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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 560 Seiten

Reihe: Die Legenden von Astray

Peinkofer Tiefer Zorn

Die Legenden von Astray 2
18001. Auflage 2018
ISBN: 978-3-492-99066-0
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Legenden von Astray 2

E-Book, Deutsch, Band 2, 560 Seiten

Reihe: Die Legenden von Astray

ISBN: 978-3-492-99066-0
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nach »Tote Helden« der neue Roman aus der Reihe »Die Legenden von Astray«: Einst kämpften in Astray die legendären sieben Helden eine glorreiche Schlacht für das Gute. Doch inzwischen ist der Kontinent von einem tiefen Abgrund durchzogen, der die Völker trennt. Könige, Herzöge und fanatische Sektierer ringen in dem zerrissenen Reich um die Macht. Die junge Diebin Bray und ihre Gefährten jedoch begehren auf. Sie wollen sich nicht damit zufriedengeben, dass Astray im Chaos versinkt. Nach dem Tod ihres Verbündeten Rayan setzen sie alles daran, die sieben Legenden von einst zu versammeln und den Kampf gegen den dunklen Gegner fortzuführen. Doch noch ahnt Bray nicht, was alles auf dem Spiel steht ...

Michael Peinkofer, 1969 geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Kommunikationswissenschaften und arbeitete als Redakteur bei der Filmzeitschrift »Moviestar«. Mit seiner Serie um die »Orks« avancierte er zu einem der erfolgreichsten Fantasyautoren Deutschlands. Seine Romane um »Die Zauberer« wurden ebenso zu Bestsellern wie seine Trilogie um »Die Könige«. Mit »Die Legenden von Astray« führt Michael Peinkofer alle Fantasy-Fans in eine neue Welt.
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1


Skaradag
Am Ende des Winters

Fünf Monde waren vergangen.

Fünf Monde, seit die Diebeszunft der Krähen zerschlagen worden und der fahrende Sänger Rayan einen ebenso jähen wie sinnlosen Tod gestorben war.

Fünf Monde, die Bray und ihre Freunde nun schon in der Obhut der Astara Dana Jennara im Haus des Doppelten Mondes lebten.

Fünf Monde voller Fragen – doch ohne Antworten.

Bray hatte noch oft über das nachgedacht, was Rayan ihr erzählt und wovon seine Lieder gehandelt hatten. Bis zuletzt hatte sie nicht begriffen, in welchem Verhältnis sie zu diesem seltsamen Mann gestanden hatte, der aus dem Süden stammte, jedoch in ganz Westray zu Hause gewesen war; dessen Lieder von alten Zeiten und begangenen Heldentaten kündeten und der in der Lage gewesen war, bisweilen, wenn das Schicksal es erlaubte, einen Blick hinter jene Schleier zu werfen, die die Zukunft verbargen.

Hellsichtigkeit.

Prophetie.

Bray scheute sich, jene Begriffe im Zusammenhang mit Rayan zu erwähnen, denn sie drückten nicht annähernd aus, wozu der Krähensänger – so hatten sie ihn genannt – fähig gewesen war. Einsam war er durch die Lande gezogen, ohne Heim und Obdach, stets auf der Flucht vor den Exekutoren und getrieben von seiner Gabe. Denn bisweilen, während er sang, hatte sein inneres Auge sich geöffnet und in die Zukunft geblickt; dann hatte der Klang seiner Worte sich geändert, und er hatte von Dingen gesungen, die dereinst geschehen würden, und dazu hatte er auf seiner Leier gespielt – jener Leier, die sich nun in Brays Besitz befand und auf der sie jeden Abend spielte und die Gäste im Haus des Doppelten Mondes unterhielt …

O Blume so zart aus dem fernen Khadir,

wie duftest du gut und schickst Grüße zu mir,

von meinem Liebsten aus gar fernen Landen

über Meere hinweg, über Grenzen und Banden

sagst du mir, dass er mich liebt all so sehr,

und ich wünscht’ ihn zu sehen, ich wünschte ihn her,

in meine Arme, den Liebsten mein,

o Blume, möchtest du er doch nur sein!

Es war, als würde man Perlen vor Säue werfen.

