E-Book, Deutsch, 130 Seiten
Reihe: Digital Edition
Phillips Nachts, wenn alle anderen schlafen
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7337-1950-0
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 130 Seiten
Reihe: Digital Edition
ISBN: 978-3-7337-1950-0
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lara hat alles versucht: den Kopf unters Kissen gesteckt. Laut Radio gehört. Gegen die Decke geklopft. Aber der Mann über ihr scheint ein unermüdlicher Liebhaber zu sein, zumindest den Geräuschen nach. Jetzt reicht's! Erbost steigt sie eine Treppe höher, um ihn zur Rede zu stellen. Riesenfehler! Denn als Alex öffnet, versteht Lara schlagartig, warum die Frauen reihenweise in sein Bett fallen. Dieser Body, dieser Charme, dieser Sex-Appeal - gehören verboten. Doch warum Alex nachts so schlaflos ist, erfährt Lara erst, als sie unerwartet das Apartment mit ihm teilen muss ...
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1. KAPITEL
Lara Connor war fest entschlossen, den Markt in Notting Hill mit erlesener Lingerie zu erobern. Aber dieser Traum würde sich nie verwirklichen, wenn ihre French-Cut-Höschen aussahen, als wären sie von einem Schimpansen mit Wurstfingern genäht worden.
Fassungslos starrte sie auf die schiefe Naht in der blassrosa Seide und die verzogene Spitze. Sie knirschte mit den Zähnen, bis ihr der Kiefer wehtat. Und jetzt ging das Hämmern über ihrem Kopf wieder los, so laut, dass die Wut in ihr überschäumte.
Normalerweise hielt Lara sich für einen toleranten, positiven Menschen. Leben und leben lassen, das war ihr Motto. Aber so langsam setzte ihr diese ständige Beschallung aus dem oberen Stockwerk zu. Seit Wochen wurde Nacht für Nacht ihr Schlaf gestört. Die Müdigkeit hatte sie an den Rand ihrer Geduld getrieben. Wenn das noch lange so weiterging, würde es bald Mord und Totschlag geben.
Sie zog den teuren Stoff aus der Nähmaschine, besah sich das Resultat und warf es zusammengeknüllt in den Korb mit den Stoffresten. Da war nichts mehr zu retten. Nur konnte sie es sich nicht leisten, Satin und Spitze zu verschwenden, schließlich hatte sie ihren letzten Penny in dieses Projekt gesteckt. Der Restekorb füllte sich mehr und mehr, und das war allein die Schuld dieses Don Juans von oben, der scheinbar keine Nacht ohne Sex auskommen konnte.
Vor ein paar Wochen hatte das Hämmern und Klopfen in den Rohren eingesetzt, nicht lange, nachdem Lara hier eingezogen war – und genau zu dem Zeitpunkt, als Poppys Bruder vom Militär zurückgekommen und vorübergehend bei seiner Schwester eingezogen war. Poppy gehörte die Wohnung über Lara, und in den letzten fünf Wochen hatte Lara sie und ihre Mitbewohnerin Izzy näher kennengelernt. Aus dem nachbarschaftlichen Grüßen im Treppenhaus war schnell ein regelmäßiger Plausch bei einer Tasse Kaffee im „Ignite“ geworden, dem Café im Parterre des Gebäudes. Beide Frauen waren begeistert von Laras Geschäftsidee. Izzy hatte ihr sogar schon ein paar Teile abgekauft. Es freute Lara, dass sie neue Freunde gefunden hatte, jetzt, da sie in ihrer eigenen Wohnung lebte. Wenn Poppys Bruder Alex nur ein kleines bisschen mehr Diskretion an den Tag legen würde …
Beim Plaudern mit den beiden Nachbarinnen hatte sie einiges über ihn erfahren. Er war wohl so eine Art Kriegsheld, ehrenhaft aus der Armee entlassen, nachdem er lange Frontdienst geleistet hatte. Im ganzen Gebäude kursierte der Klatsch über die endlose Parade von Frauen, die am frühen Morgen in Abendgarderobe und mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen das Gebäude verließ. Es hieß, dass er jede Nacht eine andere mitnahm!
