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E-Book, Deutsch, 268 Seiten

Pfann Harrass


1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7494-7726-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 268 Seiten

ISBN: 978-3-7494-7726-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In dieser turbulenten Geschichte kommen irgendwann alle auf den Hund. Allen voran Harrass, der freche Vierbeiner auf Monsterjagd. Auch Velofahrer Sven und seine Arbeitskollegin Bettina manövrieren sich beharrlich von einer Bredouille in die nächste. Und schliesslich gerät Duschvorhangproduzent Frantisek Hrdina immer tiefer in den Strudel der Ereignisse. Auf jeden Fall spitzt sich die Lage zwischen Zürich-West, dem Gotthardpass und Interlaken gehörig zu und endet zwangsläufig in einer amüsanten Katastrophe.

Autor, Journalist und Musiker Thomas Pfann verfasste neben unzähligen Zeitungsartikeln das Sachbuch «Die Expeditionstagebücher» (2000), eine Aufzeichnung von Reisen auf die höchsten Bergen der Welt, war 2019 Initiator und Mitautor beim Romanprojekt «Triumphale Tage in Dietikon» und schreibt seit über 20 Jahren Kolumnen in verschiedenen Schweizer Tageszeitungen. Der vorliegende Roman «Harrass» wurde 2015 publiziert und liegt in einer überarbeiteten Ausgabe vor.
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Kapitel 3


Bettina Breitenmoser war froh, als nach einem ruhigen Tag im Büro endlich Feierabend war. Bereits zeigte der warme Juni seine Wirkung. Alles strömte nach draussen, an die Sonne, an die frische Luft. Sie dachte an die Geschichte mit Sven und dem Hund – oder besser, dem «Schwund» – während sie in der Tiefgarage ihr Auto suchte. Sie hatte es doch gewusst. Sven konnte Fische in Perfektion zeichnen und sonst nichts. Bettina musste lachen. Dieser «Schwund» war echt ein Knüller. Die Skizze hatte sie sorgfältig in eine Mappe gesteckt und in ihrer Tasche verschwinden lassen.

Es ging ihr nicht darum, den Arbeitskollegen schlecht zu machen. Die Zeichnung war einfach lustig anzuschauen. Schadenfreude war nicht ihr Ding, im Gegenteil.

Schon an ihrem ersten Arbeitstag bei der Courtena AG fiel ihr der Chefdesigner auf. Abgesehen von seiner sportlichen Erscheinung beeindruckte sie Svens Eigenschaft, durch nichts aufzufallen. Er war weder ganz humorlos noch besonders witzig, zeigte Initiative bei der Arbeit, war aber kein Eiferer. Und vor allem: er schwieg, wenn andere sprachen, ob aus Desinteresse oder weil er zuhörte – das wusste Bettina noch nicht genau. Auf jeden Fall hatte sie das Gefühl, Svens unauffällige Art passte eigentlich ganz gut zu ihr.

Im Prinzip war Sven tatsächlich nicht der Typ für eine Frau wie Bettina. Im Gegensatz zu ihm, wusste sie sich gut in Szene zu setzen. Sie ging gegen die Dreissig zu, war schlank und attraktiv. Früher glich ihre Frisur einer blonden Löwenmähne. Jetzt aber hatte Bettina halblange, brünette Haare, elegant und schon fast etwas streng geschnitten. Das passte zu ihr, denn sie trat stets selbstbewusst und unabhängig auf. Letzteres nicht ganz freiwillig, in gewissem Sinne.

Bis vor rund einem Jahr wohnte sie noch zusammen mit ihrem Freund in einem St. Galler Vorort. Gemeinsam pflügten sie sich durch den Sumpf einer untergehenden Partnerschaft. Zu Beginn verursachten Unentschlossenheit und Karrieresucht bei beiden erste Überschwemmungen der Gefühle.

Auf der einen Seite verfügten sie über zu wenig Antrieb, in der Partnerschaft weiterzukommen, auf der anderen Seite stand der Eifer, überall der oder die Beste zu sein. So standen sie schon bald hüfthoch in den Beziehungsproblemen.

