Petz | Scrobinhusen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 246 Seiten

Reihe: edition KB8

Petz Scrobinhusen


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7693-8347-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 3, 246 Seiten

Reihe: edition KB8

ISBN: 978-3-7693-8347-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nachdem er aus seinem dörflichen Leben ausbricht, begibt sich Matthias Kronleichter auf eine abenteuerliche Reise, die ihn weit über die Grenzen seines Heimatdorfes führt. Getrieben von Neugier und dem Wunsch nach Selbstfindung, erkundet er die vielfältige und herausfordernde Welt außerhalb der dörflichen Idylle. Sein Weg ist gesäumt von poetischen Versuchen, lyrischen Eskapaden und der steten Suche nach einem Platz in der Gesellschaft. Während sich Matthias Kronleichter in einem Ort namens Scrobinhusen durch die sozialen und beruflichen Herausforderungen des 18. Jahrhunderts kämpft, enthüllt der Roman ein reiches Geflecht aus historischem Kontext, menschlicher Emotion und der unendlichen Suche nach Zugehörigkeit. Diese Geschichte ist eine Hommage an die Kraft der Träume und die unerschütterliche Hoffnung, die uns antreibt, unser eigenes Schicksal zu gestalten.

Herbert Petz ist ein Multitalent. Er spielt konzertant Geige, er malt - und ab und an schreibt er auch Bücher. Nun hat er nach ersten Versuchen mit kürzeren Texten erstmals einen Roman geschrieben, gewidmet der Stadt, die ihm zur Heimat wurden - Schrobenhausen, oder, wie sie vor vielen Jahrhunderten genannt wurde: Scrobinhusen. Hier lebt er mit seiner Frau Ully, hier ist er aus dem sehr agilen kulturellen Leben nicht wegzudenken. Nicht wenige nehmen Schrobenhausen als Deutschlands heimliche Musik-Hauptstadt wahr; Herbert Petz ist unverzichtbarer Teil davon. Wenn er sich nicht mit kulturellen Themen auseinandersetzt, dann lebt er in der Welt der Zahlen und der Steuern. Dass in "Scrobinhusen" ein Amtmann namens Hubert Petter vorkommt, ist selbstverständlich reiner Zufall. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen? Niemals!
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Der Auszug - Abschied von der Kindheit


»Was machst du jetzt aus deinem Leben?«, fragte Johanna Kronleichter, die zierliche Mutter von Matthias, einen Tag nach seinem achtzehnten Geburtstag. Es war Montag, der 8. Juli 1744. Sie stellte damit eine Frage, die ihn bis dahin nicht wirklich beschäftigt hatte. Seit er die Schule in Gerolsbach verlassen hatte, lebte er einfach in den Tag hinein. Und manchmal, da sinnierte er zur Abwechslung auch ein wenig vor sich hin. So zogen die Tage, Wochen, Monate, Jahre ins Land.

»Warum, was passt dir denn nicht? Ich fühl mich doch wohl hier«, murmelte Matthias.

»Schon, aber was hättest du denn für Aussichten, hier im Dorf?«

»Wie meinst du das? Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein.«

»Du mit deinen Sprüchen. Davon kannst du dir nichts kaufen.«

»Ich habe doch alles.«

»Und ich wasche dir die Wäsche.«

»Ich brauche auch nicht mehr.«

»Und ich putze dir dein Zimmer.«

»Ich bin glücklich. Ist dir das Glück deines Sohnes denn gar nichts wert?«

»Und ich koche dir dein Essen.«

»Ist ja schon gut. Ich überleg es mir.«

»Es reicht, du ziehst heute noch aus.« Damit war es ausgesprochen. Schon lange hatte er darauf gewartet. In seinem Alter war keiner seiner Freunde noch zuhause. Mit achtzehn. Aber gut. Sie hatte ja recht.

Matthias war zu einem hochgewachsenen schlanken Mann herangewachsen. Nur der Bartwuchs ließ noch zu wünschen übrig. Um so üppiger wuchsen seine braunen welligen Haare, die ihm fast bis auf die Schultern herabhingen.

