Peinkofer Die Erben der Schwarzen Flagge
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-8387-0334-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Histrorischer Roman
E-Book, Deutsch, 600 Seiten
ISBN: 978-3-8387-0334-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Karibik im späten 17. Jahrhundert: Obwohl das Weltreich der Spanier im Niedergang begriffen ist, ächzen die Kolonien unter der Knute der spanischen Herren, deren Galeonen die Schätze der Neuen Welt nach Europa tragen. Vor diesem Hintergrund erfährt der junge Nick Flanagan, der im Sklavencamp von Maracaibo ein elendes Dasein fristet, vom Geheimnis seiner Herkunft. Auf der Suche nach seiner Bestimmung ergreift Nick die Flucht und wird zum Bukanier - nicht ahnend, dass eine ungeheure Bedrohung die karibische Sonne verfinstert. Ein unheilvoller Plan, ein tragisches Schicksal und der geheimnisvolle Zauber des Voodoo reißen den jungen Flanagan in ein aufregendes Abenteuer um Rache, Sühne und die Liebe seines Lebens ...
Ein farbenprächtiges Historiengemälde und romantisches Epos von Bestsellerautor Michael Peinkofer!
Autoren/Hrsg.
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Prolog
Die Karibische See
Im Jahr des Herrn 1673
Die Seeleute nannten sie die Windward-Passage – jenen Abschnitt der Karibischen See, der sich zwischen Kuba und Hispaniola erstreckte und nicht nur wegen seiner Strömungen berüchtigt war. Ungleich traurigere Berühmtheit hatte die Windward-Passage durch die Piraten erlangt, die sich in diesen Gewässern herumtrieben und Jagd auf wehrlose Schiffe machten.
Von ihren Verstecken aus, von denen es entlang der zerklüfteten und von üppigem Dschungel bewachsenen Küsten unzählige gab, brachen die Seeräuber zu ihren Raubzügen auf. Aus dem Nichts heraus griffen sie an, lauerten in Lagunen und Nebelbänken, tauchten beim ersten Licht des Tages auf oder kurz vor Einbruch der Nacht. Ein Schiff, das ihnen in die Hände fiel, war dem Untergang geweiht, die Besatzung hatte keine Gnade zu erwarten. Denn die Männer, die an Bord der Piratenschiffe segelten, waren Ausgestoßene, verdammte Seelen, die nichts zu verlieren hatten und nicht einmal den Teufel fürchteten. Sie achteten weder Moral noch Gesetz, nur das Recht des Stärkeren und den Kodex, den sie selbst aufgestellt hatten – verbrecherische Gesetze für verbrecherische Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit Plündern, Rauben und Morden verdienten.
Lord Clifford Graydon wusste all das. Dennoch hatte er befohlen, die Gewässer der Windward-Passage anzusteuern – ein Umweg um Kuba herum hätte drei Wochen Verzögerung bedeutet, die Umseglung von Hispaniola zu tief in spanische Gewässer geführt. Obwohl der Konflikt zwischen England und Spanien offiziell beendet war, waren die Gefilde der Karibik längst nicht sicher, und die britische Krone trug zu einem Gutteil Schuld daran. Während des Krieges war es gängige Praxis gewesen, Kaperbriefe auszustellen und Freibeuter aller Couleur dazu zu ermuntern, Jagd auf spanische Galeonen zu machen. Auf diese Weise waren Halsabschneider und Glücksritter mit dem Versprechen des raschen Goldes sowohl aus der Alten als auch aus der Neuen Welt in die Karibik gelockt worden, und nicht wenige spanische Schiffe, die beladen mit den Schätzen der Kolonien in die Heimat unterwegs gewesen waren, waren als Wracks auf dem Grund des Meeres geendet.