So wohlklingend die Töne auch sein mochten, die Bray der alten Leier entlockte, und so lieblich die Worte, die sie dazu sang – niemand kam ins Haus des Doppelten Mondes, um ihre Lieder zu hören, zu speisen oder sich auch nur zu unterhalten. Der eigentliche Grund waren die Dienerinnen des Doppelten Mondes, die in Jennaras Diensten standen und den Ruf genossen, die schönsten Huren von ganz Skaradag zu sein. Die Preise, die die Gäste zu entrichten hatten, waren entsprechend, dennoch war das Haus stets gut besucht – und das mochte etwas bedeuten in einer Stadt, in deren armen Vierteln sich Frauen schon für ein Stückchen Brot feilboten.

Der Winter war hart gewesen. Und das nicht nur wegen der Stürme, die von Borea die Küste herabgezogen waren und die Stadt mit Eis und Schnee überzogen hatten. Sondern auch, weil der Orden einen neuen Großexekutor nach Skaradag geschickt hatte. Sein Name war Salacar-Syn, und es war seine Aufgabe, das spurlose Verschwinden seines Vorgängers Thorgon zu untersuchen und aufzuklären. Und für Osric Jarnhant, den ruchlosen Marschall der Stadt, war dies ein willkommener Anlass, um den Druck auf die Diebeszünfte zu erhöhen.

Allein während der vergangenen fünf Monde waren in Skaradag mehr Menschen hingerichtet worden als in den fünf Wintern zuvor; die Mauern der Eisernen Zitadelle, von deren Zinnen man die in Salz eingelegten Leiber der Gehenkten baumeln ließ, quollen beinahe über in diesen Tagen, und die Zahl derer, die zum Frondienst in den Salzminen verurteilt worden waren, ging in die Hunderte. Dabei war es weder Gier noch Übermut, die die Armen dazu zwang, in Rikstedt, dem Viertel der Reichen, auf Beutefang zu gehen – sondern die pure Notwendigkeit. Verzweiflung herrschte unter den Armen der Stadt. Viele waren im Winter elend verhungert. Andere, die kein Dach über dem Kopf hatten, in den kalten Nächten elend erfroren, auch Frauen und Kinder.

Im Haus des Doppelten Mondes jedoch war davon nichts zu spüren.

Die mit rotem Stoff beschlagenen Mauern waren nach wie vor erfüllt von ausgelassenem Gelächter und heiterer Musik, die schwüle Luft durchdrungen von betörenden Düften. Rosen, Zimt und Granatapfel vermischten sich mit dem süßlichen Duft des Ophirs, der die Luft in schweren Schwaden tränkte und dafür sorgte, dass auch jene, die tagsüber von Ängsten und Sorgen geplagt wurden, sie des Nachts an diesem Ort vergaßen. Und natürlich waren da die Dienerinnen – dralle Schönheiten aus Norya mit Haut wie Alabaster und cymrische Frauen mit Haar wie Feuer. Sie alle geizten nicht mit ihren Reizen, wenn es darum ging, die meist männlichen Besucher des Hauses zu verwöhnen und ihre geheimen Wünsche zu erfüllen. Die besonders wohlhabenden Gäste – Kaufleute oder Angehörige des Saligerstandes, die den Salzhandel in Skaradag kontrollierten – zogen es vor, sich in die Separees zurückzuziehen, die sich in den oberen Stockwerken befanden; die Übrigen verlustierten sich noch in der Halle, auf den Liegen und Teppichen, nur durch halb durchsichtige Seidenschleier getrennt.

Anfangs war Bray vor Scham errötet. Zwar war sie kein Kind mehr und hatte längst getan, was auch jene Männer und Frauen taten. Doch stets war es ihr als etwas Persönliches, Vertrauliches erschienen, das zwei Menschen miteinander teilten – hier im Haus des Doppelten Mondes war es mehr oder minder öffentlich, wurde Liebe als Ware gehandelt wie das Salz auf den Märkten der Stadt. Dennoch hatte es nicht lange gedauert, bis Bray gleichgültig geworden war gegenüber dem, was sich allabendlich vor ihren Augen abspielte. Und sie hatte auch zu verstehen begonnen, weshalb Dana Jennara, die Herrin des Hauses, stets so über den Dingen zu stehen schien: Sie war eine Astara, und ihr Leben währte ganz einfach schon so lange, dass sie alles gesehen und erfahren hatte und sie nichts mehr überraschen konnte. Gewohnheit war ihr ständiger Begleiter, und so begegnete sie allen und jedem mit derselben zurückhaltenden Freundlichkeit, ganz gleich, ob es die Dienerinnen waren, die im Haus des Doppelten Mondes für sie arbeiteten und sie wie eine Mutter verehrten; oder die Freier, die für eine einzige Nacht mit ihr ein kleines Vermögen boten.

