E-Book, Deutsch, Band 7, 256 Seiten
Reihe: edition kb8
Petry Gailing
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8192-2349-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 7, 256 Seiten
Reihe: edition kb8
ISBN: 978-3-8192-2349-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mathias Petry kam als Kind nach Bayern. Trotz seiner Herkunft jenseits des Weißwurstäquators - die Eingeborenen bezeichnen solcherlei Menschen gerne als "Preißn" - fanden der Redakteur, Musiker und Autor und seine Familie in Bayern eine äußere und innere Heimat. Seiner Wahlheimat hat er im Projekt Hudlhub ein Denkmal gesetzt. Die bayerische Sprache, die Eigenheiten seiner Bewohner, die Hemdsärmeligkeit der Politik - Mathias Petry blickt in seinen Romanen und seinen Liedern stets mit einer großen Portion Humor und Ironie, aber immer liebevoll auf die bayerischen Eigenarten. In Band zwei, "Kainegg", löst Petry das Rätsel des bekannten Sechsfachmords von Hinterkaifeck, den er literarisch in seinem skurrilen Dorf Hudlhub verortet. In Band drei, "Gailing", stirbt ein Geistlicher im örtlichen Swingerclub - und Hudlhub wird zum Zentrum verschwörerischer Handlungen. In Band 4 kommt dann ein Bruder von Jesus nach Hudlhub, und Band 5 landen folgerichtig Außerirdische. Weniger geht ja gar nicht. Mit seiner Band "Hudlhub" und mit seinem Jazzprojekt "Mathias Petry & Friends" tourt der Künstler durch Bayern.
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6 | 05:44
Der Herr Pfarrer war schon auf.
Er liebte es, vor dem Frühstück einmal durch seine Kirche zu gehen diese wunderbare, nicht fassbare Stille -, und wie so oft rechnete er auch an diesem Morgen fest damit, dass das Hauptportal wie von Geisterhand aufgehen und eine Klosterschwester herein schweben würde, wie damals bei den »Blues Brothers«, als sich Elwood und Jake ihren göttlichen Auftrag abholten. Sie nannten die Klosterschwester Pinguin, erinnerte sich der Herr Pfarrer, und er mühte sich redlich, bei dem Gedanken nicht zu grinsen.
Das schickt sich schließlich nicht für einen Geistlichen. Ein klein wenig lustig war’s in dem Zusammenhang eigentlich schon, wie er insgeheim zugeben musste.
Ein ganz klitzekleines bisschen.
Dann riss er sich zusammen und er hörte besonders genau hin, um angesichts solch unschicklicher Gedanken die Stimme seines Herrn nicht zu verpassen, die für ihn klang wie die in den Don-Camillo-Filmen. Ernst Kuhr hieß der Synchronsprecher, dem diese Stimme geschenkt worden war.
Gerade wandte sich der Herr nicht an ihn, es blieb alles ruhig.
Der Pfarrer sah sich um. Seine Bewegungen waren nicht gleitend und elegant, sondern eher ein bisschen steif, eigentlich wirkte er viel zu alt für einen Mann seines Alters, hoch aufgeschossen und schlank obendrein. Allerdings hatte er sich über die Jahre eine leicht vorwärts gebeugte Haltung angewöhnt, sie war Teil seines Wesens geworden.
Nach einem großen Brand in der Sakristei an Fronleichnam war alles wieder vollständig hergestellt.
Bald ein Jahr war das her. Um ein Haar wäre er in den Flammen umgekommen. Es war Charlie vom Feuerwehrtrupp von Hudlhub, der ihm mit einem gleichermaßen verrückten wie heroischen Akt das Leben gerettet hatte.
Inzwischen waren das nur noch Erinnerungen, eher wie aus einem Film als real. Der Pfarrer war manchmal gar nicht ganz sicher, ob er das wirklich erlebt oder ob er das alles nur geträumt hatte.
Das Handy klingelte. Um diese Zeit? Diese Nummer kannte er. Eines seiner Schäftein, in die Jahre gekommen und bedürftig. Der Pfarrer atmete kurz tief durch, dann ging er ran.
