Petry | Kainegg | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 5, 294 Seiten

Reihe: edition KB8

Petry Kainegg


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7693-8563-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 5, 294 Seiten

Reihe: edition KB8

ISBN: 978-3-7693-8563-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die einen stehen auf Zaphod Beeblebrox, andere haben noch nie von ihm gehört, aber das ist ganz normal. Weil die Welt bekanntlich aus unzähligen Paralleluniversen besteht: Fußballfans- und Fußballhasser, Star-Wars- und Star-Trek-Devotees, Fake-News-Opfer und Hinterfragende, Frühaufsteher und Langschläfer. Gläubige und Gottlose. Die Gegenwart ist schon derart kompliziert, dass man sich fragen muss, ob es wirklich schlau ist, auch noch in der Vergangenheit herumzuwühlen. Die Schriftstellerin Bettina Hinkel macht sich jedenfalls keine Freunde, als sie die Geschichte eines bis heute unaufgeklärten Sechsfachmordes neu aufrollt, der sich dereinst auf einem Einödhof in Kainegg ereignete. Nicht jeder im benachbarten Dorf namens Hudlhub will, dass sich die Schatten der Vergangenheit über den Alltag der Gegenwart legen. Die Ereignisse überstürzen sich, als in der Gemeindekirche ein Brand ausbricht. Die zerstörerische Kraft des Feuers bringt mindestens ebenso viel durcheinander wie Bettinas Hinkels Neugier, zumal der Landtagsabgeordnete Ludwig Haderlein, der sein eigenes Süppchen kocht, alles noch viel schlimmer macht.

Dieser Mensch ist offiziell schreibsüchtig: Mathias Petry, Boomer, assimilierter Bayer mit Wurzeln an der Waterkant. Er schreibt für Zeitungen, Bücher und Musik, und manchmal schreibt er auch ein klein wenig Geschichte. Also, klitzekleine Geschichte. So, wie ganz viele andere auch. Aber immerhin. Bekanntlich kommt es nicht auf die Größe an. Er ist übrigens 1,86 groß. Immer noch. Das Altersschrumpfen hat bei ihm bisher noch nicht eingesetzt. Er findet: Anderssein, sein Ding machen - das sind gute Werte. Und darüber schreibt er auch. Über komische Menschen, die so erschreckend normal sind, dass es schon wieder absurd ist, weil was ist schon normal, oder? Eben. Insofern kommt in seinen Büchern auch mal ein Bruder von Jesus nach Bayern, oder die Ex eines Fußballprofis samt seiner 42000 Euro teuren Rassekatze, was der Kicker sich nicht bieten lässt. Und wahrscheinlich landen demnächst auch noch Außerirdische in seiner Welt. Vor allem aber ist Mathias Petry überzeugter Kulturmacher und Netzwerker. In den 90ern gründete er eine Rockmusikinitiative, 2018 gründete er das Ehrenamtsprojekt Kulturbuero 8, 8 für die alte Postleitzahl für weite Teile Bayerns. Hier entstehen Konzerte, Kleinkunstabende, Ausstellungen, Bücher und der Kanal BY-TV, u.a. mit einem Podcast mit Kulturschaffenden. Nebenbei steht er als Lesender, als Musiker und wenn es sein muss auch als blinder Schutzengel in einem bayerischen Musical auf der Bühne. Über die Jahrzehnte sind einige Dutzend Bücher und CDs entstanden, Hunderte Male stand er auf der Bühne. Mit seinen Büchern, als Musiker und als Moderator. Wie das bei Boomern eben so ist: Die Boomern einfach immer weiter. Mathias Petry auch.
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3 | DER HIMMEL WEINT


Weil Feiertag war, hatte sich Fanny richtig rausgeputzt, sie trug ihr zweitschönstes Dirndl, das sie bei einer Trachtenschneiderin ganz in der Nähe hatte anfertigen lassen, die neue Schrobenhausener Tracht. Vor ein paar Jahren war sie, basierend auf der original Paartaler Tracht, entworfen worden. Und die brachte Fannys erstaunliche Auslage prächtig zur Geltung. Sie mochte durchaus, wenn sie Blicke ihrer männlichen Gäste auf sich zog.

Heute klappte das nicht.

Ludwig, Max, Meik und Charlie schafkopften, und sie waren viel zu sehr mit dem Spiel beschäftigt, als dass sie bewundert hätten, was Fanny zu bieten hatte. Außerdem war die Fanny ja eh immer da. Der Feuerwehrtrupp von Hudlhub hatte wie üblich an Fronleichnam während der Prozession die Straßen abgesichert, aber als die Kameraden merkten, wie sich alle wegen des drohenden Unwetters aus dem Staub machten, hatten auch sie sich nach und nach abgemeldet. Sie kamen gerade in Adelheid Kirchmairs Wirtshaus an, da ging es auch schon los. Gewaltige, fast weintraubengroße Regentropfen wurden vom Himmel zu Boden geschleudert. Durchs Wirtshausfenster sahen sie, wie nun auch Hochwürden und seine vier Ministranten unter dem heiligen Himmel das Weite suchten, sie würden es schon finden.

