E-Book, Deutsch, Band 31, 432 Seiten
Perry Verrat am Lancaster Gate
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-19221-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Thomas-Pitt-Roman
E-Book, Deutsch, Band 31, 432 Seiten
Reihe: Die Thomas & Charlotte-Pitt-Romane
ISBN: 978-3-641-19221-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Engländerin Anne Perry, 1938 in London geboren, verbrachte einen Teil ihrer Jugend in Neuseeland und auf den Bahamas. Ihre historischen Kriminalromane begeistern ein Millionenpublikum und gelangten international auf die Bestsellerlisten. Anne Perry verstarb 2023 in Los Angeles.
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KAPITEL 1
Von der Straße aus betrachtete Pitt die schwelenden Ruinen des Hauses. Nachdem die Feuerwehr auch hier und da wieder aufflackernde Glutnester gründlich gelöscht hatte, sammelte sich jetzt das Wasser in den Kratern, die der vor einer Dreiviertelstunde gezündete Sprengsatz im Boden des Gebäudes hinterlassen hatte. Dichter Qualm verdunkelte den Mittagshimmel, und in der Luft hing der Geruch von Sprengstoff.
Pitt trat beiseite, als zwei Sanitäter einen Verletzten auf einer behelfsmäßigen Trage zu einem wartenden Wagen brachten. Der Brandgeruch ließ die vor den Wagen gespannten Pferde unruhig stampfen, und jedes Mal, wenn ein durchgebrannter Balken herabstürzte, scheuten die Tiere.
»Das wär’s, Sir. Jetzt sind alle draußen«, teilte ihm der Polizeibeamte mit, der das Gebäude bewachte. Man merkte seinem Gesicht das Entsetzen an – kein Wunder, denn die fünf Opfer des Anschlags waren seine Kollegen.
»Danke«, sagte Pitt. »Wie viele sind tot?«
»Hobbs und Newman, Sir. Wir haben alles gelassen, wie es war.« Er hustete und räusperte sich. »Ednam, Bossiney und Yarcombe hat es ziemlich übel erwischt, Sir.«
»Danke«, sagte Pitt erneut. Seine Gedanken jagten sich, doch ihm fiel nichts ein, was er dem Beamten zum Trost hätte sagen können. Pitt stand an der Spitze des Staatsschutzes, jener geheimdienstlichen Abteilung, die immer dann tätig wurde, wenn es um eine Bedrohung der nationalen Sicherheit durch Sabotage, Attentate, Bombenanschläge oder irgendeine Art von Terrorismus ging. Schon viel zu häufig war er Zeuge von Zerstörung und gewaltsamem Tod geworden. Vor seiner Zeit beim Staatsschutz hatte er wie die Männer, die diesem Anschlag zum Opfer gefallen waren, der regulären Polizei angehört, wo es seine Aufgabe gewesen war, Mordfälle aufzuklären.
Allem Anschein nach hatte sich dieser Anschlag bewusst gegen die Polizei gerichtet. Einige der Kollegen kannte er, hatte viele Jahre mit ihnen zusammengearbeitet. Er konnte sich an Newmans Hochzeit und an Hobbs’ erste Beförderung erinnern. Jetzt musste er, unbeeinflusst davon, dass er sie gekannt hatte, die Trümmer nach dem durchsuchen, was von ihnen übrig geblieben war. Jeder Mensch konnte sein Leben verlieren, und wahrscheinlich hatte jeder jemanden, der ihn im Falle seines Todes entsetzlich vermisste. Aber wenn es sich anders verhielte, wäre das nicht sogar noch schlimmer?
