Picard | Professor Zamorra 1093 | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 1093, 64 Seiten

Reihe: Professor Zamorra

Picard Professor Zamorra 1093

Fächer der Unsterblichen
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7325-2888-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Fächer der Unsterblichen

E-Book, Deutsch, Band 1093, 64 Seiten

Reihe: Professor Zamorra

ISBN: 978-3-7325-2888-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Immer noch haben Sara Moon und Professor Zamorra nur die Hälfte der Artefakte gesammelt, die zwischen der Hölle und der Erde einen neuen Übergang schaffen sollen. Da entdeckt die Dienerin des Wächters der Schicksalswaage einen weiteren Gegenstand. Doch nie war er so schwach zu sehen - weder weiß Sara, um was es sich handelt, noch wo er ist. Nur, dass er im Fernen Osten der Erde zu finden sein soll, kann sie erkennen - das behauptet zumindest Kühlwalda, die Kröte ...

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Choquai
Gegenwart, und doch neben unserer Zeit

Je älter Fu Long wurde, desto mehr neigte er nicht dem Konfuzianismus zu, sondern der Lehre des Gelehrten Mo Zi.

Das hätte mein Meister, Li Si-wen, sicher auch nicht vermutet. Dafür, dass ich die Menschlichkeit der Rechtschaffenheit unterordne, hätte er mich sicher getadelt und sämtliche Sprüche des Konfuzius abschreiben lassen.

Mehrfach.

Fu Long musste lächeln und richtete sich auf. Wie schon so oft hatte er sich in den letzten Stunden in die Bücher des Meisters Mo Zi vertieft, dessen Lehre zwar auf den konfuzianischen Schriften beruhte, aber einen wesentlichen Unterschied machte: Die Mitmenschlichkeit entstand für Mo Zi nicht im Menschen selbst, sondern war eine Tugend, zu der man ihn zwingen musste. Einer, der gezwungenermaßen rechtschaffen lebte, wurde beinahe von selbst menschlich – zumindest im moralischen Sinn des Worts. Anwendbar war das Prinzip selbstverständlich auf viele Wesen.

Mo Zis Lehre war von den Menschen, emotional, wie sie nun einmal waren, bald verworfen worden. Doch wie gut sie tatsächlich funktionierte, konnte man gerade hier in Choquai tagtäglich bewundern – und das in allen Ausformungen, die sie möglicherweise haben konnte, und nicht nur beschränkt auf Menschen.

Fu Long stand aus der knienden Haltung auf, in der er normalerweise las, und ging hinüber zu der Fensterfront seiner Bibliothek. Sie bestand beinahe ausschließlich aus beweglichen Holzläden, deren geschnitzte Motive allenthalben unterbrochen waren, sodass immer Licht durch sie ins Zimmer fiel, selbst wenn sie geschlossen waren. Doch das kam nur selten vor, wie meist im ständigen Sommer Choquais standen die Läden heute weit offen und gestatteten es, so den Nutzern der Bibliothek, hinaus auf die Terrasse zu treten und den etwas erhöhten Ausblick auf den Garten des Anwesens und die Stadt hinaus zu genießen. Was Fu Long nun auch tat.

Unter ihm befand sich der Garten. Ein Teich mit Seerosen und Goldfischen, die Glück bringen sollten, und über die kunstvoll gerundeten Holzbrücken, deren Geländer rot gestrichen waren, hinwegführten. Mit Kies bestreute Wege, die sich in künstlichen Felsen und zwischen Mandelbäumen und kleinen Bambushainen verloren, zogen sich durch Blumenbeete und blühende Sträucher.

Im Garten selbst war es still, aber jenseits der niedrigen Mauern, die Fu Longs Anwesens umschlossen, war das Rattern von Fuhrwerken, lautes Rufen, manchmal auch ein Streit und das Schwatzen hunderter, wenn nicht tausender Stimmen von Wesen aller Art zu hören, die sich auf den Hauptplatz der Stadt mit ihren Markthallen und Tempeln zubewegten.

