Pfander / Müller Hinter Gittern
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-03763-566-7
Verlag: Wörterseh
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mein Leben im Männerknast
E-Book, Deutsch, 232 Seiten
ISBN: 978-3-03763-566-7
Verlag: Wörterseh
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marlise Pfander, geb. 1950 in Bern, liess sich zur kaufmännischen Angestellten ausbilden, sorgte später für ihre Familie und stieg mit vierzig Jahren wieder ins Berufsleben ein - beim Migrationsdienst. Von dort aus bewarb sie sich Jahre später für die Stelle als Direktorin des Regionalgefängnisses Bern (RGB) und wurde eingestellt. Ein Karrieresprung, der heute ohne Hochschulabschluss wohl nicht mehr denkbar wäre. Kurz vor Ihrer Pensionierung 2013 erhielt sie von der Autorin Franziska K. Müller die Anfrage, ob sie ihre Biografie schreiben dürfe. Marlise Pfander sagte in erster Linie zu, weil sie der breiten Öffentlichkeit einen Einblick in den wenig bekannten Mikrokosmos 'Gefängnis' geben wollte. In zweiter Linie aber auch, weil sie zeigen möchte, dass es beim Führen von Menschen, in ihrem Fall Mitarbeitende und Gefangene, und dem Führen eines grossen Betriebes nicht nur den Kopf braucht, sondern auch Herzensbildung. Marlise Pfander lebt in Bern.
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Recht und Unrecht
Du sollst nicht stehlen, nicht töten, nicht rauben. Ich bin sechsjährig und höre dem Großvater zu. Er arbeitet als Sigrist in einer reformierten Kirche und lebt mit unserer Familie unter einem Dach. Ich stamme aus dem Arbeitermilieu. Der Vater war Maler, die Mutter blieb nach der Heirat ebenfalls voll berufstätig. In den 1950er- und frühen Sechzigerjahren galt dieses Familienmodell weder als fortschrittlich noch als emanzipiert, sondern deutete eher darauf hin, dass ein einziger Verdienst nicht ausreichte, um eine fünfköpfige Familie über die Runden zu bringen. Mutter war bei der Geburt meiner Zwillingsschwestern erst zwanzig Jahre alt, und nur achtzehn Monate später kam ich zur Welt. Die jungen Eltern, fleißig und sparsam, schafften es, dass die Mahlzeiten regelmäßig auf den Tisch gelangten, für mehr reichten die beiden Verdienste nicht aus. Um eine häusliche Gemütlichkeit zu kreieren, fehlte es Mutter an Zeit und Muße. In den wenigen Stunden, die sie zu Hause verbrachte, verarbeitete sie Kartoffeln und Gemüse zu Mahlzeiten, die am Abend und in der kurzen Mittagspause des folgenden Tages verzehrt wurden.
Die Zeitschriften hingegen proklamierten ein bürgerliches Ideal, das ich nicht kannte und somit auch nicht verstand, jedoch bewunderte: Frauen in gebügelten Rüschenschürzen standen vor modernen Haushaltsgeräten. Ein knuspriger Truthahn brutzelte im Ofen. Ein elektrisches Handrührgerät schlug luftige Sahne, die eine kunstvoll geschichtete Torte bedeckte. Pastellfarbene Einbauküchen waren der Traum jeder Hausfrau. Das Kochen, Saubermachen, Waschen, Bügeln und Nähen wurde niemals in Eile oder missmutig erledigt. Die vielfältige Perfektion zielte auf die Zufriedenheit eines Ehemannes, der in Anzug und Schlips nach Hause kam und seine strahlende Gattin für das gelungene Tageswerk lobte. Die Zeitschriften-Mütter schoben fröhliche Babys durch den Park, sie besuchten den Spielplatz oder den Zoo. Sie saßen mit den älteren Söhnen und Töchtern am Küchentisch. Sie brachten ihnen die Rechtschreibung bei, halfen geduldig bei kniffligen Rechenaufgaben, und um Punkt vier Uhr bekamen diese Kinder ein Glas Milch und einen blank polierten Apfel serviert.
