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Penn | Invalidum | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 412 Seiten

Reihe: Eugenica-Reihe

Penn Invalidum

Trügerische Sicherheit
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7562-6215-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Trügerische Sicherheit

E-Book, Deutsch, Band 2, 412 Seiten

Reihe: Eugenica-Reihe

ISBN: 978-3-7562-6215-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



"Wir wissen es nicht, aber der Cube weiß es." Seit sie als Anwärterin der Lamarck-Akademie in die Cube-Simulation gesteckt wurde, ist Runa nicht mehr sie selbst. Auch der Anschlag auf ihre Mutter hat sie erschüttert. Verzweifelt begibt sie sich auf die Suche nach Verbündeten. Doch sind die, die ihr Hilfe anbieten, wirklich vertrauenswürdig? Die abtrünnige Geburtshelferin Linn glaubt, einen Unterschlupf für sich und die kleine Livia gefunden zu haben. Doch Runas Handeln könnte sie verraten - und damit das Schicksal des unerwünschten Kindes besiegeln. Beide ahnen nicht, dass sie in einen Wettstreit von Mensch und Wissenschaft geraten sind ... und dass kein Ort in Eugenica mehr sicher ist. "Invalidum - Trügerische Sicherheit" ist der zweite Teil der dystopischen Eugenica-Reihe. Leseempfehlung ab 14 Jahren. Aufgrund des Genres und des Settings werden in der Geschichte ernste Themen angeschnitten. Falls du bestimmte Themen beim Lesen vermeiden möchtest, weil du persönlich betroffen bist und/oder sie für dich Auslösereize darstellen, wirf bitte einen Blick auf die Triggerwarnungen unter: phillippapenn.de/invalidum2/trigger

Phillippa Penn ist eine unabhängige, deutsche Autorin. Wenn sie nicht gerade am Schreibtisch sitzt, verbringt sie ihre Freizeit gern im Garten. Sie trinkt gerne Kaffee und teilt ihren Autorinnenalltag auf Instagram (@phillippapenn). Weitere Infos unter: www.phillippapenn.de
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PROLOG


Viggo starrte auf den Becher, der vor ihm auf dem Tisch stand. Obwohl er hier schon mindestens 15 Minuten saß, hatte er von dem dunkelgrünen Shake noch keinen Schluck genommen. Ihm war nicht danach. Im Grunde wusste er gar nicht, weshalb er sich das Getränk überhaupt geholt hatte. Aus Gewohnheit vermutlich. Oder einfach nur deswegen, weil es seltsam gewesen wäre, in der Krankenhaus-Kantine zu sitzen, ohne etwas zu essen oder zu trinken.

Er atmete geräuschvoll ein, schloss für einen Moment die Augen. Das Telefonat mit seiner Schwester hatte ihn aufgewühlt.

Er verstand Ida einfach nicht mehr.

Er erkannte Ida einfach nicht mehr wieder.

Aus seiner Schwester war ein völlig anderer Mensch geworden. Ein Mensch, der anscheinend vor nichts zurückschreckte.

Nicht einmal, wenn dadurch die eigenen Kinder Schaden nahmen.

»Viggo?« Die Stimme, auch wenn sie warm und sanft klang, ließ den Arzt zusammenfahren. Erschrocken blickte Viggo auf.

»San, du bist es«, begrüßte er den vertrauten jungen Mann, der an seinen Tisch getreten war.

»Entschuldige, wenn ich dich erschreckt habe.« Santosh fuhr sich durch sein dichtes, dunkles Haar und ließ sich in einen Stuhl gegenüber fallen. »Keinen Appetit?«, fragte er und deutete auf Viggos unangetasteten VegShake.

»Ist mir vergangen.« Er schob den Becher von sich.

Santosh sah ihn einige Sekunden abwartend an. »Willst du mir erklären, was los ist?« Der Blick aus seinen großen, braunen Augen war intensiv, beinahe streng. Ein Blick, den man nicht so einfach abwimmeln konnte.

Viggo wusste nicht, wo er beginnen sollte. Doch er wusste, dass er seinem Partner eine Erklärung schuldete.

