E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Pehnt Alles was Sie sehen ist neu
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-492-99620-4
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-492-99620-4
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Annette Pehnt, geboren 1967 in Köln, studierte und arbeitete in Irland, Schottland, Australien und den USA. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Freiburg und Hildesheim, wo sie das Institut für Literarisches Schreiben & Literaturwissenschaft leitet. 2001 veröffentlichte sie ihren ersten Roman »Ich muß los«, für den sie unter anderem mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet wurde. 2002 erhielt sie in Klagenfurt den Preis der Jury für einen Auszug aus dem Roman »Insel 34«, 2008 den Thaddäus-Troll-Preis sowie die Poetikdozentur der Fachhochschule Wiesbaden und 2009 den Italo Svevo-Preis. 2022 wurde sie mit dem Rheingauer Literaturpreis und 2023 mit dem Großen Preis des Deutschen Literaturfonds für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet. 2011 erschien ihr Roman »Chronik der Nähe«, im selben Jahr erhielt sie den Solothurner Literaturpreis sowie den Hermann Hesse Preis. Darüber hinaus schrieb sie mehrere Kinderbücher, unter anderen »Der Bärbeiß«. Zuletzt veröffentlichte sie den Roman »Die schmutzige Frau«.
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Die Gruppe
2019
Als wir in Kirthan ankamen, war der Flug uns in die Gesichter geschrieben. Die Haut spannte auf meiner Stirn, unsere Rücken zusammengestaucht.
Eine Zumutung, sagte Vater leise, aber während des Fluges hatte er sich mit keinem Wort beschwert. Während ich unruhig auf dem schmalen Sitz herumgerutscht war, meine kalten Füße geknetet und den Nacken massiert hatte, zwischendurch aufstehen und über meinen Vater hinwegsteigen musste, saß er in gerader Haltung und unbeweglich auf seinem Platz, hatte sich weder die Schuhe ausgezogen noch die hellblaue Fleecedecke aus der Plastikhülle geschält, hatte das Essen, das wir immer wieder gebracht bekamen, sorgfältig verzehrt, die Schälchen ineinandergestellt und sich bei der Stewardess bedankt.
Dann hatte er sich wieder das Buch vorgenommen, das er zum Reisebegleiter erwählt hatte, Reisen durch Kirthan in dunklen Zeiten, kleine Beobachtungen aus dem vorletzten Jahrhundert von jemandem, dessen Namen ich mir nicht merken konnte und für den Reisen eine noch größere Mühe gewesen war als für uns.
Es war Vaters Wunsch, mit mir gemeinsam Kirthan zu besuchen, er an meiner Seite oder ich an seiner, das nehmen wir nicht so genau. Vater hat mir die Reise spendiert, mit Einzelzimmeraufschlag. Meine Aufgabe ist es, ihn zu begleiten, seine dagegen, sein Wissen abzugleichen mit der Welt.
Für die Reise mit Vater sage ich jedes Jahr alles andere ab. Die Nachbarin schaut nach den Feuerbohnen und dem zarten Dill auf dem Balkon, das Kammerorchester probt ohne mich, und im Büro wissen es alle. Weil Vater mich sehr selten besucht, hat ihn noch niemand gesehen. Ich habe ihn immer wieder zu mir eingeladen, aber er möchte seine Bibliothek nicht verlassen. Die Reisen sind seine einzigen Ausnahmen.
