E-Book, Deutsch, 302 Seiten
Penninger Bad Witch. Befreite Magie
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-646-60779-6
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Romantische Fantasy über eine begabte junge Hexe, die ihre Welt vor dem Untergang retten muss
E-Book, Deutsch, 302 Seiten
ISBN: 978-3-646-60779-6
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autoren/Hrsg.
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1. Der Geruch von Freiheit
Ich schlug die Augen auf.
Meine Arme ruhten über einer weichen altrosa Decke, die wiederum Teil eines Kolosses von Bett war.
Mir entglitt ein Keuchen. …
Ich hob den Kopf, entdeckte einen weiß glitzernden Kamin – und mein entsetztes Gesicht.
Ich wusste, dass es sein musste und kein Gemälde einer bleichen, dunkelhaarigen Frau, da mir ein Aufseher einmal einen Spiegel vorgehalten hatte. Mein knochiges, schmutziges Gesicht war von einer zerzausten Mähne umgeben. Zwei große braune Augen starrten mich fragend und unverwandt an.
In meiner Vorstellung sah ich anders aus: gesund und kräftig. Schnell schaute ich weg.
Rechts von mir befand sich eine Glastür, die von protzigen Vorhängen umgeben war und einem kurzen Blick nach zu urteilen ins Freie führte. Ins Freie …
Und dann erinnerte ich mich. Es war, als würde der Wind Wolken davonwehen, die Sicht auf den Himmel freimachen. Nur, dass an dem, was da in meinem Kopf auftauchte, gar nichts himmlisch war.
»Komm!«, hatten die Soldaten gebrüllt, die mitten in der Nacht mit Fackeln in Vankila einmarschiert waren. »Der Großkönig will dich sehen, Hexe.«
Sie hatten mich gepackt und aus meiner Zelle gezerrt. Ich hatte um mich geschlagen, geschrien – mich nach Leibeskräften gewehrt. Ich war mir sicher gewesen, dass sie mich nun doch wie meine Mutter am Scheiterhaufen verbrennen lassen würden, bis einer der Soldaten mich angeschrien hatte:
»Nun gib schon Ruhe, Mädchen, scheinbar ist deine Magie unsere einzige Hoffnung, die Welt zu heilen …«
Ruckartig riss ich meine Arme hoch. Nach wie vor trug ich die Grausilber-Handschellen, die meine Kräfte bannten. Sie sahen aus wie glänzende Armreifen und schmiegten sich so eng an meine Haut, dass ich sie nicht einmal hin und her schieben konnte.
Plötzlich hielt ich es keine Minute länger in diesen schweren Decken- und Kissenbergen aus. Mit einer kräftigen Bewegung schlug ich das Federbett zur Seite und erschrak.
Anstelle meiner grauen, zerlumpten Gefängniskleidung trug ich ein knielanges weißes Nachthemd, das am Saum mit Spitze verziert war.
Ob mich einer der Soldaten umgezogen hatte?
Bei dem Gedanken daran wurde mir schwindlig. Wäre das Sonnenlicht, das durch die Glastür fiel, nicht just in diesem Moment stärker geworden, hätte ich mich zusammengerollt und unter der Decke versteckt. Am liebsten hätte ich mir vorgestellt, ich wäre wieder in meiner Zelle in Vankila. Das Gefängnis, in das mich die Soldaten des Königs vor zehn Jahren gebracht hatten, war ein Koloss aus dunklem Stein. An manchen Tagen durfte ich nach draußen, um die Sonne zu sehen. Doch mehr als Felsen und totes Ödland hatte ich nie zu Gesicht bekommen. Die einzigen anderen Lebewesen – außer mir und den Wächtern – waren pechschwarze Raben gewesen, die über den Zinnen Vankilas ihre Runden gedreht und laut gekrächzt hatten.
Jetzt wurde ich neugierig, was es außerhalb dieses weiß und altrosa vertäfelten Raumes noch zu entdecken gab.
Ich lief hinüber zur Glastür. Das Sonnenlicht blendete. Mit einem Ruck zog ich an den goldenen Knäufen. Die Flügel öffneten sich nach innen.
Frischer Wind fuhr mir ins Haar. Die Luft roch salzig und verursachte ein angenehmes Pickeln auf meiner Haut. Möwen kreischten.
Wind … Salz … Wieder erfasste mich eine Brise und ich bekam eine Gänsehaut. Anstatt aber die Flügeltür zu schließen, wagte ich mich weiter vor und stand wenige Herzschläge später barfuß auf einem kleinen, golden umzäunten Balkon.
Staunend hielt ich den Atem an. Vor mir lag das Meer. Nun, zumindest irgendein Meer in dieser Welt. Die Sonne ließ es glitzern, sodass es aussah, als würden abertausende kleine Kristalle darin schwimmen. Ich wagte mich weiter vor, trat an das verschnörkelte Goldgeländer heran und schirmte die gleißenden Strahlen mit einer Hand ab. Ich kniff die Augen zusammen und mein Blick wanderte nach rechts. Neben mir stand eine Steinmauer, aus der wiederum einzelne Erker und Türme herausragten. Diese waren so hoch, als wollten sie den Himmel berühren und so weit, dass unter ihnen bereits das Meer tanzte.
Jetzt schlang ich beide Hände ums Geländer, beugte mich darüber und schaute in eine unendliche Tiefe. Mir klappte der Mund auf. Es musste ein Schloss sein, das hier an der Kante eines Felsens stand.
