Peer | Heimat im Gepäck | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 210 mm

Peer Heimat im Gepäck

Wahre Geschichten von Südtiroler Auswanderern
1. Auflage 2025
ISBN: 978-88-6839-853-8
Verlag: Athesia-Tappeiner Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Wahre Geschichten von Südtiroler Auswanderern

E-Book, Deutsch, 288 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 210 mm

ISBN: 978-88-6839-853-8
Verlag: Athesia-Tappeiner Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Bis in die späten 1960er-Jahre war Südtirol ein bitterarmes Land, das vor allem jungen Menschen wenig Perspektiven bot. Gut bezahlte Arbeit und neuer Wohnraum blieben vielfach der italienischsprachigen Bevölkerung vorbehalten. Anders als im deutschsprachigen Ausland war eine adäquate Ausbildung in deutscher Sprache kostenpflichtig und daher oft unerschwinglich. Hinzu kam die prekäre politische Lage. Die Angst vor dem italienischen Militärdienst oder mit der 'Feuernacht' von 1961 in Verbindung gebracht zu werden, bewog viele junge Männer, ihre Heimat zu verlassen. Bei den jungen Frauen war es dagegen oft der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben. Die bewegenden Erfahrungen von zwei Frauen und zwei Männern im Zuge ihrer Auswanderung werden einfühlsam und fesselnd geschildert.

Sabine Peer, Studium der Slawistik/Russisch an der Universität Wien, Ausbildung zur Lektorin an der Akademie der deutschen Medien, München; mehrjährige Tätigkeit als Redakteurin, zwei Jahre als Redaktionsleiterin. Im Athesia-Tappeiner Verlag sind von ihr die Bücher 'Südtiroler hinter Stalins Stacheldraht' und 'Dienstmädel in Bella Italia - Südtirolerinnen erzählen' erschienen.
Peer Heimat im Gepäck jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Die totale Freiheit


Christine Paugger Schanninger, Jahrgang 1946, Bozen

1963/1964 Ludwigshafen, seit 1966 Speyer

Dein unstetes Leben in Ludwigshafen können wir nicht länger dulden! Jetzt ist Schluss damit! Du packst deine Koffer und kommst zurück! Unverzüglich! Christine las die Zeilen in Vaters Brief bereits zum dritten Mal. Noch immer glaubte sie, sich verlesen zu haben. Etwas nicht richtig verstanden zu haben. Zunächst hatte sie nur der ungewöhnlich strenge Ton des Vaters irritiert, aber langsam drang auch die Bedeutung seiner Worte in Christines Bewusstsein. Was schreibt der Vater da? Unstetes Leben? Was meint er überhaupt damit? Und noch unglaublicher war, dass man von ihr verlangte, sie solle wieder zurück nach Hause kommen. Sogar unverzüglich! Aber, ihr ging es doch so wunderbar in Ludwigshafen. Hier hatte sie jede Menge Freunde, war überherzlich in der Rheinland-Pfalz aufgenommen worden, hatte liebe Arbeitskollegen und ihre Arbeit bereitete ihr durchaus Freude. Was die Eltern da von ihr forderten, konnte doch unmöglich wahr sein. Ich will das nicht, schoss es Christine durch den Kopf, während ihr die ersten Tränen über die Backen rannen. Ich will nicht zurück nach Bozen!

Ein Blick auf die Uhr verriet Christine, dass es bald 17 Uhr war. Sie schniefte und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen von den Wangen. Ihr blieben nur noch wenige Minuten, ehe sie abgeholt wurde. Den Brief von zuhause hatte sie gleich geöffnet und zu lesen begonnen, nachdem sie ihre Zimmertür hinter sich geschlossen hatte. Nach der Arbeit in der Wasserzähler- und Messgerätefirma „Pollux“ war sie wie jeden Tag gleich nach Hause geeilt. Die Firma lag etwas außerhalb im Industriegebiet von Ludwigshafen. Zu Fuß ging sie zunächst die Straße entlang, bis sie ein großes Stück ihres Arbeitsweges durch den schönen, großangelegten Ebertpark laufen konnte und schließlich blieben noch zwei Haltestellen mit der Straßenbahn, bis sie die Wörthstraße erreichte. Hier wohnte sie, seit sie in Ludwigshafen war, bei Frau Maier. Einer Witwe. Diese vermietete das ehemalige Zimmer des Sohnes. Einen finsteren, kleinen Raum, der ebenerdig in einen ebenso dunklen wie winzigen Vorgarten führte. In den kühleren Monaten kam zur Dunkelheit noch die Kälte, da der Raum schlecht isoliert und praktisch nicht zu heizen war. Aber Christine machte das alles nichts aus. Ihre schlechte Wohnsituation empfand sie nicht im Mindesten als solche. Im Gegenteil. Alles passte wunderbar. Dass sie kein eigenes Badezimmer hatte, sondern jenes der Hausherrin mitbenutzen musste, war ihr ebenso egal wie die Mitbenutzung der Küche. Aber diese benötigte sie ohnehin nie. An den Arbeitstagen frühstückte Christine in der Firma, sie begann ja bereits um 7.30 Uhr mit der Arbeit, und zu Mittag aß sie dort in der Kantine. An den freien Tagen und abends war sie eigentlich stets unterwegs. Mit ihrer Clique. Mit Herbert und den anderen.