Der logische Schluss ließ also keinen Zweifel daran, was den nächtlichen Lärm verursachte, der ihr die Konzentration und daher auch das Geld raubte, von dem sie ohnehin nichts mehr hatte.
Anfangs hatte Lara noch über den nächtlichen Lärm geschmunzelt. Sein Bett musste genau an der Heizung stehen, sodass die Geräusche durch die Heizungsrohre, die durch das gesamte Gebäude liefen, übertragen wurden. Mit der Zeit jedoch hatte sie die Augen verdreht und genervt – vielleicht auch ein wenig neidisch – gestöhnt. Nicht wegen des Kriegshelden selbst, sondern weil auf diesem Gebiet schon lange nichts mehr bei ihr lief. Das war eben der Preis, den man für ehrgeizige Pläne zahlte. Lara arbeitete nämlich auf ein Ziel hin.
Die nächste Etappe auf ihrer Reise war bereits erreicht – der kleine Pop-up-Laden, den sie für zwei Monate gemietet hatte und in dem sie ihre selbst entworfenen und genähten Dessous ausstellen konnte. Die Miete für das kleine Studio, in dem sie wohnte, hatte zwar ihre gesamten Ersparnisse aufgefressen, aber das war die Sache wert. Hier konnte sie arbeiten, und der Laden lag gleich um die Ecke. Abgesehen davon, dass sie jede freie Minute nähte, musste sie sich auch noch eine Marketingstrategie und die Ladenausstattung überlegen. Sie hatte also genug zu tun und konnte es sich nicht leisten, abgelenkt zu werden.
Vor allem nicht von einem unverbesserlichen Schürzenjäger im oberen Stock. Nein, das mache ich nicht länger mit! Nachts war schlimm genug, aber wenn das jetzt auch noch tagsüber weiterging … Seit einer guten halben Stunde hämmerte der Typ da oben jetzt schon wie wild. Lara hielt es nicht länger aus.
Grimmig schob sie ihren Stuhl zurück und stand auf.
Es reichte!
Mit stocksteifem Rücken und zusammengebissenen Zähnen stieg Lara die Treppe hinauf. Sie würde Poppys Bruder anständig die Meinung geigen!
Sie kam auf dem Treppenabsatz an … und nicht nur erstarb ihr die wütende Tirade, zu der sie bereits ansetzte, auf den Lippen, sondern ihr blieb auch der Mund offen stehen angesichts dessen, was sie vor der geschlossenen Wohnungstür sah.
Poppys rücksichtsloser Bruder? Berichtigung: Poppys fast nackter, atemberaubend muskulöser und umwerfend attraktiver Kriegsheld-Bruder. Das Einzige, was diesen Wahnsinnskörper bedeckte, war ein kleines weißes Handtuch um seine Hüften. Unter der gebräunten Haut waren alle Muskeln deutlich zu erkennen, der Bizeps, der Waschbrettbauch … Das kurze dunkle Haar war noch feucht vom Duschen. Es kostete Lara ihre gesamte Willenskraft, sich auf sein Gesicht zu konzentrieren, da ihre Augen viel lieber unterhalb seines Halses auf Entdeckungsreise gegangen wären.
Für einen Moment verschlug es ihr tatsächlich die Sprache. Die Gerüchte stimmten also, Poppys Bruder war überwältigend. Doch den Eindruck machte er sofort zunichte, indem er die Faust hob und lautstark gegen die Apartmenttür hämmerte. Es war der Laut, der sie seit einer halben Stunde an den Rand des Wahnsinns gebracht hatte. Und natürlich war es jetzt noch lauter, da sie mehr oder weniger danebenstand. Ihre Kopfschmerzen verstärkten sich.
