Pelecanos | Das dunkle Herz der Stadt | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Pelecanos Das dunkle Herz der Stadt


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-86913-960-9
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-86913-960-9
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Washington, D. C.: Bartender und Gelegenheitsdetektiv Nick Stefanos ist ziemlich am Ende und lebt eigentlich nur noch für den nächsten Drink. Als er eines Abends auf einer Parkbank am Anacostia River heillos betrunken Ohrenzeuge des Mordes an dem Teenager Calvin Jeter wird, reißt er sich zusammen, denn die Metropolitan Police scheint der Fall nicht besonders zu interessieren, sie hält den Toten doch für ein typisches Opfer der Washingtoner Gang-Kriminalität. Aber Nick weiß, dass Gangs keine Schalldämpfer benutzen - gemeinsam mit Privatdetektiv Jack LaDuke versucht er die Killer zu fassen und findet sich bald in einem Sumpf aus Drogen und sexueller Ausbeutung wieder: Eine Reise in die Dunkelheit der menschlichen Seele und durch die schwärzesten Schatten der amerikanischen Hauptstadt beginnt ...

George Pelecanos, geboren 1957 als Sohn griechischer Einwanderer in Washington, D. C., ist Kriminalschriftsteller, Journalist und Drehbuchautor. Bekannt wurde er nicht zuletzt durch seine Arbeit für die HBOSerien The Wire und The Deuce.
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1

Wie der meiste Ärger in meinem Leben, der mir widerfahren ist oder den ich mir eingebrockt habe, fing auch der in jener Nacht mit einem Drink an. Niemand hat mich gezwungen, ich habe selbst eingeschenkt, zwei Fingerbreit Bourbon in ein schweres, angeschrägtes Shotglas. Viele weitere Gläser folgten, Bourbon und Bier, mitzählen war sinnlos. Aber nur wegen des allerersten trieb es mich in jener Nacht an den Fluss runter, wo ein Junge namens Calvin Jeter ermordet wurde.

Alles begann im Spot, an der 8th und G in Southeast, wo ich drei, vier Schichten die Woche hinter der Bar stand. Es war ein heißer Tag gewesen, diesig und brühwarm, wie die meisten Hochsommertage in D.C. Nach dem Mittagsansturm hatte die Lüftung unseres uralten Ventilators den Geist aufgegeben, und obwohl die meisten unserer Stammgäste versucht hatten, sich das Ganze schönzutrinken, siegte am Ende die Hitze. Um zehn Uhr abends stand ich also verlassen am Hahn, Alleinherrscher über leere Barhocker. Ramon war im Keller, Darnell machte die Küche sauber. Ich rief Phil Saylor an, den Besitzer der Bar, und holte mir die Erlaubnis, den Laden zu schließen.

Ramon kam mit drei Bierkisten die Holztreppe hoch, hinter der obersten lugte sein Kopf hervor. Er hatte unten einen Joint geraucht und lächelte dümmlich, aber angestrengt, und es sah aus, als würde ihm gleich ein Ei platzen. In seinen Cowboystiefeln maß er gerade eins sechzig und brachte knapp sechzig Kilo auf die Waage – zweiundsiebzig Bierflaschen waren also echt hart an der Grenze. Er setzte die Kisten vor meinen Füßen ab und wischte sich mit einem roten Halstuch den Schweiß von der Stirn. Ich nickte ihm zu und gab ihm sein Trinkgeld.

Während ich das Bier in den Kühlschrank räumte – nach dem Rotationsprinzip, sodass immer ein paar kalte Flaschen oben lagen –, hörte ich Ramon und Darnell zu, die sich hinten in der Küche gegenseitig aufzogen. Durch die Durchreiche sah ich, wie Ramon dem großen und spindeldürren Darnell in den Bauch boxte, der es gut gelaunt hinnahm und die ganze Zeit lachte. Dann waren laute Luftküsse von Ramon zu hören, Darnell sagte »Bis dann, amigo«, und Ramon schwirrte ab, aus der Küche, durch die Bar und zur Tür raus.

Ich machte die Biere fertig, schloss den Kühlschrank, wischte die Bar ab, spülte das grüne Tropfnetz aus und stellte die Aschenbecher bis auf einen ins Einweichbecken, dann wusch ich ab und zog mich um, Shorts, T-Shirt, Chucks. Als ich gerade die Schnürsenkel zuband, machte Darnell das Licht in der Küche aus.

