E-Book, Deutsch, 290 Seiten
Reihe: beTHRILLED
Petersen Blutritual
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7325-5773-8
Verlag: beTHRILLED
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein vermisstes Mädchen. Ein Dorf mit einem dunklen Geheimnis. Und ein nie aufgeklärtes Verbrechen.
E-Book, Deutsch, 290 Seiten
Reihe: beTHRILLED
ISBN: 978-3-7325-5773-8
Verlag: beTHRILLED
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mitten im Winter verschwindet in dem norddeutschen Dorf Greiderheide ein junges Mädchen spurlos in den Wäldern. Die junge Kommissarin Anika Bartelsen übernimmt den Fall. Kurz darauf taucht auch noch Kommissar Gustaf Ohlsen aus Berlin in dem Dorf auf. Er sucht nach seiner Tochter, einer Journalistin, die ebenfalls vermisst wird und hier zuletzt für eine Story recherchiert hat - Zufall?
Nach anfänglichem Widerstand bezieht Anika Bartelsen Ohlsen in ihre Ermittlungen ein. Gemeinsam stoßen sie schließlich auf ein schreckliches, nie aufgeklärtes Verbrechen. Hat der alte Fall etwas mit dem aktuellen zu tun? Immer mehr verfangen sich die Kommissare in einem Netz aus Schein, Lügen und Aberglauben, bis sie selbst in großer Gefahr schweben ...
Ein spannender Krimi aus der norddeutschen Provinz, der seine Leser von der ersten bis zur letzten Seite fesselt.
eBooks von beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung.
Arne Petersen, geboren 1970, ist Autor, Drehbuchschreiber und freier TV-Redakteur. Er studierte Kommunikationswissenschaften an der LMU in München und lebt in Berlin. "Blutritual' ist sein dritter Spannungsroman.
Autoren/Hrsg.
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Prolog
Dezember
Die Graupelkörner, die ihm der Wind ins Gesicht peitschte, fühlten sich auf seiner Haut wie kleine Nadelstiche an. Davon unbeirrt stapfte er weiter durch den tiefen Schnee. Die Temperaturen waren kurz vor Weihnachten noch einmal um einige Grad gefallen, und selbst in dem dicken Parka und der Schneehose aus wasserdichter Kunstfaser fror er. Die weiße Pelzmütze aus echtem Nerz, die er von seiner Großmutter geerbt hatte, war ihm etwas zu groß, und er sah damit aus wie ein Eskimo. Die Kälte kroch durch jede noch so kleine Öffnung seiner Kleidung, und seine Hände wurden starr und taub in den abgenutzten, an den Nähten schon an einigen Stellen eingerissenen braunen Lederhandschuhen mit dem Lammfellfutter.
Doch umzukehren kam Hendrick nicht in den Sinn. Die schiere Verzweiflung und ein Schmerz, der kaum auszuhalten war, trieben ihn weiter durch die unbarmherzige Winterlandschaft, die mit einer Winter-Wonderland-Postkartenidylle nicht das Geringste gemein hatte. Das hier waren arktische Zustände. Seit vorgestern tobte der Schneesturm, und nur ein Lebensmüder setzte bei diesem Unwetter einen Fuß vor die Tür. Die Menschen im Dorf verbarrikadierten sich in ihren Häusern, ernährten sich von Lebensmitteln aus ihren Vorratskammern und hofften, dass der kalte Spuk bald vorüber sein würde.
Sie ist nicht tot! Ich weiß es! Sie muss leben!, sagte er sich immer wieder vor. Eine Träne lief ihm die Wange herunter und gefror sofort zu Eis.
Der Graupel war in Schnee übergegangen, während er sich im Sturm Schritt für Schritt vorwärtskämpfte. Für sie würde er bis ans Ende der Welt und noch weiter laufen. Er blieb einen kurzen Moment stehen und drehte sich auf dem Acker um. Durch die Wand aus dichten Flocken konnte er in einiger Entfernung die Umrisse der Häuser des Dorfes sehen. Es waren jetzt nur noch wenige Meter bis zum Waldrand. Er blickte hinüber zu der Stelle, einem schmalen Weg, der zwischen den Bäumen hindurch in den Wald führte. Dort war seine Schwester zum letzten Mal gesehen worden.
