E-Book, Deutsch, 105 Seiten
Pfützner Die Sagen der Seherin von Trondheim
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7554-2471-0
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 105 Seiten
ISBN: 978-3-7554-2471-0
Verlag: BookRix
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Wenn sich die Bewohner von Herbrøge in der Mittsommernacht versammeln, um das Drangur-Fest zu begehen, ist es Gunhild Klarauge, ihre Seherin, die um eine Geschichte gebeten wird. Wer war Gisa Wolfstod? Was geschah einst auf Vestvågøy? Was bewegte Jarl Holmang Thoresson, eine Waise zu seinem Nachfolger zu machen? Warum wurde das Sklavenmädchen Sarani ausgerechnet von Sven Bartje gekauft? Und was hat ein echter Kelte wohl in der Wikingerstadt Heiðabýr zu suchen? Die mystischen Erzählungen der Seherin von Trondheim beschreiben das Leben und die Wege der Vorfahren, die von den nordischen Göttern in verschiedene Richtungen geleitet wurden. Bis heute wachen sie über unsere Geschicke.
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Gisa Wolfstod
Mürrischen Gesichtes saß der Allvater auf seinem Thron in Gladsheim. Schon am frühen Morgen musste er schlechte Nachrichten zur Kenntnis nehmen. Daraufhin war er übler Laune, wie seine zu Fäusten geballten Hände bewiesen. Hugin und Munin berichteten ihm gerade aufgeregt, dass in Hommelstø eine Frau lebte, die für eine Bewohnerin von Midgard nicht angemessen alterte. Bereits seit Jahrzehnten hatten die Raben sie dabei beobachtet. Indes vergingen volle vier Menschenleben, und noch immer wirkte diese Frau unverbraucht, aufrecht und jung. Zu jung, befanden Odins schwarzgeflügelte Späher, und so erzählten sie ihm davon. Er richtete daraufhin sein sehendes Auge auf jene Maid, derer er vorher nicht gewahr wurde. Loki hatte sie gut vor seinem prüfenden Blick verborgen. Odin bemerkte sofort, dass dies nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Es musste sich also um Hexerei handeln. Die ewig fortschreitende Natur, die er allen seinen menschlichen Kindern andachte, ließ sich höchstens mit Magie und Blendwerk täuschen. Mit tückischem Blendwerk, welches er nur einem Gott in seiner Gefolgschaft aus Asen und Wanen zutraute, nämlich jenem Gott, der ihm stets den Gehorsam verweigerte! „Dieses widerwärtige Monster!“, entfuhr es Odin gerade, als seine Gemahlin Freya den Thronsaal von Gladsheim betrat, bereit, ihm beizustehen. Wie immer spürte sie es, wenn er ihre Hilfe benötigte und es nicht zugab. „Du wirst doch nicht etwa mich damit meinen, teurer Gemahl?“, entgegnete Freya. Doch heute konnte das silberhelle Lachen Freyas ihn nicht umstimmen. Der Herrscher Asgards blieb überaus missgelaunt und wortkarg. So waren es denn auch nur seine Wölfe Geri und Freki, die Freya fröhlich japsend begrüßten. Er jedoch blickte sie mit verkniffenen Mundwinkeln an und wies mit dem Finger auf den Platz neben sich. „Hast du Sorgen, Gemahl? Ist dir etwas geschehen?“, fragte Freya vorsichtig, nachdem sie sich zu ihm gesetzt hatte. „Loki!“, knurrte der Allvater zornig. „Er hat mich erneut hintergangen. Sieh selbst!