»Hör zu, es tut mir leid, dass ich gestern Morgen so Hals über Kopf aus der Notaufnahme gestürmt bin.« Viggo hielt es für eine gute Idee, mit dem Wichtigsten zu beginnen: einer Entschuldigung.

»Ich hätte dich gebrauchen können bei dem Patienten.« Santosh bemühte sich sichtlich um einen milden Tonfall, doch Viggo kannte ihn gut genug, um den Ärger in seinen Worten dennoch herauszuhören. »Ich bin Unfallchirurg, kein Neurologe«, fügte San hinzu.

Viggo nickte. »Ich weiß, es tut mir leid«, wiederholte er reumütig, »Wie geht es dem Jungen jetzt?«

San zuckte mit den Achseln, griff sich Viggos Shake und nahm einen großen Schluck. »Der Kadett ist stabil, aber er hat immer noch Lähmungserscheinungen. Es wird sich zeigen, ob er die Kontrolle über seine Extremitäten zurückgewinnt, wenn seine Verletzung verheilt ist.« Er nahm einen zweiten Schluck und seufzte: »Wäre ihm zu wünschen, dass er zu seiner Einheit zurückkehren kann … Ich meine, was machen die mit einem, der nicht mehr dienstfähig ist?«

Die beiden Männer tauschten einen Blick aus.

»Ja …« Viggo schluckte. »Das wünsche ich ihm auch. Ich … Ich werde noch mal nach ihm sehen. Versprochen.«

Santosh nickte, doch sein Blick blieb auf Viggo haften. »Aber weißt du, ich bin nicht hier, um mit dir über meinen Patienten zu sprechen«, erklärte er. »Ich möchte wissen, wer das schwangere Mädchen war.« Er fixierte Viggo mit einer provokant angehobenen Augenbraue, während er sich laut schlürfend daran machte, dessen Shake zu leeren.

Viggo gab nach. »Meine Nichte«, sagte er nach einem tiefen Atemzug. Er sah keinen Grund, weshalb er diesen Fakt vor seinem Lebensgefährten verbergen sollte.

Santosh verschluckte sich. »Deine Nichte?«, keuchte er. »Runa Erikson?«

»Nein, nicht Runa.« Nun senkte Viggo seine Stimme doch ein wenig. »Es war .«

Sans ohnehin große Augen schienen ihm nun beinahe aus dem Kopf zu fallen. »Luna?«, fragte er ungläubig, seine Stimme ein heiseres Flüstern. »Das Mädchen, das sie … Das sie dem Laboratorium überlassen haben?«

Santosh war der Einzige, dem Viggo jemals davon erzählt hatte. Leif und Ida hatten ihm damals unmissverständlich klargemacht, dass er sich in große Schwierigkeiten bringen würde, wenn er öffentlich machte, dass die Eriksons noch ein zweites Kind hatten. Eines, für das sie sich schämten. Eines, das sie hatten.

»Ja«, bestätigte Viggo schlicht.

»Wow.« San sah trotz seiner olivfarbenen Haut plötzlich sehr blass aus.

Viggo nickte nur. Er konnte es selbst kaum fassen. Er hatte nicht damit gerechnet, jemals seine verlorene Nichte zu Gesicht zu bekommen. Selbst das andere Zwillingsmädchen, Runa, hatte er nur einmal durch puren Zufall gesehen. Sie besuchte damals mit ihren Eltern die botanischen Gärten der Akademie, zu einer Zeit als Viggo noch studierte. Vermutlich hätte er ohne diese zufällige Begegnung das hochschwangere, blonde Mädchen in der Notaufnahme gar nicht zuordnen können. Doch so … Er hatte es sofort gewusst. Er war dem verlorenen Blick der Jugendlichen begegnet und ihm war klar geworden, dass es nur sie sein konnte. Auch wenn es keine vernünftige Erklärung dafür gab. Auch wenn er wusste, dass dieses Mädchen eigentlich in einer Testzelle im Haeckel-Laboratorium sitzen müsste.