Ich betrachtete den dunkelgrauen Stein, der dort, wo er vom schäumenden Wasser umspült wurde, glattgeschliffen worden war. Anschließend blickte ich nach links und sah, dass das Gestein abflachte und die Wellen hier sanft ans Ufer rauschten.
Mir entfuhr ein Laut, der eine Mischung aus Lachen und Unglauben war. Und das, obwohl ich mich innerlich wie gelähmt fühlte. Gelähmt vor der Angst, frei zu sein.
Aber war ich das überhaupt?
Es klopfte und ich fuhr herum. Da die Möwen so laut kreischten, trat ich wieder ins Innere, schloss die Glastür und starrte auf die hohe, mit weißen Blumenmustern veredelte Tür. Zuvor war sie mir gar nicht aufgefallen, da sie sich kaum von den Wänden abhob.
Wieder klopfte es.
Meine Euphorie flaute ab. Auf den schmutzigen Fingernägeln kauend sondierte ich das Zimmer erneut und blieb schließlich bei dem Morgenmantel hängen, der über einem altrosa Sessel hing.
Ich griff danach, schlüpfte hinein und als das Klopfen zum dritten Mal erklang, rief ich: »J…Ja?«
Die Tür ging auf und eine Gestalt schlüpfte zu mir in den Raum.
Meine Knie gaben nach. Ich landete im Sessel hinter mir.
Die Person, die eingetreten war, war kein Gefängnisaufseher,
kein Soldat und kein Mensch.
»Mein Name ist Tebea«, stellte sich die junge Frau mit den schulterlangen kobaltblauen Haaren vor. Doch die ungewöhnliche Farbe war es nicht, die meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Es waren die schwarzen schneckenförmigen Hörner, die rechts und links aus ihrem Kopf herauswuchsen.
Ich schnappte nach Luft. Und da ich offensichtlich nichts sagte, fuhr Tebea fort. »Ich bin die Halbschwester von Dorian und Grayson.«
Dorian … Ich überlegte einen Moment und erinnerte mich daran, dass der erstgeborene Sohn unseres Großkönigs so hieß. Herrschte er inzwischen über unsere Welt?
Ich musterte Tebea, deren Körper anders als meiner war. Und obwohl mir meine Mutter früher oft von andersartigen Wesen erzählt hatte, war es doch seltsam, plötzlich eines gegenüber zu haben.
Tebeas Stimme klang unbeschwert. Sie machte ein paar Schritte auf mich zu, woraufhin ihr luftiges Seidenkleid sanft raschelte. Es war mit etlichen Silberketten und Pfauenfedern verziert und schimmerte in den verschiedensten Blautönen.
»Wer ist Grayson?«, erkundigte ich mich, obwohl mir tausend andere Fragen im Kopf herumschwirrten.
Tebea kicherte. »Mein Halbbruder, hörst du nicht zu?« Sie fuhr sich durchs Haar. Dabei drang der Geruch von saftigem Moos und allerlei Kräutern in meine Nase.
Ich blinzelte, senkte den Blick. Da entdeckte ich Tebeas Beine, die durch einen Schlitz im Kleid zum Vorschein kamen. Sofort zuckte ich zusammen und zog automatisch meine Knie an die Brust. Wie ein Häufchen Elend kauerte ich auf dem Sessel, obwohl ich vor ein paar Minuten noch die Welt hatte entdecken wollen. Jetzt war mein Forscherdrang klitzeklein geworden und kurz wünschte ich mir sogar meine Zelle herbei. Meine Zelle, die mir zwar die Freiheit genommen, dafür aber eine seltsame Art der Sicherheit gegeben hatte.
Irritiert starrte ich auf die haarigen, krummen Unterschenkel und die Hufen, die in den weißen Fransenteppich vor mir einsanken.
»Oh«, hörte ich Tebea da sagen und merkte, wie sie ihr Kleid raffte, damit ich einen besseren Blick auf ihre Beine bekam. »Falls es dir nicht schon an den Hörnern aufgefallen ist: Ich gehöre zu den Ziegenwesen, genauer gesagt zu den Faunen. Nicht zu verwechseln mit den uns verwandten Satyrn!«
Ein Faun? Aber wenn sie die Halbschwester von Dorian war, wie konnte das denn sein? In meiner Erinnerung war unser Großkönig ein Mensch gewesen.
»Ich komme nach meiner Mutter«, erklärte sie da auch schon kichernd. »Sie lebt bei unseresgleichen in Magdásos’ Wäldern, am südlichsten Ende Panahas. Nur die einsamen Inseln befinden sich noch südlicher.«
Panaha … Erst jetzt wurde mir klar, dass ich den Namen unseres Kontinents zuletzt vor zehn Jahren gehört hatte.
Langsam gewöhnte ich mich an den Anblick der Ziegenbeine, sodass ich meinen Kopf wieder hob, um Tebea ins Gesicht zu schauen. Lächelnd ließ sie ihr Kleid los und schritt hinüber zu einem kleinen Tischchen, dem ich bisher keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt hatte.
»Ich war vorher schon da als du noch schliefst und habe dir Essen gebracht«, trällerte sie freundschaftlich und griff nach dem geflochtenen weißen Korb. Damit kam sie zu mir zurück und setzte sich vor mich auf den Boden.
»Hunger?«
Sie hielt mir das Behältnis empor....




