Lisas Rückkehr
Gut vier Monate waren inzwischen vergangen, seit Lisa Liebich zum letzten Mal den beeindruckenden Anblick des Hafens der Warnow genießen konnte. Ihr wurde wieder deutlich vor Augen geführt, welch außergewöhnliche Lage ihre Dienststelle hatte.
Eine Ewigkeit, dachte sie gerade, als sie die wenigen Treppenstufen zum Hauseingang hinter sich gelassen hatte. Sie stand vor der vertrauten Bürotür und zögerte etwas, ehe sie eintrat. Seit Lisa aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hatte sie sich Gedanken gemacht, wie sie bei der Rückkehr nach ihrer langen Abwesenheit empfangen würde. Sie kam zwar auf eigenen Wunsch ins Kommissariat zurück, gleichzeitig fühlte sich dieser Moment fremd an.
Erneut zeigte sich das maue Gefühl in der Magengegend. Der trübe Novembertag mit einem rauen Nordwestwind machte ihre Gefühlslage nicht besser.
Erst jetzt war sie in der Lage, ihren Dienst aufzunehmen. Dabei hatte ihr die mehrwöchige Psychotherapie geholfen, bei der die Therapeutin den Finger auf ihre seelischen Wunden gehalten hatte, die sie nach dem Übergriff des Mörders erlitten hatte. Kaum war es Lisa besser gegangen, wollte sie zurück zur Kripo. Dazu war es vor allem nötig, dass Peter Heilmeyer, ihr Chef, sie nach dem Vorfall fest anstellte. Sie hatte als Polizistin bei der Aufklärung eines Falls absolut fahrlässig gehandelt. Gleichzeitig konnten die Kollegen erst durch ihre ungewollte Beteiligung am Tatgeschehen, den Fall des Serienmörders zum Abschluss bringen. Der Täter wurde zu einer lebenslänglichen Haft verurteilt. Eine anschließende Sicherheitsverwahrung wurde später gerichtlich beschlossen. Mit der Festsetzung des Mörders konnte die Akte »Soko Weiße Calla« endgültig geschlossen werden.
Diese lange Auszeit hatte sie gebraucht, um in diesen Job erneut einzusteigen. Von dem Plan, ein Jura-Studium zu beginnen, hatte sie sich bereits im Krankenhaus, nach dem brutalen Übergriff endgültig verabschiedet.
Während sie zu Hause bleiben musste, hatte sie mehrfach telefonisch das Gespräch zu ihrem Chef gesucht. Der hatte versprochen, sich zu melden, sobald das Team sich einig darüber wurde, ob es Lisa trotz des Vorfalls dabeihaben wollte. Vor einer Woche hatte sie endlich erfahren, dass die Entscheidung für sie positiv ausgefallen war.
Endlich war sie hergestellt und konnte in Heilmeyers Team zurückkehren. Mit dem Wiedereinstieg in den Job wollte sie mehr denn je üblen Verbrechern das Handwerk legen.
Jetzt stand Lisa Liebich vor dem Eingang des Kommissariats und klopfte zaghaft an die Tür, bevor sie diese öffnete. Kaum stand sie im Raum, wurde sie mit einem freudigen Hallo begrüßt. Alle waren da, selbst Tess aus der Gerichtsmedizin. Mit so einem Empfang hatte Lisa nicht gerechnet. Sofort waren alle Zweifel für einen Neubeginn verflogen.
»Na, du hast uns ja lange zappeln lassen. Aber gut, dass du zurück bist«, preschte Olli vor und begrüßte sie als erster in seiner kumpelhaften Art.
Für einen Arbeitstag, wie Lisa ihn kannte, war dieser eher besonders. Die Kollegen hatten Kaffee mit Kuchen vorbereitet und ein bunter Blumenstrauß stand mitten auf dem Tisch.
Tess deutete auf den Kuchen. »Den habe ich gebacken. Hoffe, dass er dir schmeckt.«
Lisa lächelte verlegen. »Woher weißt du, dass ich Käsekuchen besonders mag?«
»Wer mag den nicht?«
Lisa antwortete mit einem Lächeln.
So schnell wie sie gekommen war, verflog die anfängliche Unsicherheit, genauso das maue Gefühl in ihrer Magengegend. Ab jetzt freute sich Lisa ungehemmt über die herzliche und bedingungslose Begrüßung ihrer Leute.
Olli wartete nicht lange und schob sich ein Stück Kuchen in den Mund. »Köstlich«, sagte er mampfend.
Der Kuchen von Tess schien auch den anderen zu schmecken, alle langten kräftig zu.
Jens schluckte schnell einen Bissen hinunter und sah Lisa an. »Traust du dir die Arbeit bei uns überhaupt wieder zu?«
Olli wartete Lisas Antwort gar nicht erst ab und meinte: »Wir hatten Angst um dich, gut, dass du keinen körperlichen Schaden genommen hast.«
Die meisten Kollegen hatte Lisa tatsächlich in den letzten Monaten nicht zu Gesicht bekommen. Lediglich Tess, Olli, Jens und der Chef hatten sie im Krankenhaus und zu Hause regelmäßig besucht.
Im Dienstraum hob sich allmählich der Geräuschpegel und kaum jemand verstand mehr sein eigenes Wort.
