E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Pehnt Hier kommt Michelle
16001. Auflage 2016
ISBN: 978-3-492-98308-2
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Campusroman
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
ISBN: 978-3-492-98308-2
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Annette Pehnt, geboren 1967 in Köln, studierte und arbeitete in Irland, Schottland, Australien und den USA. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Freiburg und Hildesheim, wo sie das Institut für Literarisches Schreiben & Literaturwissenschaft leitet. 2001 veröffentlichte sie ihren ersten Roman »Ich muß los«, für den sie unter anderem mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet wurde. 2002 erhielt sie in Klagenfurt den Preis der Jury für einen Auszug aus dem Roman »Insel 34«, 2008 den Thaddäus-Troll-Preis sowie die Poetikdozentur der Fachhochschule Wiesbaden und 2009 den Italo Svevo-Preis. 2022 wurde sie mit dem Rheingauer Literaturpreis und 2023 mit dem Großen Preis des Deutschen Literaturfonds für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet. 2011 erschien ihr Roman »Chronik der Nähe«, im selben Jahr erhielt sie den Solothurner Literaturpreis sowie den Hermann Hesse Preis. Darüber hinaus schrieb sie mehrere Kinderbücher, unter anderen »Der Bärbeiß«. Zuletzt veröffentlichte sie den Roman »Die schmutzige Frau«.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Die Semesterferien, Michelles erste, sind verstrichen, das Praktikum bei Sebastian ist zu Ende, keine weiteren Mails von Manuel sind eingetroffen, gerade hat sich Michelle ein Buch ausgeliehen und schon beim Anblick des Titels (Das Erzählen in der Krise: Bauformen der Moderne) leichte Rücken- und einen Anflug von Kopfschmerzen verspürt, und nun steht sie am Parkplatz vor der Bibliothek, die wegen Asbestverseuchung bald geschlossen werden wird, so dass sie dann hoffentlich dort nicht mehr auflaufen muss, und wartet auf die anderen Teilnehmer des Kompaktseminars Kreatives Schreiben. Sie haben Fahrgemeinschaften gegründet, um zusammen in eine Berghütte in den schönen Hügeln hinter Sommerstadt zu reisen, wo sie fernab von Punkten, Scheinen und anderen Zwängen ihre Kreativität erforschen können, angeleitet von einer echten Schriftstellerin, die sich für berühmt hält, aber bescheiden genug ist, nur zwei ihrer fünf Werke auf der Literaturliste anzugeben. Michelle hat keins davon gelesen, aber sie hat sich von den verlockenden Formulierungen der Seminarankündigung verführen lassen zu einem »Gruppenexperiment«, bei dem sie ihre »kreative Identität« entdecken sollen und ihre »authentische Stimme« noch dazu, und außerdem ist damit ein ganzes Semester mit einem Schlag abgearbeitet, und die frische Luft wird ihr auch gut tun, und Kreativität kann man immer gebrauchen. Die anderen Mädchen, die allmählich eintreffen, haben sogar Wanderschuhe dabei, Michelle hält das für übertrieben, aber dafür hat sie ein paar Gesellschaftsspiele eingesteckt, damit sie abends etwas zu tun haben auf der Hütte, sie können ja nicht die ganze Zeit schreiben.
