E-Book, Deutsch, Portuguese, 240 Seiten
Pessoa / Martins / Zenith Alberto Caeiro
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-10-403388-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Poesia - Poesie Revidierte und erweiterte Ausgabe (Zweisprachige Ausgabe)
E-Book, Deutsch, Portuguese, 240 Seiten
ISBN: 978-3-10-403388-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Fernando Pessoa (1888-1935), der bedeutendste moderne Dichter Portugals, ist auch bei uns mit dem »Buch der Unruhe« bekannt geworden. Einen Großteil seiner Jugend vebrachte er in Durban, Südafrika, bevor er 1905 nach Lissabon zurückkehrte, wo er als Handelskorrespondent arbeitete und sich nebenher dem Schreiben widmete. 1912 begann seine Tätigkeit als Literaturkritiker und Essayist. Er schuf nicht nur Gedichte und poetische Prosatexte verschiedenster, ja widersprüchlichster Art, sondern Verkörperungen der Gegenstände seines Denkens und Dichtens: seine Heteronyme, darunter Alberto Caeiro, Ricardo Reis, Álvaro de Campos - und er schrieb eben auch als Pessoa, das im Portugiesischen so viel wie »Person, jemand« bedeutet.
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deutscher Text
I
Nie habe ich Herden gehütet,
Und doch ist es, als hütete ich sie.
Meine Seele ist wie ein Hirte,
Kennt den Wind und die Sonne
Und geht an der Hand der Jahreszeiten,
Folgt ihnen und schaut.
Aller Friede der menschenleeren Natur
Setzt sich mir zur Seite.
Aber ich werde traurig wie ein Sonnenuntergang
In unserer Phantasie,
Wenn es kalt wird in der Tiefe der Ebene
Und man spürt, die Nacht ist gekommen
Wie ein Schmetterling durchs Fenster.
Doch meine Trauer ist Ruhe,
Weil sie natürlich ist und rechtens,
Und genau sie in der Seele sein muß,
Wird sie sich ihres Daseins bewußt,
Und die Hände Blumen pflücken unbemerkt von ihr.
Wie Viehglockenklang
Hinter der Wegbiegung
Sind meine Gedanken zufrieden.
Nur schmerzt mich zu wissen, daß sie zufrieden sind,
Denn wüßt’ ich es nicht,
Wären sie statt traurig-zufrieden
Heiter-zufrieden.
Denken ist lästig wie ein Gang durch den Regen,
Wenn der Wind zunimmt und es stärker zu regnen scheint.
Ich habe weder Ehrgeiz noch Wünsche.
Dichter zu sein ist nicht mein Bestreben.
Es ist meine Art, einsam zu sein.
Und wenn ich zuweilen –
In meiner Phantasie – ein Lämmlein sein möchte
(Oder die ganze Herde,
Um über den ganzen Hang auszuschwärmen
Und viel Glück zugleich zu sein),
So nur, weil ich fühle, was ich bei Sonnenuntergang schreibe,
Oder wenn eine Wolke mit der Hand über das Licht streicht
Und Stille über die Gräser huscht.
Wenn ich mich setze, Verse zu schreiben
Oder, über Wege und Stege wandernd,
Verse auf ein Papier in meinem Denken schreibe,
Spüre ich einen Hirtenstab in den Händen
Und sehe mein Ebenbild
Von einem Hügel
Auf meine Herde schauen und meine Gedanken sehen,
Oder auf meine Gedanken schauen und meine Herde sehen,
Und vage lächeln wie einer, der nicht versteht, was man sagt,
Und so tun will, als ob er verstünde.
Ich grüße alle, die mich künftig lesen,
Und ziehe vor ihnen meinen breiten Hut,
Wenn sie mich an meiner Tür erblicken,
Sobald die Kutsche erscheint auf dem Hügel.
Ich grüße sie und wünsch’ ihnen Sonne
Und Regen, wenn Regen nottut,
Und in ihren Häusern möge
Nahe einem offenen Fenster
Ihr Lieblingsstuhl stehen,
Auf den sie sich setzen und meine Verse lesen.
Und beim Lesen meiner Verse denken,
Ich sei ein Naturding –
Zum Beispiel der alte Baum,
In dessen Schatten sie sich als Kinder
Fallen ließen, ermattet vom Spiel,
Und mit zerrissenem Schürzenärmel
Den Schweiß von der heißen Stirn wischten.
II
Mein Blick ist offen wie eine Sonnenblume …
Ich habe die Gewohnheit, die Straßen entlangzuwandern,
Nach rechts und nach links zu schauen
Und manchmal auch zurück …
Und was ich mit jedem Augenblick sehe,
Habe ich zuvor nie gesehen
Und weiß dies sehr wohl wahrzunehmen …
Ich kenne den Wesensschauder
Eines Kindes, merkte es bei seiner Geburt,
Daß es wirklich das Licht der Welt erblickt …
Ich fühle mich mit jedem Augenblick
Für die ewige Neuheit der Welt geboren …
Ich glaube an die Welt wie an ein Tausendschönchen,
Weil ich sie sehe. Aber ich denke nicht nach über sie,
Denn denken heißt nicht-verstehen …
Die Welt wurde nicht geschaffen, damit wir über sie nachdenken
(Denken heißt augenkrank sein),
Sondern damit wir sie ansehen und im Einklang sind mit ihr.
