Pfeiffer | Die Reise nach Madagaskar | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 9, 362 Seiten

Reihe: Windrose

Pfeiffer Die Reise nach Madagaskar


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7565-6586-3
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 9, 362 Seiten

Reihe: Windrose

ISBN: 978-3-7565-6586-3
Verlag: neobooks
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Abreise von Wien, - Linz, Salzburg, München. - Das Künstlerfest. - Der König von Baiern. - Berlin. - Alexander von Humboldt. - Hamburg. Am 21. Mai 1856 verließ ich Wien, um abermals eine große Reise zu unternehmen. Ich schiffte mich in Nußdorf (nächst Wien) auf dem schönen Dampfer 'Austria' ein, welcher die Donau aufwärts nach Linz ging. Die Dampfschiffahrts-Gesellschaft war nicht nur so gefällig, mir eine Freikarte zu geben, sie stellte sogar eine Kabine zu meiner alleinigen Verfügung und sorgte für Kost und Bequemlichkeiten.

Es existiren über Ida Pfeiffer verschiedene, in Encyklopädieen und Zeitschriften zerstreute biographische Aufsätze, die sich theils auf mündliche Mittheilungen der Verstorbenen, theils auf Erzählungen ihr nahe gestandener Personen stützen. Ida Pfeiffer, geb. Reyer, wurde am 14. Oktober 1797 in Wien geboren und starb am 27. Oktober 1858 ebendort. Sie war eine österreichische Weltreisende, die als erste europäische Frau das Innere der Insel Borneo durchquerte.
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Ida Pfeiffer, nach ihren eigenen Aufzeichnungen.

Es existiren über Ida Pfeiffer verschiedene, in Encyklopädieen und Zeitschriften zerstreute biographische Aufsätze, die sich theils auf mündliche Mittheilungen der Verstorbenen, theils auf Erzählungen ihr nahe gestandener Personen stützen. Eine authentische Lebensbeschreibung der Weltreisenden gibt es bis jetzt aber noch nicht, obwohl gewiß Viele, welche mit ihren Sympathien die muthige Frau begleiteten, den Wunsch hegen, auch etwas Näheres über das frühere Leben Ida Pfeiffer's zu erfahren. Bei bedeutenden Menschen finden sich die Grundbedingungen einer außerordentlichen Entwicklung meistens schon in der Jugend, und wer ein interessantes Menschenleben von seiner Mittagshöhe bis zum Niedergang mit Theilnahme verfolgt hat, der wird gerne einen Rückblick in die frühen Tage werfen, in welchen die Keime der späteren Bedeutung gelegt wurden.

Hiermit ist die Veröffentlichung nachstehender Blätter wohl hinlänglich gerechtfertigt, um so mehr, als diese biographische Skizze in Bezug auf das Thatsächliche ausschließlich auf der Erzählung der Verstorbenen selbst beruht. Frau Ida Pfeiffer hat einen kurzen Lebens-Umriß, von ihrer eigenen Hand geschrieben, hinterlassen, dessen Benutzung die Familie mit großer Bereitwilligkeit gestattete. Ihm soll sich eine übersichtliche Darstellung ihrer Reisen und endlich ihr Tagebuch aus Madagaskar, welchem ihr Sohn, Herr Oskar Pfeiffer, die Erzählung ihres Leidens und Todes beifügte, anschließen. Somit läge dann der ganze Lebenslauf der Verstorbenen, mit besonderer Betonung der letzten Ereignisse ihres viel bewegten Daseins, d. h. der in ihren Einzelheiten so interessanten Reise nach Madagaskar, vor dem Leser.