»Ja?«
»Herr Pfarrer, sind Sie das? Ich möchte ja nachher so gern in den Sonntagsgottesdienst gehen, aber wissen Sie was, Herr Pfarrer, ich muss Ihnen da etwas erzählen ...«
»Gute Frau, halten Sie ein, heute ist doch keine Sonntagsme ...«
»... weil es ist nämlich so, Herr Pfarrer. Gestern, da bin ich nämlich ...«
Der Pfarrer wusste, dass er keine Chance haben würde, jetzt noch einmal zu Wort zu kommen. Nicht bei dieser Dame, einer ehemaligen Friseurin, die stramm gen Neunzig marschierte. Ihre Friseurstube hatte sie noch immer, und sie sah noch genauso aus wie vor 50 Jahren. Ein sanftes Lächeln legte sich in sein Gesicht, er erinnerte sich an ein früheres Telefonat mit der Dame am Festnetztelefon.
Als er eine Weile nicht zu Wort gekommen war, hatte er sich einfach in sein Auto gesetzt und war zu ihr hingefahren, sie wohnte etwa sechs Minuten vom Pfarrhaus entfernt. Dann war er ausgestiegen, hatte seine Sachen sauber zurechtgezupft, geklopft, die Tür war offen, und dann war er zu ihr in die Küche gegangen.
»... und ich kann mich einfach nicht daran erinnern, dass ich mein Gewand ins Bad getan hätte ... und wissen S’ was, Herr Pfarrer, es war dann am Abend einfach nicht mehr da. Sie, Herr Pfarrer, das ist doch ein Zeichen, nicht wahr? Da will mir doch jemand ...«
Und da war sie gesessen, in ihrem Kittel am Küchentisch, Kaffeetasse und Knabbergebäck vor ihr, das Telefon in der Hand und überhaupt nicht bemerkend, dass der Pfarrer in diesen Minuten während der Fahrt kein einziges Wort gesprochen hatte. Der Pfarrer hatte dann noch einmal an den Türrahmen geklopft, die Friseurin schaute auf und bedeutete ihm einfach mit ihm weiter telefonierend ungerührt, dass er doch reinkommen und sich setzen möge.
Dann nahm sie das Telefon vom Ohr, starrte es ungläubig an, starrte ihn ungläubig an und sagte: »Ja, Herr Pfarrer, das ist ja jetzt ein Wunder, oder? Gerade habe ich mit Ihnen geredet und jetzt sind Sie da!«
»Die Wege des Herrn sind unergründlich«, hatte Hochwürden mit einem milden Lächeln geantwortet.
»Aua!«
Jetzt war ihm doch tatsächlich das Handy aus der Hand geglitten und zielsicher so was von genau auf dem kleinen Zeh gelandet. Das tat vielleicht weh. Da hatte er doch tatsächlich vergessen, vor seinem frühmorgendlichen Kirchgang Socken und Schuhe anzuziehen, an diesem 12. Februar. Drum hatte er so kalte Füße.
Der Pfarrer sog vor Schmerz zischend Luft durch die Zähne. Er bückte sich, um den Zeh zu reiben, während es aus dem Telefon munter weitersprudelte.
»Und Sie glauben ja nicht, Herr Pfarrer, was ich dann heute Morgen hier in meinem Bad ...«
»Doch, glaube ich, gute Frau«, stöhnte er, immer noch ungelenk gebückt ins noch am Boden liegende Smartphone, »ich glaube nämlich ...«
»Sehen Sie, Herr Pfarrer, und ich glaube ja auch! Aber Sie werden nicht glauben, wie mein Glaube an diesem Morgen geprü ...«
Der Schmerz im kleinen Zeh ließ langsam wieder nach. Ganz schön hart, so ein Smartphone, wenn es auf die falsche Stelle knallt. Der Pfarrer griff nach dem brabbelnden Telefon, hob es auf, richtete sich auf und rammte sich dabei den Holzhaken in die Hüfte, der seitlich an der Kirchenbank angebracht war. An Fronleichnam wurde hier der Himmel verankert.
