Peichl | Jenseits der therapeutischen Beziehung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 107 Seiten

Reihe: Hypnose und Hypnotherapie

Peichl Jenseits der therapeutischen Beziehung

Was wirkt in Hypnotherapie und hypnotherapeutischer Teiletherapie?
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8497-8457-7
Verlag: Carl-Auer Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Was wirkt in Hypnotherapie und hypnotherapeutischer Teiletherapie?

E-Book, Deutsch, 107 Seiten

Reihe: Hypnose und Hypnotherapie

ISBN: 978-3-8497-8457-7
Verlag: Carl-Auer Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die therapeutische Beziehung zwischen Klient und Therapeut gilt als wichtiger Faktor für die Wirksamkeit einer Psychotherapie. Darüber hinaus gibt es weitere bedeutende Wirkfaktoren, die bisher in ihren Zusammenhängen untereinander wenig reflektiert sind - beispielsweise in der Hypnotherapie, aber auch in der Teiletherapie oder bei der Arbeit mit dualer Aufmerksamkeit wie in EMDR. Jochen Peichl vermittelt in diesem Buch einen prägnanten Überblick, der für die Beobachtung und Reflexion der eigenen Praxis von großem Wert ist. Kompakt und verständlich stellt er neue Befunde und Erkenntnisse u. a. aus der Gedächtnis- und der Hirnforschung vor, die das Wissen über Wirkhypothesen in der Psychotherapie grundlegend erweitern. Neben der 'korrigierenden emotionalen Neuerfahrung' betreffen sie z. B. sogenannte Default-Modus-Netzwerke, Erinnerungsupdates und die Nutzung dualer Aufmerksamkeit bei der Konfrontation mit belastenden Ereignissen. Auch für die hypnotherapeutische Traumatherapie ergeben sich wichtige Einsichten in die Lenkung von Aufmerksamkeit, wenn es darum geht, eine gemeinsame therapeutische Realität zu konstruieren.

Jochen Peichl, Dr.; Facharzt für Psychotherapie und Psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Neurologie; Weiterbildungen als Psychoanalytiker, Psychodrama- und Gruppentherapeut, in EMDR-Therapie, Ego-State-Therapie und Hypnotherapie. Nach Stationen als Leiter der Schlaf- und Traumforschung der Abteilung für Psychosomatik an der Universität München und als Oberarzt in der Klinik für Psychosomatik am Klinikum Nürnberg heute in eigener Kassenpraxis, als Trainer für Ego-State- und Traumatherapie sowie als Autor tätig. Autor mehrerer Bücher und Fachartikel zur Arbeit mit inneren Anteilen und zur Behandlung von Traumafolgestörungen. Gründer und Leiter des Instituts für hypnoanalytische Teilearbeit und Ego-State-Therapie. Arbeitsschwerpunkte: somatoforme Störungen, Borderline-Störungen, traumaassoziierte Störungen.
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2 Wirkfaktoren in der Psychotherapie aus hypnotherapeutischer Sicht


Stichworte: Welches sind die allgemeinen und spezifischen Wirkfaktoren in der Psychotherapie und die fünf gemeinsamen Merkmale für Therapien nach Klaus Grawe? Das »Intersubjektivitäts-Konzept« der Hypnotherapie und die 20 Wirkkonzepte von Michael Harrer – was sagen sie uns für Hypnotherapie und hypnotherapeutische Teiletherapie?

Im Bereich der Wirksamkeitsforschung zur Psychotherapie waren es vor allem Klaus Grawe und sein Forscherteam vom Psychologischen Institut Bern, die sich ab Mitte der 90er-Jahre erfolgreich in dem seit Längerem tobenden »Schulenstreit« positioniert und auch mitunter polemisch eingemischt haben.

In der Arbeit (Wie) kann Psychotherapie durch empirische Validierung wirksamer werden? von 2005 feuert Grawe zwar ein paar nachvollziehbare Breitseiten auf die wenig stichhaltige »Legitimationsforschung« der Langzeitpsychoanalyse ab und adelt die kognitivbehaviorale Therapie als die Therapie mit der höchsten Effektstärke,7 kommt aber dann doch zu dem Schluss: »Unstrittig ist aber, dass der Unterschied, um dessen Bedeutsamkeit es geht, im Vergleich zum gesamten Therapieeffekt eher gering ist« (2005, S. 7). Wenn es also nicht die schulenspezifischen Rationale sind, die den kleinen Unterschied ausmachen, was dann?

