Pig | "Democracy Dies in Darkness" | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 216 Seiten

Pig "Democracy Dies in Darkness"

Fake News, Big Tech, AI: Hat die Wa(h)re Nachricht eine Zukunft?
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7106-0773-8
Verlag: Brandstätter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Fake News, Big Tech, AI: Hat die Wa(h)re Nachricht eine Zukunft?

E-Book, Deutsch, 216 Seiten

ISBN: 978-3-7106-0773-8
Verlag: Brandstätter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was können wir Fake News und Desinformation entgegensetzen? Dieses Buch zeigt: Die Wa(h)re Nachricht ist im Zeitalter von Big Tech und Künstlicher Intelligenz kein Auslaufmodell, sie hat vielmehr eine spannende und wichtige Zukunft in der digitalen (Des)Informationsgesellschaft. Gerade faktenbasierter und unabhängiger Agenturjournalismus in Europa gewinnt an Bedeutung als Kühlmittel für die polarisierten, überhitzten Meinungsmärkte der sozialen Netzwerke - besonders dann, wenn es uns gelingt, aus redaktioneller und künstlicher Intelligenz ein einzigartiges kollaboratives Ökosystem des faktenbasierten Free Flow of Information in Europa zu bilden. Clemens Pig, Geschäftsführer der APA, skizziert in dieser fundierten Analyse der Informationsgesellschaft von morgen seine realistische Vision einer 'European NewsTech Alliance': ein europäischer Wissensraum von freien Agenturen und Medien, in dem verifizierte und zuverlässige Informationen den Input für kontrollierte gemeinsame AI-Anwendungen bilden. Der Titel »Democracy Dies in Darkness« ist der traditionsreichen Washington Post entlehnt, die diesen Slogan unter ihrem Logo trägt.

Clemens Pig ist geschäftsführender Vorstand der APA - Austria Presse Agentur (Wien) und seit 2018 Verwaltungsratsvizepräsident der Schweizer Nachrichtenagentur Keystone-SDA (Bern). Er ist Präsident der EANA - European Alliance of News Agencies und des ÖGV - Österreichischer Genossenschaftsverband. Pig promovierte 2012 an der Universität Innsbruck über internationale politische Kommunikation in der Digitalisierung und ist Autor zahlreicher Beiträge zu Politik und Medien. Er ist Mitgründer des Start-Ups MediaWatch Institut für Medienanalysen (1996) und wechselte, nach erfolgreichem Verkauf der MediaWatch an die APA, in die österreichische Nachrichtenagenturgruppe (2008). Pig wurde mit dem Wissenschaftspreis für Public Relations ausgezeichnet (2013) und zum Medienmanager des Jahres (2018) sowie zum Kommunikator des Jahres (2021, 2023) gewählt. Zu seinen unternehmerischen und wissenschaftlichen Schwerpunkten zählen die digitale Transformation und das Innovationsmanagement im Agenturjournalismus sowie die strategische Geschäftsfeldentwicklung von Nachrichtenagenturen in der kooperativen Medienökonomie.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Vorwort