Die Schriftstellerin biegt schwungvoll mit ihrem Fahrrad auf den Parkplatz ein, Michelle weiß gleich, dass sie es sein muss, weil sie bunte Hippiekleider trägt und ihr Haar verwuschelt ist, so läuft doch sonst niemand herum. Sie sammelt die Mädchen um sich, zählt alle durch und amüsiert sich darüber, dass sich keine Jungen angemeldet haben, die Männer hätten, sagt sie, Angst vor Selbsterfahrungen jeglicher Art, nicht dass sie eine Therapiegruppe seien, Schreiben könne das nicht leisten, und außerdem seien sie hier an der Uni, und es vertrage sich nicht mit dem akademischen Selbstverständnis, eigene Erfahrungen mit irgendetwas zu machen. Michelle versteht nicht ganz, worauf die Schriftstellerin heraus will, es klingt so, als sei sie nicht zufrieden mit der Uni, für die sie doch arbeitet, das will Michelle nicht einleuchten, und Therapie ist das Letzte, was sie brauchen kann, sie will eigentlich nur ihren Seminarschein in Kreativität machen, so wie die anderen, die sich auch gerade mit hochgezogenen Augenbrauen zweifelnde Blicke zuwerfen, aber da klatscht die Schriftstellerin schon in die Hände und ruft zum Aufbruch auf. Mit mehreren Autos fahren sie durch das liebliche Umland von Sommerstadt, das auch in den Broschüren der Universität gepriesen und als Entscheidungsgrund ins Feld geführt wird, einem von vielen natürlich, man kann sich ja nicht nach der Wanderkarte für seinen Studienort entscheiden, aber jeder Pluspunkt schlägt eben zu Buche, und das Umland ist wirklich lieblich, kleine verschlafene Weiler, Bäche und Kühe, und schon sind sie in den Hügeln und sammeln die ersten Eindrücke für ihre Schreibübungen, denn die Schriftstellerin hat gesagt, sie sollen gleich die Augen aufmachen, das Schauen sei genauso wichtig wie das Schreiben.
Als sie im Seminarraum der Hütte ihre Laptops öffnen, bricht das erste Unwetter los, die Schriftstellerin besteht darauf, dass sie nur mit der Hand schreiben, taktile Erfahrungen, haptische Erfahrungen, der Stift zwischen den Fingern, die Bleistiftmine auf dem Papier, der Druck des Stiftes, das Gewicht, der bittere Geschmack der Tinte, aber da muss Michelle sich melden und wirklich mal nachfragen, ob sie die Tinte denn trinken sollen oder was. Die Frage klingt unverschämter, als sie gemeint war, und Michelle presst sich gleich die Hand vor den Mund, aber zu ihrer Verblüffung bricht die Schriftstellerin, die offensichtlich zu heftigen Reaktionen neigt, unversehens in lautes Gelächter aus. Alle schauen sich besorgt an und neigen die Köpfe über ihre Schreibblöcke, und dann müssen sie auch schon losschreiben, damit sie sich kennenlernen und die Seminaratmosphäre sich verbessert. Während sie beschreiben, warum sie gekommen sind (wegen des Scheins, aber natürlich nicht nur), und was für ein Tier sie wären, wenn sie eins wären, und was ihr schönstes Schreiberlebnis war, und von der ungewohnten Handbewegung ihre Finger schmerzen, lehnt die Schriftstellerin am Panoramafenster und schaut über die lieblichen, österlich grünen Hügel, und vielleicht braut sich ja hinter ihrer nachdenklich gefurchten Stirn schon der nächste Roman zusammen, man weiß nicht, was in diesen Künstlern vorgeht, denkt Michelle und ist zugleich betört und abgestoßen von dem weiten lilaschwarz gemusterten Pullover der Schriftstellerin, der am Hals ausgefranst ist und an den Ellbogen löchrig (vom vielen Schreiben), und geschminkt ist sie auch überhaupt nicht, sie ist weitaus hässlicher als die Studentinnen, natürlich auch viel älter, das heißt auch, dass sie viel mehr Lebenserfahrung haben muss, worum sie eigentlich zu beneiden wäre, aber Michelle möchte weder ungeschminkt noch alt aussehen, geschminkt könnte sie bestimmt einiges kaschieren, die Schriftstellerin, oder vielleicht ist ihr das Äußere auch gar nicht so wichtig, auf diese altmodische Art des letzten Jahrtausends, die sich Künstler vielleicht noch leisten dürfen, aber für junge Leute so wie Michelle ist das nichts mehr, in Sack und Asche zu gehen, nur damit die inneren Werte sich besser behaupten können, Michelle glaubt nicht an die Trennung von innen und außen, und nun ist sie so überwältigt von der Tiefe ihrer Gedanken, dass sie den Stift sinken lässt.
