Perry | Der Große Gary | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten, DG (E-Content)

Perry Der Große Gary

Roman
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7558-1128-2
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 304 Seiten, DG (E-Content)

ISBN: 978-3-7558-1128-2
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Benjamin ist achtzehn, arbeitet im Supermarkt und lebt in einem Caravan Park an der Ostküste Englands. Seit seine Oma im Krankenhaus liegt - ein Ort, den er aufgrund all der Keime und Erreger tunlichst meidet -, ist Benjamin auf sich allein gestellt. Bis ein toter Wal am Strand angespült wird und er einem herrenlosen Windhund begegnet, der sich prompt an seine Fersen heftet. Als wäre der Anblick des toten Wals nicht schon Herausforderung genug gewesen, muss sich Benjamin nun auch noch um einen fremden Hund kümmern, über dessen Herkunft (und vor allem über dessen potenzielle Krankheiten) er nichts weiß. Erst als der Essenslieferant Leonard in dem Vierbeiner den Großen Gary, den schnellsten Hund des Landes, erkennt und Benjamin vor seinen grausamen Besitzern warnt, fasst dieser einen Entschluss: Er muss Gary beschützen. Auch wenn er sich dafür auf einen abenteuerlichen Roadtrip mit dem wenig vertrauenserweckenden Leonard einlassen und sich seinen schlimmsten Ängsten stellen muss.

ROB PERRY wurde 1987 geboren und studierte Kreatives Schreiben an der University of East Anglia. Er arbeitete als Werbetexter sowie bei der Feuerwehr und als Fitnesscoach, ehe er sich ganz dem Schreiben widmete. Heute lebt Perry im Peak District in Nordengland. >Der Große Gary< ist sein Debütroman.
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1

Benjamin Glass wollte sich gerade einen toten Wal ansehen, als der Hund am Strand neben ihm herzulaufen begann. »Ich gehe zu einem toten Wal«, sagte er laut.

Normalerweise ermutigte er keine ihm unbekannten Hunde, aber dieser sah traurig aus. Er schleifte eine rote Leine hinter sich her und blickte sich immer wieder um.

»Du kommst vielleicht besser nicht mit«, sagte er zu dem Hund, denn er wusste nicht, welchen Begriff sich ein Hund vom Tod machte und ob er die nötige innere Stärke besaß.

Benjamin hatte auf der Arbeit in der Zeitung von dem Wal gelesen. Als er von seiner Vorgesetzten Camilla an die Kasse gesetzt worden war, hatte er den Scanner mit Zeitungspapier abgedeckt, damit er nicht blind wurde oder seine Zellen mutierten. Sie hatte den Finger in ein körniges Bild auf einer der Titelseiten gebohrt.

»Das solltest du dir ansehen«, sagte sie, und eine geballte Faust schwebte über ihrem Herzen. »Schau mal, was es mit dir macht

Camilla habe sich den Wal schon angesehen, sagte sie, im Geiste ihrer vollständigen und grundlegenden Verbundenheit zu sämtlichen Tieren auf der Welt.

»Das wäre nichts für mich«, sagte Benjamin und sprühte antibakterielles Reinigungsmittel auf das Förderband.

»Vielleicht solltest du gerade deswegen hingehen«, sagte sie.

Benjamin drehte sich mit dem Rücken zum Wind und atmete flach für den Fall, dass das, was den Wal getötet hatte, von einer Spezies auf die andere überspringen konnte. Er fürchtete sich vor durch die Luft übertragenen Erregern, seit er von dem Mann gehört hatte, der mit einer hoch ansteckenden Atemwegserkrankung auf dem Flughafen Gatwick gelandet war. Einige Zeitungen hatten berichtet, dass die Krankheit in Ostasien ausgebrochen war, weil die Leute dort Fledermäuse aßen. Camille hatte mit einer zuckerfreien Limo am Getränkeautomaten gestanden, als sie das hörte. Sie hatte die Augen fest zusammengekniffen.

»Die armen Fledermäuse«, hatte sie gesagt. »Die armen, armen Fledermäuse.«

Am Nachmittag hatte sie ihre Chakren gereinigt und die Dosis homöopathischer Mittel erhöht.

»Er ist tot«, sagte Benjamin und zeigte auf den Wal.

Er beäugte das große Maul und das Blasloch des Tiers. Der Hund nahm ein Stück links von ihm Platz. Der Wal wirkte nicht besonders ramponiert, aber der Sand unter ihm hatte sich rot verfärbt. Benjamin dachte darüber nach, wie Blut in Venen mit dem Durchmesser von Wasserleitungen zum Stillstand kam. Er betrachtete die alten, traurigen, von der Sonne ausgetrockneten Augen des Wals und stellte sich vor, wie die Schwerkraft außerhalb des Wassers seine inneren Organe zusammenpresste.