Peter Heilmeyer zeigte auf seine Uhr. »Leute lasst uns mit der Besprechung beginnen. Es wird Zeit.« Dann sah er Lisa an. »Du merkst, dass alle sich freuen, dich wieder dabeizuhaben. Aber jetzt kommt bitte langsam zum Schluss der Kaffeerunde, auf uns wartet jede Menge Arbeit. Der neue Fall ist zwar kein Mord, aber er wird uns mindestens genauso intensiv beschäftigen. Davon gehe ich jedenfalls fest aus. Er birgt jede Menge Gewaltpotenzial und könnte weitere Straftaten nach sich ziehen.«
Lisa kannte den Chef, wenn er in dieser vehementen Art seine Stimme erhob, duldete er keinen Widerspruch und erwartete, dass jeder zur Sachlage überging. Er konnte es nicht ausstehen, unnütz Zeit zu verlieren.
»Ich bin mir sicher, Lisa, du bist bald mittendrin in der Arbeit und wirst dich schnell zurechtfinden. Wir werden dich nicht schonen, das kann ich dir versprechen. Es gibt jede Menge zu tun und wir brauchen jeden Einzelnen, der konzentriert bei der Sache bleibt.«
Der Hauptkommissar wollte ihr offenbar zeigen, dass sie keine Praktikantin mehr war, sondern ein vollwertiges Mitglied im Team.
»Ich brauche keine Sonderbehandlung, ich bin hier, um das Beste zu geben. Bevor es für mich aber richtig losgeht, muss ich ein Dankeschön loswerden. Leute, danke! Für alles«, betonte Lisa, froh darüber einen guten Start hingelegt zu haben.
»Schon gut. Das eben war vielleicht etwas direkt, aber du kennst mich hoffentlich noch. Nichts für ungut.« Während Heilmeyer den letzten Satz herausbrachte, lächelte er Lisa zaghaft an. Sie lächelte zurück und das Eis zwischen ihnen war gebrochen.
Heilmeyer sprach weiter: »Lasst uns die bisherigen Ermittlungen besprechen, damit Lisa auf demselben Wissensstand wie wir ist. Übrigens passt dieser Fall perfekt zum gerade erschienenen statistischen Bericht. Vergewaltigung und sexuelle Nötigung stehen an zweiter Stelle der seit zwei Jahren erhöhten Straftaten in unserem Land. In dem Bericht wurde aufgezeigt, dass es eine satte Steigerung von 12,8 % gibt. Diese Info nur mal nebenbei.«
Heilmeyer war ganz bei der Sache. Er machte seine Tasche auf, holte einige Fotos hervor, mit denen er in die Richtung der zentral angebrachten Pinnwand ging. Die große, fast die Hälfte der Wand einnehmende Schautafel stand in direkter Blickrichtung zu allen Teilnehmern der Runde. Neben den Fotos heftete Heilmeyer auch einige Notizen an, von denen er manche farblich markierte.
Während der Hauptkommissar mit den Infos an der Pinnwand beschäftigt war, räumte Tess leise sämtliches Geschirr vom großen Arbeitstisch ab. Dann gab sie Lisa ein Zeichen, dass sie später telefonieren würden, und verließ den Raum.
Heilmeyer blickte intensiv auf ein Foto, markierte es farbig, ging einen Schritt zurück und betrachtete es wieder. Dann drehte er sich um. »Lasst uns Struktur hier reinbringen. Fällt euch etwas auf?«
Stille im Raum. Nicht nur Lisa konnte nichts mit den Pfeilen und Farbmarkierungen Heilmeyers etwas anfangen.
Lisas Augen huschten von Bild zu Bild. Aber was sollte sie schon mit ihnen anfangen? Schließlich war heute ihr erster Arbeitstag.
»Was soll uns dieses Foto mit der brutal zugerichteten Frau überhaupt sagen?«, fragte Lisa deshalb laut.
Auf einmal sah es aus, als wollten alle eine Antwort geben. Dabei murmelten sie sich nur untereinander etwas zu. Der Chef unterbrach die lauter werdenden Stimmen und schaute alle im Raum erwartungsvoll an. »Was gibt es da so lange zu überlegen? Seht euch alle Fotos an, nicht nur die mit den misshandelten Frauen. Wie ihr seht, haben wir zwei Opfer, die sind klar auf den Bildern hier zu erkennen. Von der anonymen Anruferin haben wir keine persönlichen Angaben. Aber ich will auf etwas anderes hinaus. Gibt es etwa nicht einen einzigen scharfsinnigen Beobachter unter euch?«
Lisa sah von Kollege zu Kollege und las in deren Gesichtern viele Fragezeichen. Heilmeyer wollte gerade selbst die Antwort geben, als Lisa eine Idee kam. »Ich bin zwar in den aktuellen Fall nicht involviert, aber das Foto der Frau auf der rechten Seite kommt mir bekannt vor. Und wenn ich das Logo darunter richtig deute, ist es dieselbe Partnervermittlung vom Sommer. Die spielte ja bereits im August keine unwesentliche Rolle. Wir konnten denen zwar keinen direkten Einfluss nachweisen, aber ganz geheuer waren mir die Damen nicht.«
»Bingo, Lisa! Genau diese Agentur meinte ich. Willkommen im Team! Ich merke, du bist dabei. Seit einiger Zeit betreiben die Leute neben dem uns bekannten Partnerportal eine mysteriöse Seitensprungagentur, und das nicht ganz legal. In diesen Kreisen sind sie längst keine Unbekannten mehr.«
Olli schaute irritiert. »Seitensprungagentur? Wie bitte darf ich mir so einen Laden vorstellen? Und was soll die mit unserem Fall zu tun haben?«
Heilmeyer sah Olli an. »Olli, stell dich nicht dümmer an als nötig. Der Name sagt es bereits. Aber eigentlich läuft alles im Hintergrund über eine Webseite ab, und genau die Seite wird von dieser ominösen Agentur angeboten. Dort melden sich oft unzufriedene Frauen an. Sie suchen für ihre speziellen Vorlieben einen entsprechenden Mann, weil...