Pieper | Die Macht aus Nebel und Schatten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 456 Seiten

Reihe: Fluchmagie

Pieper Die Macht aus Nebel und Schatten

Dramatische High-Fantasy mit großen Gefühlen
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95991-884-8
Verlag: Drachenmond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Dramatische High-Fantasy mit großen Gefühlen

E-Book, Deutsch, Band 2, 456 Seiten

Reihe: Fluchmagie

ISBN: 978-3-95991-884-8
Verlag: Drachenmond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Magierin Myrra zahlte für die Rettung ihres Großvaters einen hohen Preis - die Befreiung der dunklen Gottheit, die aus der Welt verbannt war und deren Schatten jetzt das Land einnehmen. Der Hexer Roran weiß nicht mehr, wem er trauen kann, nachdem der Zauber seiner Herrin und Ziehmutter die Gefühle zwischen ihm und Myrra zerstörte. Er sucht seinen Platz in einer Welt, die seinesgleichen verabscheut. Können sie die Invasion der Schatten aufhalten, mit der die Hexe droht, das Land an sich zu reißen? Und wird die Stärke ihrer zerbrochenen Verbindung ausreichen, um die Finsternis zu besiegen?

Als Verlagsherstellerin im Fachverlag hat Jenny Pieper regelmäßig Kontakt zum gedruckten Wort. Ihr Alltag gleicht einem chaotischen Mosaik aus Familie, Arbeit und Hobbies, über das sie konsequent versucht, Ordnung zu halten. Sie spricht Japanisch, liebt Bier und verschlingt Geschichten. Bücher sind für sie Zufluchtsorte, in die sie sich zurückziehen kann und die ihr viel über Liebe, Freundschaft, Mut und Zauberei beigebracht haben. Sie glaubt an Schicksal und an die Magie in besonderen Momenten. In ihren Büchern erschafft sie Welten, in die der Leser fliehen und sich selbst finden kann. Am liebsten schreibt sie Jugendbücher aus den Genres SciFi sowie Urban und High Fantasy.
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Kapitel 1

Myrra


Erinnerungen erleuchteten die Kuppel, spiegelten sich in silbrigen Scherben und warfen ihr Licht bis in die dunkelste Ecke.

Äste wanden sich am Rand hinauf, verwoben sich zu einem undurchdringlichen Geflecht. Die Splitter hingen an den Zweigen. Große, kleine, runde, eckige. Sie klirrten im Wind.

Szenen vergangener Tage huschten über die Kuppel. Sah ich genauer hin, tauchte ich ein.

Großmutters Geburtstag, an dem wir mit den Schülern der Kampfschule bis spät in die Nacht Kuchen gegessen hatten.

Einsame Spaziergänge auf den Feldern hinter den Schlafsälen.

Abende in der Waffenkammer mit Nelie beim Polieren der Schilde.

Eine kühle Brise flatterte durch meinen Körper wie ein Schmetterling über Blumen. Sie riss mich aus den Erinnerungen zurück in die Realität, die aus nichts als Ästen und magischen Scherben bestand. Dieser Ort erstreckte sich gleichwohl einsam wie von Leben erfüllt.

»Ich habe einen großen Fehler gemacht, Nubes«, flüsterte ich.

Zur Antwort zwickte mir der Fluch in den kleinen Zeh.

Die Erinnerungen an Kelvan und Flavia übermannten mich wie eisige Wellen, drückten mich unter Wasser. Ich konnte nicht atmen.

Eine Träne kitzelte meine Nasenspitze. »Ich hätte ihnen nicht vertrauen dürfen.«

Weder dem falschen Braumeister, der behauptete, den Fluch von Großvater zu nehmen, noch der dunklen Seite, die ihn letztlich gebrochen hatte. Beide hatten mich belogen, mir erzählt, was ich hatte hören wollen, um mich für sich zu gewinnen.

»Alles nur wegen dem Öl in meinen Adern.« Kelvan hätte meine Magie für einen Trank gebraucht, der ihm mehr Macht verleihen hatte sollen. Da er doch kein echter Braumeister war, musste er sich anders bereichern. Glücklicherweise hatten wir seine Pläne vereitelt.

Flavia hingegen hatte meine Magie erhalten und die Prägung geöffnet. Bei den Göttern, was hatte ich mit meiner seltenen Macht nur angerichtet?

