Pelz | Artisten, Freaks und Übermenschen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 134 Seiten

Pelz Artisten, Freaks und Übermenschen


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7026-5877-9
Verlag: Jungbrunnen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 134 Seiten

ISBN: 978-3-7026-5877-9
Verlag: Jungbrunnen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Billie lebt in der Welt des Varietés und des Zirkus. Seit sie denken kann, ist sie mit Madame Bacclavia auf der Bühne. Madame ist Wahrsagerin, aber die eigentliche Attraktion ist Billie, die ein drittes Auge auf der Stirn hat: Sie ist ein Freak. Billies Fähigkeit, in die Zukunft zu schauen, erregt die Aufmerksamkeit der Nazis und bringt sie in die Villa eines SS-Offiziers, der ihr - im Glauben, er habe eine Gesinnungsgenossin vor sich - immer mehr geheime Details der Nazi-Pläne erzählt. Billie begreift, dass sie mit diesem Wissen von der SS nie mehr freigelassen werden wird und flüchtet. Unterschlupf findet sie bei einem Karikaturisten, der eine Figur erfunden hat, die den typischen österreichischen Mitläufer symbolisiert. Der Karikaturist wird einberufen und überlässt Billie sein Schrebergartenhaus mit der Auflage, dass sie seinen Hund versorgen muss. Er verschafft ihr einen Ausweis und Lebensmittelmarken. Billie versucht nicht aufzufallen und schlägt sich durch.

Monika Pelz wurde 1944 in Klosterneuburg geboren. Nach der Matura arbeitete sie als Journalistin, Sekretärin und Übersetzerin. Sie machte eine Lehre als Antiquariatsbuchhändlerin, bevor sie Philosophie und Wirtschafts- und Sozialgeschichte studierte. Schon während des Studiums war sie als Lokalreporterin und Fernsehjournalistin tätig, heute arbeitet sie als Wissenschaftlerin, Journalistin und Schriftstellerin in Wien. Im Jahr 2000 erhielt Monika Pelz für ihr Gesamtwerk den Österreichischen Würdigungspreis für Kinder- und Jugendliteratur.
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1 Bittere Tage


Billie erinnerte sich noch gut an den Moment, in dem sie sich zum ersten Mal im Spiegel gesehen hatte. Ein großer Spiegel war das, in einem halbdunklen Raum. Oder war er innen an einer Kleiderschranktür angebracht gewesen?

Jedenfalls sah Billie mitten auf ihrer Stirn ein drittes Auge. Bestimmt hatte sie schon vorher davon gewusst, doch damals, so kam ihr vor, hatte sie es zum ersten Mal gesehen. Sie war ja noch klein – fünf, sechs Jahre alt –, und alle anderen Spiegel waren wohl zu hoch oben für sie gewesen. Jedenfalls hatte Billie damals begriffen, dass dieses dritte Auge etwas Besonderes war, etwas, das nur sie besaß.

Denn alle anderen Leute hatten zwei Augen.

Billie erinnerte sich nicht daran, dass ihr Anblick im dunklen Spiegel – rundes, blasses Gesicht, blondes, gescheiteltes Haar, drei helle Augen – sie verwundert oder erschreckt hätte. Viele Menschen um sie herum hatten etwas Besonderes! Sie waren über und über tätowiert, sodass ihr Körper aussah wie ein Bilderbuch. Sie waren am ganzen Körper dicht behaart und nannten sich „Löwenmenschen“ oder „Affenmenschen“. Ein Fräulein Saveta, die schwerste Frau der Welt, trat als „Kolossin“ auf. Andere, die so dünn waren, dass sie nur aus Haut und Knochen zu bestehen schienen, wurden als „lebende Skelette“ angepriesen. Die „Kautschuk-Menschen“ oder „Kontorsionisten“ hatten Gliedmaßen, die sie völlig verbiegen konnten, ohne dass sie sich dabei etwas zerrten oder ausrenkten. Sie bogen ihren Körper nach hinten, bis der Scheitel die Fersen erreichte, um dann den Kopf zwischen den Füßen hindurchzustecken.

Einer von ihnen, genannt „Hoppi, der Froschmensch“, jagte Billie Angst ein. Das war aber nicht wegen seiner Verrenkungen und wilden Sprünge, sondern wegen seiner großen Glotzaugen – eine Art Brille oder Maske, die er bei seinen Auftritten trug, um noch froschähnlicher auszusehen. „Hoppi, der Froschmensch“ war ihr unheimlich, doch er war harmlos und tat ihr nichts zuleide. Keine der sogenannten Abnormitäten oder der – wie sie im Schaugeschäft genannt werden – Freaks tat ihr etwas zuleide.