Unsere Reisende ist am 14. Oktober 1797 in Wien geboren. Sie war das dritte Kind des wohlhabenden Kaufmannes Reyer und erhielt in der Taufe die Namen Ida Laura. Bis zu ihrem neunten Jahre gab es in ihrem elterlichen Hause, außer ihr selbst, nur Knaben, so daß sie unter sechs Geschwistern das einzige Mädchen war. Durch den fortwährenden Umgang mit ihren Brüdern bildete sich in ihr eine große Lust an dem Wesen und den Spielen der Knaben aus. „Ich war nicht schüchtern, sondern wild wie ein Junge und beherzter und vorwitziger als meine älteren Brüder,“ sagt sie von sich selbst, indem sie beifügt, daß es ihr größtes Vergnügen war, in Knabenkleidern sich unter Jungen umherzutummeln und alle tollen Knabenstreiche mitzumachen. Von Seite der Eltern legte man dieser Tendenz nicht nur kein Hinderniß in den Weg, sondern man gestattete auch, daß das Mädchen Knabenkleider trug, wodurch die kleine Ida vollends den Puppen und dem Küchen-Geschirr gram wurde und sich dagegen mit Trommeln, Säbeln, Gewehren und dergleichen beschäftigte. Der Vater scheint namentlich an dieser Anomalie seine Freude gehabt zu haben. Er versprach im Scherz dem Mädchen, er werde es in einer Militär-Erziehungs-Anstalt zum Offizier heranbilden lassen und forderte mittelbar dadurch das Kind auf, Muth, Entschlossenheit und Verachtung des Schmerzes zu zeigen. Daran ließ es Ida denn nun auch nicht fehlen, nachdem es ihr eifrigster Wunsch war, sich einmal mit dem Säbel in der Faust den Weg durch das Leben zu bahnen. An Beispielen von Unerschrockenheit und Selbst-Ueberwindung mangelte es sogar in ihrer frühen Kindheit nicht.

Ueber Kinder-Erziehung hegte Herr Reyer seine eigenen Ideen, deren Durchführung in seiner Familie er mit Macht aufrecht erhielt. Er war ein sehr rechtlicher, aber strenger Mann, der die Ueberzeugung hatte, daß die Jugend vor allem vor Unmäßigkeit zu bewahren sei und ihre Gelüste und Begierden bezähmen lernen müsse. In Folge dessen erhielten seine Kinder eine genau zugemessene, einfache, fast karge Kost und mußten ruhig bei Tische zusehen, wenn die Erwachsenen sich an verschiedenen Speisen gütlich thaten. Ebenso war es den Kleinen nicht gestattet, ihr Verlangen nach irgend einem eifrig gewünschten Spielzeug in wiederholter Bitte auszusprechen. Ja, die Gesinnungsstrenge des Vaters ging so weit, daß er den Kindern manchen billigen Wunsch abschlug, manche Freude versagte, nur um sie an Entbehrung zu gewöhnen. Widerstand duldete er nicht, und selbst Vorstellungen gegen seine an Härte streifende Strenge ließ er nicht gelten.

Unzweifelhaft ging der alte Herr in der Konsequenz seines Erziehungs-Systems zu weit; aber eben so sicher ist es, daß aus der kleinen Ida, ohne diese spartanisch strenge Erziehung, nie die Weltreisende geworden wäre, die Wochen und Monate lang die stärksten Strapazen oft bei der erbärmlichsten Nahrung ertragen konnte. So finden die Haupt-Eigenschaften Ida Pfeiffer's – Muth, Ausdauer, Gleichgiltigkeit gegen Schmerz und Entbehrungen ihre Ausbildung in einer fast bizarren Erziehungs-Methode, für welche sich in unserer alles Eigenthümliche mit Hast nivellirenden Zeit schwer ein Vertheidiger finden dürfte. Das Besondere mit seinen scharfen Umrissen und tiefen Schatten verblaßt immer mehr in dem Lichte einer hellen, vernünftigen Alltäglichkeit, die Charakterköpfe, die wir noch in unserer Jugend unter uns umherwandeln sahen, scheiden unersetzt einer nach dem anderen und machen sehr rationellen, aber etwas langweiligen und einförmigen Gestalten Platz.

Ida's Vater starb im Jahre 1806 und hinterließ eine Witwe mit sieben Kindern. Die Knaben befanden sich in einer Lehr-Anstalt und der Mutter fiel die Erziehung des fast neunjährigen Mädchens anheim. So gefürchtet die väterliche Strenge bei den Kindern war, so erschien sie dem Mädchen doch nicht so fatal wie die Melancholie der Mutter, die mit Aengstlichkeit und Mißtrauen jede Bewegung der Kinder überwachte und aus übertriebenem Pflichtgefühl der heranwachsenden Tochter manche bittere Stunde bereitete. Einige Monate nach dem Tode des Vaters wurde der erste Versuch gemacht, dem Mädchen die Knabenkleider zu nehmen und die Hose gegen den Unterrock zu vertauschen. Das Attentat erschien der zehnjährigen Ida aber so unerhört, daß sie vor Schmerz und Aerger darüber krank wurde. Auf den Rath des Arztes gab man ihr wieder die Knabenkleider zurück und versuchte nun mit Vorstellungen nach und nach auf den Verstand der Widerspänstigen einzuwirken.