Solche Fürsorglichkeit war meinen Schwestern und mir fremd. Mehrheitlich auf uns allein gestellt, verbrachten wir die Tage so ähnlich wie viele andere Kinder aus der Siedlung: ohne elterliche Anleitung zum Glücklichsein. Was uns Vater und Mutter an Umsicht und familiärem Zusammenhalt nicht geben konnten, fanden Regina, Therese und ich beieinander, und diese Verbundenheit dauert an. Bis zum heutigen Tag sind wir beste Freundinnen geblieben. Als Kinder retteten wir uns selbst, und im Nachhinein betrachtet, ist es diesem schwesterlichen Verbund aus nie enttäuschtem Wohlwollen und inniger Zuneigung zu verdanken, dass sich unser Seelenleben gut entwickeln konnte. Zusammen streiften wir durch Wälder und über Felder. Mit selbst gebasteltem Pfeil und Bogen eroberten wir in unserer kindlichen Fantasie ganze Ländereien und sprangen im Sommer kreischend in die smaragdgrüne Aare. Wir kamen ohne viel Spielzeug aus, und dass Geburtstage, Weihnachten und Ostern nicht oder nur reduziert gefeiert wurden, lag wohl auch daran, dass Mutter und Vater vom Wirtschaftsaufschwung jener Jahre nicht profitieren konnten. Während meine Schwestern bald für den organisatorischen Ablauf des Haushalts zuständig waren, kümmerte ich mich um die Gerechtigkeit und anstehende Entscheidungen, die es zu fällen gab. Egal, ob sich Kameraden, Lehrer oder entfernte Familienangehörige gegen Regina und Therese richteten: Geschah den Schwestern Unrecht, mischte ich mich ein, verlangte Gespräche, ging den Gründen der Missachtung auf die Spur, ließ mich weder einschüchtern noch abwimmeln.
Was Recht und Unrecht ist, lernte ich von meinem Großvater, den ich liebte und der zu meinem Vorbild wurde. Er war ein stoischer Mann, der sich in die innerfamiliären Verhältnisse nicht einmischte, ebenso schweigsam bei Tisch saß wie sein Sohn, die Schwiegertochter und die Enkelinnen. Dennoch erlebte ich ihn als eine Bereicherung und war froh, dass er bei uns lebte. Sein kirchlicher Aufgabenbereich war geheimnisvoll und umfassend. Wann immer ich ihn zur Arbeit begleiten durfte, erschien mir dies als Privileg. Großvater Gottfried schmückte die Kirche für Gottesdienste, Taufen, Trauungen, Abdankungen und Konzerte mit Blumen und Dekorationen, die den Anlässen und heiligen Feierlichkeiten entsprachen. Zum Erntedankfest brachten wir Kürbisse mit und stellten goldgelbe Garben auf. An Ostern entstand ein Nest aus Weidenzweigen und bemalten Eiern. Im Winter positionierten wir die große Krippe vor dem Altar, befreiten behutsam die Figuren aus dem Seidenpapier, und ich durfte zum Schluss das Christkind in die geschnitzte Krippe legen.
Ich mochte den Klang meiner Schritte, die ein hallendes Echo im Kirchenschiff hervorriefen, wenn ich an normalen Sonntagen beim Austeilen der schwarz eingebundenen Gesangsbücher half. Voller Ehrfurcht beobachtete ich Großvater, wenn er wichtigere Arbeiten nicht in Kinderhände legen mochte, sondern selbst verrichtete: Den Kollektenbehälter brachte er mit nach Bienenwachs duftender Möbelpolitur zum Glänzen. Die Silberschale mit dem erwärmten Taufwasser stellte er sorgfältig auf den Altar. Mit Bordüren verzierte Ringkissen unterzog er vor der Trauung einer genauen Inspektion. Zuvor rückte er Stühle zurecht, legte die Hand auf jeden einzelnen Heizkörper, um die Temperatur zu kontrollieren, pustete in die Mikrofone, um die Tonqualität zu prüfen. Er montierte die frisch gebügelten Kirchenfahnen, und zusammen stiegen wir die steilen Treppen zum Glockenturm hoch. Ich durfte an den dicken Seilen ziehen, bis dröhnendes Geläut der ganzen Gegend den Beginn des Gottesdienstes verkündete. Bald saßen die Kirchgänger festlich gekleidet in den Bänken, und ich setzte mich zu ihnen. In meinen Augen bildeten wir eine glückliche und intakte Gemeinschaft, deren Mitglieder durch ähnliche Wertvorstellungen und eine Vorliebe für Rituale verbunden waren. Zufrieden, seinen Teil geleistet zu haben, und im Wissen, dass dies nicht wenig war, überließ Großvater nun das Feld dem Pfarrer.
