E-Book, Deutsch, Band 6, 542 Seiten
Reihe: Amelia Peabody
Peters Schatten über dem Nil - oder: Die Schlange, das Krokodil und der Tod
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-293-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Ägypten-Krimi. Amelia Peabody 6
E-Book, Deutsch, Band 6, 542 Seiten
Reihe: Amelia Peabody
ISBN: 978-3-98952-293-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Elizabeth Peters (1927 - 2013) ist das Pseudonym von Barbara G. Mertz, einer amerikanischen Autorin und Ägyptologin. Sie promovierte am berühmten Orient-Institut in Chicago und wurde für ihre Romane und Sachbücher mit vielen Preisen ausgezeichnet. Einer dieser Preise, der »Amelia Award«, wurde sogar nach ihrer beliebten Romanfigur benannt, der bahnbrechenden Amelia Peabody. Besonders ehrte sie jedoch, dass viele ÄgyptologInnen ihre Bücher als Inspirationsquelle anführen. Die »Amelia Peabody«-Reihe von Elizabeth Peters bei dotbooks umfasst: »Das Rätsel der Mumie« »Der Fluch des Pharaonengrabes« »Im Tal der Squinx« »Der Sarkophag« »Verloren in der Wüstenstadt« »Schatten über dem Nil« »Der Ring der Pharaonin« Die »Vicky Bliss«-Reihe von Elizabeth Peters bei dotbooks umfasst: »Vicky Bliss und der geheimnisvolle Schrein« »Vicky Bliss und die Straße der fünf Monde« »Vicky Bliss und der blutrote Schatten« »Vicky Bliss und der versunkene Schatz« »Vicky Bliss und die Hand des Pharaos« Auch bei dotbooks erscheint ihre Krimireihe um Jacqueline Kirby: »Der siebte Sünder - Der erste Fall für Jacqueline Kirby« »Der letzte Maskenball - Der zweite Fall für Jacqueline Kirby« »Ein preisgekrönter Mord - Der dritte Fall für Jacqueline Kirby« »Ein todsicherer Bestseller - Der vierte Fall für Jacqueline Kirby« Unter Barbara Michaels veröffentlichte bei dotbooks ihre Romantic-Suspense-Romane: »Der Mond über Georgetown« »Das Geheimnis von Marshall Manor« »Die Villa der Schatten« »Das Geheimnis der Juwelenvilla« »Die Frauen von Maidenwood« »Das dunkle Herz der Villa« »Das Haus des Schweigens« »Das Geheimnis von Tregella Castle« »Die Töchter von King's Island« Sowie ihre historischen Liebesromane: »Abbey Manor - Gefangene der Liebe« »Wilde Manor - Im Sturm der Zeit« »Villa Tarconti - Lied der Leidenschaft« »Grayhaven Manor - Das Leuchten der Sehnsucht«
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Kapitel 2
»Auch wenn man entschlossen
ist, sich würdevoll ins
Martyrium zu fügen,
ist ein Tag Aufschub
nicht zu verachten.«
Ich glaube an die Kraft von Gebeten; als Christin bin ich dazu verpflichtet. Allerdings glaube ich als rational denkender Mensch wie auch als Christin (das ist nicht zwangsläufig unvereinbar, was auch immer Emerson dazu sagen mag) nicht, daß der Allmächtige unmittelbar Anteil an meinen persönlichen Belangen nimmt. Es gibt zu viele andere Menschen, um die er sich kümmern muß, und die meisten von ihnen benötigen seine Hilfe weitaus dringender als ich.
Jedoch bin ich geneigt zu glauben, daß eines Nachmittags, einige Monate nach dem oben geschilderten Gespräch, ein gütiges Wesen das Gebet erhörte, das ich nicht einmal in meinen geheimsten Gedanken in Worte zu fassen gewagt hatte.
Wie schon so viele Male zuvor lehnte ich an der Reling des Dampfers und wartete gespannt auf das Auftauchen der ägyptischen Küste. Und wieder einmal stand Emerson neben mir und brannte wie ich darauf, die neue Ausgrabungssaison in Angriff zu nehmen. Doch zum ersten Mal in ach so vielen Jahren waren wir beide allein.
Allein! Die Schiffsbesatzung und die übrigen Passagiere zähle ich nicht. Wir waren ALLEIN. Ramses hatte uns nicht begleitet. Er kletterte also nicht – trotz Lebensgefahr – auf der Reling herum, er stachelte die Mannschaft nicht zur Meuterei auf; er versuchte nicht, in seiner Kabine Dynamit herzustellen. Denn er war nicht an Bord, sondern in England, und wir ... wir waren ganz weit fort. Ich hätte mir nicht träumen lassen, das je zu erleben. Ich hätte nie zu hoffen gewagt, geschweige denn darum gebetet, daß ein solcher Glücksfall jemals eintreten möge.