»Was geht, Nick?«

»Fast fertig.«

»Viel Betrieb heute?«

»Ja. Der Aal lief echt gut.«

»Hab n bisschen Old Bay reingetan. Meinst du, jemand hat’s gemerkt?«

»Nee.«

Darnell schob seine lederne Kufi-Kappe von der verschwitzten Stirn. »Fährst du uptown? Kann ich mitfahren?«

»Später. Ich will erst Lyla anrufen und fragen, was sie vorhat.«

»Alles klar. Dann mach ich mich auf den Weg.«

Das war unsere Routine an den Abenden, an denen wir zusammen dichtmachten. Darnell wusste, ich würde noch bleiben und trinken, normalerweise alleine, und er versuchte immer, mich vorher rauszubugsieren. Seit seiner Knastzeit in Lorton war er sauber und trocken, aber niemand beging den Fehler, ihn deswegen für ein Weichei zu halten, ich erst recht nicht. Ich hatte miterlebt, was er mit einem Messer anstellen konnte. Darnell ging, ich schloss hinter ihm ab und drehte den Dimmer wider den Uhrzeigersinn.

Es wurde dunkler, das Schlitz-Logo über der Bar tauchte den Raum in blaues Neonlicht. Ich suchte auf der Stereoanlage den Sender Wdcu, jagte die Lautstärke hoch, steckte eine Zigarette an, zog dran und klemmte sie in die Kerbe des letzten verbliebenen Aschenbechers. Dann holte ich eine fast volle Flasche Old Grand-Dad vom Regal, schenkte einen Shot ein und nahm einen Schluck. Ich öffnete ein kaltes Bud, trank mehrere Zentimeter ab und stellte die Flasche neben das Shotglas. Mein Schultern lockerten sich, alles wurde weicher und floss.

Ich sah mich um: eine lange Mahagonibar mit Handlauf, voller Flecken und Sprenkeln, darüber mehrere konische Lampen, in deren dämmrigem Licht mein Zigarettenrauch Schlieren zog, hinter den Lampen ein Gestell, an dem Bier-, Schnaps- und Cocktailgläser hingen und abtropften, ein paar Barhocker, einige mit Lehne, ein paar Sitznischen mit Plastikpolstern, in zwei Ecken abgenutzte Lautsprecher – und ein bisschen »Kunst«: ein Poster der Washington Redskins, das der örtliche Bierlieferant mal mitgebracht hatte (der Spielplan von 1989 – wir hatten ihn einfach hängen lassen), und ein gerahmter Druck der Unabhängigkeitserklärung, auf dem die Unterschriften unserer Gründerväter an verschiedenen Stellen durch die unserer betrunkenen Stammgäste ergänzt worden waren. Auch meine eigene stand da irgendwo hingekritzelt.

Ich trank den Bourbon aus und wählte beim Nachschenken Lylas Nummer. Neben dem Telefon war ein Foto von Phil Saylor an die vergilbte Wand geklebt, aufgenommen zur Zeit seines kurzen Zwischenspiels als Bulle bei der Metropolitan Police. Während ich Lylas AB zuhörte, betrachtete ich sein rundes Gesicht. Dann legte ich auf, ohne eine Nachricht zu hinterlassen.

Die nächste Runde ging glatt runter, schneller als die erste. Ich versuchte meinen alten Kumpel Johnny McGinnes zu erreichen, der vom Elektrohandel über Matratzen inzwischen bei Haushaltsgroßgeräten angekommen war, aber das muntere Kerlchen, das ans Telefon ging – »Goode’s White Goods. Mein Name ist Donny. Wie kann ich Ihnen helfen?« –, sagte mir, dass McGinnes schon Feierabend hatte. Ich bat ihn, McGinnes auszurichten, dass sein Freund Nick angerufen habe, und er sagte »Na klar« und dann »und wenn Sie je ein Haushaltsgerät benötigen, der Name ist Donny.« Ich legte auf, bevor er den Namen noch mal ins Spiel bringen konnte, und versuchte es erneut bei Lyla. Wieder erfolglos.