Bettinas Partner arbeitete als Verkaufsleiter bei einem Inseratmonopolisten für die Schweizer Medien. Um bei diesem Geschäft ganz vorne dabei zu sein, war mehr als hundertprozentiger Einsatz gefordert. Das hiess für ihn, bei jedem kleinsten Anlass dabei zu sein, um allfällige Kunden gleich für Inserate und Aufträge gewinnen zu können. Irgendwann würde er dann vom Schreibtisch aus die Geschäfte machen können – soweit war er aber noch nicht.

Daraus ergab sich die Konsequenz, dass Bettina oft allein zu Hause sass, weil sich ihr Partner an irgendeiner Autoshow oder Gewerbemesse auf Kundenfang befand. Ihr Partner arbeitete viel und er hatte Perspektiven – aber die lagen in ferner Zukunft. Irgendwann wollte er einmal eine ruhigere Kugel schieben und mit wenig Aufwand viel Geld verdienen. Dann würden sie auch zusammen mehr Zeit verbringen, sagte er immer und forderte von seiner Partnerin Geduld.

Bettina trug genauso ihren Anteil für das Scheitern der Beziehung bei. Fragte man sie, wie sie sich ihre Zukunft vorstelle, wusste sie nichts Genaues zu antworten. Glücklich sein, zufrieden leben, vielleicht mal Familie haben – oder auch nicht. Für sie war vieles möglich, konkrete Pläne hatte sie keine.

Nach rund fünf Jahren stand ihnen das Wasser schliesslich bis zum Hals und es gab nur noch eine Lösung. Jeder ging seine eigenen Wege. Ein Funken Liebe war zwar noch im Spiel – oder wenigstens der gegenseitige Respekt und das Wissen, dass beide für die Trennung verantwortlich waren.

In dieser Hinsicht hatten sie anderen Paaren in der gleichen Situation einiges voraus, welche vor lauter Vorwürfen und Anschuldigungen vergassen, dass sie früher wenigstens in einigen Punkten derselben Meinung waren.

Bettina erinnerte sich mit gemischten Gefühlen an diese Zeit. Am ehesten dann, wenn sie im Auto sass. Den kleinen schwarzen Wagen hatten sie und ihr Freund noch gemeinsam gekauft. Er blieb nach der Trennung in Bettinas Besitz.

Die Courtena AG befand sich im südlichen Teil Zürichs am Fusse des Üetlibergs, Bettinas Wohnung lag auf der anderen Seeseite im Seefeldquartier. Mit dem Tram zur Arbeit fahren, wäre durchaus möglich gewesen.

Für Bettina kam dies aber nicht in Frage, sie fühlte sich zu stark gebunden an Fahrpläne, und das ständige Achten aufs Wetter war ihr zu mühsam. Schien morgens noch die Sonne, kleidete sie sich sportlich elegant. Klatschten am Feierabend dicke Regentropfen auf den Asphalt, ärgerte sie sich über fehlende Regenjacke oder den Schirm.

Das Auto bedeute ihr darum viel. Es war eine Art der Selbstbestimmung, wenigstens bis zum Arbeitsplatz. Da hatte ihr Chef, Frantisek Hrdina, das Sagen.

Die Ausfahrt aus der Tiefgarage bereitete ihr zu Beginn der Anstellung bei der Courtena AG einige Probleme. Normalerweise durchaus geübt im hektischen Strassenverkehr, mühte sie sich täglich ab mit der Garagenausfahrt. Die Ausfahrspur war derart eng berechnet, dass schon am ersten Arbeitstag der rechte Seitenspiegel knirschend mit einer Betonsäule Bekanntschaft machte und sich mit einem kurzen Knacken vom Auto verabschiedete. Bettina stieg schnell aus, las den Spiegel vom ölverschmierten Betonboden auf und warf ihn verärgert auf den Beifahrersitz.

Zum Glück hatte niemand ihr Missgeschick bemerkt. Ein paar Tage später jedoch gingen gerade einige Mitarbeiter der Firma an ihrem Wagen vorbei, als sich der neue Spiegel mit lautem Jaulen zur Seitenscheibe hin krümmte und dann scheppernd vors nahende Hinterrad fiel.