Herbert teilte sich ein schönes, helles Zimmer mit eigenem Bad in einem Wohnheim, in dem nur Männer wohnten. Christine kannte bald die meisten von ihnen. In der kleinen Küche, die den Männern zur Verfügung stand, wurde ab und zu gemeinsam gekocht. Selbstverständlich durfte Christine gerne mitessen. Sie revanchierte sich, indem sie für die jungen Burschen Flickarbeiten übernahm. Einer hatte immer ein Kleidungsstück, das ausgebessert werden musste. Oder die berühmten Stoßbänder. Alle trugen sie Wollstoffhosen. Kam der Hosenstoff mit den Schuhen in Kontakt, war die Gefahr groß, dass der Hosensaum abgescheuert wurde. Um dies zu verhindern, wurde ein eineinhalb Zentimeter breites Stoßband von innen an den Hosensaum genäht. Christine war recht geschickt darin. Fleißig kürzte sie die Hosenbeine und versah sie mit je einem Stoßband, während die anderen am Kochen und Herumalbern waren. Aber öfter als ins Wohnheim gingen sie zum Essen in eine Gastwirtschaft oder sie waren eingeladen. Stets waren sie in der Gruppe unterwegs. Alles Südtiroler, genauso wie sie und Herbert.

Abends, wenn Christine gegen 16.30 Uhr von der Arbeit wieder in ihrem bescheidenen Zimmer war, musste sie sich sputen, denn praktisch an jedem Abend und an den freien Tagen gab es ein gemeinsames Vorhaben. War ein neuer Film herausgekommen, gingen sie alle zusammen ins Kino. „Winnetou“ hatten sie sich natürlich gleich angesehen, als der Film gezeigt wurde. Oder auch „James Bond – 007 jagt Dr. No“. Da waren die Burschen ganz wild darauf. Christine war es lieber, wenn auch Herz und Schmerz mitmischten, wie bei „Frühstück bei Tiffany“. Das war vielleicht ein Film! So romantisch. In der bittersüßen Liebesgeschichte hätte sich Christine glatt verlieren können. Aber vor allem die Kleider und erst der bezaubernde orangerote Mantel, den die schillernde Hauptdarstellerin trug, hatten es ihr angetan. Sofort wollte sie ihrer Mutter davon schreiben. Unbedingt musste die sich die eleganten Kleider, die Audrey Hepburn im Film trug, ansehen. Vielleicht konnte die Schneiderin in Bozen das eine oder andere Schnittmuster davon auftreiben. Mama legt doch immer so großen Wert darauf, gut angezogen zu sein, ging es Christine durch den Kopf. Nie verließ die Mutter die Wohnung, ohne nicht vorher eine gefühlte Ewigkeit, wie Christine fand, im Bad zugebracht zu haben. Was die Mutter so lange hinter der verschlossenen Badezimmertür machte, blieb Christine ein Rätsel, aber es interessierte sie auch nicht sonderlich. Sie selbst war da wesentlich entspannter, was ihr Aussehen betraf. Sie kam mehr nach der Großmutter mütterlicherseits. Oma Anna hat gerne gekocht, gegessen und ab und zu ein Gläschen getrunken. Auf das Aussehen hat sie nicht so großen Wert gelegt. Aber die Mama – immer wie aus dem Ei gepellt. Alles musste perfekt sein. Jedes Haar, jede Strähne musste sitzen. Genauso die Kleidung. Dabei bewies sie durchaus ein gutes Gespür für Eleganz. Kleider machen Leute, darauf hat die Mutter viel gegeben. Sie wollte einfach gepflegt sein und mit guter Kleidung Eindruck machen.

