E-Book, Deutsch, 596 Seiten
Pfeiffer Drang - Zwang - Untergang
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7519-7399-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Biss des Pudels
E-Book, Deutsch, 596 Seiten
ISBN: 978-3-7519-7399-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Als Anarchist und Revolutionär auf ganzer Linie gescheitert, findet Anton Rosinke ausgerechnet in den Überresten eines atomar verseuchten Provinznestes seinen Traum eines geschwisterlichen Daseins in Freiheit und Gleichheit verwirklicht. Doch die Utopie hat einen Haken - das Leben.
Frank Pfeiffer, Germanist und Historiker. 2005 Veröffentlichung von Mir leben die Toten. Gustav Landauers Programm des libertären Sozialismus. 2013 Erscheinen von Kurze Weltgeschichte des Faschismus: Ursprünge und Erscheinungsformen faschistischer Bewegungen und Herrschaftssysteme.
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In Gedanken dreht Galerian Ley eine perfekte Runde auf dem Nürburgring, als plötzlich Anton Rosinke vor seinem geliebten Volkswagen auftaucht. Mit gleichmäßigem Tempo setzt er die Fahrt fort und lässt sich auch vom wohltuenden Geräusch der Kollision nicht aus dem Konzept bringen. „Nichtsdestotrotz fanden Sie letztlich eine Anstellung. Welche Aufgaben hatten Sie denn genau als Korrektor des Rheinischen Beobachters zu erfüllen?“ – „In erster Linie war ich für die Berichtigung der so genannten Familienanzeigen zuständig. Darüber hinaus hatte ich als besonders wichtig erachtete Texte, etwa die alljährliche Weihnachtsbotschaft des Vorsitzenden der Geschäftsführung oder Nachrufe auf lokale Würdenträger*innen, zu überprüfen. Wenn noch Zeit blieb, ließ mich der Chefredakteur auch in den übrigen Artikeln herumstöbern.“ – „Aha, und wie gedenken Sie Ihre…“, Galerian Ley ist ein wahrer Meister im Setzen verächtlicher Pausen, „…Qualifikationen zukünftig beruflich zu verwerten?“ – „Mir wäre daran gelegen, weiterhin als Korrektor und Lektor zu arbeiten und gegebenenfalls auch selbst Texte zu verfassen.“ – „Eventuell sollten Sie diese Aktivitäten in Ihre Freizeit verlagern. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass mir während der vergangenen Jahre jemals ein solches Stellenangebot untergekommen wäre.“ – „Nun, ich hege keineswegs die Absicht, mich in Sachen Jobsuche auf Sie zu verlassen.“ Der bluthochdruckgeplagte Arbeitsvermittler spürt den Wutpegel in sich rapide ansteigen. Nachdem er kurz die Augen geschlossen sowie mehrfach tief ein- und ausgeatmet hat, gelingt es ihm, einen neutralen Tonfall beizubehalten. „Das Servicepaket der ABSInt beschränkt sich durchaus nicht auf das Unterbreiten von Vermittlungsvorschlägen. Zahlreichen meiner Kunden wurden bereits im Rahmen der Teilnahme an Integrationskursen die Augen für völlig neue Chancen und Perspektiven eröffnet. In Ihrem Fall denke ich zum Beispiel an PSalM, das höchst erfolgreiche Programm für die Sichtbarmachung arbeitslosenbezogener Mängel. „Klingt maximal gruselig! Worum geht es dabei konkret?