Das Walten der Vorsehung ist wahrlich unergründbar, denn ausgerechnet Nefret, von der ich eigentlich zusätzliche Schwierigkeiten erwartet hatte, war für dieses glückliche Ereignis verantwortlich.
***
Denn einige Tage, nachdem Walter, Evelyn und die Kinder abgereist waren, hatte ich Nefret eingehend beobachtet und war zu dem Schluß gekommen, daß die bösen Vorahnungen, die mich an jenem schönen Juninachmittag beschlichen hatten, nur einer melancholischen Stimmung zu verdanken gewesen waren. Evelyn war an dem Tag in einer seltsamen Laune gewesen; ihr Pessimismus hatte mich angesteckt. Ganz offensichtlich kam Nefret gut zurecht. Sie hatte gelernt, wie man mit Messer und Gabel umging, mit dem Knöpfhaken hantierte und eine Zahnbürste benutzte. Sie hatte sogar begriffen, daß es ungehörig war, bei Tisch Gespräche mit den Bediensteten zu führen. (Damit war sie Emerson einen Schritt voraus, der sich dieser allgemein anerkannten Umgangsform nicht unterordnen konnte oder wollte.) Wenn sie ihre geknöpften Stiefel und zierlichen weißen Kleidchen trug und ihr Haar mit Bändern zurückgebunden hatte, sah sie wie ein hübsches englisches Schulmädchen aus. Sie zog Stiefel an, obwohl sie sie verabscheute, und auf meine Bitte hin ließ sie die prächtigen nubischen Kleider im Schrank verschwinden. Nie äußerte sie ein Wort der Klage oder des Widerspruchs gegen einen meiner Vorschläge. Also beschloß ich, nun den nächsten Schritt zu wagen. Es war an der Zeit, Nefret in die Gesellschaft einzuführen, was selbstverständlich langsam und behutsam vor sich gehen mußte. Und welch bessere und liebenswürdigere Gefährtinnen, überlegte ich, konnte es geben als Mädchen ihres Alters?
Rückblickend betrachtet muß ich zugeben, daß mir ein geradezu lachhafter Denkfehler unterlief. Allerdings möchte ich zu meiner Verteidigung anführen, daß ich sehr wenig Kontakt mit Mädchen dieses Alters hatte. Deshalb konsultierte ich meine Freundin, Miss Helen McIntosh, die eine nahegelegene Mädchenschule leitete.
Helen war Schottin, unverblümt und energisch; alles an ihr war braun – von ihrem schon leicht angegrauten Haar bis zu ihren praktischen Tweedkostümen. Als sie meine Einladung zum Tee annahm, machte sie kein Hehl aus ihrer Neugier auf unser neues Mündel.
Ich setzte alles daran, daß Nefret einen guten Eindruck machte, und beschwor sie, sich nicht zu verplappern und dadurch Zweifel an der Geschichte zu wecken, die wir verbreitet hatten. Vielleicht habe ich es übertrieben. Die ganze Zeit über saß Nefret wie eine Statue der Schicklichkeit da, hielt die Augen gesenkt und die Hände gefaltet und sprach nur, wenn sie dazu aufgefordert wurde. Das Kleid, das sie auf meine Bitte hin trug, paßte hervorragend zu ihrem Alter – weißer Batist mit gerüschten Manschetten und einer breiten Schärpe. Ich hatte ihr die Zöpfe aufgesteckt und ihr große weiße Schleifen ins Haar gebunden.
Nachdem ich Nefret gestattet hatte, sich zurückzuziehen, blickte mich Helen mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Meine liebe Amelia«, sagte sie, »was haben Sie nur getan?«
»Nur das, was christliche Nächstenliebe und Anstand gebieten«, erwiderte ich trotzig. »Welchen Fehler können Sie ihr denn vorwerfen? Sie ist intelligent und bemüht, einen guten Eindruck zu machen ...«
»Meine Liebe, die Schleifen und Rüschen täuschen niemanden. Auch wenn Sie das Mädchen in Lumpen steckten, würde es immer noch so exotisch wirken wie ein Paradiesvogel«
Das konnte ich nicht bestreiten. Ich schwieg – wie ich zugeben muß – verärgert, während Helen an ihrem Tee nippte. Allmählich glätteten sich die Falten auf ihrer Stirn, und schließlich meinte sie nachdenklich: »Zumindest kann kein Zweifel bestehen, was die Reinheit ihres Blutes betrifft.«
»Helen!« rief ich aus.