»Wo ist dein Herrchen?«, sagte er zu dem Hund.

Der Hund beachtete ihn nicht; er saß einfach nur da, die Augen auf den Wal gerichtet, blinzelte und atmete. Nach einer Weile ging er zu dem toten Tier hinüber und begann, den Blubber aufzulecken.

»Verdammte Kacke«, sagte Benjamin, dann schaute er sich um, ob ihn jemand gehört hatte. Als der Hund zurückkam, drückte er seine feuchte Nase an Benjamins Hand. »Verdammte Kacke«, sagte Benjamin noch einmal.

Er inspizierte den frischen, feuchten Fleck direkt über seinen Knöcheln, das feine Büschel roter Handhärchen, das an der Haut festklebte. Der Hund sah ihn mit seinen bernsteinfarbenen Augen leicht entrückt an. Blinzelte langsam, als wäre er gerade aus einem Traum erwacht.

»Ich muss jetzt nach Hause«, sagte Benjamin.

Die Spuckehand vor sich ausgestreckt, ging Benjamin zwischen den Dünen hindurch, und der Hund trottete mit ein wenig Abstand hinter ihm her. Während sie einem sandigen Pfad folgten, der sich am Rand des California Sands Caravan Park emporschlängelte, blieb der Hund gelegentlich stehen, um an vom Meer angespülten Plastikteilen und verwaisten Krabbenschalen zu schnuppern. Sie erreichten ein Loch im Maschendrahtzaun.

»Ich glaube, da quetschst du dich besser nicht durch«, sagte Benjamin und zog sich einen schützenden Ärmel über die saubere, nicht vom Hund angeleckte Hand. »Wenn du dich mit Tetanus infizierst, kriegst du Kiefersperre«, sagte er. »Dann kannst du nichts mehr fressen.« Er machte ein paar Kaubewegungen. »Dein Kiefer verkrampft sich.«

Dann zwängte er sich durch die Lücke. Er drehte sich nicht um, damit der Hund nicht auf dumme Gedanken kam, und ging einfach mit geradeaus gerichteten Augen zwischen den Mobilheimen hindurch – seine Turnschuhe glitten im Schlamm leicht aus – vorbei an einem im Regen stehenden Flachbildfernseher und einem Fahrradgestell ohne Räder.

Beim Mobilheim drehte Benjamin sich um und schaute den Weg entlang. Von dem Hund war nichts zu sehen, also stieg er auf die hölzerne Terrasse. Als er sich noch einmal umwandte, stand der Hund hechelnd da. Mit glasigem Blick und offenem Maul starrte er Benjamin an, der durch die Tür schlüpfte und ihn auf der Veranda stehen ließ.

Benjamin lehnte sich an die Wand und sog Sauerstoff in die Lunge. Er zog die Jeans herunter und steckte sie in die Waschmaschine, dann wusch er sich im Spülbecken gründlich die Hände. Er schlich sich zum Fenster und spähte zwischen den Vorhängen hindurch. Der Hund saß auf der Terrasse und betrachtete die im Wind flatternde Flagge des Mobilheimparks. Gelegentlich schloss er die Augen kaum länger als für ein Blinzeln und schwankte leicht. Als er ihn wieder ansah, trat Benjamin vom Fenster zurück und griff nach dem Telefon. Er rief die Auskunft an, um sich nach einer Tierschutzorganisation zu erkundigen, und ließ sich gleich durchstellen.

Während er auf einen freien Callcenter-Mitarbeiter wartete, nahm Benjamin zwei Hübe aus seinem Inhalator. Er hielt die Luft an, bis ihm leicht schwindlig wurde, und lauschte den fern klingenden Popsongs, die knisternd durch den Hörer drangen wie bei einer schlechten Verbindung. Irgendwann meldete sich eine Frau. Sie sprach walisischen Dialekt und klang nett. Sie stellte sich als Linda vor.

»Hallo, hier ist Benjamin Glass«, sagte er.

»Hallo, Benjamin Glass. Was kann ich für Sie tun?«

»Ich rufe an, weil hier ein Hund ist, der mir immer weiter folgt«, sagte er. »Ich habe ihn am Strand bei einem toten Wal getroffen, und er hat daran geleckt. Dann ist er mir nach Hause gefolgt.«

»Ein toter Wal?«, sagte Laura.