Vater: im Krieg geboren. Er sagt, das tue nichts zur Sache. Die heutige Zeit, sagt er auch, interessiere ihn nur mäßig, weil sie wenig Bemerkenswertes hervorbringe. Von seiner Kindheit weiß ich wenig, ich habe mir abgewöhnt, ihn auszufragen. Es gehöre sich nicht, in die Menschen einzudringen, sagt er. Wenn ich ins Plaudern gerate, nickt er unaufmerksam und trinkt zu viel Kaffee, bis ich damit aufhöre. Meine Freunde gehen mit ihren Vätern angeln, einkaufen oder in die Sauna. Das käme uns nicht in den Sinn. Wir haben einige Geschichten an der Hand, aus der Zeit, als ich klein war, als Mutter noch lebte und als ich das Elternhaus verließ (im Frieden). Das genügt uns. Mein Vater langweilt sich nie, ist sehr beschäftigt, trägt im Winter moosgrüne Pullover und im Sommer schwarze, ungebügelte Hemden, die ihm ausgezeichnet stehen. Er musste in seinem Leben nur zweimal zum Arzt (wegen einer Nebenhöhlenvereiterung und einer Blinddarmreizung). Er verbringt seine Zeit damit, in Archiven mit weißen Baumwollhandschuhen die brüchigen Seiten von Erstausgaben umzuwenden, seine Bibliothek auf rechteckigen Pappkarten zu katalogisieren, gelegentlich Artikel zu verfassen und Dosensuppen zu erwärmen, wenn er hungrig wird. Immer trinkt er zu wenig, im Hochsommer rufe ich ihn täglich an und erinnere ihn an seine Wasserkaraffe. Seine wenigen grauen Haare lässt er regelmäßig im Damensalon von einer Friseurin schneiden, die Mutter noch kennt. Wenn er eintritt, reißt das lautstarke Geplauder der Damen kurz ab, und alle beobachten ihn freundlich, bis er sich aufrecht vor dem Spiegel eingerichtet hat. Ich habe ihm vorgeschlagen, zu einem Herrenfriseur zu wechseln, aber er hat gar nicht zugehört. Die Friseurin massiere ihm die Kopfhaut mit Birkenwasser, sagte er zufrieden, und rasiere ihm auch die Schläfen. Ich beobachte ihn das Jahr über aus der Ferne, regelmäßig bekomme ich von ihm sorgfältig aus den Zeitungen ausgeschnittene wissenschaftliche Artikel zugeschickt. Am Telefon fragt er mich dann nach meiner Einschätzung, ich muss mir Stichworte machen, um ihm zufriedenstellend antworten zu können. Seine Unnachgiebigkeit freut mich; auch ich nehme es mit allem sehr genau. Allein wie er, fürchte ich nichts mehr, als mich hängen zu lassen; nach einem verdösten Wochenende oder einer Nacht vor dem Fernseher fühle ich mich schlaff und nachlässig und verordne mir ein paar Bücher, damit ich nicht aufhöre zu denken. Eine Zeit lang habe ich morgens nicht mehr gefrühstückt, abends so viel Wein getrunken, bis meine Zunge schwarz war und meine Fingernägel nicht mehr gefeilt, aber das ist vorbei, und mein Vater hätte es nicht verstanden.
Wenn ich ihn besuche, taut er eine Gefriertorte auf, so wie Mutter es immer gemacht hat, die zu ungeduldig zum Backen war. Geduld genug hätte er, aber nicht die Zeit, um Butter und Mehl abzuwiegen, Streusel zu kneten und eine Backform zu fetten. Er möchte keine Fehler machen und mich nicht schlechter bewirten, als Mutter es immer getan hat. Servietten vergisst er trotzdem, die hole ich und verliere kein Wort darüber. Bei jedem Anruf klingt seine Stimme zuerst brüchig, weil er wenig spricht. Ich sehe ihn vor mir, wie er das Telefon zwischen seinen Papieren sucht, unter den aufgeschlagenen Büchern mit den winzigen Randnotizen, den sorgfältig fotokopierten Artikeln und den aufeinandergetürmten Zettelkästen, sortiert nach Jahren, Themen und Alphabet.
Was sollen wir mit deiner Bibliothek machen, wenn es dich mal nicht mehr gibt, habe ich einmal gefragt, aber keine Antwort bekommen. Er schaute mich streng an, als sei mir ein ungehöriger Einfall gekommen, den man nicht weiterverfolgen sollte.
Ich sorge mich manchmal um ihn, aber es gibt genug anderes zu tun, das Jahr geht vorüber, bis wir im September wieder telefonieren und unsere gemeinsame Reise im kommenden Jahr besprechen. Er wählt das Ziel. Ich frage ihn nicht nach den Gründen, denn ich weiß ja, worum es ihm geht. Meine Freunde wundern sich, dass mein Vater und ich kein Jahr auslassen; sie laden mich ein, stattdessen mit ihnen zu paddeln oder zu klettern, zu fliegen oder zu wandern. Manchmal hole ich auch wirklich meine Wanderschuhe aus dem Keller, kratze den eingetrockneten Dreck von den Sohlen und werfe mir probeweise den Rucksack über die Schulter. Früher bin ich oft so gereist, habe in Zelten Mücken totgeschlagen, auf Wiesen geschlafen und bin am Meer entlanggelaufen, bis mein Haar salzig und meine Socken sandig waren. Lange habe ich geglaubt, dass Reisen eine Form von Streunen sein müsse, dass ich auf Sofas in fremden Städten übernachten, mir den Magen an verkeimtem Wasser verderben, mein Essen mit mageren Straßenhunden teilen und nachts auf meinem Geldbeutel schlafen müsse, damit es zählt. Nach solchen Reisen war ich abgemagert und stolz. Aber Vater fragte nie nach diesen Fahrten, er wollte auch keine Bilder sehen.