»Nun, solche Fragen stellen sich nun einmal bei Nachkommen von Männern, die in weit entfernten Gebieten des Empire stationiert sind. Mütter, die günstigerweise verstorben sind, Kinder mit glänzenden schwarzen Augen und sonnengebräunten Wangen ... Sehen Sie mich doch nicht so böse an, Amelia, ich rede hier nicht von meinen eigenen Vorurteilen, sondern von denen der Gesellschaft, und wie ich bereits sagte, besteht kein Zweifel an Nefrets ... Ich rate Ihnen, ihr einen anderen Namen zu geben. Wie wäre es mit Natalie? Er ist zwar ungewöhnlich, aber unzweifelhaft englischer Herkunft.«
Helens Äußerungen riefen in mir gewisse Bedenken hervor, doch nachdem ihr Interesse geweckt war, machte sie sich mit solcher Begeisterung an die Arbeit, daß ich nicht wußte, wie ich ihr widersprechen sollte. Obwohl ich eigentlich nicht unter mangelndem Durchsetzungsvermögen leide, fühlte ich mich in diesem Fall unsicher. Schließlich war Helen Expertin, was junge Damen betraf, und da ich sie um ihre Meinung gebeten hatte, fühlte ich mich nicht berechtigt, ihre Ratschläge anzuzweifeln.
Diese Episode hätte mir schon damals eine Lehre sein sollen, niemals mein eigenes Urteil in Frage zu stellen. Seitdem habe ich diesen Fehler nur noch einmal gemacht – und er endete, wie Sie sehen werden, fast in einer noch größeren Katastrophe.
Die ersten Begegnungen von Nefret mit den »jungen Damen«, die Helen sorgfältig ausgewählt hatte, schienen gut zu verlaufen. Mir kamen diese Mädchen reichlich albern vor, und nachdem eins von ihnen bei der ersten Zusammenkunft auf Emersons höfliche Begrüßung mit Gekicher antwortete und ein anderes ihm eröffnete, er sehe viel besser aus als irgendeiner ihrer Lehrer, verbarrikadierte sich Emerson jedes Mal in der Bibliothek und weigerte sich herauszukommen, solange sie im Haus waren. Er stimmte jedoch zu, daß es wahrscheinlich eine gute Idee sei, Nefret mit ihren Altersgenossinnen zusammenzubringen. Nefret selbst schien nichts gegen die Mädchen zu haben. Ich hatte auch keineswegs erwartet, daß sie sich anfangs wirklich amüsieren würde. Sich an gesellschaftlichen Umgang zu gewöhnen, ist ein hartes Stück Arbeit.
Schließlich meinte Helen, es sei nun an der Zeit, daß Nefret die Besuche erwiderte, und lud sie in aller Form zu einer Teestunde mit ihr und den ausgewählten jungen »Damen« in die Schule ein. Ich war nicht eingeladen. Genauer gesagt, Helen verbat mir ausdrücklich zu kommen und fügte in ihrer unverblümten Art hinzu, Nefret solle sich unbefangen fühlen und natürlich benehmen. Die unterschwellige Andeutung, daß meine Anwesenheit Nefret daran hindere, sich unbefangen zu fühlen, war natürlich lächerlich, doch ich wagte – damals! – nicht, einer solchen anerkannten Expertin für junge Damen zu widersprechen. Als Nefret sich auf den Weg machte, hegte ich all die Bedenken, die jede besorgte Mutter beschleichen; doch ich sagte mir, daß ihr Erscheinungsbild nichts zu wünschen übrig ließe, von ihrem hübschen rosengeschmückten Hut bis hin zu ihren zierlichen Schühchen. William, der Kutscher, gehörte auch zu ihren Bewunderern: Er hatte die Pferde gestriegelt, daß ihr Fell glänzte; die Knöpfe an seinem Rock schimmerten im Sonnenlicht.
Nefret kehrte früher zurück, als ich erwartet hatte. Ich saß gerade in der Bibliothek und arbeitete die angehäufte Post durch, als Ramses hereinkam.
»Nun, Ramses, was willst du?« fragte ich gereizt. »Siehst du denn nicht, daß ich zu tun habe?«
»Nefret ist zurückgekommen«, sagte er.
»So früh schon?« Ich legte meinen Federhalter beiseite und drehte mich zu ihm um. Er stand, die Hände auf dem Rücken, breitbeinig da und blickte mich unverwandt an. Seine schwarzen Locken waren zerzaust (wie immer), und sein Hemd war über und über mit Schmutz und Chemikalien besudelt (wie immer). Bestimmte Partien seines Kopfes, insbesondere die Nase und das Kinn, waren noch zu groß für sein schmales Gesicht, doch wenn er weiterhin so zunehmen würde wie bisher, würden seine Gesichtszüge eines Tages nicht unansehnlich wirken – vor allem sein Kinn, das ein noch unentwickeltes Grübchen, den Ansatz zu einer Spalte zeigte,...