Dieses gab dem Spiegel den Rest, übrig blieb ein Haufen Glassplitter und Plastik. «Ho, ho, Frau Breitenmoser! Fahre rechts und die Strasse wird breiter, gell! Das müssen Sie aber nicht allzu wörtlich nehmen», kicherten die Kollegen verschämt.

An diesem Junitag gelang Bettina die Ausfahrt problemlos. Ihre Gedanken waren noch immer beim «Schwund», der verstohlen in ihrer Tasche schlummerte. Sie dachte an den armen Sven, dem die Schweissperlen auf der Stirn standen, als er den Hund zu zeichnen versuchte. Ein bisschen tat er ihr sogar leid. Schliesslich war er ihr gegenüber immer fair und hilfsbereit.

Und auch sonst: Sein durchtrainierter Körper beeindruckte sie von Anfang an – auf dem Velo machte Sven bestimmt eine gute Figur. Für einen Moment erwischte sie sich bei der Vorstellung, wie ihr Arbeitskollege im hautengen Velodress an ihr vorbeifuhr und sie in Gedanken seine kräftigen Beine und den strammen Hintern bewunderte.

Lautes Hupen weckte sie aus ihren Träumen und ein wild fuchtelnder Autofahrer hinter ihr drängte zur Weiterfahrt.

Ja, es war ruhig geworden bei Bettina in Sachen Freundschaft und Beziehung. Viel Zerstreuung gab es zurzeit nicht in ihrem Leben, ausser der Arbeit und einem gelegentlichen Schwatz mit der Kollegin. Sie war deswegen nicht einmal besonders betrübt. Es war einfach ungewöhnlich für sie.

Früher blieb sie selten einen Abend zu Hause. Wenn sich die Möglichkeit für einen unterhaltsamen Abend bot, überlegte sie keine Sekunde. Als dann die Schwierigkeiten in der Beziehung begannen, war sie umso mehr bis spät in die Nacht in den Zürcher In-Lokalen anzutreffen.

Zeit dazu hatte sie ja genug. Jetzt wohnte sie allein und konnte sich täglich für ein neues Happening in den Clubs entscheiden. Aber ihr fehlte die Energie dazu. Das Lebenstheater ging offensichtlich zum nächsten Akt über. Welche Rolle in welchem Stück sie dabei spielte, wusste Bettina nicht.

Ganz unvorbereitet betrat sie diese Bühne ja auch wieder nicht. Verschwanden einige gewohnte Menschen und Dinge aus ihrem alten Leben, so kamen neue dazu. Die neue Arbeit, die neue Wohnung – und beides mitten in Zürich. Da, wo sie früher durchs Nachtleben streifte, ging nun das alltägliche Leben vonstatten. Ein Abonnement fürs Fitnessstudio gehörte eigentlich auch zum Aufbruch in Bettinas neuen Lebensabschnitt.

Es spielte aber eine Nebenrolle. Richtig auf Trab hielt sie der Hauptprotagonist in ihrem Leben, eine ganz spezielle Figur: Jung, mit glänzendem schwarzgelocktem Haar, unternehmungslustig und spontan, gesund und kräftig und mit einem kräftigen Schwanz, der sofort in die Höhe schnellte, wenn sie nur schon in seine Nähe kam: Harrass.

Der knapp einjährige Terrier schaute ihr während einer Fernsehsendung vor ein paar Wochen ganz tief in die Augen. Durch die Linse der Kamera, digitalisiert über das Kabelnetz und schliesslich auf Bettinas neuem Flachbildschirm bettelte der kleine Harrass um ein neues Zuhause und wedelte dazu ganz wild.

Nie trug sie sich vorher mit dem Gedanken, ein Haustier zu halten. Die Idee traf sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Sie beschloss spontan, sich bei der eingeblendeten Nummer zu melden und den jungen Harrass zu sich zu nehmen. Es war eine Art Liebe auf den ersten Blick.

Einzig der Name machte sie etwas stutzig, verstand sie doch unter dem Begriff «Harrass»...



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