Immer, wenn es seine Zeit in all den Jahren zugelassen hatte, lag er einfach gern im Gras, manchmal mit einem Halm zum Kauen im Mund, und dann beobachtete er die vorbeiziehenden Wolken. Manchmal, da stand er nachts nochmal auf, schlich sich aus dem Haus – die Dielen, die knarzten, kannte er in- und auswendig – und legte sich in den Garten, um die Bewegungen der Sterne zu beobachten. Es faszinierte ihn, wie alles da oben in geordneten Bahnen ablief. Genauso wie sein eigenes Leben.

Nicht selten sagte er dann in Gedanken Gedichte auf oder versuchte selbst welche zu reimen. Seine Versuche scheiterten jedoch zumeist kläglich. Anfangs. Die Reime waren alle so abgedroschen. Aus – Maus. Schatz – Schmatz. Herrje, das war aber auch schwierig. Mit der Zeit, redete er sich ein, würde er schon immer besser werden, je mehr Übung er bekäme.

Zum Leidwesen seiner Familie und Freunde ließ er bei jeder Gelegenheit Sprüche los, die oft die nötige Ernsthaftigkeit vermissen ließen. Deshalb wurde er manches Mal nicht ernst genommen, obwohl er die Situation schon längst begriffen hatte. Eines Tages, so hoffte er, würde er die Feinheiten der deutschen Sprache so nutzen können, dass er dafür berühmt werden würde. Das war sein Traum.

Um keiner seiner verbalen Ergüsse wieder zu vergessen, schrieb er alles auf, was ihm einfiel, so sinnfrei wie manches im Moment auch scheinen mochte. Irgendwann, wusste er, irgendwann, da würde er das alles ganz bestimmt noch brauchen können.

»Lern doch einen Beruf!« Das hatte die Mutter ihm wieder und wieder gesagt. Aber welchen? Welche Ausbildung könnte für ihn schon die richtige sein? Matthias konnte sich einfach nicht entscheiden. Also hütete er Schafe, Ziegen oder auch Kühe. Aber nie lange. Die Eigentümer reagierten immer merkwürdig unwirsch, nur, weil er ab und an einmal einschlief, und weil dann vielleicht ein, zwei oder drei Tiere ein wenig ausbüxten. Da muss man sich doch nicht so aufregen, dachte Matthias und arbeitete erst mal eine Weile wieder gar nichts.

Ansonsten war er mit seinem Leben völlig zufrieden. Frühmorgens erwachte das Dorf und die Bauern begaben sich in den Stall, um die Kühe zu melken. Dann wurde gefrühstückt und wie es die Feldarbeit erforderte, der Tagesablauf danach ausgerichtet. Die Landwirte, die keine Kühe hatten, gingen auf ihre Felder und Äcker oder bewirtschafteten den Wald. Gegen Abend wurden die Kühe ein weiteres Mal gemolken und der Arbeitstag endete mit einer Brotzeit und einer Abendhalbe. Da half dann Matthias gerne mit. So zog ein Tag nach dem anderen ins Land.

Eines Tages entdeckte Matthias etwas merkwürdig Leuchtendes am Boden. Er hob es auf und betrachtete das Teil. Das war ein … Kupferstich. Einer der fahrenden Händler schien ihn verloren zu haben, er war sogar signiert: Merian, der Ältere, stand da zu lesen. Der Stich zeigte eine Stadt: Scrobinhusen.

Matthias hatte von dieser Stadt schon oft gehört, aber bisher hatte sie ihn nicht wirklich interessiert. Hier, in seinem kleinen Dorf, hatte er alles, was er brauchte, und was es nicht gab, bekam er in Gerolsbach. Und was sonst noch hätte man wollen können.

Der Kupferstich zeigte ein gewaltiges Stadttor, daneben eine festungsartige Stadtmauer mit Wehrtürmen, auf der anderen Seite noch ein Tor und in der Mitte zwei erhabene Kirchtürme. Prächtig sah sie aus, diese Stadt. Das erweckte Matthias’ Neugierde. Vielleicht sollte er sich ja doch einmal aufmachen, um zu schauen, was es da draußen noch alles gab?

Als er an diesem Tag nach Hause kam, musste er sich die hundertste Standpauke seiner Mutter anhören. Wie seine Zukunft aussehe, wie er sich sein Leben so vorstelle, dass sie nicht seine Köchin und schon gar nicht seine Putzfrau sei.

»Also gut«, sagte Matthias, »das hast du nun davon. Ich geh noch heute in die Stadt und suche mir einen Lehrstelle«.