Meine Kniescheibe vibrierte. Ohne die Essenz des Öls in meinen Adern wäre Nubes nicht an meiner Seite.

Sollte ich mich darüber freuen?

Ich wusste es nicht.

Ich wusste gar nichts mehr.

»Ich hätte auch Roran nicht vertrauen dürfen«, presste ich hervor. Meine Stimme brach. Die Last verlorener Gefühle schnürte mir die Luft ab.

Wir hatten uns geküsst. Ich hatte etwas für ihn empfunden. Zart wie die Knospe einer Blume.

Nachdem Flavia den Vertrauenszauber von uns genommen hatte, hatte die Blume ihre Wurzeln verloren. Die Erde, in der sie herangewachsen war, war verschwunden.

Zurück blieb ein totes Gewächs, ohne Zukunft.

Eiskalter Schmerz zuckte vom Knöchel die Wade hinauf. Mein Fluch begehrte auf und wollte mir etwas mitteilen. Widersprach Nubes mir?

Schnaubend richtete ich mich auf. »Was willst du?«

Kurze impulsive Stiche. Wurde Nubes wütend?

Ich sprang auf die Füße, das Licht der Splitter tanzte über meine Arme.

Nubes begann einen stolpernden Takt anzuschlagen.

»Ich gebe Roran keine Schuld. Aber was wir hatten, ist verloren.«

Ein Ziehen an meinem Unterschenkel drängte mich zur Seite. Ich folgte der Empfindung und trat näher an das Astgeflecht. Dutzende Scherben befanden sich in meinem Sichtfeld, zeigten mir Tage, die ich vergessen geglaubt hatte.

Das Bild von Großmutter, Großvater, Nelie und mir am Tisch stach wie ein Dolch in mein Herz.

Würde ich sie jemals wiedersehen? Würden wir noch einmal so zusammensitzen? Lachend? Vertraut? Als Familie?

Ich schmeckte bittere Galle. Kelvan hatte versprochen, meine Familie zu retten, stattdessen hatte er Nelie genommen und sie vergiftete. Im Palast hatte sie an seiner Seite gestanden und der Kampfschule den Rücken gekehrt.

Nubes stampfte auf.

»Was ist denn?«, rief ich aus. »Was willst du mir sagen?«

Ich sah hinab und gab meinem Knie einen Klaps.

Aus dem Augenwinkel entdeckte ich ein Gesicht, das widersprüchliche Gefühle in mir auslöste.

Roran.

Sonne verfing sich in seinen Haarspitzen und ließ sie aufleuchten. Das kühle Grau seiner Augen strahlte mit dem Lächeln auf seinen Lippen um die Wette.

Im nächsten Moment befanden wir uns unter Wasser in Imber. Wie damals bekam ich keine Luft. Ich presste mir eine Hand an die Brust und betrachtete seine Lippen, spürte die Berührung. Genauso zart.

Das Wasser verschwand, stattdessen standen wir auf einer Hängebrücke, umgeben von Nebel. Wir eilten den Weg entlang, erreichten die Plattform und wurden von einem riesigen Kraken angegriffen.

Rorans Haut entflammte von seiner Magie.

Er stellte sich den Piscen in den Weg, damit ich mit meinen Gefährten entkam. Ich drehte um, stahl mir einen Kuss.

Alles Lügen. Erinnerungen, die auf einem faulen Zauber errichtet worden waren. Tränen brannten in meinen Augen und ich schluckte schwer.

Augenblicke verstrichen und Nubes schien sich in den Bildern der Splitter zu verlieren, so wie ich. In den Scherben fand ich Freude und Leid, Hoffnung und Trauer.

»Wo soll ich jetzt noch hin?«, fragte ich Nubes, erhielt jedoch keine Antwort.

Aus Gewohnheit nahm ich den Kompass hervor, den Headea mir bei meinem ersten Besuch im Gasthaus überreicht hatte. Das Licht der Kuppel spiegelte sich in dem Relief der Eisblumen. Ich drückte den Knopf zwischen den metallenen Blättern und kleine Wellen erfassten die Oberfläche, drängten das Silber zurück und enthüllten den Kristall im Innern. Die Nadel, die sich sonst ziellos gedreht hatte, war verschwunden.