Pitt wandte sich um und bahnte sich langsam seinen Weg durch die Trümmer, bemüht, alles so zu lassen, wie es war – denn gewissermaßen handelte es sich um Beweismaterial. In dem Haus war eine Bombe gezündet worden – Passanten hatten einen lauten Knall gehört und Trümmer durch die Luft fliegen sehen. Als die Holzteile des Gebäudes Feuer gefangen hatten, waren Flammen emporgeschlagen. Überall lagen Glassplitter von den geborstenen Fenstern. Zwei Personen, ein Mann und eine Frau, waren so nahe am Tatort gewesen, dass sie als Zeugen infrage kamen. Sie saßen jetzt im hinteren Teil eines Sanitätswagens, dessen Türen offen standen. Einer der Sanitäter redete beruhigend auf sie ein, während er eine tiefe Schnittwunde am Arm der Frau versorgte. Auch wenn beide ziemlich mitgenommen wirkten, würde Pitt möglichst bald mit ihnen sprechen müssen. Immerhin bestand die Möglichkeit, dass sie etwas Wichtiges gesehen hatten. Mitunter zeigte sich nachträglich, dass sich sogar Hinweise aus etwas ergaben, was jemand nicht gesehen hatte.
Pitt wandte sich zuerst an den Mann. Er mochte etwas über sechzig sein. Er war weißhaarig und trug einen dunklen Anzug. Abgesehen von diversen Schnittverletzungen, hatte er eine Brandwunde an der rechten Wange, wo ihn ein brennendes Stück Holz getroffen haben mochte. Staub bedeckte die ganze rechte Seite seines Anzugs, der mehrere Brandlöcher aufwies.
Pitt entschuldigte sich für die Störung und fragte ihn dann nach Namen und Anschrift.
»Wir waren auf dem Heimweg von der Kirche, Gott steh mir bei«, sagte der Mann mit zitternder Stimme. »Was für Menschen sind das nur, die so etwas tun?« Er hatte unübersehbar Angst und bemühte sich verzweifelt, das vor seiner Frau zu verbergen. Er war, wie sich das gehörte, auf der äußeren Gehwegseite gegangen, und so hatte sie sich näher am Gebäude befunden und war von der Explosion stärker in Mitleidenschaft gezogen worden. Da durch den Verband, den der Sanitäter an ihrem Arm angelegt hatte, bereits Blut drang, wickelte er eine weitere Lage Verbandsmaterial darum. Dabei mahnte er Pitt mit Blicken, sich zu beeilen.
»Haben Sie jemanden auf der Straße gesehen?«, fragte Pitt den Mann. »Jeder Zeuge ist wichtig.«
»Nein … nein, niemanden. Wir haben uns miteinander unterhalten«, gab dieser zur Antwort. »Wer tut so etwas? Sind das wieder Anarchisten? Was wollen die?«
»Das weiß ich nicht, Sir. Aber wir werden es herausbekommen«, versprach Pitt. »Sagen Sie uns bitte Bescheid, wenn Ihnen später noch etwas einfällt, woran Sie sich im Augenblick nicht erinnern.« Er gab dem Mann seine Karte, wünschte der Frau baldige Genesung, nickte dem Sanitäter zu und wandte sich erneut dem Haus zu. Es war an der Zeit, in die Ruine hineinzugehen, sich die Getöteten anzusehen und möglichst viel Beweismaterial zu sammeln.
Sorgfältig suchte er sich seinen Weg um herabgestürzte Balken herum. Obwohl nach wie vor Brandgeruch in der Luft lag, war es kalt.
»Sir!«, rief ihm ein Feuerwehrmann zu. »Sie können da nicht rein! Es ist …«
Pitt ging weiter. Glassplitter knirschten unter seinen Schuhsohlen. »Commander Pitt«, stellte er sich vor.
»Ach so … Seien Sie aber vorsichtig, Sir. Achtung, Ihr Kopf.« Der Feuerwehrmann blickte zu einem halb abgebrochenen Balken empor, der in einem gefährlichen Winkel herabhing und aussah, als könne er sich jeden Augenblick lösen und herabfallen. »Trotzdem sollten Sie eigentlich nicht hier sein«, fügte er hinzu.