Wenn einer Merle finden würde, dann er. Seit ihrer Kindheit hatte eine Art telepathische Verbindung zwischen ihnen bestanden. Am Tag ihres Verschwindens jedoch war sie abgerissen. In der Nacht, in der sie nicht nach Hause kam, war er noch aus dem Schlaf hochgeschreckt, weil er die Gefahr gespürt hatte, in der sie schwebte. Doch dann hatte er nichts mehr gesehen. Es gab nur noch dieses krisselige Schwarzbild in seinem Kopf, wie bei einer Übertragungsstörung beim Fernsehen. War ihre Verbindung abgebrochen, weil sie tot war?
Er verdrängte diesen quälenden Gedanken und marschierte tiefer in den Wald hinein. Die hohen Tannen ragten bedrohlich wie riesige Schatten in den grauen Himmel, und der Wind blies das weiße Pulver, das mehrere Zentimeter hoch auf den Ästen lag, in alle Himmelsrichtungen. Er hatte nicht allzu viel Zeit für seine Suche, denn bald schon würde die Dunkelheit hereinbrechen.
Plötzlich nahm er zwischen dem Heulen des Windes ein Krächzen wahr. Er sah Schatten blitzschnell über sich hinwegschießen, hinauf zu den Wipfeln der Bäume, wo sie sich in unzählige schwarze Flecken auf weißem Grund auflösten. Er stellte seinen Blick scharf.
Jetzt sah er sie, die Krähen, die dort ganz oben saßen und auf ihn herabblickten. Mit einem Mal lösten sich einige Vögel vom Schwarm und stürzten zwischen den Bäumen etwas entfernt von ihm zur Erde. Er lief dorthin und beobachtete, wie sich mehrere Krähen über etwas hermachten, das im Schnee lag. Sie hackten mit ihren Schnäbeln auf ein totes Waldtier ein und rissen Fleischstücke aus dem Körper. Ein Hase, soweit er es erkennen konnte. Der Schnee war blutgesprenkelt. Kurz wurde ihm übel.
Ein leises Knurren ließ ihn herumfahren. Ein spitzer Zweig streifte schmerzhaft seine Schläfe und Wange. Er spähte zwischen den Bäumen hindurch, konnte aber nichts entdecken. Auch die Krähen hatten das Geräusch gehört. Sofort ließen sie von dem Kadaver ab, krächzten einmal laut auf und erhoben sich in die Lüfte.
Sein Blick fiel auf den völlig zerfetzten Hasen im Schnee. Und er spürte, dass da noch etwas in seiner Nähe war. Ganz dicht, hungrig und gefährlich. Ein Schauder überlief ihn, und er wollte nicht mehr herausfinden, was es war. Einen kurzen Moment zögerte er, lauschte in die Stille, dann rannte er los.
*
»Wie ist denn das passiert?«, rief Jana erschrocken, als sie den tiefen, blutigen Kratzer sah, der über seine Wange lief. »Du bist im Wald gewesen, stimmt’s?«
Hendrick ließ die Frage seiner Freundin unbeantwortet. Kopfschüttelnd stellte Jana die Gläser mit Bier ab und ging um den Tresen herum nach hinten, um Verbandzeug zu holen. Er setzte sich auf einen Hocker an die Bar und blickte auf den ramponierten Holztresen, auf dem die halbstarken und betrunkenen Gäste mit ihren Taschenmessern beim Finger-Metzger-Spiel tiefe Löcher und Furchen hinterlassen hatten.
Den Wirt des Easy Rider störte die Beschädigung seines Inventars nicht. Ganz im Gegenteil. Für Manni und seine Gäste war der Laden der »letzte Hort der Freiheit in diesem gottverdammten Kaff«, wie er das in seiner schnodderigen Art auszudrücken pflegte. Hier war alles erlaubt, und deshalb hielt sich auch keiner an irgendwelche Vorschriften und Gesetze. Die galten nur »draußen«, und so waren Schlägereien, Glücksspiel und andere Laster geradezu erwünscht und an der Tagesordnung.
Verständlicherweise war der Schuppen allen Moralaposteln und Gesetzeshütern ein Dorn im Auge. Was sie zusätzlich erzürnte, war die Tatsache, dass das Easy Rider nicht weit von der Dorfkirche von Greiderheide entfernt lag und sich die Wege der Betrunkenen und der Gläubigen des Öfteren kreuzten. Obwohl Manni ständig mit dem Gesetz im Clinch lag und man mindestens einmal im Monat damit drohte, ihm die Lizenz zu entziehen und den Laden zuzumachen, waren bisher alle Versuche in dieser Richtung gescheitert. Das lag hauptsächlich daran, dass die verschworene Gemeinschaft dieses kleinen anarchischen Paradieses dichthielt, auch wenn der eine oder andere schon mal mit ein paar Zähnen weniger oder einem blauen Veilchen frühmorgens aus dem Laden taumelte. Im Easy Rider waren all jene willkommen, die ganz einfach mal Druck ablassen wollten, egal, warum, und egal, wie alt. Volljährigkeit war keine Voraussetzung, um das Lokal zu betreten.
