwe.
»Den letzten Kampf?«
Arnulf nagte den Knochen ab.
»Sie halten ein Blót ab, ziehen ihre Festtagskleidung an und ziehen dann in den schwersten Kampf. In solchen letzten Kämpfen werden große Taten vollbracht, und sie bleiben nicht unbemerkt. Der Ausgang ist immer der gleiche, was Odin zugutekommt.«
Graubärtige Greise schwangen bärenstark ihre Waffen, während heisere Kriegsschreie das Alter in die Flucht schlugen und die tränenden Augen jugendlich aufleuchten ließen.
»Du bist selbst noch keine achtzehn.«
Svend fletschte mit gefährlichem Blick die Zähne. »Ziemlich nachlässig, nicht wahr? Aber wegen mir wird Jomsborg schon nicht zugrunde gehen.«
Er spuckte...