Seine Mutter sah ihn ungläubig an und entgegnete: »Seit wann wärst jetzt du so zielstrebig geworden? Ich glaube es erst, wenn ich sehe, dass du beim Dorf hinausmarschierst.«

»Was, du glaubst es nicht? Dann werde ich es dir beweisen.« Matthias machte auf dem Absatz kehrt, drehte sich um, ging in sein Zimmer und verfiel in eine merkwürdige Starre.

Was hatte er da grad gesagt? Er wollte doch gar nicht weg. Aber sich jetzt die Blöße zu geben und einzuknicken? Herrje. Also gut. Matthias dachte fieberhaft nach. Was braucht man, wenn man eine Reise tut? Er griff zu seinem Handtuch, das ist immer gut. Damit kann man sich immer abrubbeln. Aber was noch? Er hatte einen komischen Gedanken: Ein Buch, in dem beschrieben wird, wie man sich in gewissen Situationen verhalten sollte, wenn man unterwegs ist. Nein. Blödsinn. So etwas gab es ja überhaupt nicht. Aber ein Notizbuch. Man muss alles aufschreiben, so wie man früher alles Nötige und Unnötige in den Schulheften notiert hatte. Das war es. Genau.

Er packte das Nötigste zusammen, zog seinen einzigen Gehrock über, den er von seinem Großvater übernommen hatte und der schon bessere Zeiten gesehen hatte, streifte seine Kniebundhose, die um die Taille schon etwas spannte, glatt und zupfte seine Socken, waren die nicht mal weiß?, zurecht. Unter der Matratze lag sein Erspartes, etwas mehr als zehn Gulden und einige Kreuzer.

Dann trat er aus seiner Kammer, umarmte seine Mutter und reichte seinem Vater Sebastian zum Abschied die Hand. Täuschte das, oder schauten jetzt etwa die Eltern verwundert drein? Jahrelang hatten sie ihn gedrängt, in die Welt hinauszuziehen und einen Beruf zu ergreifen. Und jetzt, wo es soweit war, schauten sie ihn traurig an.

Naja, es waren keine friedlichen Jahre. Immer wieder zogen Soldaten durch die Gegend. Erst recht in einer großen Stadt wie Scrobinhusen. Er würde doch nicht in schlechte Gesellschaft geraten. Was die Eltern nicht wussten: Genau vor vier Tagen, am 4. Juli 1744, waren die letzten fremdländischen Soldaten aus Scrobinhusen abgezogen. Die Stadt hatte sich von den österreichischen Truppen freigekauft und 1560 Gulden bezahlt, damit sie abzögen.

Der Vater, ein breitschultriger Mann mit gütigen Augen, fing sich als erster: »Hauptsache, du träumst nicht mehr vor dich hin, dann wird es schon werden. Versuche ab jetzt in der Gegenwart zu leben. So wirst du ein selbstständiger Mann werden.«

»Ja, ist gut, Vater. Keine Angst. Ich hab meine fünf Sinne beisammen«, versprach Matthias, drehte sich auf dem Absatz um und schritt aus dem geliebten Dorf hinaus.

»Außerdem bist du alt genug, um nach einem Weibe Ausschau zu halten, bevor unser Dorf aussterben wird«, rief ihm die Mutter hinterher. »Ist schon recht, Mutter«, brüllte Matthias zurück, und er versuchte dabei fest und zuversichtlich zu klingen, auch wenn ihm ganz anders zumute war.

»Oder, noch schlimmer, es gibt niemanden, der den Hof übernehmen wird«, murmelte der Vater nur noch so vor sich hin.

Aber das hörte Matthias schon nicht mehr.

Er wanderte über die hügelige Landschaft Richtung Gerolsbach. Das war über viele Jahre sein Schulweg gewesen. Erinnerungen an langweilige oder auch interessante Stunden kamen dabei hoch. Lesen, Schreiben und Rechnen waren ihm schnell geläufig. Nur manchmal war es gut, wenn der Lehrer vom allgemeinen Stoff abwich. Einmal, da erzählte er von einem gewissen Johannes Kepler. Dieser Kepler soll vor über hundert Jahren entdeckt haben, dass die Planeten sich nach eigenen Gesetzen bewegen. Die grundlegende Änderung zur bisherigen Anschauung war, dass sich die Planeten also nicht mehr um die Erde...



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