»Ich versuch’s morgen noch mal, wenn es nicht mehr so stürmt«, sagte Hendrick, als Jana zurückkam.
»Das lässt du gefälligst sein«, erwiderte sie, während sie seine Wunde mit Jod betupfte und dann ein Pflaster darauf klebte. »Die Polizei hat das Gebiet doch schon tagelang mit einer ganzen Suchmannschaft durchkämmt!«
»Jana, noch mal zwei Bier«, rief ein Gast von einem der Tische. Das Lokal war an diesem Abend recht gut besucht.
»Gleich, Wilhelm«, rief Jana etwas genervt zurück, stellte sich an den Zapfhahn und hielt ein Glas darunter.
»Was willst du damit sagen? Dass es keinen Sinn macht weiterzusuchen, weil sie vielleicht schon gar nicht mehr lebt?«, erregte sich Hendrick.
»Nein, aber bei diesem Wetter ist es Selbstmord, im Wald rumzulaufen.« Jana zapfte das zweite Bier.
»Ich werde erst aufhören, wenn ich sie gefunden hab!«
»So hat damals … auch alles angefangen«, ließ sich eine zittrige Stimme vernehmen.
Hendrick und Jana drehten ihre Köpfe in Richtung eines alten Mannes, der allein vor seinem Bier in der Nähe an einem der Tische saß. Sein rechtes Auge war rot entzündet. Er wischte gelbes Sekret mit einem Stofftaschentuch weg.
»Wie meinen Sie das?«, fragte Hendrick.
»Erst kamen die Wölfe … und dann kam das Böse.«
»Das Böse? Wie viele Schnäpse hast du schon intus, Theo?« Jana feixte und bedeutete ihm mit einer beiläufigen Handbewegung, Ruhe zu geben. Dann wandte sie sich wieder ihrem Freund zu. »Hör nicht auf ihn! Der erzählt nur Blödsinn.«
Aber Hendrick war neugierig geworden. Er stand auf und ging zu dem Alten, der jetzt schweigend dasaß und in sein Bierglas starrte.
»Wie haben Sie das gemeint?«, wiederholte er eindringlich.
Der Alte hob langsam den Kopf. Sein wässeriger, starrer Blick ließ Hendrick kurz erschaudern. In dem Moment sah der Mann selbst ein wenig aus wie das Böse.
»Kurz nach Kriegsbeginn hat das Böse schon mal unser Dorf heimgesucht.«
Hendrick setzte gerade an, nachzufragen, als Theos Kopf nach vorn kippte. Er knallte auf den Rand des Bierglases, das zerbrach. Der Alte stöhnte auf und hielt sich die Stirn. Blut tropfte auf den Tisch und vermischte sich mit der Bierlache zu einem kleinen dunkelroten See.
»Mein Gott, Theo!«, fluchte Jana und kam herbeigerannt.
Zusammen mit Hendrick schleppte sie den Alten auf die Toilette, wo sie seine Wunde säuberten und Jana Verbandsmull um seine Stirn wickelte. Als sie wieder in den Gastraum gingen, stießen sie auf den Wirt, der zwischenzeitlich gekommen war.
»Theo muss aufpassen mit dem Saufen«, sagte Manni nur und kratzte sich an seiner tätowierten Glatze. »Ich kümmere mich um ihn.« Er hakte ihn unter und schob ihn zur Tür.
Theo ächzte und schnaufte. Ein langer Speichelfaden lief aus seinem geöffneten Mund und tropfte zu Boden.
»Die frische Luft wird dir guttun. Und morgen gehst du gleich zum Doc, okay? Ich fahr dich jetzt nach Hause.«
Die Tür fiel hinter den beiden zu.
»Ich wasch mir mal kurz die Hände«, sagte Jana und verschwand in Richtung Toilette.
Hendrick glitt von seinem Hocker. Er schob den roten Samtvorhang beiseite, der den hinteren Teil des Ladens...