Dass Psychotherapie wirksam ist, das scheint mir heute als eine gesicherte Tatsache zu gelten, auch wenn die Frage »Was wirkt denn da?« so eindeutig noch nicht beantwortbar ist. Allerorts hört man immer wieder das Bekenntnis, dass der Unterschied zwischen den Therapieschulen unerheblich sei. In diesem Zusammenhang wird das Dodo-Verdikt8 zitiert, im Kleinen dann aber doch die vermeintliche Überlegenheitsfantasie der einen gegen die andere Methode hervorgekehrt. Auch Hypnotherapeuten und Systemiker sind dagegen nicht gefeit.

2.1 Methoden- und störungsspezifische Techniken vs. allgemeine Wirkfaktoren


Grundlage der Kontroverse ist und bleibt eine gegensätzliche Vorstellung von der Wirkung in der Psychotherapie, die zwei Lager schafft: hier die Befürworter empirisch fundierter Therapieansätze und ihre Wertschätzung für methoden- und störungsspezifische Techniken; im anderen Lager die, die davon überzeugt sind, dass die Unterschiede zwischen den Therapierichtungen nur gering sind (siehe Klaus Grawe oben), und die Wirksamkeit von Therapie sich auf »allgemeine Wirkfaktoren« zurückführen lässt.

Letztere Annahme schien mir bei meinen Recherchen näher an meinen langjährigen Therapieerfahrungen (oder Wunschvorstellungen?) zu sein, und so begann ich, die Literatur zu sichten. Ich erspare Ihnen nun einen Überblick über die Vielfalt dessen, was verschiedene Forschergruppen unter »allgemeinen Wirkfaktoren« so alles benannten, aufzählten und beschrieben. Diesem verwirrenden Phänomen der »wortreichen Vielfalt« versuchten auch Pfammatter et al. (2012) beizukommen, und sie extrahierten in einem ersten Schritt 22 allgemeine Wirkfaktoren in ihrer umfassenden Metaanalyse der Literatur.9 Dann schauten sie sich gebräuchliche Standardtechniken in der Psychotherapie an.

»Gleichzeitig wurden 22 möglichst repräsentative Standardtechniken der vier psychotherapeutischen Hauptrichtungen kognitive Verhaltenstherapie, tiefenpsychologische Psychotherapie, humanistische Psychotherapie (Gesprächs- und Gestalttherapie) und systemische Therapie ausgewählt. Standardtechniken sind für eine Therapierichtung typische Techniken, die bei verschiedenen Störungen eingesetzt werden« (ebd., S. 25).

Auf diese Kombination in der Arbeit von Pfammatter et al. werde ich weiter unten noch zurückkommen, aber lassen Sie uns erst mal bei den allgemeinen Faktoren bleiben.

Bei meinem Wunsch, die Komplexität der 22 Wirkfaktoren weiter zu reduzieren, kam mir wiederum Klaus Grawe zu Hilfe:

»[…] habe ich selbst eine Reihe psychotherapeutischer Wirkfaktoren induktiv aus den tatsächlichen Wirkungen der einzelnen psychotherapeutischen Vorgehensweisen abgeleitet, wie sie in empirischen Wirksamkeitsuntersuchungen und Prozess-Outcome-Studien festgestellt wurden (Grawe 1995, 1997, 1998; Orlinsky, Grawe a. Parks, 1994)« (Grawe 2005, p. 7).

Diese fünf von Grawe beschriebenen gemeinsamen Merkmale für Therapien mit besonders guter Wirkung wollen wir uns einmal näher anschauen und sollen uns als Diskussionsgrundlage im Weiteren dienen:

  • Wirkfaktor Ressourcenaktivierung: »Sie nutzen Eigenarten, welche die Klienten in die Therapie mitbringen, als positive Ressourcen für das therapeutische Vorgehen. Sie nutzen also vorhandene motivationale Bereitschaften und Fähigkeiten der Klienten« (ebd., S. 7).
  • Wirkfaktor Problemaktualisierung: »Sie machen die Probleme, die in der Therapie verändert werden sollen, dem Klienten unmittelbar erfahrbar. Das kann z. B. dadurch geschehen, dass sie reale Situationen aufsuchen oder herstellen, in denen die Probleme auftreten; dass sie Personen in die Therapie einbeziehen, die an den Problemen beteiligt sind, oder dass sie durch besondere therapeutische Techniken wie Imaginationsübungen, Rollenspiele o. Ä. die Probleme erlebnismäßig aktualisieren« (ebd.).
  • Wirkfaktor Problembewältigung: »Sie unterstützen den Klienten mit bewährten problemspezifischen Maßnahmen aktiv darin, positive Bewältigungserfahrungen im Umgang mit seinen Problemen zu machen …« (ebd.).
  • Wirkfaktor motivationale Klärung: »[…] und/oder sie fördern mit geeigneten Maßnahmen, dass der Klient ein klareres Bewusstsein der Determinanten seines problematischen Erlebens und Verhaltens gewinnt« (ebd.).
  • Wirkfaktor Therapiebeziehung: »Bei allen Therapien trägt darüber hinaus die Qualität der Therapiebeziehung signifikant zu einem besseren oder schlechteren Therapieergebnis bei« (ebd.).