Also ging ich die nächste Runde an. Beim Einschenken schwappte der Bourbon neben das Glas. Ich öffnete ein Bier, das ich vorhin im Eiseimer versenkt hatte, und drehte die Stereoanlage wieder auf: ein Hupkonzert von irgendeinem Quintett, echt wildes Zeug, der dexamphetaminisierte Drummer völlig drunter und drüber. Am Ende der Session hatte ich den Shot ausgetrunken und beschloss zu gehen. Im Spot war es höllisch heiß geworden, meine Klamotten waren völlig durchgeschwitzt. Außerdem war mein Buzz jetzt genau richtig, viel zu schade, ihn allein zu verbringen. Ich machte das Licht aus, schloss die Vordertür ab und trat mit einem Bier in der Hand auf die 8th hinaus.

Ich lief an einem geschlossenen und vergitterten Sportschuhladen vorbei, passierte eine Seitengasse, eingangs von einer Straßenlaterne schwach erleuchtet, weiter drinnen Stimmen, eine Zigarette glühte auf und erlosch. Ein kleines Stück weiter lag das Athena’s, der letzte Frauenclub in meinem Stadtteil. Hinter der fensterlosen Ziegelfassade gleichmäßiges Bassgewummer. Ich drückte die Tür auf und trat ein.

Über den Donna-Summer-Song und den allgemeinen Lärm hinweg hörte ich jemanden meinen Namen rufen, schob mich an ein paar tanzenden Frauen vorbei und stellte mich an die Bar. Stella, die stämmige, schwarzhaarige Barfrau, hatte mir einen Shot eingegossen, sobald sie mich durch die Tür kommen sah. Ich dankte ihr, nahm das Glas und kippte den Bourbon in einem Schwung runter. Jemand gab mir einen Kuss in den Nacken und lachte.

Am Billardtisch in einer verrauchten Ecke entdeckte ich Mattie, meine aus Brooklyn hierhertransplantierte Freundin. Wir spielten wie so oft 8-Ball, und ich verlor einen Fünfer. Dann holte ich uns die nächsten Drinks, und wir spielten noch eine Runde mit dem gleichen Ergebnis. Mattie hatte vor dem ersten Stoß schon die ganze Partie im Kopf, während ich auf Kraft setzte und keinen Plan verfolgte. Manchmal gewann ich trotzdem – diesmal nicht.

Ich kehrte an die Bar zurück, bezahlte meine Zeche und ließ Stella zu viel Trinkgeld da. Aus dem Barspiegel glotzte mich mein Spiegelbild an, glänzende Augen, hässlich, verschwitzt. Neben der Kasse hing ein gerahmtes Foto von Jackie Kahn, der ehemaligen Barfrau im Athena’s und Mutter meines Sohnes Kent, der jetzt neun Monate alt war. Ich sagte etwas Lautes zu Stella, meine Stimme klang verzerrt und harsch. Sie begann zu lächeln, hörte aber abrupt damit auf, als sie mir in die Augen sah. Ich wandte mich von der Bar ab und schaffte es durch die Tür nach draußen an die frische Luft, auf die Straße.

Ich schloss die Vordertür des Spot auf, schaltete die Alarmanlage aus und ging hinter die Bar, öffnete ein kaltes Bier und trank in tiefen Zügen. Dann schenkte ich ein Shotglas randvoll mit Old Grand-Dad ein, lehnte mich vor, setzte meine Lippen direkt an den Whiskey und trank drei Zentimeter ab, ohne das Glas zu berühren. Ich schüttelte eine Camel mit Filter aus der Schachtel und steckte sie an. Das Telefon klingelte. Ich ließ es klingeln und ging zur Stereoanlage. Auf dem Weg stolperte ich über eine Gummimatte. Ich fand eine Kassette von Lungfish, eine Post-Hardcore-Gitarrenband aus Baltimore, und legte sie ein. Ich drückte auf Play und gab Bass dazu.

Black.

Ich hockte an der Bar und versuchte ein Streichholz anzuzünden. Eine runtergebrannte Kippe lag kalt und tot im Aschenbecher. Ich steckte eine neue an, warf das Streichholz Richtung Aschenbecher, traf daneben. Ich griff nach dem Shotglas und sah die halb volle Flasche Grand-Dad in einem Wald leerer Bierflaschen stehen. Ich schmeckte Whiskey. Die Kassette war zu Ende. Es war still in der...


George Pelecanos, geboren 1957 als Sohn griechischer Einwanderer in Washington, D. C., ist Kriminalschriftsteller, Journalist und Drehbuchautor. Bekannt wurde er nicht zuletzt durch seine Arbeit für die HBOSerien The Wire und The Deuce.



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