“ Mit diesen Worten ergriff er Freyas zarte Hand und legte sie an seine Stirn. Damit ließ er sie an der Vision teilhaben, die ihn ereilte. Die Wanengöttin schloss in gespannter Erwartung die Augen und erschrak zutiefst, denn sie erblickte eine kriegerisch gesinnte Riesin, noch dazu die Tochter von Loki und Angrboda, die sich dem unbarmherzigen Heer Utgards anschloss und an der Spitze der Wolfsweiber gegen die Asen zog. Getrieben von Hass metzelte sie alles nieder, was sich ihr in den Weg stellte. Ströme aus Blut flossen durch Asgard und färbten den Boden dunkelrot. Die grausigen Schreie der Gemarterten ließen die steinernen Mauern der Himmelsfestungen erzittern, vereinigt durch ein unfassbar lautes Echo, das in allen neun Welten zu hören war. Das Ende nahte unerbittlich. Freya zuckte zusammen, als ihr die Gefahr bewusst wurde. Utgardloki hatte bereits einen Krieg mit Asgard begonnen und verloren. Die Schande der Niederlage gärte seit langer Zeit in ihm. Was, wenn er sich nun rächen und mit einer so starken Kämpferin in Asgard einfallen würde? Unfassbares Elend könnte er über das stolze Reich Odins bringen. „Wer ist sie? Weißt du, wo sie wohnt? Wie kam sie nach Midgard, etwa durch einen Zauber ihrer Mutter?“ „Ihr Name lautet Gisa Wolfstod. Sie lebt in einem kleinen Bauerndorf nahe Hommelstø bei einer Sippe von Sehern. Ich kann das nicht länger zulassen. Ihrer Geburt nach ist sie eine Reifriesin. Sie gehört nicht zu den Menschen, sondern in den Eisenwald zu ihresgleichen!“ Der goldene Speer Odins zerbrach fast, als er wütend seine rechte Hand darum schloss. Er musste diesem Treiben ein schnelles Ende setzen! Auf der Stelle, ehe das Weibsbild auf die Idee kam, Seite an Seite mit ihren verdorbenen Eltern die Burgen Asgards anzugreifen und zu vernichten! Freya hingegen wusste wohl, dass es hauptsächlich verletzter Stolz war, der ihren Gatten so grämte. Man betete in dieser Sippe statt seiner Gunst vorrangig um den Beistand von Loki, was für Odin einer unendlichen Schmach nahekam. Leise seufzend legte sie ihm ihre Hand auf den Arm, bevor sie ihn zu überzeugen versuchte, das Leben der jungen Riesin fürs Erste zu verschonen. „Ja, du hast recht. Loki setzte mit Angrboda ein Kind in die Welt, wofür du ihn gebührend bestrafen wirst. Doch vergiss bitte nicht, dass Gisa trotz allem auch eine fruchtende Maid ist. Daher wurde sie mir und meiner Gunst anheimgegeben. Ich bin davon überzeugt, dass uns dieser Umstand durchaus zum Vorteil gereichen kann. Wenn wir uns gemeinsam dieser Sache annehmen, muss es nicht zwingend zum Krieg mit Utgardlokis Reifriesenarmee kommen. Noch besteht die Möglichkeit, den Angriff abzuwenden. Bedenke dies, bevor du über das weitere Schicksal von Gisa entscheidest. Ich schlage vor, dass du ihr einen Mann aus Midgard an die Seite gibst, der dir in allem treu ergeben ist. Ich werde dafür sorgen, dass die Kinder, die aus dieser Verbindung entstehen, Gisa von ihrer Herkunft als Riesin erlösen. Sie werden ihren Geist und ihren Leib menschlich machen.“ „Die Kinder? Du meinst, sie wird Kinder ...“ Odin brach ab und entspannte sich sichtlich. Noch nie hatte Freyas weiser Rat ihn in die Irre geführt. Auch das war ein Grund, weshalb er sie verehrte. Ihre vorausschauende Güte vermochte es, selbst die verfeindetsten Völker und Stämme wieder in Frieden miteinander zu vereinen. Wenn Freya sich nun der Riesentochter widmete und sie gleichsam zu einer liebenden Mutter machte, wäre die Gefahr eines zukünftigen Krieges mit Jötunheim vielleicht gebannt. „Ja, mein geliebter Gemahl, Gisa wird zwei Kinder gebären. Auf beide wirst du unendlich stolz sein. Nichts währt ewig, und nichts ist von vornherein in den Stein gemeißelt, außer meiner Liebe zu dir. So lasse die Nornen ihr Urteil über die Maid sprechen. Dann magst du tun, was du am sinnvollsten und als gerecht erachtest.