Einleitung

1. Agenturjournalismus unter Druck

Marathonlauf der Redaktionen

2. Free Flow of Information

Arterien des globalen Nachrichtenflusses

3. War on Information

Kampf um die Wahrheit

4. Interview mit Wladimir Putin

»Ich wollte ein freundlicher Gastgeber sein«

5. Europas Nachrichtenagenturen

The various faces of reality

6. Unabhängigkeit als Geschäftsmodell

Public Value in privatem Auftrag

7. Renaissance des genossenschaftlichen Prinzips

Member statt Shareholder

8. Playbook Digital Cooperation

Neue Spielzüge in der Digitalökonomie

9. Innovationsfelder von Nachrichtenagenturen

Wandel als Lebensversicherung

10. Von Trusted Content zu Trusted AI

Der Weg zu echtem Wissen

11. Von Nachrichten-Lieferanten zu NewsTech-Plattformen

Ein neues Selbstverständnis

12. FQNTM

Bauplan des Newsrooms der Zukunft

13. Vision »European NewsTech Alliance«

Agentur-Ökosystem der Demokratie


3. War on Information


Kampf um die Wahrheit

Im Ukraine-Krieg hat sich einmal mehr gezeigt, dass die Wahrheit in einem Krieg das erste Opfer ist und dass Diktatoren nichts mehr fürchten als die Wahrheit. Wahrheit wird im redaktionellen Zusammenhang als problematischer Begriff charakterisiert und wird wohl gerade in der Kriegsberichterstattung kaum herstellbar sein, zumal gezielte Desinformation ein Teil der hybriden Kriegsführung ist und Propaganda zu den Instrumenten von Kriegsparteien gehört. Der Anspruch von Qualitätsjournalismus kann also nur sein, der Realität so nahe wie möglich zu kommen. Den Machthabern vor allem autokratischer Regime ist die Möglichkeit der direkten Einflussnahme auf Nachrichtenströme und deren Narrative mehr als bewusst. Sie investieren Macht, Druck und Geld, um in diesem globalen Kampf um die Lufthoheit über (Des-)Information die Oberhand zu er- beziehungsweise behalten, auch mittels harter Zensur bis hin zu physischer Gewalt gegen Journalist:innen. Im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg gab es rund eintausend Anschläge auf die Pressefreiheit und zehn Todesfälle von Journalist:innen bis jetzt. In derartigen politischen Systemen wird zunächst – bildlich gesprochen – das demokratische Licht abgedreht, indem freie Medien und Nachrichtenagenturen ausgeschaltet werden, um die Bevölkerung im wahren Wortsinn im Dunkeln zu lassen. Anschließend werden oppositionelle Strömungen mitsamt ihren Protagonist:innen und Sprachrohren unterdrückt und so unliebsame Störgeräusche eliminiert, bis es schließlich durch die Unterwerfung der unabhängigen Justiz unter staatliche Kontrolle zur Abschaffung der Rechtsstaatlichkeit kommt. Medien, Opposition und Justiz sind immer die ersten und zentralen Anschlagsziele auf dem Weg zu autokratischen und diktatorischen Gesellschaften.

Wie »einfach« es sein kann, dieses demokratische Licht vollkommen abzudrehen, demonstrierte der russische Machthaber Wladimir Putin kurz nach dem Einmarsch in die Ukraine am Beispiel der Nachrichtenagentur TASS. Wie auch bei der Agentur RIA Novosti handelt es sich bei der TASS um eine staatliche Nachrichtenagentur. Im Gegensatz zur reinen Propagandamaschinerie von RIA Novosti verbreitete die TASS in ihrem englischsprachigen Dienst auch Meldungen mit einem – wenn schon nicht objektiven – zumindest objektivierbaren Informationsgehalt. Im Zusammenhang mit der Invasion ließ die staatliche russische Medienaufsicht Roskomnadsor (wörtlich: »föderaler Dienst für die Aufsicht im Bereich der Informationstechnologie und Massenkommunikation«) nicht nur zahlreiche aus Sicht der Regierung unliebsame Webseiten wie Bellingcat, Google News oder Bild.de sperren, sie verbot auch allen Medien in Russland unter Androhung harter Strafen die Verwendung von Begriffen wie »Krieg«, »Invasion« oder »Einmarsch«. Da durch diesen Schritt die TASS selbst theoretisch nicht mehr in der Lage war, »unvoreingenommen und angemessen« zu berichten, wurde ihre Mitgliedschaft in der Europäischen Allianz der Nachrichtenagenturen (EANA – European Alliance of News Agencies) suspendiert, da diese Entwicklungen einen klaren Verstoß gegen die Statuten der EANA darstellten. Diese Suspendierung stellte eine erstmalige Maßnahme in der Geschichte der EANA seit ihrer Gründung im Jahr 1956 dar. Die Suspendierung erfolgte am 27. Februar 2022, also drei Tage nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine und mit Inkrafttreten der Maßnahmen von Roskomnadsor. Dieser Schritt wurde von mir als Präsident der EANA, meinen Board-Kollegen aus Großbritannien, Frankreich und Bosnien-Herzegowina und dem Generalsekretär wie folgt begründet: »Under the circumstances of the new media regulation enforced by the Russian government (Roskomnadzor), which is heavily restricting media freedom, the Board of EANA considers that TASS finds itself in violation of the purpose of EANA as it is laid out in the Statutes of the Alliance, not being able to provide unbiased news, which stand at the core of EANA’s mission statement. Having this in mind, and also the request from members to expel TASS from EANA, the Board, as the executive body of the Alliance, has unanimously decided to immediately suspend TASS from EANA, until a General Assembly will decide, according to the Statutes, whether TASS should be excluded from our Alliance.« Die Suspendierung der TASS durch das Board wurde im Mai 2022 im Rahmen einer außerordentlichen Generalversammlung durch die Mitglieder der EANA bestätigt und ist weiterhin aufrecht.

