Penning | All Hallows Eve | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Penning All Hallows Eve

Buch der Schatten
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98676-233-9
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Buch der Schatten

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-98676-233-9
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Alice Jacobs kommt mit ihrer kleinen Tochter Abigail am Halloween-Abend nach Salem, um dort nach ihrem vermissten Ehemann zu suchen.
Bald erfährt sie von dem Fluch, der die ganze Stadt in Angst und Schrecken versetzt: 100 Jahre nach den berüchtigten Hexenprozessen soll der rachsüchtige Geist einer Frau aus der Hölle zurückgekehrt sein, um die Seelen der Kinder von Salem zu holen … Eine Frau, die man wegen Hexerei hängte, zusammen mit ihren sieben Kindern.
Alice tut die alte Legende als törichten Aberglauben ab, bis Abigail von einer unheimlichen Frau aus Rauch und Nebel aus ihrem Bett gerissen wird.

Eine gruselige Reise in eine kalte Halloween-Nacht, die durch vergessene Kerker, düstere Friedhöfe und verwunschene Wälder führt.

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3

Benjamin wartete, bis Alice sich auf einem Lederstuhl mit gesteppter Rückenlehne niedergelassen hatte, bevor er eine feine Teetasse aus Porzellan vor ihr auf dem schweren Schreibtisch abstellte. Eine zarte, wohlriechende Dampfwolke wirbelte daraus empor. »Eine köstliche Mischung aus dem Golf von Bengalen«, erklärte er. Alice’ Reaktion auf das exotische Aroma schien ihm zu gefallen. »Ein Geschenk von einem alten Freund, der noch immer auf den Docks arbeitet.«

Das bescheidene Arbeitszimmer, das Benjamin in seinem East India Museum hatte, war eine warme und behagliche Abwechslung von der steifen Brise, die vom Hafen hereinwehte. Das Feuer, das im Kamin prasselte, ließ im ganzen Zimmer Schatten tanzen. Der herzerfrischende Duft des brennenden Zedernholzes vermischte sich mit dem muffigen Geruch von Buchleder und Pergament. Regale, die mit Pamphleten und Manuskripten jeder Größe und jeden Alters vollgestopft waren, bedeckten die dunklen Holzwände. Miniaturschiffe, alte Gemälde und nautische Karten nahmen den verbliebenen Platz in Anspruch. Ein fahler Sonnenstrahl fiel durch ein quadratisches Fenster und fing Tausende Staubkörner ein, die träge durch die Luft schwebten.

Benjamin machte es sich in einem abgenutzten Lehnsessel, der hinter dem Schreibtisch stand, bequem und blickte Alice an.

»Sagen Sie, Mrs. Jacobs, welche Neuigkeiten gibt es bezüglich Ihres Gatten?«

Alice seufzte, nachdem sie an ihrem Tee genippt hatte. »Nur sehr wenige. Seine Kollegen an der Harvard University sind noch immer ratlos und die Inspektoren in Boston widmen sich nun anderen Fällen. Ihr offizielles Ergebnis lautet, dass Samuel von Indianern angegriffen oder von Wegelagerern überfallen und dem Tod überlassen wurde.«

»Aber Sie glauben nicht, dass so etwas passiert sein könnte?«

»Ich finde, es gibt nur wenige Hinweise, die eine dieser Vermutungen stützen. Ehrlich gesagt, Mr. Emmons, sind es genau diese mangelnden Fortschritte, die mich heute zu Ihnen bringen. Samuel wird nun schon seit drei Monaten vermisst, und ich kann mir den Luxus der Geduld nicht länger leisten. Wenn ich die Suche nicht selbst fortsetze, wird es niemand tun. So unwahrscheinlich es auch scheinen mag, es besteht noch immer die Möglichkeit, dass Samuel am Leben ist. Vielleicht hat er sich verlaufen und ist in der Wildnis verschollen. Die Untersuchungen haben nichts hervorgebracht, was dem widersprechen würde, und ich habe nicht die Absicht, meiner Tochter zu erklären, dass ihr Vater tot ist, bis alle Beweise mich glaubhaft überzeugt haben, dass ich die Wahrheit sage.«

Benjamin zog eine Augenbraue hoch. »Ihre Tochter weiß noch nicht, dass ihr Vater vermisst wird?«