Nur ein einziges Mal hatte Bray erlebt, dass die sonst stets so beherrscht agierende Astara ihre Zurückhaltung aufgegeben hatte – an dem Tag, da sie und der Halbling Lorymar Thinkling einen Tross des Exekutorordens überfallen und Bray und ihre Freunde damit vor einem dunklen Schicksal bewahrt hatten; an jenem Tag, der sich unauslöschlich in Brays Gedächtnis eingebrannt hatte, hatte der Krähensänger Rayan sein Leben gelassen – ebenso wie Thorgon-Syn, Großexekutor des Ordens. Sollte dessen Nachfolger Salacar jemals von diesen Dingen erfahren, würde das ihrer aller Ende bedeuten …

Ach Liebster mein, ach wärst du doch hier,

und nicht nur die Blume aus dem fernen Khadir.

Statt dir nur zu schicken dies Lied als mein’ Gruß,

liebkoste ich dich mit feurigem Kuss

und ob der Sehnsucht roten Wangen

statt hier zu singen und zu bangen,

ob du einst kehrst zurück zu mir

o Liebster aus dem fernen Khadir!

Das Lied endete, aber es gab keinen Applaus und keine dankbaren Blicke, nicht einmal ein wohlwollendes Nicken. Die Gäste im Haus des Doppelten Mondes waren mit Dingen beschäftigt, die ihre Sinne weit mehr fesselten als der Gesang eines jungen Mädchens, das noch dazu seine Reize züchtig unter einem Kleid verbarg. Als Dana Jennara Bray und die anderen jungen Diebe der Krähenzunft, die sie aus der Gewalt Thorgon-Syns befreit hatte, in ihr Haus aufnahm, hatte sie versprochen, dass keiner von ihnen den Gästen zu Diensten sein müsse – und daran hatte sie sich stets gehalten. Die Jüngsten – wie der Knabe Birk oder das Mädchen Anara – verrichteten einfache Arbeiten in der Küche; die größeren und kräftigeren Burschen verdingten sich als Dienstboten und Führer, die die vom Ophir benebelten Freier nach Beendigung ihres Vergnügens sicher nach Hause geleiteten.

So auch Kai, der in diesem Moment zu ihr herüberkam, das rote Haar abstehend und die von Sommersprossen besetzten Züge hoch gerötet, was, wie Bray vermutete, nicht allein von der Wärme rührte, die das flackernde Kaminfeuer verbreitete …

»Es ist so weit«, raunte er ihr zu.

»Du schwitzt«, stellte Bray missbilligend fest.

»Heiß hier drin«, meinte er grinsend – er war nur wenig jünger als Bray, an den nackten Tatsachen, die sich ihm Tag für Tag präsentierten, hatte er sich offenbar noch nicht sattgesehen.

»Schwerenöter«, beschied sie ihm mit freudlosem Grinsen. »Also, was hast du?«

»Der Kaufmann Renlurd«, erwiderte Kai in unverhohlener Erregung. »Seana ist oben und kümmert sich um ihn – und sie hat mir verraten, dass es eine Weile dauert, bis er …«

»Verstehe.« Bray schnitt eine Grimasse. Seana, eines der Freudenmädchen, die in Jennaras Bordell arbeiteten, hatte einen Narren an Kai gefressen und ihn – zumindest nahm Bray das an – mit den Tatsachen des Lebens bekannt gemacht. Jedenfalls war er eines Abends in ihrer Kammer verschwunden und nur wenig später wiederaufgetaucht. Dabei hatte er gegrinst wie der...



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