Die Anziehsachen der ganzen Familie ließen sie bei der Schneiderin nähen. Beim „Eccel“ unter den Lauben, in Bozens bestem Stoffgeschäft, haben sie die Stoffe gekauft. Eine Freundin der Mutter, die dort arbeitete, verstand es gut, die Mutter immer wieder für neue Stoffe zu interessieren. Da waren sie noch gar nicht richtig bei der Tür herein, als sie ihnen schon „Anni, da schau, was ich für einen schönen Stoff für dich habe!“ entgegenrief. Beim Stoffkauf hat Christine die Mutter immer gerne begleitet. Die vielen Stoffballen, die dicht nebeneinander auf den endlosen Ladentischen aufgereiht waren und sich dahinter in den vielen Regalen im Übermaß stapelten, waren nicht nur die reinste Augenweide. Wenn Christine verstohlen die Hand streckte, konnte sie die verschiedenen Stoffe regelrecht erspüren. Sie fühlte die Kühle eines Baumwollstoffes, die herrliche Geschmeidigkeit von Seide oder die unglaubliche Weichheit, die den Samtstoffen eigen ist. Da konnte man sich gleich im Kopf ausmalen, welcher Stoff am besten für dieses oder jenes Kleid geeignet war. Bei der Schneiderin schauten sie sich vorab die neuesten Kostüm-oder Kleidermodelle in den Nähzeitschriften, die haufenweise dort herumlagen, an. War das Traummodell gefunden, erklärte die Schneiderin anhand des Schnittmusters, wie viel Meter Stoff sie dafür benötigte. Dass die Mama großen Wert darauf legte, ordentlich gekleidet zu sein, kam auch dem Vater zugute und natürlich auch ihr, Christine selbst. Viele schöne Anziehsachen durfte sie sich nähen lassen. Wie das hübsche Kleid in oranger Farbe mit dem dazu passenden Jäckchen aus demselben Stoff. Oder auch die vielen Dirndlkleider, die sie alle getragen haben.

Egal, ob beim Sonntagsausflug oder bei einer Wanderung, als Mädchen ging man im Dirndlkleid. Diese Dirndln waren, im Unterschied zu jenen für die Frauen, mit kurzen Ärmeln aus Stoff genäht, ohne weiße Bluse. Dazu trug man den klassischen Sarner Jangger. Die graue Schafschurwolle war kratzig, und Christine trug ihn daher nicht wirklich gerne, aber zum Dirndl gehörte der Sarner einfach dazu. Für die Mädchen mit rotem Bündchen, für die Burschen mit grünem.

Die Mutter hat alle Sarner in mühsamer Handarbeit selbst gestrickt. Gar einiges Geschick ist dafür nötig. Zum einen wird die Schurwolle sehr dicht gestrickt, sodass eine ganz eigene kompakte Struktur entsteht, zum anderen verlangen die beiden Vordertäschchen, die innen gestrickt werden, und vor allem die typische Falte auf dem Rückenteil des Sarners akribisches Abzählen, damit die Faltbrüche auch perfekt aneinanderstoßen. Die Mama war darin eine Meisterin. Christine dagegen war nie geduldig genug gewesen, um sich beim Stricken mit der Mama messen zu können. Deren Stricksachen sahen alle aus wie gekauft. Manchmal hat die Mutter auch genäht, auf ihrer Nähmaschine mit der Handkurbel, wie Christines Erstkommunionkleid oder das eine oder andere Dirndlkleid.

Die Autohupe, laut und durchdringend, holte Christine aus ihren Gedanken...


Peer, Sabine
Sabine Peer, Studium der Slawistik/Russisch an der Universität Wien, Ausbildung zur Lektorin an der Akademie der deutschen Medien, München; mehrjährige Tätigkeit als Redakteurin, zwei Jahre als Redaktionsleiterin. Im Athesia-Tappeiner Verlag sind von ihr die Bücher „Südtiroler hinter Stalins Stacheldraht“ und „Dienstmädel in Bella Italia - Südtirolerinnen erzählen“ erschienen.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.