So unbekannt die Rolle von Nachrichtenagenturen in der breiten Öffentlichkeit nach wie vor sein mag, so aufsehenerregend war dieser Schritt, da plötzlich der Begriff War on Information das Spannungsfeld der generischen Urheber globaler Nachrichtenströme erfasst hatte. Dies warf gleichzeitig ein Schlaglicht auf den Umstand, dass autoritäre Regime nicht nur durch Regulative und Repressalien eventuell verbliebene unabhängige Medien unter Druck setzen, sondern parallel auch »ihre« staatlichen Medien – und hier wiederum nicht zuletzt die Nachrichtenagenturen – durch imposanten staatlichen Mitteleinsatz stärken und lenken. Freilich: Finanzielle Hürden sind es in den meisten Fällen nicht, die den »Großen« unter den Propagandaagenturen das Leben schwer machen würden – im Gegenteil: Das Match zwischen unabhängigen und zumindest jenen staatlichen Nachrichtenagenturen, die als Global Player angesehen werden müssen, ist rein pekuniär von Beginn an unausgeglichen. Auf der einen Seite stehen Informationslieferanten im Eigentum von Medienunternehmen, die unter wirtschaftlich schwierigen Bedingungen mit ständig steigendem Produktionsdruck gepaart mit Transformationsnotwendigkeiten durch den Digitalisierungsprozess zu kämpfen haben. Um sich unabhängige Nachrichtengebung im Dienste ihrer Mitglieder leisten zu können, müssen sich diese freien Agenturen vor allem durch Diversifizierung in neue Geschäftsfelder auf dem freien Markt selbst finanzieren, um nicht von staatlichen Förderungen abhängig zu werden und dadurch – selbst auch nur im Ansatz – unter politische Kontrolle zu geraten. Auf der anderen Seite finden sich – plakativ gesprochen – Propagandamaschinerien im Eigentum des Staates. Ihr übergeordnetes Ziel besteht darin, die zentralen Interessen ihrer Auftraggeber wahrzunehmen, indem sie Image und Positionen der jeweiligen Länder in die Welt tragen – mächtige, bildgewaltige und selbstbewusste Agenturen als Instrumente der staatlichen Soft Power. Wie intensiv diese imposanten Apparate, die ihre Märkte nicht nur mit einem Dauerfeuer an Halbwahrheiten und Fake News in allen großen Weltsprachen, sondern auch mit professionell (um-) gestalteten Foto- und Videostrecken abdecken, mit Staatsgeldern befeuert werden, lässt sich am Beispiel der chinesischen Nachrichtenagentur demonstrieren. Nicht nur beschäftigt Xinhua mit mehr als 13.000 Mitarbeiter:innen deutlich mehr Menschen als alle unabhängigen Nachrichtenagenturen in Europa zusammen, ihr Logo prangte für einige Zeit auch auf einer der prominentesten Werbeflächen der westlichen Welt. Mitten auf dem Times Square ließ sich das Organ der kommunistischen Zentralregierung als Nachrichtenquelle promoten: genau an der gleichen Stelle, an der zuvor die Agentur Reuters für ihre Dienste geworben hatte.