Meine Finger verkrampften sich. Wut pumpte heiß durch meine Hand. Am liebsten hätte ich den Kompass von mir geworfen. Was brachte er mir, wenn er mir den Weg nicht zeigte?

»Du bist genauso nutzlos wie deine Schöpferin«, blaffte ich. Headea, die Braumeisterin an der Küste, schien schneller den Bezug zur Gegenwart zu verlieren als der Kompass seine Richtung. Dennoch hatte sie mit ihren Worten recht behalten.

Der Kompass hatte mich geleitet, mich zu Großvater geführt, mir Bawor gezeigt, den Flavia auf meine Eltern gehetzt hatte. Vermutlich sollte ich dankbar für die Hilfe sein. Es fiel mir so unglaublich schwer, das zuzugeben.

Auf meiner Reise hatte ich genug falsche Entscheidungen getroffen. Nur die Götter wussten, wo ich ohne den Kompass hingeraten wäre.

»Es bringt nichts.« Seufzend steckte ich das Navigationsgerät zurück in die Manteltasche und sah mich um. Die Axt lag in der Mitte der Lichtung. Roran hatte sie mir bei unserem Kampf gegen Flavia aus meinem Zimmer in der Festung herbeigezaubert. Die Waffe stammte von einem Schmied der Hexe. Vermutlich sollte ich sie verfluchen und bei nächster Gelegenheit zurücklassen. Sie hatte mir auch nicht aus dieser Kuppel herausgeholfen, egal, wie oft ich auf die Äste eingeschlagen hatte. Dennoch war sie das Einzige, was eine Verbindung zu zu Hause herstellte, zu dem Alltag in der Kampfschule und den Stunden auf den Trainingsplätzen. Ein vertrautes Gewicht, das sich echt anfühlte im Vergleich zu dem Blick in die Scherben.

Ich sah auf, folgte dem dunklen Holz der Bäume zu den silbrigen Spitzen. Unerbittlich erhoben sich die Äste, verflochten sich zu einem festen Netz. Es gab keinen Ausweg aus der Kuppel. Nur Erinnerungen und das Licht der Vergangenheit, welches aus den Scherben zu mir drang.

»Hast du mich hergebracht, damit wir in Frieden sterben?«, fragte ich Nubes und humpelte zu meiner Waffe. Daneben setzte ich mich ins Gras, betrachtete die aufwendigen Verzierungen am Griff. Auch hier bestand der Großteil des Musters aus Eisblumen, die der guten Gottheit gewidmet waren. Sie wechselten sich mit scharf gezackten Linien ab.

Nubes protestierte. Meine Vermutung war also falsch. Aber was hatte mein Bein dann vorgehabt? War es eine Verzweiflungstat gewesen oder steckte ein Sinn dahinter?

»Du hast mich vor Flavia gerettet«, sagte ich und ließ mich nach hinten fallen. Die Arme verschränkte ich unter dem Kopf, Gras kitzelte meine Haut. Über mir tanzten die Spiegel. »Danke, Nubes. Kleine Wolke

Ich blinzelte, sah plötzlich von einigen Yards über mir herab, betrachtete mich aus einer fremden Perspektive im Gras liegend. Einen Wimpernschlag später befand ich mich wieder in meinem Körper.

War ich eben in die Erinnerung eingetaucht? Hatte sich die Kuppel in einer der Scherben gespiegelt?

Die Kälte in meinem Bein wurde leicht, schwerelos. Nubes verband sich mit meiner Magie, sandte ein Wohlgefühl durch meinen Körper.

Ruckartig setzte ich mich auf. Was war das gewesen? Hatte ich für einen Moment die Verbindung zu mir selbst verloren?

»Der Zauber der Zeit«, hauchte ich. Ihn hatte ich ganz vergessen. Kurz bevor Nubes mich in die Prägung befördert hatte, hatte ich Flavia mit ihren eigenen Mitteln schlagen wollen und den Zauber eingesetzt.

Ich schob das Hosenbein hoch und strich über meinen Fluch. Immerhin waren Nubes’ Zeichen unverändert. Dunkle Linien, die sich über meine Haut schlängelten, zu unbekannten Formen verwoben und in einer scharfen Spitze auf der Kniescheibe...



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