Unbestritten ist die Qualität der therapeutischen Beziehung von großer Bedeutung, nur, der größere Teil der oben beschriebenen Wirkfaktoren muss über die Auswahl therapeutischer Techniken geleistet werden. Deshalb ist die oben zitierte polare Gegenüberstellung von »schulspezifischen Methoden« und »allgemeinen Mechanismen« irreführend. Pfammatter et al. schreiben:

»Allgemeine Wirkfaktoren entfalten sich im Kontext der therapeutischen Interaktion und nicht aus einem Vakuum heraus. Die therapeutische Interaktion wiederum wird wesentlich vom spezifischen Veränderungs- und Therapiekonzept und den daraus abgeleiteten technischen Vorgehensweisen des Therapeuten geprägt. Seine Funktion als Mediator und Moderator therapeutischer Veränderung kann der Therapeut letztlich nur über sein technisches Vorgehen wahrnehmen. Man kann sich als Therapeut nicht ›allgemein‹ oder gar ›unspezifisch‹ verhalten. Die Realisierung allgemeiner Wirkfaktoren vollzieht sich in der Interaktion zwischen dem Klienten und dem Therapeuten über die Handlungen des Therapeuten und die Reaktionen des Klienten darauf« (2012, S. 23).

Dieser Verschränkung von theoriegeleiteten Handlungen des Therapeuten und der Aktualisierung von allgemeinen Wirkfaktoren im Hier und Jetzt der Therapie will ich am Beispiel der Hypnotherapie und der Arbeit mit inneren Anteilen in der Hypnotherapie nachgehen.

2.2 Das Intersubjektivitätskonzept


In Österreich ist Hypnotherapie – unter dem Namen »Hypnosepsychotherapie«10 – eine gesetzlich anerkannte Psychotherapierichtung auf einer tiefenpsychologischen Basis. Ist die Hypnotherapie, wie ich sie bei Bernhard Trenkle und Gunther Schmidt erlernt habe, deshalb für mich ein tiefenpsychologisch fundiertes Verfahren? Mit dieser Zuordnung tue ich mir schwer und will dies auch begründen.

Eine moderne Hypnotherapie, die sich auf Milton Erickson gründet, ist für mich als Allererstes lösungs- und ressourcenorientiert. Die dafür als rational eingesetzte direkte oder indirekte Tranceaktivierung, also die Arbeit mit unbewussten und unwillkürlichen Anteilen des Klienten, soll helfen, ihn bei der Erreichung seiner Ziele zu unterstützen und seine persönlichen Ressourcen zu aktivieren. Mag es in der Hypnotherapie wie in der Tiefenpsychologie ganz vorrangig um »unbewusste Prozesse« gehen und sprechen beide auch von einem Konzept des Unbewussten, so unterscheiden sich die Vorstellung und die Definitionen vom »Unbewussten« zwischen Freud und Erickson doch erheblich.

Für mich als Hypnotherapeut ist das Unbewusste nicht ein Ort im »psychischen Apparat« (Freud), an dem vom Gewissen eines Menschen verpönte Triebe, Wünsche aggressiver und/oder sexueller Art, aber auch Ängste, Neurosen und unangenehme Gedanken verschoben (verdrängt) werden müssen, damit das Ich seinen Alltag bewältigen kann. Es ist nicht die »Vorhölle« Dantes, sondern das »therapeutische Tertium«, ein...


Jochen Peichl, Dr.; Facharzt für Psychotherapie und Psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Neurologie; Weiterbildungen als Psychoanalytiker, Psychodrama- und Gruppentherapeut, in EMDR-Therapie, Ego-State-Therapie und Hypnotherapie. Nach Stationen als Leiter der Schlaf- und Traumforschung der Abteilung für Psychosomatik an der Universität München und als Oberarzt in der Klinik für Psychosomatik am Klinikum Nürnberg heute in eigener Kassenpraxis, als Trainer für Ego-State- und Traumatherapie sowie als Autor tätig. Autor mehrerer Bücher und Fachartikel zur Arbeit mit inneren Anteilen und zur Behandlung von Traumafolgestörungen. Gründer und Leiter des Instituts für hypnoanalytische Teilearbeit und Ego-State-Therapie. Arbeitsschwerpunkte: somatoforme Störungen, Borderline-Störungen, traumaassoziierte Störungen.



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