Großvater brachte mir bei, was Recht und Unrecht ist, und er verwies immer wieder darauf, dass alle Lebewesen denselben Respekt verdienen und jene, die vom rechten Weg abkommen, auf eine zweite Chance hoffen dürfen. Wenn ich mit den moralischen Fragen eines Kindes an ihn gelangte, experimentierte er nicht mit Weisheiten, die er nicht kannte, und gab nicht vor, mehr zu wissen, als es den Tatsachen entsprach, sondern er verwies mit tiefer Stimme und in einfachen Worten auf ein Gebot, das ihm in diesem Zusammenhang richtig erschien. Großvater war bescheiden, aber auch selbstbewusst. Für beides bewunderte ich ihn. Er besaß die Stärke, authentisch zu sein. Er war ehrlich. Sich selbst und anderen gegenüber. Wie er lebte und was er dachte, was er nicht war und nicht wusste, daraus machte er keinen Hehl, und dieses Credo versuchte ich später bewusst zu verinnerlichen.
Es ist nicht schwierig, sich glanzvoller darzustellen, als man ist. Im einfachen Fall entstehen Lebenslügen, die nur den Betreffenden selbst etwas angehen. In meiner Funktion als Gefängnisleiterin kam ich aber auch mit unzähligen Menschen in Kontakt, die in ihrem unstillbaren Bedürfnis nach Großartigkeit moralische Grenzen überschritten, was oft furchtbare Konsequenzen nach sich zog. Ich dachte auch im Erwachsenenleben oft an Großvaters Worte, die mir als Kind rätselhaft erschienen waren: »Ausschlaggebend ist, ob der Mensch mit seinen Unzulänglichkeiten umzugehen weiß.«
Manche meiner Bildungslücken versuchte ich später mit einer Kaderausbildung und diversen Kursen auszubügeln. Heute weiß ich, dass mir diese oberflächlichen Korrekturen im Berufsleben unter dem Strich weniger brachten als Großvater Gottfrieds Maxime, nicht besser erscheinen zu wollen, als man tatsächlich ist, und dazu gehörte in meinem Fall auch, dass ich meine einfache Herkunft nie verleugnete.
Meine Jugend bleibt mir als schwierige Zeit in Erinnerung. Äußerlich entwickelte ich mich – groß gewachsen, sehr schlank und mit langen dunklen Haaren – zum Ebenbild meiner Mutter. Obwohl ich als gute Schülerin galt, war es unmöglich, eine höhere Schule zu besuchen, und auch eine Berufslehre befanden die Eltern als unnötig. Doch zu diesem Zeitpunkt stellte ich die Weichen zum ersten Mal selbst, und fest entschlossen, nicht in der Gosse zu landen, erinnerte ich mich abermals an Großvaters Worte: »Wohin die Reise geht, bestimmt der Mensch am Ende allein.«
Jahrzehnte später, wenn mir Menschen gegenübersaßen, deren Kindheit so viel problematischer gewesen war als meine eigene, konnte ich nachvollziehen, dass die Vergangenheit Spuren hinterlässt, die Hoffnungslosigkeit eine Kerbe in die Seele schlägt und den Weg in eine falsche Richtung weist, dass man heimzahlen will, was man selbst erdulden musste. Aber so einfach ist es nicht immer. Das zeigte mein intensiver Umgang mit jenen, die raubten und töteten, auf die schiefe Bahn gerieten,...