»Ich spiel mit der Blauen!«, sagte Meik.

»Die Genaue«, ergänzte Max.

»Die mit der Mannschaftsaufstellung!«, wusste Ludwig. Charlie sagte dazu nichts, er nickte nur und ließ seine schönen Männerhände mit den sich leicht über der feinporigen Haut erhebenden Venen am Tisch ruhen. Die Jungs sagten das mit der Blauen, der Genauen, immer, wenn einer mit der Gras-Sau spielte. Irgendeiner hatte das einmal begonnen, und die Generation früherer Hudlhubber Schafkopfer wie der Reiß Sepp oder der Hausknecht Valentin hätten gewiss noch gewusst, dass sich der Spruch auf die einstige Stadionzeitung des TSV 1860 München bezog, die Blaue, die Genaue, die mit der Mannschaftsaufstellung.

Die Feuerwehrmänner von Hudlhub hatten davon keine Ahnung. Keinen Schimmer.

Nicht den geringsten.

Der Meik hatte zwar mal gefragt, woher das kam, aber da hatte sein Smartphone gerade keinen Empfang, so dass er Siri nicht fragen konnte, und dann war es auch schon wieder rum ums Eck.

»Sie schon wieder. Die Blaue. Natürlich«, sagte Ludwig. »Das ist grad deine Lieblings-Sau, oder?« Er hatte ihn, den Gras-Ober, damit war er in diesem Spiel der Partner von Meik. Jetzt, wo noch keine Karte gezogen war, wusste das nur er allein. Das würde sich aber gleich ändern. Ludwig zog den Oidn, also den Eichel-Ober, ballerte ihn auf den Tisch und sorgte für klare Verhältnisse.

»So!«, sagte Ludwig.

»Wer sö socht, hat noch nüscht gedön!«, erwiderte Meik und schmierte seinen Herz-Zehner. Den Spruch sagte er immer auf, wenn jemand im Raum »so« sagte.

»Na, da haben sich ja zwei gefunden«, sagte Max.

Charlie trank einen Schluck Weizen und spatzte sich ab. So nennt man das, wenn man eine Karte spielt, die garantiert keinen Stich macht, dem Gegner auch keine Punkte bringt.

»Warum trink ich eigentlich als einziger ein Bier?«, fragte er dabei in die Runde.

»Meine Frau lässt mich nicht«, sagte Ludwig, und die anderen nickten verständnisvoll. Ludwig war schließlich jung verheiratet. Trotzdem: Alle vier winkten, ohne aufzusehen, nach Fanny.

Vier Halbe, bitteschön.

Hätten sie die Frau beobachtet, die zwei Tische weiter saß, wäre ihnen das kurze Lächeln nicht entgangen, das über ihr Gesicht zuckte. Sie war der einzige weitere Gast an diesem Tag. Fanny allerdings war die kurze Regung nicht entgangen. »Wieder mal typisch, oder?«, fragte sie, und die Frau wandte sich ihr zu. Sie war Ende 20, vielleicht Anfang 30, hatte eine kaum zu bändigende schwarze Mähne, die sie erfolglos hinter die Ohren zu klemmen versuchte.

»Ja mei!«, sagte die Frau. »Männer halt. Was will man da schon erwarten.« Sie sagte das zwar auf eine Weise von oben herab, wie man so etwas nun mal in solchen Small-Talk-Situationen sagt, aber es schwang eine gewisse Traurigkeit dabei mit, die Fanny, mit ihren im jahrelangen gastronomischen Dienst geschulten feinen Antennen, nicht entging.

Da hatte wohl jemand Ärger mit einem Mann.

Um ihr nicht zu nahe zu treten, wechselte Fanny unvermittelt das Thema.

»Was schreibst’n da?«

Tatsächlich kritzelte die Frau mit der Mähne etwas in eine Art Notizbuch. Sie musterte Fanny kurz, nicht unhöflich, und doch genau genug, um zu wissen, dass bei dieser Bedienung das Herz am rechten Fleck saß. Sie mochte sie sofort.

»Tagebuch«, sagte sie deshalb und lächelte kurz.

Und Fanny legte den Kopf in den Nacken, was soviel bedeutete wie Ahjetztja und verzog sich diskret. Die Schwarzhaarige sah ihr kurz nach und lächelte weiter. Hatte sie sie also richtig eingeschätzt.

Fanny war schwer in Ordnung.