Die dem Mädchen wieder zugestellten Knabenkleider wurden mit stürmischen Enthusiasmus in Empfang genommen, die Gesundheit kehrte zurück und Ida benahm sich nun mehr als je wie ein Junge. Sie lernte alles, was ihr für Knaben passend schien, mit Fleiß und Eifer, betrachtete dagegen jede weibliche Arbeit mit der tiefsten Verachtung, und da sie beispielsweise Klavierspielen mehr als weibliche Art betrachtete, so schnitt sie sich häufig in die Finger oder brannte letztere mit Siegellack, um nur den verhaßten Uebungen zu entgehen. Für Violin-Spiel zeigte sie große Lust. Die Mutter gestattete jedoch dieß nicht, und der Klavier-Lehrer wurde förmlich oktroyirt und mit Macht aufrecht erhalten.

Als das für Oesterreich so verhängnisvolle Jahr 1809 kam, war Ida zwölf Jahre alt. Nach dem gerade von ihren Neigungen und Ideen Mitgetheilten wird man es natürlich finden, daß sie das größte Interesse an den Kriegsbegebenheiten nahm. Sie las mit Eifer die Zeitung und verfolgte auf der Landkarte die Stellungen der beiden sich feindlich gegenüberstehenden Armeen. Voll Patriotismus jubelte und tanzte sie, wenn die Oesterreicher siegten, während sie bittere Thränen vergoß, wenn das Kriegsglück den Feinden günstig war. Da das elterliche Haus in einer der lebhaftesten Straßen Wiens lag, so gaben die vielen Truppenmärsche oft Gelegenheit zur Unterbrechung der Studien und zur Formulierung der eifrigsten Wünsche für den Sieg der Oesterreichischen Fahnen. Wenn Ida so von ihrem Fenster aus ihre Landsleute in den Krieg ziehen sah, so bedauerte sie nichts mehr, als daß sie noch zu jung war, um den bevorstehenden großen Strauß mitzukämpfen. Sie glaubte nämlich ihre Jugend sei für sie das einzige Hinderniß, mit in den Krieg zu ziehen.

Leider siegten die Franzosen, der Feind rückte in die Hauptstadt ein und die Angelegenheiten Oesterreichs standen grundschlecht. Ja, die kleine Patriotin erlebte den Aerger, daß die verhaßten Sieger in Masse im elterlichen Hause einquartirt wurden, bei dieser Gelegenheit die Hauptrolle spielten, am Tisch mitaßen und für alle derartigen Gefälligkeiten die zuvorkommendste Behandlung beanspruchten. Zeigten nun auch alle Hausbewohner den Siegern ein freundliches Aeußere, so konnten weder Bitten, noch Befehle, noch Drohungen das Mädchen veranlassen, daß es den Franzmännern ein gutes Gesicht machte. Sie gab im Gegentheil ihre Gesinnung durch Schweigen und Trotz, und wenn sie direkt von den Feinden aufgefordert wurde, sich zu äußern, durch Worte des Unmuthes und des glühendsten Hasses zu erkennen. Sie sagt über diesen Punkt: „Mein Haß gegen Napoleon war so groß, daß ich den Mordversuch des bekannten Staps in Schönbrunn als eine der verdienstlichsten Thaten betrachtete und den Thäter, als man ihn vor ein Kriegsgericht stellte und erschoß, wie einen Märtyrer verehrte. Ich glaubte, wenn ich selbst Napoleon hätte ermorden können, ich würde keinen Augenblick gezaudert haben.“

Es ist bekannt, daß man Ida dazu zwang, eine Revue, die Kaiser Napoleon in Schönbrunn über seine Truppen abhielt, mit anzusehen, daß das Mädchen, als der Verhaßte vorüber ritt, ihm den Rücken kehrte und für diese Gesinnungstüchtigkeit mit einer Ohrfeige von mütterlicher Seite belohnt wurde, daß die Mutter sie dann an den Schultern festhielt, dabei aber nichts erreichte, da Ida, während der Kaiser mit seinem glänzenden Stab von Marschällen zum zweiten Mal vorüber ritt, die Augen schloß.

Mit dem dreizehnten Lebensjahre erhielt sie zum zweiten Male Mädchenkleider, und diesmal für immer. Sie war nun freilich schon verständig genug, die...



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