„Ich würde behaupten“, hob sie mit klirrend kalter Stimme an, „wir können mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass jeder, der auf der anderen Seite dieser Tür wohnt, entweder nicht zu Hause oder aber inzwischen längst taub ist.“
Alex Spencer hielt mitten in der Bewegung inne und drehte den Kopf, um die Frau neben sich anzusehen. Ihr dichtes blondes Haar war mit einem Bleistift locker hochgesteckt. Sie hatte volle rote Lippen und große blaue Augen, die faszinierend sein könnten, wenn in ihnen nicht deutlich zu lesen stünde, dass sie ihn am liebsten tot im Straßengraben gesehen hätte. Sie trug eine violette Strickjacke, deren obere offenstehende Knöpfe den Blick auf ein perfektes, schimmerndes Dekolletee freigaben, dazu aufgekrempelte Jeans. Und sie war barfuß. Obwohl er so müde war, dass er kaum richtig sehen konnte, und gerade eine höchst aktive Nacht hinter sich hatte, regte sich sein Interesse.
„Und Sie sind?“, fragte er mit einer spöttisch hochgezogenen Augenbraue, als wäre es völlig normal, nur von einem knappen Handtuch bedeckt mitten auf dem Hausflur zu stehen, und sie wäre diejenige, die hier fehl am Platz war.
„Das arme Wesen, das direkt hier drunter wohnt“, fauchte sie. „Direkt unter Ihnen.“
Sein müdes Hirn bemühte sich, den Sinn ihrer Worte zu verstehen, doch sein Kopf fühlte sich an wie in Watte gepackt. Wegen seiner Schlaflosigkeit hatte er die Nacht zum Tag gemacht und umgekehrt. Eigentlich würde er jetzt seit einer guten Stunde im Bett liegen und versuchen zu schlafen. Daher hing seine Selbstbeherrschung an einem seidenen Faden.
„Wovon reden Sie überhaupt?“
Eine Frage, die er sich besser verkniffen hätte, denn offensichtlich hatte er damit die Schleuse geöffnet. Unwillkürlich wich Alex einen Schritt zurück.
„Ihre nächtlichen Aktivitäten ruinieren mein Leben. Jede Nacht, die ganze Nacht, klopft und hämmert es in den Heizungsrohren, wenn Sie sich mit der Frau vergnügen, die Sie für die Nacht abgeschleppt haben. Ihr Bett steht vermutlich an der Heizung, und die Geräusche ziehen so laut durch die Rohre, als wäre ich mit Ihnen in einem Zimmer. Das ist die pure Rücksichtslosigkeit! Ich höre jede Bewegung, und ich halte das nicht mehr aus!“ Sie presste die Hände an die Schläfen, als müsste sie ihren Schädel vor dem Explodieren bewahren. „Ich kann solche Ablenkungen jetzt wirklich nicht gebrauchen. Mir bleibt noch eine Woche, bevor ich meinen Laden aufmache, und wenn ich nicht endlich eine Nacht durchschlafe, werde ich verrückt!“
Die blauen Augen blickten tatsächlich leicht irre, und Alex verspürte unerwartet so etwas wie Verständnis. Er wusste aus eigener Erfahrung, wie sehr mangelnder Schlaf einen quälen konnte. Denn Schlaf fehlte ihm, seit er zurück war – mit Zwischenstopps in Klinik und Reha-Zentrum. Er war verwundet worden, als er über einen versteckten Sprengsatz gefahren war, und inzwischen hatte er auch erfahren, dass er nicht mehr zurückgehen würde. Kriegsverletzungen waren eine Sache, eine ganz andere war es, wenn sie das abrupte Ende einer Karriere bedeuteten. Er hatte nicht aus der Armee entlassen werden wollen, ob nun ehrenhaft oder nicht. Und dass er nachts nicht schlief wie ein Baby, lag einfach daran, dass er im Moment viel auf dem Tablett hatte – redete er sich zumindest ein.
„Der Laden?“, fragte er.
„Ich bin dabei, einen Pop-up-Shop auf der Portobello Road aufzuziehen. Mein erster Anlauf für einen festen Verkaufssitz statt der Stände auf den Wochenmärkten. Es muss unbedingt ein Erfolg werden, und das lasse ich mir durch nichts, auch nicht durch Ihre Libido, verbauen!“
Was sie sagte, erinnerte ihn daran, wie ziellos seine eigene Zukunft im Moment vor ihm lag. Allerdings ruinierte seine Schlaflosigkeit...