In der unmittelbaren Kriegsberichtserstattung – mitten im War on Information – ist die Lage und Beurteilung der Quellen das wichtigste und gleichsam schwierigste Momentum für unabhängige Agenturredaktionen. Quellen wie internationale Agenturen, die direkt vor Ort sind, müssen sich häufig selbst auf ihre jeweiligen Quellen verlassen, ohne diese direkt verifizieren zu können. Oftmals lassen sich Sachverhalte erst nach und nach durch zusätzliche und Originalquellen überprüfen, weshalb Erstmeldungen zu bestimmten Themen mit dem Hinweis »diese Informationen konnten noch nicht verifiziert werden« versehen werden müssen. Auch hier gilt: Der Free Flow of Information kann bestmöglich durch mehrere unterschiedliche, nach journalistischen Kriterien überprüfbare Vor-Ort-Quellen aufrechterhalten werden. Diese in der Kriegsberichterstattung entscheidende Funktion obliegt – neben einzelnen Journalist:innen, die als Korrespondent:innen für ein oder mehrere Medien berichten – insbesondere den internationalen Nachrichtenagenturen. Die internationalen Agenturberichterstatter sind eigens geschulte Redakteur:innen, die oftmals – direkt in militärische Einheiten eingebettet – von unmittelbaren Kriegsschauplätzen unter Lebensgefahr berichten (Embedded Journalism). Eine außerordentlich bedeutsame Rolle haben hier die Redakteur:innen der französischen Nachrichtenagentur AFP inne. Aktuell berichten rund 35 Redakteur:innen der AFP aus unterschiedlichen Einsatzorten in...


Pig, Clemens
Clemens Pig ist geschäftsführender Vorstand der APA – Austria Presse Agentur (Wien) und seit 2018 Verwaltungsratsvizepräsident der Schweizer Nachrichtenagentur Keystone-SDA (Bern). Er ist Präsident der EANA – European Alliance of News Agencies und des ÖGV – Österreichischer Genossenschaftsverband. Pig promovierte 2012 an der Universität Innsbruck über internationale politische Kommunikation in der Digitalisierung und ist Autor zahlreicher Beiträge zu Politik und Medien. Er ist Mitgründer des Start-Ups MediaWatch Institut für Medienanalysen (1996) und wechselte, nach erfolgreichem Verkauf der MediaWatch an die APA, in die österreichische Nachrichtenagenturgruppe (2008). Pig wurde mit dem Wissenschaftspreis für Public Relations ausgezeichnet (2013) und zum Medienmanager des Jahres (2018) sowie zum Kommunikator des Jahres (2021, 2023) gewählt. Zu seinen unternehmerischen und wissenschaftlichen Schwerpunkten zählen die digitale Transformation und das Innovationsmanagement im Agenturjournalismus sowie die strategische Geschäftsfeldentwicklung von Nachrichtenagenturen in der kooperativen Medienökonomie.

Clemens Pig ist geschäftsführender Vorstand der APA – Austria Presse Agentur (Wien) und seit 2018 Verwaltungsratsvizepräsident der Schweizer Nachrichtenagentur Keystone-SDA (Bern). Er ist Präsident der EANA – European Alliance of News Agencies und des ÖGV – Österreichischer Genossenschaftsverband. Pig promovierte 2012 an der Universität Innsbruck über internationale politische Kommunikation in der Digitalisierung und ist Autor zahlreicher Beiträge zu Politik und Medien. Er ist Mitgründer des Start-Ups MediaWatch Institut für Medienanalysen (1996) und wechselte, nach erfolgreichem Verkauf der MediaWatch an die APA, in die österreichische Nachrichtenagenturgruppe (2008). Pig wurde mit dem Wissenschaftspreis für Public Relations ausgezeichnet (2013) und zum Medienmanager des Jahres (2018) sowie zum Kommunikator des Jahres (2021, 2023) gewählt. Zu seinen unternehmerischen und wissenschaftlichen Schwerpunkten zählen die digitale Transformation und das Innovationsmanagement im Agenturjournalismus sowie die strategische Geschäftsfeldentwicklung von Nachrichtenagenturen in der kooperativen Medienökonomie.



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