Die einzige, vor der sie sich wirklich in Acht nehmen musste, war Madame Bacclavia, ihre Großmutter oder Großtante.

Niemals, so glaubte sie zu wissen, war ihr gesagt worden, welcher Art die Verwandtschaft war, die zwischen ihr und Madame Bacclavia bestand. Madame danach zu fragen, hatte keinen Sinn.

„Wenn du nochmals so dumm fragst, fängst du eine!“, hieß es.

Oder: „Freches Ding! Dir sollte man den Mund zukleben!“

Einmal hatte Madame Bacclavia ihre Drohung wahr gemacht und ihr wirklich den Mund mit Klebeband zugeklebt. Es tat weh, weil Billie den Kopf hin und her warf, und es tat noch mehr weh, als Madame das Klebeband wieder herunterriss. Billie hörte also auf, Fragen an sie zu richten.

Aber Madame Bacclavia konnte sich nicht genug darüber aufregen, was für ein schlimmes Kind Billie war und dass sie ihr nichts als Sorgen machte.

Früher hatte es Billie leidgetan, Madame Bacclavia aufzuregen und ihr nichts als Sorgen zu machen. Jetzt tat es ihr längst nicht mehr leid. Allerdings war sie aus Vorsicht braver geworden. Wenn auch nicht brav genug; da gab es noch viel zu lernen.

Einmal hatte man Billie zu einer Kindergeburtstagsjause im Zirkus eingeladen, und sie war später zurückgekommen, als sie Madame Bacclavia versprochen hatte. Alle dort hatten sie inständig gebeten, doch länger zu bleiben. Auch Mirza, die Schlangentänzerin, die Billie anschließend zurück in die Pension bringen wollte, redete ihr zu: „Du kannst jetzt noch nicht heimgehen! Es kommen doch noch die Clowns!“

Billie blieb. Aber sie konnte sich über die Clowns nicht so recht freuen. Sie ahnte nur zu gut, was sie bei ihrer Rückkehr erwartete.

Schließlich war Mirza zum Aufbruch bereit. „Hat es dir gefallen, Billie?“

„Ja, sehr! Schade, dass Sie Ihre Schlange nicht mitgebracht haben!“

„Weißt du was? Komm doch morgen in meinen Wohnwagen, und ich lass dich Putzi streicheln!“

Als sie die kleine Suite betraten, die Billie mit Madame Bacclavia und der Zofe Judith bewohnte, ging Madame vor aller Augen mit einem Kleiderbügel auf sie los und schlug auf sie ein. Sie schlug sie, bis der Kleiderbügel zerbrach. „Damit du es dir ein für alle Mal merkst, du Fratz!“

Die Schlangentänzerin wollte Billie beistehen und versicherte Madame Bacclavia, dass die Kleine nichts dafür konnte. Sie hätte schon früher heimgehen wollen, sei aber von allen gedrängt worden, noch ein wenig länger zu bleiben. Und es sei ja nur eine Stunde später geworden.

Madame Bacclavia aber fuhr fort zu toben, und die Schlangentänzerin ging.

Am nächsten Tag nahm Mirza ihre Schlange Putzi (eigentlich hieß sie Boadicea) aus dem Terrarium, und Billie durfte sie streicheln. Sie erinnerte sich daran, wie überraschend warm der Schlangenleib war, wie stark die Muskeln waren.

Billie hatte Schmerzen an Armen und Schultern und blaue und grüne Flecken. Aber daran war sie gewöhnt.

Mirza wollte sie trösten. „Madame Bacclavia hat die Nerven verloren, weil sie große Angst um dich hat. Sie fürchtet, du könntest entführt werden. Es gibt Verbrecher, die so etwas tun. Freaks wie du sind ziemlich wertvoll, weil sie viel Geld bringen!“

Es war ein schreckliches Erlebnis gewesen. Vor allem, weil Billie sich vor Mirza und Judith so geschämt hatte. Doch seither wusste sie immerhin, warum Madame Bacclavia sie bei sich behielt, obwohl sie ihr so viel Ärger bereitete: Ein Freak wie Billie brachte viel Geld.

Mehr noch als die künstlichen Freaks, die sich tätowieren oder verstümmeln hatten lassen, und die falschen Freaks, wie es die „Damen ohne Unterleib“ zumeist waren, stellten die geborenen Freaks für ihre Aussteller ein einträgliches Geschäft dar.

So viel Billie wusste, hatte es außer ihr nur eine Katze mit einem Auge auf der Stirn gegeben: in der berühmten Freak-Show von „Barnum & Bailey“. Und diese Katze – sie hieß „Poly“ – hatte außer ihrem Stirnauge keine weiteren Augen. Mit drei Augen durfte Billie sich daher als absolut einmalig betrachten.