Benjamin fand, dass die Frage etwas an der Sache vorbeiging. Der Wal saß schließlich nicht auf der Terrasse.

»Ja. Am Strand. Meinen Sie, er könnte infiziert sein?«

Laura antwortete nicht, also sprach Benjamin weiter.

»Ich fange an zu keuchen, wenn ich gestresst bin«, sagte Benjamin und hoffte, die Stille rührte nur daher, dass sie über eine Lösung nachdachte. »Ich musste meinen Inhalator benutzen.«

»Fangen wir mal mit der Hunderasse an«, sagte Laura.

Benjamin überlegte. Der Hund war wie andere Hunde, nur mit einem tieferen Brustkorb und längeren Beinen.

»Er sieht aus wie ein Rennrad«, sagte er.

»Aha.«

»Und er hat so ein interessantes Fell. Wie ein Tiger.«

»Okay. Sonst noch was?«

»Ein paar von seinen Rippen gucken raus«, sagte er. »Nicht, weil er ausgehungert ist. Ich glaube, die sehen immer so aus, oder?«

»Was sieht so aus?«

»Diese Hunde.«

»Schon möglich«, sagte Laura. »Könnte es ein Windhund sein?«

Im Hintergrund hörte Benjamin weitere Telefone klingeln. Stühle stießen gegen Schreibtische.

»Ja«, sagte er. »Ich glaube schon.«

Laura antwortete nicht gleich. Das schien so ihre Art zu sein.

»Steht vielleicht ein Name auf seinem Halsband?«, sagte sie.

»Ich weiß nicht. Ich versuche, ihn nicht anzufassen.«

»Wo ist er denn jetzt?«

»Ich habe ihn auf der Terrasse gelassen.«

»Verstehe. Und ist er noch da?«

»Ich weiß nicht. Soll ich nachsehen?«

»Das wäre nett.«

Benjamin ging langsam zur Tür, zog dabei das Telefonkabel so lang wie möglich und sprach lauter, weil der Hörer nicht mehr ganz an seinen Kopf heranreichte. Als er durch den Briefschlitz spähte, sah ihm der Hund durch den Schlitz direkt in die Augen. Er leckte sich über die Lippen und zitterte.

»Ich sehe ihn. Er ist noch da«, sagte Benjamin. »Er zittert jetzt.«

»Besteht vielleicht die Möglichkeit, ihn hereinzulassen?«

»Auf gar keinen Fall«, sagte er. »Er ist ein einziger Bazillenherd. Sie müssten bitte kommen und ihn abholen.«

Benjamin öffnete den Vorhang. Es tat ihm leid, das zu sagen, weil der Hund gefühlvolle Augen hatte und weil es draußen kalt war, aber er wollte nicht, dass er seine Genitalien an den Sitzmöbeln rieb und im ganzen Mobilheim Mikroben verteilte.

»Ist er verletzt?«, fragte Laura.

»Sieht nicht so aus. Sein linkes Auge ist ein bisschen blutunterlaufen, glaube ich. Schwer zu sagen von hier aus.«

»Sieht er aus, als hätte er kürzlich gefressen?«

Benjamin musterte den Hund durchs Fenster.

»Abgesehen von dieser Rippensache?«, sagte er.

»Ja. Wirkt er hungrig?«

Benjamin mochte es nicht, unter Druck gesetzt zu werden und das einfach so entscheiden zu müssen. Schließlich war er kein Hundeexperte.

»Warten Sie«, sagte er, stellte das Telefon auf dem Fensterbrett ab und rannte zum Schrank.

Er nahm das letzte Stück Weißbrot aus der Tüte und schob es durch den Briefschlitz. Das Schnüffeln des Hundes wurde durch den Schlitz noch verstärkt, als er das Brot untersuchte, aber er fraß es nicht.

»Er hat keinen Hunger«, sagte Benjamin.

Benjamin hörte, wie Laura jemandem im Hintergrund die Situation erklärte. Während er wartete, kratzte er sich an einer juckenden Stelle am Unterarm, bis die Haut rot...


Große, Hanna
HANNA GROSSE, geboren 1994, lebt in Halle (Saale) und arbeitet als Übersetzerin aus dem Englischen.

Perry, Rob
ROB PERRY wurde 1987 geboren und studierte Kreatives Schreiben an der University of East Anglia. Er arbeitete als Werbetexter sowie bei der Feuerwehr und als Fitnesscoach, ehe er sich ganz dem Schreiben widmete. Heute lebt Perry im Peak District in Nordengland. ›Der Große Gary‹ ist sein Debütroman.



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