Der Jahrzehnte währende Krieg mochte ein Ende gefunden haben – die Freibeuter jedoch waren noch da. Der Ruf des Goldes hatte sie in Massen herbeigelockt und aus Häfen wie Tortuga und New Providence Pfuhle der Sünde und des Lasters gemacht, in denen sich gottloses Volk versteckte – Mörder, Diebe und anderes Gesindel. Natürlich hatte die britische Krone die Kaperbriefe für erloschen erklärt, aber die Seeräuber scherten sich nicht darum. Getrieben von der Gier nach Blut und Beute und trunken von Hitze und Rum, brachen sie zu immer neuen Raubzügen auf, und längst waren es nicht mehr allein die Galeonen der Spanier, auf die sie es abgesehen hatten. Auch englische Fregatten hatten es den Räubern der Meere angetan. Und was man in den Tavernen von Bristol bis Portsmouth zu hören bekam, war schaurig genug.
Von schrecklichen Bluttaten war die Rede. Von einhändigen Piraten, die gefangenen Seeleuten mit ihrer Hakenhand die Gedärme zerfetzten, von teuflischen Kapitänen, die gefangenen Frauen die Haare anzündeten, ehe sie sie über die Planke schickten, und von einäugigen Maaten, deren liebste Beschäftigung es war, kleine Kinder zu quälen.
Mit Beklemmung musste Graydon gerade jetzt an diese schaurigen Geschichten denken, während sein Blick Lady Jamilla streifte, die an der Reling des Achterdecks stand und nach Westen blickte, wo die im Dunst liegende Küste Kubas das kalte Blau von See und Himmel teilte. In ihrem rüschenbesetzten Seidenkleid, das über den Reifrock fiel, mit ihrer Haube und dem kleinen Schirm, der ihre blasse Haut vor der zudringlichen Sonne der Karibik schützen sollte, bot die zierliche junge Frau einen eigenartigen Gegensatz zur robusten Umgebung des Schiffes, und einmal mehr schalt sich Lord Clifford einen Narren dafür, dass er sich hatte überreden lassen, sie und den kleinen Nicolas in die Kolonien mitzunehmen.
Gewiss, die Planken, auf denen sie standen, waren solide und aus bester englischer Eiche. Die Valiant war eine Fregatte der älteren Bauart, mit 14 Kanonen an Bord und 75 Seelen – Seeleute und Soldaten der königlich britischen Marine, die den Auftrag hatten, Graydon und seine Familie unter Einsatz ihres Lebens zu beschützen. Aber würde das genügen, wenn sich die schwarze Flagge am Horizont zeigte?
Graydon sah, dass Jamilla zitterte. Das Klima konnte es freilich nicht sein, das sie frösteln ließ – schon viel eher das Wissen um die von Piraten verseuchten Gewässer, die sie gegenwärtig durchsegelten. Denn wenngleich Lord Clifford es unterlassen hatte, seiner Gattin und seinem kleinen Sohn von den Schrecken der Karibik zu erzählen, so waren beide hinlänglich darüber unterrichtet worden. Denn der beherzte Pater O’Rorke war ungleich weniger zurückhaltend.
»Seht Euch vor, junger Herr«, sagte er zum kleinen Nicolas, den er auf dem Arm trug, damit dieser über die Achterreling blicken konnte. »Dieser Teil der Welt mag wie das Paradies aussehen, aber in Wahrheit ist er von Gott verlassen. Abel ist nicht mehr; es sind Kains Erben, die hier zu Hause sind – gottlose Menschen, die das Gesetz des Herrn nicht achten und ihresgleichen ohne Rücksicht meucheln. Ich habe Dinge über diese Piraten gehört, junger Herr, die Euch zu Tode ängstigen würden. Von braven Händlern, die den Haien zum Fraß vorgeworfen wurden, von Seeleuten, die nur noch ein Auge besitzen, weil das andere ihnen mit glühenden Zangen herausgerissen wurde.« Mit Daumen und Zeigefinger formte O’Rorke eine Zange und schnappte damit nach Nicolas’ Gesicht, worauf der Junge einen entsetzten Schrei ausstieß.
