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E-Book, Deutsch, 440 Seiten

Pick Unsichtbare Mauern

Autobiografie
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7076-0778-9
Verlag: Czernin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Autobiografie

E-Book, Deutsch, 440 Seiten

ISBN: 978-3-7076-0778-9
Verlag: Czernin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als Hella Pick im März 1939 mit einem Kindertransport nach London kommt, kennt sie nur ein einziges Wort: Goodbye. Doch trotz aller Widrigkeiten wird sie eine der ersten weiblichen Journalistinnen im Ressort der Außenpolitik. Ihre Autobiografie ist die außergewöhnliche Lebensgeschichte einer einzigartigen Frau, die all die unsichtbaren Mauern in ihrem Leben niedergerissen hat - als Journalistin sowie als Flu?chtlingskind. In ihren u?ber 35 Jahren als diplomatische Korrespondentin schrieb sie u?ber die Kuba-Krise, Kennedys Ermordung, reiste mit Richard Nixon nach Moskau, berichtete vor Ort u?ber den Zerfall der Sowjetunion und schloss Freundschaft mit Willy Brandt. Hella Pick ist eine Pionierin fu?r alle weiblichen Journalistinnen. Doch die starke Entwurzelung in ihrer Kindheit prägt sie bis heute und die Suche nach Sicherheit begleitet sie ihr gesamtes Leben. Ein äußerst offenes und ehrliches Buch u?ber den einzigartigen Willen, allen Widerständen zu trotzen und seinen Platz im Leben zu finden. Aus dem Englischen übersetzt von Jacqueline Csuss.

Hella Pick, geboren 1929 in Wien, ist eine austrobritische Journalistin. Ab 1961 arbeitete sie als Korrespondentin fu?r die UN in Washington sowie im Außenressort der britischen Zeitung »The Guardian«. Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. Commander of the British Empire und das Goldene Ehrenkreuz der Republik Österreich.
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15. März 1939 – London, Liverpool Street Station: die Ankunftshalle, eine verunsicherte Kinderschar, unter ihnen das Kindertransport-Kind mit der Nummer 4672, ein elfjähriges Mädchen aus Wien. Es hört, wie sein Name aufgerufen wird. Zu den Pflegeeltern, die es unter ihre Fittiche nehmen werden, sagt es »goodbye«, es ist das einzige englische Wort, das es kennt. Das Kind weiß nicht, ob es seine Eltern je wiedersehen wird. Nur fünf Monate später wird der Zweite Weltkrieg ausbrechen und zum Auslöser für den Holocaust werden.

3. Dezember 1989 – Malta, das sowjetische Kreuzfahrtschiff : eine geräumige Lounge, die Kulisse für ein Gipfeltreffen mit Präsident Bush. Die Korrespondentin für die Vereinten Nationen der Tageszeitung sitzt mit Michail und Raissa Gorbatschow, dem sowjetischen Außenminister Schewardnadse und Angehörigen des sowjetischen Militärkommandos beim Kaffee. Die sowjetische Führung wartet auf den US-Präsidenten, sie wirkt entspannt. Mr. Bush taucht an diesem Tag nicht mehr auf, das schlechte Wetter nagelt ihn auf einem US Destroyer auf hoher See fest. Das Gipfeltreffen findet am nächsten Tag statt und läutet das Ende des Kalten Krieges ein.

9. Mai 1996 – London, die Vorstandsetage des die Abschiedsfeier für die langjährige außenpolitische Redakteurin, eine Gelegenheit für hausinterne Anekdoten und wohlwollenden Spott. Von einem selbst ernannten stammt die »Ella Elegy«. Sie enthält einen Weckruf:

Ruft auf die illustren Exzellenzen

Aus Hellas Fundus an Referenzen

Mogule reich wie Rockefeller

Schillernde Schönheiten aus Kneller

David Mellor, Uri Geller

Nicht jedoch (weil tot) Ben Bella

Vielleicht aber Pérez de Cuéllar?

Dazu all jene, die zur Feier es nicht schafften,

hier ein Auszug aus den Grußbotschaften:

»Hella im Ruhestand? ’.

Mit Gruß und Kuss« – Douglas Hurd.

»Wie? Weg will man sie loben? Also,

Das verbitt’ ich mir« – David Owen.

Mag’re Zeiten, Reisen grad nicht drin,

Ich heb das Glas auf Dich – Boris Jelzin.

»Hella, wer? Kennt man vom Fernseh’n?

Ähh …« – Nancy, oops, Ronald Reagan.

»Du bleibst bis 90, Hella silly,

bis dann – Love«, Bill und Hilly.

Dazu noch Süßholz von Denis Healey,

geraspelt auf Polnisch und in Swahili.

Ob Mandarin, ob Guardianista,

Schlagt Krach, räumt leer den Keller,

Hebt das Glas und trinkt auf »unsere Hella!«*

Nummer 4672 und die -Journalistin sind ein und dieselbe. Ich hatte es weit gebracht in diesen siebenundfünfzig Jahren, die Reise war aber noch nicht zu Ende: Ich sattelte noch einmal um, und die nächsten zwanzig Jahre arbeitete ich für George Weidenfeld und sein , das mir neue Welten erschloss. Ein amerikanischer Kollege nannte mich einmal die »ewig Reisende«, dabei war ich den Großteil meines Lebens in London zu Hause. Meine berufliche Laufbahn verlief jedoch alles andere als sesshaft, und im Grunde ist die Suche des Flüchtlings nach Sicherheit und Geborgenheit bis heute nicht zu Ende.