»Was ist mit den Toten?«, fragte Pitt.
»Die laufen Ihnen nicht davon, Sir. Es dürfte das Beste sein, wenn wir sie rausholen. Dort drinnen ist es zu gefährlich«, erwiderte der Feuerwehrmann. »Die Explosion hat sie getötet, Sir. Daran besteht kein Zweifel.«
Pitt hätte diesen Vorwand gern genutzt, um sich die Toten nicht ansehen zu müssen, aber davon konnte keine Rede sein. Schon möglich, dass er nichts Wichtiges in Erfahrung bringen würde, aber irgendwo musste er anfangen. Er musste sich der Situation stellen und sie bewältigen.
Er war jetzt bei dem Feuerwehrmann angekommen. Unter den schwarzen Ascheflecken war dessen Gesicht bleich. Seine Uniform war verschmutzt und durchnässt, und sobald er Zeit hätte, sich darüber Gedanken zu machen, würde er merken, dass er auch fror.
»Da entlang, Sir«, sagte der Mann zögernd. »Aber seien Sie vorsichtig. Am besten fassen Sie nichts an, damit Ihnen nicht das Ganze auf den Kopf fällt.«
»Ich passe schon auf«, gab Pitt zur Antwort und machte sich auf den Weg ins Innere, wobei er bemüht war, nicht zu stolpern, um sich nicht an irgendwelchen zerstörten Möbelstücken, hervorstehenden Eisenträgern oder lose herabhängenden Gebäudeteilen zu verletzen.
Geborstene Dielen standen schräg aus dem Boden hervor. Es musste sich um einen starken Sprengsatz gehandelt haben. Nach den Brandspuren und den Holzresten zu urteilen, befand sich Pitt seiner Schätzung nach ganz in der Nähe der Explosionsstelle. Was um Himmels willen mochte hier in dem Haus an einer ruhigen Londoner Straße in der Nähe des Kensington Parks geschehen sein? Steckten Anarchisten dahinter? Von denen wimmelte es in der Stadt. Bestimmt die Hälfte der europäischen Revolutionäre lebte schon seit Längerem in London oder hatte sich zumindest eine Zeit lang in der Stadt aufgehalten. Zuletzt hatten ihre Aktivitäten – verglichen mit früheren Jahren – deutlich nachgelassen, doch jetzt, kurz vor dem Ende des Jahres 1898, hatte es den Anschein, als sei die Gelassenheit des Staatsschutzes ihnen gegenüber fehl am Platz gewesen. War dies ein letztes Aufbäumen oder womöglich ein Vorbote wieder aufflammender Aktivität? Auf dem europäischen Kontinent hatten Nihilisten den französischen Präsidenten Carnot, Zar Alexander II. von Russland und den spanischen Premierminister Cánovas del Castillo ermordet sowie erst vor wenigen Monaten auch Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn. Griff die Gewalttätigkeit jetzt möglicherweise auch auf England über?
Pitt sah eine Leiche, genauer gesagt, die Überreste eines der Anschlagsopfer. Er musste heftig schlucken und fürchtete einen Augenblick lang, sich übergeben zu müssen. Ein Bein fehlte, und ein Dachbalken hatte die Brust auf einer Seite vollständig eingedrückt. Der Schädel war zerschmettert, doch als Pitt sich zwang, genau hinzusehen, erkannte er an den Gesichtszügen, dass es sich um Newman handelte.
Er würde die Witwe aufsuchen und ihr die üblichen Trostworte sagen müssen. Zwar würde es ihr nichts helfen, aber es würde ihren Schmerz verstärken, wenn er es unterließe.
Aufmerksam betrachtete er den Toten. Ließ sich an ihm irgendetwas über das hinaus erkennen, was ihm der Feuerwehrmann gesagt hatte? Newtons sonderbar unversehrtes Gesicht zeigte keine Rußspuren. Der linke...




