Petry | In Paradisum | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 555 Seiten

Petry In Paradisum


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-903081-02-4
Verlag: Luftschacht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 555 Seiten

ISBN: 978-3-903081-02-4
Verlag: Luftschacht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Marino, dieser unscheinbare, farblose Marino, hat einen Mann getötet; und er hat ihn nicht nur getötet, er hat ihn zuerst entmannt, ihm dann die Kehle durchgeschnitten und Teile seines Körpers im Gefrierschrank aufbewahrt, um davon zu essen. Marino hat das allerdings auf Wunsch seines Opfers getan. Jetzt sitzt er im Gefängnis und schreibt alles auf. Eigentlich ist es nicht er, der schreibt, es ist nicht seine Stimme, die hier spricht, er notiert nur, was er diktiert bekommt ... Diese Geschichte ist tatsächlich geschehen. Dennoch ist Yves Petrys 'In Paradisum' keine Rekonstruktion der realen Ereignisse, sondern eine Reaktion darauf. Aus einer Anekdote der Skandalpresse erschafft Petry einen tiefgründigen Roman, macht mit literarischen Mitteln das Bizarre plausibel und das Schreckliche erträglich. Er verleiht dem Opfer postum eine Stimme und stellt diese düstere folie à deux in ein überraschend romantisches Licht.

Yves Petry, geboren 1967, studierte Mathematik und Philosophie. 1999 erschien sein Debüt 'Het jaar van de man' ('Das Jahr des Mannes'), ein Roman über einen jungen Antihelden, der einen äußerst lethargischen Lebensstil pflegt. In dem Jahr als 'De achterblijver' ('Der Nachzügler') publiziert wurde, verlieh man Petry den BNG Literaturpreis für sein Gesamtwerk. 'Liefde bij wijze van spreken' ('Liebe, sozusagen') erschien 2015 unter großem Beifall der niederländischen Presse. 'In Paradisum' ('De maagd Marino'), Petrys fünfter Roman, gewann 2011 den prestigeträchtigen Libris Literaturpreis und ist seine erste Übersetzung ins Deutsche.
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1


Die Tür geht auf, und für Marino ist es keine Überraschung, dass der Mann, der dort erscheint, nur eine Unterhose anhat. Das haben sie so verabredet. Überraschender ist der Gesichtsausdruck des Mannes. Die halb geschlossenen Augen deuten auf ein gewisses Maß von Sedierung. Seine Schritte sind ein wenig unsicher. Doch die stra? angespannten Kiefermuskeln drücken eine große Entschlossenheit aus. Das Kinn ist leicht in die Höhe gereckt, die Lippen ragen herausfordernd hervor. Er sieht aus wie eine Kreuzung aus Zombie und Märtyrer, wie ein vor Kampfeslust flimmernder Schlafwandler. Höchstwahrscheinlich ist dies ein Effekt der Drogen, die er genommen hat.

Die Wohnzimmervorhänge sind sorgfältig geschlossen. Kein Schimmer ist mehr von der Außenwelt zu sehen. In einer Ecke verbreitet eine Stehlampe mit einem grobbaumwollenen Schirm ein nicht allzu helles Licht. Es könnte beinahe gemütlich sein, wenn das Zimmer nicht ansonsten leer wäre, von einem Esstisch mit zwei Stühlen und einem Sofa abgesehen.

Auf einem der Stühle sitzt Marino. Wovor er sich vorher schon gefürchtet hat, überfällt ihn plötzlich als unverrückbare Tatsache: Der Moment ist nicht gut gewählt. Nicht, weil es noch zu früh ist, nicht, weil es bereits zu spät ist, nicht, weil ein anderer Zeitpunkt besser gewesen wäre, sondern weil es falsch ist, selbst einen Zeitpunkt zu wählen.

Jetzt kann er nicht mehr zurück. Er steht auf und folgt dem Mann, der sich schweigend mit dem Rücken an eine Wand stellt. Links und rechts von ihm befinden sich, jeweils eine Armlänge entfernt, zwei Metallringe, die dort vor einigen Tagen angebracht wurden. Mit zwei kurzen Seilen, die auf dem Tisch bereitliegen, bindet Marino die Handgelenke des Mannes an den Ringen fest.

Auch was er sonst noch tun soll, haben sie vorher verabredet.