»Was ist mit ihr passiert?«, fragte Santosh plötzlich und holte Viggo aus seiner Erinnerung zurück. »Hat sie entbunden?«

Der Neurologe schluckte. »Sie ist tot«, antwortete er niedergeschlagen.

San schlug die Hand vor den Mund. »Was?!«

»Kjellgren, die Neue, hat sie mit auf die Gynäkologie genommen«, rekapitulierte Viggo. »Ich bin hinterher, wurde aber zu einem Notfall auf meiner Station gerufen. Bis ich dann endlich in der Gynäkologie war …« Er konnte nicht weitersprechen. Es auszusprechen, machte es nur realer … dass er versagt hatte. Dass er nicht rechtzeitig dort gewesen war, um sie zu retten.

»Aber … Wie?«, wisperte San. »Der Eingriff mit dem PeperiBot ist so sicher. Ich habe noch nie gehört, dass eine Mutter dabei verstorben ist.«

Viggos Augen verengten sich zu Schlitzen. Das wütende Funkeln seiner Augen strafte die glatte Tischplatte vor ihm. »Sie hat nicht mit dem PeperiBot entbunden«, erklärte er bitter. »Morten, dieser Mistkerl, hat sie gebären lassen. Ohne Unterstützung, ohne Anästhetikum, ohne alles … Als würden wir in der verdammten Alten Welt leben.« Seine Stimme bebte. Jetzt ließ Viggo die Wut zu, die er die ganzen letzten Stunden versucht hatte zurückzuhalten. Wie kochend heißes Wasser durchströmte sie seinen Körper. »Und jetzt ist er hinter dem Baby her!«, knurrte er und schlug auf den Tisch, sodass sich ein paar der anderen Ärztinnen und Mitarbeiter, die sich noch in der halb leeren Kantine befanden, erschrocken umdrehten.

San legte ihm beschwichtigend eine Hand auf den Unterarm.

»Das Baby …«, begann er leise. »Das Baby hat es also geschafft?«

»Ja … Geschafft«, sagte Viggo und lachte bitter. »Geschafft, sich in den Fokus dieser Wahnsinnigen zu rücken. Jetzt sind sie alle hinter ihm her. Morten, Ida, Leif … Sie alle suchen nach dem Kind.«

»Suchen?«, fragte Santosh verwirrt. »Wie meinst du das?«

»Es ist nicht mehr hier. Nicht mehr im St. Hilaire«, erklärte Viggo und jetzt musste er doch ein kleines bisschen lächeln. »Gerüchten zufolge hat es jemand entführt, nachdem Morten es als deklariert hatte. Eine der Geburtshelferinnen.«

»Als ?« San riss ungläubig die Augen auf. »Das wäre das erste Mal seit Jahren … Was geht nur in Morten vor?« Er schüttelte den Kopf. »Mit welcher Diagnose denn?«

»Ich … Ich weiß es nicht …« Viggo massierte sich angestrengt die Schläfen. »Ich hätte dort sein müssen. Dann hätte ich mitbekommen, welche Störung er bei dem Kind festgestellt hat.« Er schnaufte tief, voller Frust. »Egal, was es ist … Ich hoffe, sie finden es niemals«, murmelte er, so leise, dass es kaum zu hören war.

»Viggo …« San ließ den Blick kurz durch den Raum schweifen, der Ausdruck in seinen Augen war wachsam. Seine Worte waren ebenfalls nur ein Flüstern, aber nicht ohne Dringlichkeit. »Bitte gib acht, was du sagst.«

Die Blicke der beiden Ärzte trafen sich.

»Ja … Ja, natürlich.« Viggo ergriff die Hand seines Partners. »Mach dir keine Sorgen.«

Für einen Moment blieben sie so sitzen, ihre Finger ineinander verschränkt, dann stand Santosh auf. »Ich muss zurück auf die Station«, sagte er. »Du solltest nach Hause gehen. Du siehst schrecklich aus.«

»Danke, mein Liebling.« Es hatte ironisch klingen sollen, doch Viggo...



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