Ich habe keine Philosophie, ich habe Sinne …
Rede ich von der Natur, so nicht, weil ich weiß, was sie ist,
Sondern weil ich sie liebe, und darum liebe ich sie;
Denn wer liebt, weiß niemals, was er liebt,
Noch warum er liebt oder was lieben ist …
Lieben ist ewige Unschuld
Und die einzige Unschuld besteht im Nicht-Denken …
III
In der Dämmerung, am Fenster lehnend
Und mit einem Seitenblick wissend, daß vor mir Felder liegen,
Lese ich, bis mir die Augen brennen,
Cesário Verdes Buch.
Der Ärmste! Er war ein Mensch vom Land,
Der sich gefangen frei durch die Stadt bewegte.
Doch seine Art, die Häuser zu betrachten,
Seine Art, auf die Straßen zu achten,
Die Dinge ins Auge zu fassen,
Ist die eines Menschen, der Bäume betrachtet
Und den Weg im Blick hat, auf dem er geht –
Einer, der die Blumen wahrnimmt auf den Feldern …
Daher die große Traurigkeit,
Die er niemals recht zugab –
Doch bewegte er sich in der Stadt wie einer, der sich nicht auf dem Land bewegt,
Und traurig, wie wenn man Blumen in Bücher preßt
Und Pflanzen in Krüge stellt …
IV
Heute nachmittag ging das Gewitter
An den Hängen des Himmels nieder
Wie ein gewaltiger Steinschlag …
Wie wenn jemand aus einem hohen Fenster
Ein Tischtuch ausschüttelt
Und die Krümel machen, weil sie gemeinsam fallen,
Im Niederfallen Geräusche,
Rann laut Regen vom Himmel
Und schwärzte die Wege …
Als Blitze die Luft erschütterten
Und den Raum schüttelten,
Wie ein großes Haupt, das nein sagt,
Schickte ich – warum nur? – ich hatte keine Angst –
Ein Gebet zur Heiligen Barbara,
Als wär’ ich jemandes alte Tante.
Ach, als ich zur Heiligen Barbara betete,
Fühlte ich mich noch schlichter
Als ohnehin …
Fühlte mich häuslich und hausbacken,
Als hätte ich dieses Leben
Still wie die Hinterhofmauer verbracht,
Hatte Gedanken und hatte Gefühle, weil ich sie hatte,
Wie eine Blume Farbe und Duft …
Ich fühlte mich wie einer, der an die Heilige Barbara glauben kann …
Ach, an die Heilige Barbara glauben können!
(Wer da glaubt, es gibt die Heilige Barbara,
Glaubt er, sie ist ein Mensch und sichtbar,
Oder was sonst glaubt er von ihr?)
(Welch eine Täuschung! Was wissen
Die Blumen, die Bäume, die Herden
Von der Heiligen Barbara? … Der Zweig eines Baumes,
Hätte er Verstand, könnte doch niemals
Heilige ersinnen noch Engel …
Er könnte nur denken: die Sonne
Erhellt und das Gewitter
Ist ein plötzlicher Lärm,
Beginnend mit Licht …
Ach, wie sind doch selbst die schlichtesten Menschen
Verworren, töricht und krank
Neben der klaren Schlichtheit
Und dem gesunden Dasein
Von Bäumen und Pflanzen!)
Und ich, an all dies denkend,
Fühlte mich abermals weniger glücklich.
Fühlte mich düster und krank und schwer
Wie ein Tag, über dem ein Gewitter droht,
Und selbst zur Nachtzeit nicht niedergeht …
V
Auch im Nichtdenken steckt genug Metaphysik.
Was ich denke über die Welt?
Was weiß ich, was ich denke über die Welt!
Erkrankte ich, dächte ich darüber nach.
Welche Vorstellung ich habe von den Dingen?
Welche Meinung über Ursache und Wirkung?
Was ich ergrübelt habe über Gott und die Seele
Und die Erschaffung der Welt?
Ich weiß es nicht. Für mich heißt darüber nachdenken, die Augen schließen
Und nicht denken. Heißt die Vorhänge zuziehen
An meinem Fenster (doch hat es keine Vorhänge).
Das Geheimnis der Dinge? Was weiß ich, was Geheimnis ist!
Das einzige Geheimnis ist, daß da einer ans Geheimnis denkt.
Wer in der Sonne steht und die Augen schließt,
Weiß bald nicht mehr, was die Sonne ist,
Und ersinnt überhitztes Zeug.
Aber kaum macht er die Augen auf und sieht die Sonne,
Kann er an nichts mehr denken,
Denn das Sonnenlicht taugt mehr als die Gedanken
Aller Dichter und aller Denker.
Das Sonnenlicht weiß nicht, was es tut,
Und irrt daher nicht, ist für alle da und ist gut.
Metaphysik? Welche Metaphysik haben die Bäume?
Grün zu sein, belaubt und Zweige zu tragen
Und Früchte zu bringen zu ihrer Zeit, und wir nehmen es gedankenlos hin,
Wir, außerstande, sie wahrzunehmen.
Aber welche Metaphysik wäre besser als die der Bäume,
Die nicht wissen, wozu sie leben,
Nicht wissen, daß sie’s nicht wissen?
»Inneres Gefüge der Dinge«,
»Innerer Sinn des Weltalls«.
All dies ist falsch, all dies will nichts besagen.
Wie kann man nur an dergleichen denken!
Es ist, als dächte man an Gründe und Zwecke,
Wenn der Morgen anbricht und bei den Bäumen
Schwebendes Gold die Dunkelheit aufhebt.
Über den inneren Sinn der Dinge grübeln
Ist so müßig wie an die Gesundheit denken
Oder ein Glas zum Quellwasser tragen.
Der einzige innere Sinn der Dinge
Ist, daß sie...