Wenn wir reisen, werden wir zu einem Paar. Ich stütze ihn auf unebenem Gelände, warne ihn vor Sonnenbrand und Taschendieben und reiche ihm den Arm, wenn es bergauf geht. Doch wenn wir aus dem Fenster des klimatisierten Reisebusses schauen, ist er es, der mit dem hornigen Nagel des Zeigefingers an die Scheiben tippt und mir Straßenzüge und Dachgiebel zeigt, Architekturen, Statuen, er hat sich eingearbeitet, so wie er es auf jeder Reise tut und immer getan hat. Natürlich habe auch ich nachgelesen, aber ich weiß ja, dass ich mich auf ihn verlassen kann.
Kirthan, sagte Vater diesmal im September nach einer kleinen feierlichen Pause, wir sollten nach Kirthan fahren. Ich war überrascht. Wir reisen sonst eher in Europa, selten nach Amerika, nie nach Asien. Diesmal aber wollte er an einen Ort, über den ich ausnahmsweise nichts lernen wollte, ich kannte ihn, dachte ich, zur Genüge aus Märchen und von den rotgoldenen Imbissstuben, aus dem Museum und den Nachrichten, die Lage dort war bedrückend, und das Ganze war ein in sich gefaltetes, schwieriges Gebilde, das nur aus der Ferne glänzte. Für mich gab es keinen Grund, das zu ändern. Aber es lag nicht an mir, Vaters Entscheidung zu hinterfragen, einmal im Jahr hat er die Wahl.
Am Gepäckband stand der Reiseleiter mit seiner Weste, einem Schlüsselbund an der Hose und der Namensliste, Schirmmütze über dem angenehm gebräunten, schmalen Gesicht. Er hatte halblange Haare, die er sich sorgfältig hinter die Ohren strich, und schaute aufmerksam in alle Richtungen. Er war gut vorbereitet; unsere Namen kannte er schon auswendig.
Wenn ich mit Vater reise, fahren wir nie allein, und jedes Mal beobachte ich mit leichter Spannung und Gereiztheit die ersten Manöver des Reiseleiters, wie er sich anstellt, ob er geschmeidig ist, ob er laut lacht oder gar nicht und was er uns zu erzählen hat. Inzwischen bin ich in der Lage, mir sehr rasch ein Bild zu machen. Anfangs erschafft der Reiseleiter den Rahmen, in den er uns dann das Bild eines Landes hineinmalt. Man muss mit allem rechnen; wir hatten schon wilde Ölgemälde, abstrakte kühle Skizzen und verwirrende Collagen. Zum Glück sorgt die Firma, auf die wir uns seit einigen Jahren verlassen, für eine gewisse Vorhersehbarkeit. Es wird nicht wild gekritzelt, und die Farben sind generell angenehm gedeckt. Ich muss zugeben, dass es mich anfangs störte, an die Leine genommen zu werden, ich wollte mir selbst überlegen, wie ich Vater manövrieren und ihn auf die Höhen seiner Gelehrsamkeit begleiten könnte, wo wir gute Aussicht und einen freien Blick hätten. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt und bin froh, nicht über Fahrplänen hocken und auf Bahnsteigen herumstehen zu müssen, und Vater beschwert sich selten. Aber ich habe keine Lust, mich in die Hände eines Idioten zu begeben. Dieser Reiseleiter machte am Gepäckband bisher keine Fehler, er hatte seine Augen überall, war behände und lachte nicht zu viel. Vater und ich musterten die Gruppe, er mit seinem strengen Blick, ich erschöpft und ein wenig nervös.
Meinst du, die gehören zu uns?
Die sehen eigentlich nett aus, sagte ich höflich, aber ich wusste, dass es ihn...