Die Goldene Stadt der Vampire. Wahrscheinlich der erste und einzige Ort auf der Welt, in dem Vampire und Menschen friedlich nebeneinander her lebten. Man respektierte sich, machte Geschäfte miteinander und bekriegte sich nicht. Fu Long war der Herr der Stadt. Hier herrschten strenge Gesetze, und wer hier leben wollte, musste sie beachten, egal, welcher Herkunft er war.

Es waren Gesetze, die Fu Long geschrieben hatte und die er auch durchzusetzen wusste.

Wenn ich mich nur wie Konfuzius darauf verlassen würde, dass das Gute in jedem Wesen ohnehin siegen würde, statt darauf zu bestehen, dass jeder dieser Tugend bedingungslos folgt, dann gäbe es Choquai schon lange nicht mehr.

Mit einem Schaudern dachte er an die – wenn auch kurze – Zeit zurück, in der der Vampirherrscher Kuang Shi hier das Zepter geführt hatte. Es war eine grauenvolle Zeit gewesen, die selbst Fu Long gern aus seinen Gedanken verdrängte.

Er selbst war Vampir und kannte beide Seiten – das Licht und den Schatten, Gut und Böse. Der Schatten und das Böse waren verführerisch. Er hatte erst kürzlich einen Film gesehen – seine Bibliothek bestand durchaus nicht nur aus alten, chinesischen oder anderen ostasiatischen Klassikern der Philosophie, sie bot durch eine spezielle Dimensionstasche auch unendlich viel Platz für viele andere, auch neumodische Medien –, in dem es in zugegeben grauenvoller Grammatik geheißen hatte, dass die dunkle Seite der Macht verführerischer und leichter sei. Einfacher.

Und obwohl er selbst den meisten Verlockungen widerstand, konnte er der Aussage dieses seltsamen grünen Trolls, der sie ausgesprochen hatte, nur beipflichten. Er wurde in genau diesem Augenblick wieder daran erinnert, als es leise an die doppelflügelige Tür am anderen Ende der Bibliothek klopfte und einer seiner Diener hereinkam.

Ein Mensch. Fu Long setzte seinen Ehrgeiz darein, mit gutem Beispiel den Bewohnern seiner Stadt voranzugehen und sowohl Menschen als auch Vampire zu beschäftigen. In seinem Haushalt gab es beides – und es gab auch Menschen, die den Vampiren vorgesetzt waren.

Natürlich durften Letztere sich bei ihren menschlichen Kollegen nicht ohne Weiteres »bedienen«. Die üble Hierarchie, dass Vampire sich als Herrenwesen betrachteten, die sich menschliche Sklaven hielten, die nur den Zweck hatten, als Nahrungsquelle zu dienen, galt in Choquai nicht. Wer dieser Voraussetzung nicht folgen wollte, musste die Stadt verlassen. Das Gesetz wurde respektiert, Fu Long kannte Wege, es durchzusetzen. Auch wenn er die Strafe fürs Übertreten nicht oft anwenden musste; meist reichte es, dem Betreffenden zu drohen. Niemand hier machte sich den eigentlichen Beherrscher der Stadt Choquai ohne Not oder mutwillig zum Feind.

Fu Long war selbst Vampir, und so wusste er genau, welche Beherrschung es Wesen seiner Art kostete, nicht sofort über jeden Menschen in seiner Nähe herzufallen. So auch jetzt, wo sich einer seiner menschlichen Diener langsam in die Bibliothek schob. Obwohl Fu Long weiterhin hinaus in seinen Garten und auf die Mauer starrte, hinter der die Straße mit dem lebhaften Verkehr lag, sagte ihm ein sechster Sinn, den er als Mensch nicht besessen hatte, genau, wo sein Diener sich befand. Der Mann stand noch nicht lange in seinen Diensten, was wohl der Grund dafür war, dass er sich überaus vorsichtig bewegte. Langsam ging der Mann auf ihn zu, widerwillig fast und immer dicht an den Regalen mit den Schriftrollen und Folianten vorbei. Fan Si trug ein Tablett, auf dem sich eine Schale und eine bauchige Kanne befanden. Aus beidem kräuselte sich kaum sichtbar weißer Dampf in die Luft.