Nicolas Graydon war erst zwei Jahre alt, aber für sein Alter ungewöhnlich groß und kräftig. Er hatte die milden Gesichtszüge und das dunkle Haar seiner Mutter und die stahlblauen Augen und das markante Kinn des Vaters geerbt. Die Entscheidung, Frau und Kind auf diese Reise mitzunehmen, war Lord Clifford nicht leicht gefallen. Obwohl es ihm das Herz gebrochen hätte, wäre er lieber von ihnen getrennt gewesen, als sie bewusst einer Gefahr auszusetzen. Aber Lady Jamilla, die eine ebenso eigensinnige wie mutige Frau war, hatte darauf bestanden, dass sie und der kleine Nicolas ihn begleiteten. Und nach anfänglichem Widerstand hatte der Lord schließlich eingewilligt – mit einem nagenden Gefühl der Reue im Herzen …
»Muss das sein, Pater?«, wandte er sich an den Mönch, der seine Miene derart verkniffen hatte, dass es jedem Piraten zur Unehre gereicht hätte: Unheilvoll zusammengezogene Augenbrauen und nach unten gewölbte Mundwinkel vermittelten den Eindruck, das Jüngste Gericht stünde unmittelbar bevor.
»Was meint Ihr, Euer Lordschaft?«
»Müsst Ihr dem Jungen solche Schauergeschichten erzählen?«, wurde Lord Clifford deutlicher. Es genügte schon, dass die Seeleute der Valiant hinter vorgehaltener Hand tuschelten und hanebüchener Aberglaube die Runde machte, dass von dunklen Vorzeichen und drohendem Verderben gemunkelt wurde. Die Stimmung an Bord war ohnehin angespannt genug, sodass nicht auch noch ein katholischer Priester ins selbe Horn stoßen musste.
O’Rorkes gerötetes, mit Sommersprossen besetztes Gesicht hellte sich daraufhin ein wenig auf, der unheilvolle Schatten über seinen Augen jedoch blieb. »Verzeiht, Euer Lordschaft«, sagte er. »Es war nicht meine Absicht, den jungen Herrn zu ängstigen.«
»Sind diese Piraten denn wirklich so gefährlich?«, fragte Lady Jamilla. In ihrem Salon zu Hause in England war ihr die Entscheidung, in ferne Gestade zu reisen, leicht gefallen, und auch die Aussicht auf blutrünstige Piraten hatte sie nicht ängstigen können. Nun jedoch, als die Valiant eben jene Gewässer durchkreuzte, die schon unzähligen Schiffen zum Verhängnis geworden waren, stellte sich die Reise ein wenig anders dar.
»Sie sind gefährlich, meine Liebe«, sagte Lord Clifford rasch, »dennoch brauchst du dich nicht zu fürchten. Die Valiant ist ein gutes Schiff, und bei Captain Garrison und seinen Offizieren sind wir in den besten Händen. Nicht wahr, Garrison?«
Kenneth Garrison war ein Veteran zur See – ein erfahrener Kapitän der königlichen Marine, der im Krieg gegen die Spanier gekämpft hatte und schon unzählige Male hinter dem Mast gefahren war. Ein wettergegerbtes Gesicht lugte unter der gepuderten Perücke und dem Dreispitz hervor, und aus den Augen blitzte ein Schalk, der schon manchen Feind das Leben gekostet hatte.
»Ganz recht, Euer Lordschaft«, bestätigte der Kapitän, der mit im Rücken verschränkten Armen beim Steuermann stand und wachsam auf das Vordeck blickte. »Die Valiant ist ein stolzes Schiff, das mir in vielen Schlachten treu gedient und manche Galeone auf den Meeresgrund geschickt hat. Ihr Kiel schneidet wie ein Schwert durch die Dünung, und ihre Vierpfünder werden diese Halunken Mores lehren, sollten sie sich erdreisten, sich zu zeigen. Jeder weiß, dass mit einer Fregatte der königlich britischen Marine nicht zu spaßen ist.«
»Freilich, werter Herr Kapitän«, meinte Pater O’Rorke, »die Frage ist nur, ob die Piraten es ebenfalls wissen.«
»Seid unbesorgt, mein guter Pater«, erwiderte Garrison mit gönnerhaftem Lächeln. »Lasst mich nur meine Arbeit tun.«
»Das werde ich«, antwortete der Mönch nicht weniger lächelnd, »so wie ich die...