“ – „Zunächst wird eine intensive Analyse der Stärken und Optimierungsbedarfe des Kunden vorgenommen. In diesem Zusammenhang sollen nicht nur die beruflichen Kenntnisse und Erfahrungen, sondern der gesamte individuelle Werdegang und das jeweilige soziale Umfeld angemessene Berücksichtigung finden. Im Rahmen des darauf aufbauenden Schrittes empfängt der Teilnehmer dann passgenau auf ihn zugeschnittene Aktivierungsimpulse. Dieser Schulungsteil deckt beispielsweise die Bereiche Kommunikationsverhalten, Körpersprache und Outfitberatung ab. Im Anschluss…“ – „Ich unterbreche ungern Ihren bestens einstudierten Monolog, aber bei mir wäre eine derartige Maßnahme definitiv herausgeschmissenes Geld. Den Themenkomplex verbale und nonverbale Kommunikation könnte ich selbst unterrichten, zu Vorstellungsgesprächen ziehe ich mich gewöhnlich anders an als heute, wobei Anzug und Krawatte grundsätzlich nicht in Frage kommen.“ Galerian Ley verspürt das drängende Bedürfnis, mit vollem Segel auf einen knüppelharten Kurs einzuschwenken, will aber nach Möglichkeit den hiermit unweigerlich verbundenen Zeitverlust vermeiden. Warte nur, Freundchen, beim nächsten Termin wirst du dein blaues Wunder erleben!, denkt er sich und sagt mit erzwungener Höflichkeit: „Na gut, dann lassen Sie uns fürs Erste die Jobsuche in den Mittelpunkt rücken! Ich veröffentliche in diesem Augenblick ein Stellengesuch als Korrektor, Lektor und Autor in unserem Digitalen Informationsportal. Ihre DIp-Anmeldedaten befinden sich bereits in Ihrem E-Mail-Postfach. Zu Ihren Mitwirkungspflichten zählt die regelmäßige Nutzung des Systems zur Stellensuche, Minimum sind zehn Stunden pro Woche, bei Unterschreitung der Mindestgrenze erhalten Sie und ich eine automatische Meldung, im Wiederholungsfall droht Ihnen eine einwöchige Sperrzeit für den Bezug von Arbeitslosengeld.“ – „Hört sich für mich wie die Light-Version einer elektronischen Fußfessel an.“ Bitte gib mir einen Grund!, wünscht sich Galerian Ley brennend und entgegnet: „Betrachten Sie die Regelung doch besser als Motivationshilfe. Als weitere Unterstützung der Kundenbemühungen dient unser Ganzheitlich-automatisiertes Stellensuchinstrument GaSsi, das Sie hoffentlich täglich mit interessanten und Ihrem Profil entsprechenden Vermittlungsvorschlägen versorgen wird. Schauen wir doch einmal, was GaSsi heute für Sie im Angebot hat.“ Einen Knopfdruck später stiert Galerian Ley mit offenkundiger Enttäuschung auf den Monitor. „Hmmm, nur ein Treffer, das ist mit Abstand die schlechteste Ausbeute dieser Woche. Aber das Stellenangebot ist dafür umso attraktiver, es handelt sich um eine Festanstellung beim unmittelbaren Konkurrenzblatt Ihres bisherigen Arbeitgebers. Da haben Sie sicherlich bei einer Bewerbung gute Karten, ich gebe Ihnen mal direkt einen Ausdruck der Stellenbeschreibung mit. Hier, bitte!“ – „Ist das Ihr Ernst? Da wird ein*e Zeitungszusteller*in gesucht!“ – „Die Branche stimmt ja wohl!“ – „Bis auf den geringfügigen Umstand, dass ich die verdammte Zeitung seit etlichen Jahren nicht mehr ausgetragen, sondern Korrektur gelesen habe!“ – „Langsam glaube ich fast, Sie wollen gar nicht arbeiten!“ – „Dito!