Fu Long runzelte die Stirn. Er hatte es nicht gern, wenn der Nachmittagstee zu nah an den Bücherregalen entlanggetragen wurde. Der Wasserdampf tat den alten Papieren und Pergamenten nicht gut.

Jetzt war Fan Si herangekommen und blieb stehen. Immer noch hatte Fu Long sich nicht umgedreht, doch er spürte genau, dass der Mensch sich nur noch wenige Schritte von ihm entfernt befand. Der kaum wahrnehmbare Duft von Angst und Furchtsamkeit stieg dem Herrn von Choquai in die Nase wie ein Parfum, das seine Sinne berauschte, aber da war noch mehr. Ein Aroma von Kupfer mit einem Hauch von Süße. Der unendlich verführerische Geschmack von Salz auf der Zunge. Das Gefühl der Lebendigkeit, wenn die Augzähne sich auf die Schlagader legten und die dünne Haut dort …

Einen Augenblick später stellte Fu Long fest, dass sein Atem sich beschleunigte. Auch sein Blut schien plötzlich in einem anderen Rhythmus durch die Adern seines Körpers zu pulsieren. In seinen Ohren pochte es, leise, aber unüberhörbar.

Sein eigener Körper stellte sich auf den Kreislauf seines Dieners ein. Eine automatische Reaktion.

Der Vampir holte tief Luft, als helfe ihm das, seine Kontrolle zu bewahren. Doch während er langsam wieder die Umgebung in seine Gedanken ließ – Straßenlärm, Blütenduft, das leise Plätschern des Bachs im Garten, die Wärme der Luft – sickerte noch etwas anderes in seinen Verstand, das er zuvor nicht wahrgenommen hatte.

Etwas Böses, etwas Dunkles und Ungutes.

Etwas lag in der Luft, nicht nur der Geruch nach Mensch, der von Fan Si hereingetragen worden war. Fu Long war es, als wäre der Lärm der Straße, den er meist als fröhlich empfand, auf einmal rascher. Aggressiver. Als sei eine Wolke vor die Sonne gezogen.

Was ist das nur?

Verwirrt und beunruhigt schüttelte er den Kopf und straffte die Schultern. Die Gedanken an etwas Bösartiges, das die Bibliothek zusammen mit Fan Si betreten habe, kam ihm kurz, aber er drängte ihn mit aller Gewalt beiseite. Das ungute Gefühl, das ihn erfasst hatte, betraf Choquai selbst, nicht seine Bibliothek.

Die Sonne wurde wieder etwas heller.

Hinter sich hörte er nun ein Räuspern. »Herr, ich … ich bringe Euch Euren Tee, wie Ihr wünschtet. Der Koch lässt übrigens ausrichten, dass er die Abendmahlzeit in drei Stunden angerichtet haben wird.«

Fu Long nickte, ohne zu Fan Si hinüberzusehen. »Stell das Tablett dort drüben auf den Beistelltisch. Ich möchte übrigens nicht, dass der Tee in die Nähe der alten Schriftrollen gerät. Wenn du das nächste Mal kommst, dann geh also bitte nicht so dicht an den Bücherregalen vorbei.«

Wieder musste der Mann sich seinen Frosch aus der Kehle räuspern. Offenbar hatte er trotz der höflich ausgesprochenen Bitte immer noch Angst vor seinem neuen Herrn.

Fu Long spielte kurz mit dem Gedanken, Fan Si die Angst zu nehmen, indem er sich umdrehte und ihm freundlich zulächelte. Doch dann war da plötzlich noch mehr als nur das Verlangen nach menschlichem Blut, das immer latent in seinem Unterbewusstsein lauerte.

Wie schon unzählige Male zuvor verbannte er die unstillbare Gier nach Blut, diesem roten Lebenssaft, aus seinen Gedanken, um tief in...



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