»Die junge Liebe!«, sagte Max drüben am Schafkopftisch zu Ludwig. »Musst heut noch Leistung bringen.«

»Du bist doch nur neidisch!«, sagte Ludwig, und alle am Tisch wussten, dass das stimmte. Und Fanny wusste das auch, und die Schwarzhaarige auch.

»Vielleicht suchst dir auch einmal eine, Max«, schlug Charlie vor, »so wie der Huberbauer.«

»Und wie hat’s der Huberbauer gemacht?«, stieg Max drauf ein.

»Der hat zum Viehhändler gesagt: Weißt nicht eine Frau für mich? Und dann hat der gesagt: Für ein Kalb bring ich dir eine. Und das hat er dann auch gemacht. Was der Viehhändler ihm nicht sagte, ist, dass die gute Dame auf ihren ersten Mann mit einem Schürhaken losgegangen war.«

»Ja, und der ist dann an seinem Auge hängen geblieben«, ergänzte Ludwig, er kannte die Geschichte schon.

»Aua!«, sagte Meik.

»Ja, das hat er auch gesagt, der gute Mann«, grinste Charlie. »Und der Huberbauer ist sein Kalb losgeworden.«

»Und wie lang ist das schon her?«, fragte Max.

»Oh, sicher 18, 20 Jahre. Er hat Glück gehabt, er hat auch noch beide Augen, allerdings ...«

»Allerdings was?«, wollte Max wissen.

»Naja, schau halt mal genau hin, wenn du ihn nach der nächsten vhs-Seniorengymnastik beim Duschen siehst.«

»Seit wann duschen die sich denn nach der Seniorengymnastik? Und seit wann gehe ich da überhaupt hin?«

»Auch wieder wahr. Er ja auch nicht. Es ergibt sich schon mal eine Gelegenheit.«

»Bestimmt. Und wie ich da hinschauen werde.«

»Und bis dahin suchst dir endlich eine Frau, Max, ob mit oder ohne Viehhändler.«

»Ist schon recht, Charlie.«

Fünf Karten waren gespielt, da legte Meik sein restliches Blatt auf den Tisch. Die beiden höchsten verbliebenen Trümpfe und die Herz-Sau. Ganz klar: In diesem Spiel würde keiner mehr einen Stich machen. Sie warfen die Karten zusammen.

»Sö!«, sagte Meik, und alle mussten lachen.

Max drehte sich rüber zu der Frau am Nachbartisch.

Sie war so sehr in ihr Tagebuch vertieft, dass sie Max nicht gleich wahrnahm. Wobei er ihr optisch durchaus aufgefallen war. Max hatte zuletzt viel Zeit im Fitnessstudio verbracht, bei ihm war einiges hingewachsen.

»Wie bitte?«

»Ich sagte: Bei uns in Hudlhub ist immer etwas geboten, gell?

»Ist das so?«, erwiderte sie und meinte es etwas weniger unfreundlich als es vielleicht klang.

»Sie sind neu hier, oder?«

»Schon, ja.«

»Ich bin der Max«, sagte der Max und kippelte mit dem Stuhl etwas nach hinten, um die Schwarzhaarige etwas genauer mustern zu können.

»Bettina«, sagte Bettina, die plötzlich nicht anders konnte als loszuprusten. Ludwig, der lustige Kamerad, war nämlich mit einem Fuß unter Max’ schon schwebendes vorderes Stuhlbein gefahren und hatte ihm den entscheidenden Kick gegeben. Max spürte, wie er nach hinten kippte, versuchte sich vergeblich irgendwo festzuhalten, er verlor das Gleichgewicht und wunderte sich noch viel mehr, warum er nicht auf den Boden krachte. Als er die Augen öffnete, war ihm alles klar: Er starrte von unten auf Fannys gewaltigen Vorbau. Sie war manuelneuermäßig genau richtig gestanden und fing Max mit dem Bauch auf, Kraft genug hatte sie eh, als oktoberfestgestählte Kellnerin.

»Und, Max, gefällt dir, was du siehst?«, fragte Fanny belustigt und atmete mal eben tief ein.

»Mei, Fanny, du bist die Beste!«, stammelte der Max nur, und er hatte es gerade überhaupt nicht eilig, aus seiner Position herauszukommen.

Ludwig wollte seinen Spezl nicht blamieren und wechselte das Thema. »Du bist sicher wegen des Mordes hier«, wandte er sich an Bettina. Das gab Max Zeit, sich wieder zu sammeln. Du blöder Hund, das waren die Worte, zu denen er den Mund stimmlos und grinsend formte, Ludwig zwinkerte ihm mit dem von Bettina abgewandten Auge kurz zu.

»Wegen des Mordes? Was für ein Mord?«, fragte Bettina.

»Na, Kainegg, halt.«

»Kainegg? Ist das hier?«

»Ja freilich,...



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