“ Galerian Ley starrt mit unverhohlener Empörung seinen widerspenstigen Kunden an, der recht unbeirrt zurückblickt. In Gedanken sitzt die gerade an ihre professionellen Grenzen stoßende Vermittlungsfachkraft in ihrem auf einem der Mitarbeitendenparkplätze vor dem ABSInt-Gebäude abgestellten Wagen und ist im Begriff loszufahren, als just in diesem Moment auf Höhe der Pkw-Frontpartie ein sich als Anton Rosinke entpuppender Passant auftaucht. Genüsslich gibt der imaginierte Galerian Ley Vollgas. „Heute werde ich Ihnen Ihre demotivierte Haltung noch einmal durchgehen lassen, darf Sie jedoch daran erinnern, dass der Bezug von Arbeitslosengeld an die Einhaltung von Mitwirkungspflichten gebunden ist. Diese von Ihnen zu erfüllenden Vorgaben fixiert der zuständige Arbeitsvermittler bei jedem Beratungstermin schriftlich in Form eines Integrationsvertrages. Den heutigen werde ich jetzt kurz erstellen.“ Innerhalb von knapp zwei Minuten fügt Galerian Ley standardisierte Textblöcke und notdürftig individualisierte Passagen zu einem Einseiter zusammen, der noch durch eine doppelt so umfangreiche Rechtsfolgenbelehrung ergänzt wird. Das Resultat druckt er aus und legt es nebst Kugelschreiber vor sein Gegenüber. „Bitte unten rechts unterschreiben!“ Der frisch gebackene Arbeitslose ignoriert das ihm dargebotene Schreibgerät und zückt stattdessen einen eigenen Stift, mit dem er in rasender Geschwindigkeit ihm offenbar nicht genehme Stellen markiert. Als er das Blatt zurückreicht, ist es mit roten Korrekturzeichen übersät. „Wenn Sie so freundlich wären, zunächst die Tipp-, Rechtschreib- und Interpunktionsfehler zu berichtigen.“ In Galerian Ley schlägt die Empörung inzwischen Rad. Er kann sich nicht erinnern, jemals einen Kunden derart abgrundtief verabscheut zu haben wie diesen versifften Klugscheißer. Warte nur, Männeken, dich hole ich schon noch von deinem hohen Ross!, denkt sich der innerlich kochende Arbeitsvermittler, während er wortlos die sprachlichen Verbesserungsbedarfe abarbeitet. Aber auch an der korrigierten Fassung hat seine Heimsuchung in Kundengestalt natürlich einiges zu bemäkeln: „Pro Monat soll ich zwanzig Bewerbungen nachweisen? Ihr eigener Stellensuchlauf ergab eben ein mickriges Stellenangebot, das zudem, offen gesagt, ziemlich daneben war.“ – „Vergessen Sie nicht Zeitarbeitsfirmen und Initiativbewerbungen!“ Nach überaus zähen Verhandlungen werden zwei Bewerbungen wöchentlich als Untergrenze festgeschrieben und verschiedene weitere Verpflichtungen abgemildert oder gleich ganz getilgt. Als Anton Rosinke endlich den Torso eines Integrationsvertrages unterzeichnet, entfährt Galerian Ley ein Stoßseufzer. „Eines noch: Ich werde peinlich genau darauf achten, ob Sie Ihren Mitwirkungspflichten nachkommen, und persönlich dafür sorgen, dass auf jeden Verstoß eine unverzügliche Sanktionierung folgt“, kündigt der am Rande des Nervenzusammenbruchs befindliche Arbeitsvermittler an. „Nichts anderes erwarte ich von Ihnen“, erwidert das Objekt seiner Aversion lakonisch, schnappt sich seinen schwarzen, mehrere Zahnpastaflecken und eine Reihe anderweitiger Gebrauchsspuren aufweisenden Rucksack und verlässt grußlos den Raum. Noch bevor die nervtötende Figur seinem Blickfeld entschwunden ist, beginnt Galerian Ley hastig Allgemeinplätze zu einem Gesprächsvermerk zusammenzustoppeln, während er in seiner Fantasie einem ungefährdeten Triumph im Eifel-Classic-Gleichmäßigkeitslauf entgegenstrebt. Rosi liegt auf seinem Bett, den Laptop auf dem Bauch, die...