“ Aufmunternd lächelte die Königin seines Herzens ihm zu und verschwand gleich darauf mit wehenden Gewändern aus dem Thronsaal. Freya lächelte auch noch, als sie wenige Minuten später auf Gefjun traf und sich an ihre Seite gesellte. Sie bedurfte dringend der Unterstützung der Göttin alles Jungfräulichen, um das Riesenmädchen vor einer zu frühen Entscheidung des Allvaters zu behüten. In dem Moment, als die beiden Asinnen Pläne schmiedeten, ließ Odin die seinen bereits Gestalt annehmen. Er entsandte Komar, den eigenwilligen Sohn eines Fellhändlers, in Gisas Gefilde nahe Hommelstø, so wie Freya es sich wünschte. Der Traum, der den jungen Mann in der darauffolgenden Nacht ereilte, weckte die bis dahin nie gekannte Sehnsucht, sich bei einer silberhaarigen Frau niederzulassen. Schon am nächsten Morgen begab er sich auf die Suche nach ihr. „Großer Odin, was soll das?“, fluchte Komar, als ihn ein Strahl eiskalten Wassers mitten ins Gesicht traf. Ein schallendes Lachen erklang neben ihm. Er, der so ruhig am Rand eines kargen Wäldchens geschlafen hatte, rappelte sich nun auf und rieb sich gleich darauf verdutzt die Augen. Das Erste, was er erblickte, war eine stattliche Frau, die sich über ihn beugte und seinen Körper peinlich genau musterte. Eine ausgesprochen hübsche Frau, um es genauer zu sagen! Sie hielt den hölzernen Zuber noch in der Hand, aus dem das Wasser stammte. „Am helllichten Tag schlafen nur die Rumtreiber! Was hast du hier zu suchen?“, fragte sie. Schon wollte Komar ihr die passende Antwort geben, doch er konnte seinem Mund nurmehr ein klägliches Gestammel entringen. Mühsam versuchte er, die Worte in seinem Kopf zu sortieren und an die richtige Stelle zu setzen. „Ich habe ... äh ... ich wollte doch ... ich stamme aus Lauksletta und ... also ich suche eigentlich ...“ „Eine neue Bleibe? Reiche Beute auf einem Raubzug? Oder eine erfreuliche kleine Tändelei mit einer willigen Dirne? Sag schon, Stotterer, was trieb dich in die Gegend?“, unterbrach die Frau ihn ungeduldig. Ihre Augen blitzten ihn an, jedoch mehr interessiert als aufgebracht. Mit hochrotem Kopf gelang es Komar endlich, ein paar zusammenhängende Sätze zu sprechen. „Hommelstø ist mein Ziel. Ich möchte am Thing teilhaben, das bald stattfindet. Man sagte mir, dass Jarl Ingmar auf der Suche nach kräftigen, jungen Männer für seine Leibwache ist. Darüber hinaus besteht meine Sippe hauptsächlich aus fahrenden Händlern. Nach vielen Jahren des Reisens habe ich wahrlich genug gesehen. Ohne richtige Heimstatt und ohne jemals irgendwo endgültig anzukommen - nein, so will ich nicht länger leben. Viel lieber möchte ich mein eigenes Stück Land besitzen, vielleicht auch ein paar Ziegen. Und ich würde gern eine eigene Familie gründen.“ „Eine eigene Familie, aha. Dann solltest du dich aber nicht ausgerechnet hier am Waldrand zum Schlaf betten. Weißt du, die Wölfe könnten dich als willkommenes Festmahl betrachten. Du kannst wahrlich von Glück sagen, dass sie dich nicht vor mir gefunden haben!“, entgegnete sie. „Es gibt hier mehrere Rudel, und keines davon übt sich in Mitleid, wenn es um einen Mann geht, der in...