Auf dem Gesicht des Mannes liegt ein recht verträumter Ausdruck, um seine Lippen spielt sogar ein Hauch von Spott, als fände er Marinos Schüchternheit lustig. Marino zieht einen Sto?streifen, den er aus einem alten Kleid geschnitten hat, aus der Hosentasche und verbindet damit dem Mann die Augen, der dies widerstandslos zulässt.

Marino lässt eine Hand über die Brust des Mannes gleiten. Die andere Hand fährt über Schenkel und Geschlecht. Er kennt diesen Körper. Er hat ihn schon öfter gespürt. Damals hatten sie Sex miteinander. Diesmal werden sie sehr viel weiter gehen.

Geplant ist, dass Marino sich nicht wie der Liebhaber dieses Körpers verhält, sondern wie dessen Schinder. Oder sogar wie etwas, das noch weniger menschlich, noch unpersönlicher ist: eine tödliche Krankheit, ein rein körperlicher Unfall. Aber wie glaubwürdig ist es, wenn eine tödliche Krankheit wie verabredet zuschlägt?

Marino zieht die Unterhose herab und lässt sie bis auf die Knöchel rutschen. Er geht einige Schritte zurück, und dann passiert etwas Unvorhergesehenes: Mehr als die gestreckten Arme oder die gefesselten Handgelenke ist es diese Unterhose auf den Fußknöcheln, die sich ihm als Bild vollkommener Auslieferung aufdrängt.

Um den Mund des Mannes spielt immer noch das vage, mysteriöse Lächeln. Vielleicht ist dies eine Folge des Entzückens, das die Drogen in ihm hervorrufen. Möglicherweise ist es zum Teil ein Ausdruck von Angst. Aber Marino sollte nicht in erster Linie versuchen, die Gedanken des Mannes zu ergründen. Er muss sich vor allem auf seinen Part konzentrieren.

Er tritt wieder an den Mann heran. Der Körper des zweiundvierzig Jahre alten Mannes ist in hervorragender Verfassung. Wenn es Marino nicht gäbe, hätte der Tod möglicherweise noch viele Jahre benötigt, um ihn einzuholen. Nur das Pochen in der Brust ist schneller und heftiger als normal. Marinos Herzschlag beschleunigt sich dadurch auch allmählich.

„Ist das alles?“, ertönt es plötzlich in bestürzend wachem Ton, den Marino ganz und gar nicht erwartet hat, aus dem Mund dieses Schlafwandlers.

„Los, Marino. Tu was“, sagt der Mann. Es scheint fast, als müsste er lachen. Seine herausfordernden Worte hallen in dem nahezu leeren Raum und widersprechen den gemachten Vereinbarungen vollkommen. Es war verabredet, dass der Mann und Marino den Namen des anderen während der Vorstellung vergessen oder zumindest nicht aussprechen sollten. Eine Atmosphäre der Anonymität, auch wenn sie künstlich war, erschien ihnen absolut notwendig, um die Au?ührung erfolgreich zu Ende zu bringen.

Nun grinst der Mann sogar, als könne er trotz der Augenbinde die Röte auf der Stirn, den verdutzten und entrüsteten Ausdruck auf Marinos Gesicht sehen.

„Mit wem sprichst du?“, raunzt Marino ihn an, woraufhin der Mann aufhört zu grinsen. Aber ein unbestimmter Zug liegt weiterhin um seine Lippen.

Wortlos lässt Marino den Mann zurück und geht in die Küche. Aus einem Messerblock zieht er das Messer, das an diesem Abend eine wichtige Rolle spielen soll. Das rechtwinkelige Dreieck der Klinge ist ungefähr zwanzig Zentimeter lang und an der Basis fünf Zentimeter breit. Er hat es, soweit er sich erinnern kann, nie zuvor benutzt. Er ö?net eine Schublade, nimmt eine Rolle Klebeband heraus und schneidet einen Streifen ab. Nachdem nun die Verabredung gebrochen wurde, ist er auf einmal fest entschlossen, sie strikt zu befolgen.

Als er wieder im Wohnzimmer ist, legt er das Messer auf den Tisch und geht dann zu dem Mann. Der scheint in geistesabwesendes Sinnieren versunken zu sein.

„Keine Namen, verstanden?“, flüstert Marino ihm ins Ohr und presst den stark haftenden Klebestreifen auf seinen Mund. Der Mann ist o?enbar einigermaßen überrascht, gibt aber kein einziges Geräusch von sich, das als Zeichen des Protestes verstanden werden müsste.