»Ich habe Abigail weisgemacht, dass Samuel noch immer Forschungen für die Universität betreibt und dass wir diesen Ausflug nach Salem machen, um Ihr Museum zu besuchen.«

Die kleinen Falten um Benjamins Augen vertieften sich mitfühlend, als er einen Schluck Tee nahm. »Wie kann ich Ihnen helfen, Mrs. Jacobs?«

»Während die Behörden in Boston ihren Untersuchungen nachgingen, machte ich mich daran, mir die Forschungsunterlagen anzusehen, die Samuel für seine Reise hierher zusammengestellt hatte. Ich hatte gehofft, darin etwas zu finden, das uns weiterhilft, einen Hinweis, der übersehen wurde. Dabei erfuhr ich viel über die schrecklichen Hexenprozesse, die hier vor einem Jahrhundert abgehalten wurden.«

Benjamin nickte mit finsterer Miene.

»19 Stadtbewohner, die man wegen angeblicher Hexerei hängte. Ein weiterer, der zu Tode gequetscht wurde, als er sich weigerte, sich zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen zu äußern. 20 Seelen, die wir nur wegen der wilden Anschuldigungen einiger missratener Dorfgören verloren. Seit 100 Jahren tragen wir in Salem schwer an der Last unserer Schuld. Ich schätze, das ist ein Teil der Wiedergutmachung, die wir für die unschuldigen Leben leisten müssen, die in jenen finsteren Zeiten geopfert wurden.«

Alice wartete, doch Benjamin sprach nicht weiter.

»Mr. Emmons, wie ich hörte, wohnte mein Mann zu der Zeit, als er verschwand, bei Ihnen und Ihrer Frau. Haben Sie vielleicht eine Ahnung, was sich zugetragen haben könnte?«

Benjamin trank den Rest seines Tees, dann breitete er seine Arme aus. »Ihr Gatte schrieb mir in Bezug auf seine Nachforschungen über die örtliche Folklore in Harvard. Er bat um meine Unterstützung bei seiner Arbeit, die ich ihm nur allzu gern gewährte. Wissen Sie, schon während meiner Jugend als Matrose war die Heimatgeschichte eines meiner Steckenpferde.« Das Gesicht des alten Mannes wurde ernst. »Samuel interessierte sich besonders für Sarah Bridges.«

Alice blinzelte. Das war ein Name, den sie nicht aus Samuels Unterlagen kannte. »Wer ist Sarah Bridges?«

»Es mag sein, dass seit den dunklen Tagen der Hexenverfolgung ein Jahrhundert vergangen ist, Mrs. Jacobs, doch auch in diesen modernen Zeiten gibt es noch immer Hexen in Salem. Sarah Bridges ist die letzte Verbliebene einer Familie von Ausgestoßenen, die wegen ihrer heidnischen Praktiken vor Jahrzehnten aus Salem verbannt wurde.«

»Von welcher Art von Praktiken reden wir?«

»Schwarze Magie, Opferhandlungen, Beschwörungen. Viele Jahre lebten sie allein irgendwo tief in den nördlichen Wäldern. Niemand wusste, was sie dort draußen taten oder was aus ihnen wurde. Viele zogen es vor, zu glauben, sie wären tot. Mit der Zeit waren sie fast in Vergessenheit geraten, bis Sarah eines Nachts im letzten Jahr nach Salem zurückkehrte und einen schrecklichen Fluch prophezeite. Am nächsten All Hallows’ Eve – wenn der Schleier zwischen dieser Welt und der nächsten am dünnsten ist und die Seelen der Toten sich unter die Lebenden mischen können – wird angeblich der Geist von Rebecca Hale zurückkehren, um Rache zu nehmen.«

»Rebecca Hale?«, warf Alice ein. »Die Frau, die wegen Hexerei gehängt wurde?«

»Aye. Nicht alle der als Hexen Beschuldigten in Salem waren unschuldig, Mrs. Jacobs. In Salems finsterem Kerker schrieb Hale ihren Namen in Satans schwarzes Buch und verkaufte ihren Körper und ihre Seele an ihn. 100 Jahre der Folter in seiner Hölle für eine Nacht der Vergeltung in seinem Namen – so lauteten die Bestimmungen ihres Handels mit dem Teufel.« Benjamin erschauderte fast unmerklich. »Ein Jahrhundert ist seitdem vergangen, Hale hat ihre Schuld beglichen. Vier Omen, so verkündete Sarah Bridges, würden uns wissen lassen, dass ihre Prophezeiung zutreffend ist: Augenleiden, Blut, Fleisch und Knochen.«