Journalisten wird gerne ein glamouröses Leben nachgesagt. Was mich betrifft, habe ich tatsächlich viele Prominente aus Politik, Diplomatie und Kunst kennengelernt und interviewt; wirklich entscheidend war aber immer mein persönliches Engagement, die Bereitschaft, hart zu arbeiten, und ganz besonders die Fähigkeit, das Vertrauen der Gewährsleute, der Chefredakteure und der Leser zu gewinnen. Eine Handvoll führender Politiker, darunter Abubakar Tafawa Balewa, der erste Premierminister Nigerias, der frühere deutsche Bundeskanzler Willy Brandt und der ehemalige polnische Ministerpräsident Mieczyslaw Rakowski, wurden gute Freunde. Ich war in Danzig in der St.-Brigida-Kirche, der Hauskirche der Solidarnosc, als Lech Walesa den Friedensnobelpreis erhielt. Ich begleitete den ehemaligen Außenminister Sir Geoffrey Howe zum höchsten Aussichtspunkt auf dem Chaiber-Pass, wo wir auf roten Plüschsofas saßen, während in den Tälern unter uns der Krieg in Afghanistan wütete und wir von den »Khyber Rifles« gebrieft wurden. Ich interviewte den rumänischen Präsidenten Ceausescu und war mit ihm bei Premierminister James Callaghan in der Downing Street 10 zum Mittagessen eingeladen. Der polnische Ministerpräsident Jaruzelski überreichte mir einen Strauß roter Rosen, und der bulgarische Staatschef Schiwkow vertraute mir an, dass er den Sowjets gerne mit der Lieferung schadhafter Waren eins auswischte. Präsident Kennedy fiel ich bei einer Party in seinem Feriendomizil Hyannisport unabsichtlich in die Arme, und ich saß neben dem Aga Khan, als sein legendäres Rennpferd Shergar den St. Leger gewann und zum letzten Mal gesehen wurde, ehe es auf ungeklärte Weise verschwand.

In meiner Schulzeit wollte ich nie Journalistin werden. Auch an der , an der ich später studierte, beschränkte sich mein schriftstellerischer Ehrgeiz auf das Verfassen von Essays und Seminararbeiten. Dass ich nach dem Studium bei einem Magazin namens landete und als »Commercial Editor« (Wirtschafts- und Handelsredakteurin) eingestellt wurde, war reiner Zufall.

Das war 1957. Die Informationstechnologie samt ihren revolutionären Veränderungen steckte noch nicht einmal in den Kinderschuhen. Meine Artikel entstanden auf mechanischen, oft einrastenden Schreibmaschinen, und wenn ich unterwegs war, musste ich sie den »copy takers« – ein im Nachrichtengeschäft inzwischen ausgestorbenes Gewerbe – mithilfe von Notizen per Telefon diktieren. Die Telefonverbindung, sofern vorhanden, war meist schlecht, und für die Übermittlung von Nachrichten an die Londoner Redaktion stand sonst nur Telex zur Verfügung, eine Form von Telegrafie, die heute ebenfalls Geschichte ist. Ich lernte meinen Beruf ohne Internet, ohne Smartphone, ohne Google, Twitter, Facebook oder Berichterstattung rund um die Uhr. Die Konkurrenz durch die sozialen Medien und die selbst ernannten Privatreporter, mit der sich professionelle Journalisten von heute herumschlagen, gab es allerdings auch noch nicht. Die augenblickliche Nachrichtenübermittlung war pure Science-Fiction. Einmal saß ich mehrere Tage lang auf einer Exklusivmeldung über einen politischen Mord in der Republik Kongo fest, weil es keine Möglichkeit gab, sie nach London zu übermitteln.

Zeitungen konnten nur in gedruckter Form gelesen werden. Da sie zu bestimmten Uhrzeiten in Druck gingen, lautete eine goldene Regel, Abgabetermine unter allen Umständen und immer einzuhalten. Die Mitgliedschaft bei der Journalistengewerkschaft war bei fast allen Zeitungen obligatorisch und die Gehälter wurden von der Gewerkschaft verhandelt. Die Nachrichtenagenturen stützten sich auf Geschäftsmodelle, die aus heutiger Sicht unvorstellbar antiquiert anmuten.

Zu Beginn meiner Karriere gab es kaum Frauen, die über außenpolitische Angelegenheiten schrieben. Die wenigen damals von den Medien beschäftigten Frauen berichteten über Inlandsthemen und Soziales, sie schrieben für die »Seite der Frau«, eine Kategorie, die selbst von progressiven Nachrichtenmedien erst sehr spät abgeschafft wurde. Frauen im Außenressort wurden als exotisch angesehen und von einer abgeschotteten, ausschließlich männlichen Welt mit ihrem bewährten Mix aus Kameradschaft und scharfer Konkurrenz fast immer als unerwünschte Eindringlinge wahrgenommen.

Zu meinem großen Glück verbrachte ich die ersten Lehrjahre beim Magazin . Für die Berichterstattung über die politische und verfassungsrechtliche Unabhängigkeit der westafrikanischen Länder war damals eine Handvoll hervorragender Journalisten zuständig, zu denen Colin Legum und Basil Davidson vom und André Blanchet und Philippe Decraene von gehörten. Sie waren mit den westafrikanischen Verhältnissen bestens vertraut und verfügten über einen reichen Fundus an Wissen über die Region. Als die unerfahrene Hella Pick auftauchte, hießen sie mich willkommen, halfen mir über die ersten Hürden und teilten ihre Kontakte und Informationen mit mir. Später, als ich schon mehr Erfahrung hatte, lernten wiederum sie die Informationen zu schätzen, die sie von mir bekamen. Ich begriff mich damals nicht als Wegbereiterin, geschweige denn als Vorbild für andere Journalistinnen. Und später, als immer mehr Frauen den Beruf ergriffen und die Gleichstellung mit ihren männlichen Kollegen und die...



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