»Aua!«
Jetzt schrie der Pfarrer auf, hielt sich instinktiv mit der Hand die lädierte Stelle und ließ das Smartphone erneut fallen. Klar, wo es landete. Immer auf der gleichen Stelle. Der Pfarrer spürte, wie die Hüfte und der kleine Zeh gleichzeitig im Takt pochten. Wie viel Pech kann ein Mensch haben?
»Gell, Herr Pfarrer, Glaube tut manchmal weh!«, hörte er vom Boden aus das Smartphone sagen. Wenigstens war das Display noch ganz. »Und Sie werden verstehen, dass ich mich jetzt auf die Suche nach meinen Sachen ... und deshalb kann ich heute nicht zu Ihrer Sonntagsmesse...«
»Sie ... Frau... äh... ich habe Ihnen vorhin schon gesagt, dass heute keine Sonntagsmesse ist, weil das Bistum ...«
»Ja, Herr Pfarrer, so ist das. Dann wünsche ich Ihnen also eine schöne Sonntagsmesse, auch wenn ich heute ausnahmsweise nicht dabei bin.« Klack.
Der Pfarrer stöhnte, und er war nicht sicher, ob er stöhnte, weil er die Dame los war oder weil der Zeh immer noch pochte. Er dehnte sich kurz und atmete tief durch, bis der Schmerz weg war. Manchmal, da lässt das Leben dann doch Fragen offen.
Und eine Frage gab es ja tatsächlich, die ihn immer wieder umtrieb, und die war (nicht nur) für Hochwürden bis heute unbeantwortet geblieben: Warum um alles in der Welt hatte die Feuerwehr damals, am Tag jenes großen Brandes, kein Löschwasser? Warum war kein Druck auf der Leitung, als die Einsatzkräfte am Kirchplatz standen und dem Feuer in der Sakristei den Garaus machen wollten?
Was für eine himmlische Fügung, dass genau zum richtigen Zeitpunkt ein gigantischer Platzregen über dem Kirchplatz niederging, der den Flammen keine Chance ließ!
Alle Hydranten am Kirchplatz waren im Nachhinein mehrfach überprüft worden, eine Leitungssonde wurde eingesetzt, über ein Kilometer Rohrleitung untersucht ohne Befund. Niemand hatte eine Erklärung für dieses technische Versagen. Bis heute nicht.
Alle in Hudlhub waren sie ahnungslos.
Sogar derjenige, der schuld gewesen war an der Misere: Ludwig Haderlein. Der hatte nämlich vor Jahren schon die einzige Wasserleitung, die nach Hudlhub führte, angezapft, um so seine geheime Testbierbrauerei zu speisen. Ausschließlich, um keine große bürokratische Sache draus zu machen, versteht sich. Die paar hundert Kubikmeter Wasser standen schließlich in keinem Verhältnis zu all den selbstlosen Beiträgen, die er für die Gesellschaft und das Gemeinwohl einbrachte. Also bitte.
Jedenfalls hatte er ausgerechnet an jenem Fronleichnams tag, an dem die Kirche Zur Heiligen Mutter Gottes Verkündigung brannte, nichtsahnend einen Brauvorgang eingeleitet und ließ der Feuerwehr vorübergehend kein Wasser zum Löschen übrig.
Denn Haderlein hatte einen großen Traum: Er wollte die Menschheit mit dem gesündesten Bier der Welt beschenken. Dazu bedurfte es nicht nur gehöriger Investitionen und zahlreicher Experimente, sondern eben auch der Unterstützung der Allgemeinheit. Haderlein fand das folgerichtig und keineswegs dreist oder gar unverschämt. Denn das gesunde Bier würde ja später ebenfalls der Allgemeinheit zugutekommen.
Hochwürden war jedenfalls froh, dass inzwischen alles wieder halbwegs im Lot war.
Noch einmal sah er sich in seiner Kirche um, dann sprach er ein kurzes Gebet, lauschte, ob Gott ihm mit der Don-Camillo-Filmstimme etwas sagen wollte (das war heute nicht der Fall), dann ging er zurück ins Pfarrhaus. Immer noch barfuß.
Zeit fürs Frühstück.
Dachte er. Und für Socken. Der kleine Zeh war ganz rot.
Dann vibrierte sein Smartphone, eine SMS. »Werter Herr Pfarrer, ich...