»Ja, genau«, sagte Alice. »Eine Reihe von schrecklichen Zwischenfällen, die Salem heimgesucht hatten, machte die Runde. Das war es, was Samuel von Boston hierhergeführt hatte. Was können Sie mir darüber erzählen?«

Benjamin bemerkte, dass das Feuer nur noch schwach brannte, und erhob sich mit einem leisen Grunzen aus seinem Sessel. Er schritt durch das Zimmer und ging vor dem Kamin in die Hocke, um das Holzscheit darin mit einer Feuerzange umzudrehen. Die frische Seite des Zedernholzes entzündete sich und ging in Flammen auf. Benjamins Knie knackten, als er sich wieder auf seinem Sessel niederließ. Er legte die Stirn in Falten. Seine braunen Augen schienen abzukühlen, während sie Alice eingehend betrachteten.

»Das erste Omen zeigte sich kurz vor Weihnachten. An jenem bitterkalten Tag im Dezember wollte sich kein Feuer entfachen lassen.«

»Kein einziges?« Alice gab sich Mühe, ihre Skepsis zu verbergen.

Benjamin schüttelte den Kopf nur einmal. »Ich weiß, wie sich das für eine kultivierte Frau wie Sie anhören muss. Doch ich schwöre Ihnen, dass wir nicht einmal einen Funken schlagen konnten. Keine Kerzen, keine Lampen, kein Feuer – nichts. Für einen ganzen Tag im tiefsten Winter schlotterten wir in unseren unbeleuchteten Häusern, als … als wären unsere Augen von einer Finsternis befallen worden.«

Alice wartete einen Augenblick. »Was war das zweite Omen?«

Benjamin schluckte und kniff die Augen zusammen, als würde er versuchen, ein unerwünschtes Bild aus seinem Gedächtnis zu löschen. »Es vergingen Monate, bevor es sich uns zeigte. Eines Morgens im Mai erwachte die Stadt und fand die Grabsteine auf dem Friedhof mit Blut besudelt vor. Es war ein grässlicher Anblick. Sie ließen sich nicht reinigen. Es war, als würden die Grabsteine selbst bluten.«

Alice nickte. »Das war der Zwischenfall, der Samuels Interesse in Boston weckte. Ein Teil seiner Arbeit in Harvard besteht darin, den Aberglauben und die Wissenschaft unter einen Hut zu bringen. Seine Theorie lautete, dass das, was die Grabsteine hinunterrann und als Blut interpretiert wurde, in Wahrheit der Rost des Eisens war, der in den Steinen steckt.«

Benjamin zuckte höflich die Schultern. »Es dauerte nicht lange, bis Ihr Gatte ein Muster ausgemacht hatte. Jedes der Omen offenbarte sich an einem uralten heidnischen Festtag. Das erste Omen war am Tag des Julfests aufgetreten, das zweite an einem Festtag namens Beltane. Samuel glaubte, dass die dritte Heimsuchung nach der Sommersonnenwende am nächsten heidnischen Festtag auftreten würde.«

»Am Lammas-Tag, dem Fest der Weizenernte«, sagte Alice.

»Sie kennen sich mit den Gebräuchen der Alten Welt aus?«, bemerkte Benjamin überrascht. »Sie sind eine ungewöhnliche Frau, Mrs. Jacobs. Unabhängig und gebildet.«

»Mein Mann wird vermisst, und vielleicht bin ich schon bald Witwe. Eine Frau in meiner Lage kann es sich nicht erlauben, antiquierten Traditionen nachzuhängen. Nicht dass ich je Verwendung dafür gehabt hätte.« Sie hielt einen Moment lang inne. »Hatte...


Penning, Michael
Michael Penning ist preisgekrönter Drehbuchautor und erfolgreicher Autor unheimlicher Geschichten »die so gruselig sind, dass sie selbst Geister erschaudern lassen«.
Wenn er nicht gerade am Schreibtisch sitzt und an neuen Storys arbeitet, reist er gerne, fotografiert und braut Bier. Er lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Montreal.
Seine Website: www.michaelpenning.com



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