Schon tierische Abnormitäten wie „Poly“ oder „Fidan, die dreiköpfige Schlange“ machten ihre Besitzer reich – dabei war ihre Lebensdauer begrenzter. Menschliche „Kuriositäten“ aber, wie Barnums „General Däumling“ oder der „Rumpfmensch Kobelkoff“ waren eine Goldgrube. Und den Haupttreffer machte der amerikanische Zirkus „Ringling Brothers“ mit einem Mann, dem ein Zwilling aus dem Brustkorb wuchs. „Die Brüder Liberra“ wurden die beiden genannt, „das einzigartigste und seltsamste Phänomen der Welt“.

War damals, als Mirza ihr gesagt hatte, wie wertvoll so ein Freak wie sie war, schon der böse Verdacht bei Billie entstanden? Der Verdacht, Madame Bacclavia habe sie aus Geldgier einst selbst entführt? Oder war ihr der Gedanke erst mit der Zeit gekommen? Allmählich glaubte Billie nämlich nicht mehr, dass sie auf irgendeine Weise mit Madame verwandt war.

Möglicherweise waren ihre Eltern früh gestorben, und man hatte sie daraufhin in die Obhut von Madame Bacclavia gegeben.

Nur konnte Billie sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand ein kleines Kind einer so bösen Frau anvertraute.

Nein, Madame muss mich entführt haben. Und sie hat deshalb überhaupt kein Recht auf mich! Sie hat kein Recht darauf, mit mir viel Geld zu verdienen! Wenn ich größer bin, haue ich ab!

Madame Bacclavia reiste mit ihrer Zofe Judith und Billie, die mit vollem Namen Sibylle hieß, von Stadt zu Stadt. Sie gastierte in Zirkussen und Varietés, auf Jahrmärkten und großen Messen. Überall dort, wo Menschen zusammenströmten, um sich zu unterhalten und zu staunen. „Tante Judith“, wie Billie die Zofe nannte, chauffierte den Wagen, packte umsichtig die zahlreichen Koffer ein und aus und bediente Madame Bacclavia. Tante Judith hätte Billie nie geschlagen. Sie war freundlich und geduldig und hätte ihr bestimmt jede noch so neugierige Frage beantwortet. Doch Tante Judith war stumm; es war ihre Besonderheit. So wie einigen Freaks die Arme oder Beine fehlten (den „Rumpfmenschen“ fehlte beides), so fehlte Tante Judith die Stimme. Manchmal, wenn Madame Bacclavias Vorwürfe besonders ungerecht und gehässig waren und Billie in Tränen ausbrach, tätschelte Tante Judith Billies Hand. Aber nur heimlich, wenn Madame es nicht sehen konnte.

Erst mit der Zeit, als Billie verständiger wurde, begann sie sich darüber zu wundern, dass Madame Bacclavia nichts davon zu wissen schien, dass Tante Judith sie heimlich tröstete. Als Billie begriffen hatte, was Madames eigene Besonderheit war und was sie bedeutete: Madame Bacclavia verfügte über die Fähigkeit der Telepathie. Sie trat als Hellseherin auf. Sie sagte den Leuten, was sich irgendwo anders soeben ereignete. Sie wusste sogar, was sich in Zukunft ereignen würde. Okkultisten, Wahrsager nannte man solche Leute.

Um Madame Bacclavia Fragen zu stellen und ihre Prophezeiungen zu hören, kamen die Leute in ihre Show und zahlten Geld. Und sie kamen natürlich auch, um „Sibylle, das Wunder der Natur“ zu bestaunen, wie Madame Bacclavia ihren Freak vor versammeltem Publikum nannte. Billie saß dann auf einem hohen Stuhl. Ein Polster war noch zusätzlich unter ihren Hintern geschoben, damit auch alle sie gut sehen konnten. Den seidenen Schal, den sie sonst immer um die Stirn gebunden hatte, nahm Tante Judith ihr ab. Billie trug einen langen, dunkelblauen Mantel aus Samt, der mit Monden und Sternen bestickt war und sehr schön aussah....


Monika Pelz wurde 1944 in Klosterneuburg geboren. Nach der Matura arbeitete sie als Journalistin, Sekretärin und Übersetzerin. Sie machte eine Lehre als Antiquariatsbuchhändlerin, bevor sie Philosophie und Wirtschafts- und Sozialgeschichte studierte. Schon während des Studiums war sie als Lokalreporterin und Fernsehjournalistin tätig, heute arbeitet sie als Wissenschaftlerin, Journalistin und Schriftstellerin in Wien. Im Jahr 2000 erhielt Monika Pelz für ihr Gesamtwerk den Österreichischen Würdigungspreis für Kinder- und Jugendliteratur.



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