Sofort hat die Schriftstellerin sie im Visier, na, fragt sie leise und eindringlich, fällt Ihnen nichts ein, und nun fällt Michelle in der Tat überhaupt gar nichts mehr ein, auch die wichtigen Einsichten über das Innere und das Äußere sind plötzlich nebelhaft verschwommen, und sie beugt sich, um dem durchdringenden Blick der Schriftstellerin zu entgehen (Schauen ist genauso wichtig wie Schreiben), über ihren Text: Wenn ich ein Tier wäre, schreibt sie schnell, dann wäre ich eine Giraffe. Die anderen schreiben schnell und eifrig und wenden die Seiten in ihren Schreibblöcken, und als es ans Vorlesen geht, ganz ohne Zwang, aber reihum, damit jeder eine Chance bekommt, fühlt Michelle sich klamm und zittrig, während die anderen fröhlich ihre kleinen Aufsätze vorlesen, Pandabären gibt es, eine Mücke, Katzen natürlich (warum ist Michelle mit ihrer Vorliebe für Katzen nicht darauf gekommen), auch Raubkatzen und eben Michelles Giraffe, die mit freundlichem Gelächter bedacht wird. Ganz ganz wichtig sei es, sagt die Schriftstellerin, sich nicht auszulachen, sondern alles zu respektieren, aber zugleich zuckt ihr linker Mundwinkel ironisch, was nur Michelle zu bemerken scheint, sie pulsiert auf einmal vor Dünnhäutigkeit, das kennt sie gar nicht von sich, aber diese Schriftstellerin setzt etwas in ihr frei, wie sie da steht in ihrem löchrigen Pullover, spöttisch und kaum merklich gelangweilt und himmelschreiend ungeschminkt, und rauchen tut sie auch, in jeder Pause, und es gibt sehr viele Pausen, weil man nicht auf Knopfdruck und pausenlos kreativ sein kann, steht sie auf dem Balkon und qualmt und unterhält sich mit den zweien oder dreien von ihnen, die auch gelegentlich rauchen, wider besseres Wissen natürlich, und die deswegen natürlich die Seminarlieblinge werden.
Sie machen Gruppenaufgaben und Beobachtungsaufgaben, einmal baut die Schriftstellerin ein kleines Stillleben in der Mitte des Raumes auf, das Michelle lächerlich findet, Steine, einen hässlichen Kerzenständer und einen ausgefransten Teddybären, der sie wahrscheinlich an die Kindheit erinnern soll, und dann sollen sie sich von den Objekten inspirieren lassen, und wieder fliegen alle Stifte über die Blöcke, nur Michelle trotzt auf eine Weise vor sich hin, die sie von sich nicht kennt. Auch sie möchte ja den Schein haben, also sollte sie sich einfach einen Ruck geben, aber alles an dieser Schriftstellerin empört sie, und sie sieht es überhaupt nicht ein, über anderleuts Teddybären auch nur eine Zeile zu dichten. Die Schriftstellerin, die ihre Augen überall hat, spürt natürlich Michelles brütende Ablehnung, sie schaut immer wieder zu ihr herüber und fragt manchmal nach ihrer Meinung zu einem Text, und als Michelle zwangsweise, weil alle ohne Ausnahme schon gelesen haben und sie nicht die Kraft aufbringt, die Ausnahme zu sein, eine Prosaskizze über ein Foto vorliest, das die Schriftstellerin ihnen ausgeteilt hat (eine düstere Stadtsilhouette mit Wolkenkratzern und bewölktem Himmel), wird sie für die Eindringlichkeit und Kargheit ihrer Sprache gelobt, als könnte man sie so einfach um den Finger wickeln. Die anderen haben inzwischen Grüppchen gebildet, zu denen Michelle unter normalen Umständen auf jeden Fall gehören würde, beim Mittagessen (Fertiglasagne mit wässrigem Salat, der allen zu schmecken scheint) hocken sie beieinander, nur die Schriftstellerin isst nicht mit, sie geht vor dem Tagungshaus auf und ab und raucht, als bräuchte sie keine Nahrung, und auch Michelle hat nicht viel Appetit.
Abends spielen sie Gesellschaftsspiele, die Michelle sonst mit Leidenschaft spielt, in ihrer Wohngemeinschaft hat sie sogar Spieleabende eingeführt, aber an diesem Abend versucht sie es gar nicht erst, sie sitzt neben dem Kachelofen, der nicht angeheizt ist, trinkt Kamillentee (es gibt auch Hagebutte, der ist noch scheußlicher) und beobachtet verstohlen die Schriftstellerin, die mit ihren rauchenden Lieblingen an einem Tisch sitzt, Wein trinkt, weil...