Marino nimmt das Messer. Es ist, als ginge der Glanz und die Glätte des Stahls in seiner Hand auf ihn über. Jetzt ist er ebenso anonym wie dies Messer. Auch der inszenierte Charakter der Handlungen stört ihn jetzt plötzlich nicht mehr. Das Messer selbst ist wirklich genug. Es fühlt sich sogar wirklicher an, als er erwartet hat.

Er drückt die kalte, stählerne Klinge auf den Magen des Mannes. Dieser zieht in einem Reflex den Bauch ein und entspannt sich dann wieder. Doch vollkommen locker scheint er nicht zu sein. Jetzt, da sowohl Augen als auch Mund verdeckt sind, ist es noch schwieriger geworden, seinen genauen Zustand einzuschätzen.

Im Zimmer ist es ohrenbetäubend still. In Marinos Gehörgängen rauscht das Blut. Er fragt sich, ob irgendeine Musik im Hintergrund nicht besser gewesen wäre. Während er noch darüber nachdenkt, dass weder der Mann noch er Musikliebhaber sind und sie deshalb keine Ahnung gehabt hätten, welche Musik sie hätten auflegen sollen, haben seine Hände die Aufgabe bereits erledigt. Das Messer war schwer und scharf, das Fleisch war weich, es ging von selbst. Er hat kaum hinsehen müssen, wie seine Hände zu Werke gingen, die jetzt von einer warmen, klebrigen Flut überströmt werden.

Später wird dies, auch von Marino selbst, als eine Tat der ultimativen Selbstverstümmelung, durch die Hand eines anderen ausgeführt, gedeutet werden. Doch in diesem Moment ist es ein wenig anders. Es ist so, dass der Mann sein Leben beenden will: als ein Entmannter. Dies ist die Geste des Stolzes und der Weltverachtung, die ihm niemand nachmachen wird.

Marino geht einige Schritte zurück und starrt auf den triefenden Stumpf, den befleckten Boden, die sich windenden Rinnsale, die an den Schenkeln hinabfließen, die Unterhose auf den Knöcheln, die schon ganz durchtränkt ist. Ein seltsam süßer Geruch erfüllt allmählich das Zimmer. Auch dies ist eine alles andere als angenehme Überraschung.

Der Mann hat noch keinen Ton von sich gegeben. Es ist, als spüre er tatsächlich keinen Schmerz. Sein Penis sei das letzte Stückchen Fleisch, das ihn noch mit der Welt verbinde, hatte er behauptet. Und es sei an Marino, diesen Strang zu durchschneiden. Jetzt lebt der Mann nicht mehr, und zugleich ist er noch nicht tot. Er scheint ganz in sich gefangen zu sein. Möglicherweise kringelt sich seine Lebenslinie nun zu einer Spirale, zu dieser phantastischen Gleichzeitigkeit aller Bilder, aus denen das Leben besteht. Oder wer weiß, aus welchen Visionen er die Kraft schöpft, sich über den Schmerz zu erheben. Der Mann bleibt so vollkommen regungslos stehen, dass Marino sich langsam sogar ein wenig ausgeschlossen fühlt. Kurz schießt ihm der Gedanke durch den Kopf, dem Mann noch mehr Schmerzen zuzufügen.

Doch dann beginnt das Gesicht des Mannes zu verkrampfen, und er zerrt an den Ringen, an die er gefesselt ist. Er geht ein paar Zentimeter in die Knie und spannt die Muskeln seiner blutigen Schenkel wie ein Gewichtheber in Aktion. Er vermittelt auf einmal den Eindruck, sich kaum noch auf den Beinen halten zu können.

Marino legt das Messer und den Penis auf den Tisch. Was soll er jetzt tun? Das Sich-Krümmen des...


Yves Petry, geboren 1967, studierte Mathematik und Philosophie. 1999 erschien sein Debüt „Het jaar van de man" („Das Jahr des Mannes"), ein Roman über einen jungen Antihelden, der einen äußerst lethargischen Lebensstil pflegt. In dem Jahr als „De achterblijver" („Der Nachzügler") publiziert wurde, verlieh man Petry den BNG Literaturpreis für sein Gesamtwerk. „Liefde bij wijze van spreken" („Liebe, sozusagen") erschien 2015 unter großem Beifall der niederländischen Presse.
„In Paradisum" („De maagd Marino"), Petrys fünfter Roman, gewann 2011 den prestigeträchtigen Libris Literaturpreis und ist seine erste Übersetzung ins Deutsche.



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