E-Book, Deutsch, 408 Seiten
Pinchbeck How soon is now
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-95803-118-0
Verlag: Scorpio Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie lange wollen wir noch warten? Ein Manifest gegen die Apokalypse
E-Book, Deutsch, 408 Seiten
ISBN: 978-3-95803-118-0
Verlag: Scorpio Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Daniel Pinchbeck ist Philosoph, Futurist und Bestsellerautor von '2012. Die Rückkehr der gefiederten Schlange' sowie Herausgeber des führenden Internetmagazins für spirituelle Transformation Reality Sandwich. Mit seiner Non-Profit-Organisation Center for Planetary Culture widmet er sich der Entwicklung alternativer Lösungsansätze für die drängendsten ökologischen, sozialen und politischen Probleme unserer Zeit. Pinchbecks Beiträge sind u.a. im New York Times Magazine, dem Rolling Stone, in The Village Voice und Esquire erschienen.
Weitere Infos & Material
2.
EKSTATISCHER KONTAKT MIT DEM KOSMOS
Ich erinnere mich, dass ich als Kind das sichere Gefühl hatte, dass mich irgendwann die Enthüllung eines großen Geheimnisses erwarten würde. Es fühlte sich an, als würde die ganze Welt unter dem Eindruck dieses Geheimnisses erzittern, das unter der Oberfläche der normalen Wirklichkeit verborgen lag. Es versteckte sich unter den Gehsteigen von New York und hinter den Fenstern der Wohnhäuser, die mich wie Zehntausende Augen ungerührt anstarrten. Der Wind flüsterte das Geheimnis, während er neckisch durch die Blätter der Bäume blies und kräuselnde Wellen auf den Hudson River zauberte.
Ich war mir sicher, dass das Wesen der Existenz darin bestand, dass sich mir dieses Geheimnis enthüllen würde. Sobald ich es herausgefunden hätte, würde ich wissen, weshalb ich existierte und was mein Auftrag in diesem Leben sei – ich wäre ganz geworden. Ich nahm an, alle Erwachsenen hätten das Tor dieses unergründlichen Vorgangs bereits durchschritten. Ich glaubte darin den geheimnisvollen Subtext ihrer Gespräche zu erkennen, die mir sonst so unsinnig und langweilig erschienen.
Auf der Highschool begann ich zu verstehen und widerwillig zu akzeptieren, dass weder mich noch sonst irgendjemanden eine versteckte Offenbarung erwartete. Allmählich dämmerte mir, dass die Erwachsenen, die ich kannte, keinen Zugang zu etwas hatten, das jenseits des Gewöhnlichen oder Alltäglichen lag. Diese Einsicht verwirrte mich, und ich fühlte mich verraten.
Ich glaube, dass sich viele von uns an das Gefühl und die damit verbundene Freude erinnern können, die Welt sei nur dazu da, ein großes Geheimnis zu enthüllen. Wir können uns auch an die Verzweiflung erinnern, die sich einstellte, wenn unsere Hoffnung auf eine besondere Entdeckung zunichtegemacht wurde.
Die Sehnsucht, die wir als Jugendliche empfinden, wenn sich all unsere Sinne anstrengen, um eine tiefere Intensität des Daseins zu erlangen, ist der Wunsch nach Initiierung und Transzendenz. Wir suchen den Zugang zu etwas Heiligem – etwas, das größer ist als wir selbst. Da unsere Kultur uns die Erfüllung dieser Sehnsucht versagt, fühlen wir uns entfremdet und abgestumpft. Im Laufe der Zeit lernen wir, unsere Enttäuschung zu akzeptieren und unsere Hoffnungen zu begraben. Wir sind gezwungen, uns mit einem minderwertigen Ersatz zufriedenzugeben und in Medienspektakeln, sportlichen Wettkämpfen oder Kunstwerken eine begrenzte Form von Transzendenz zu finden.
Ich glaube, dass unsere moderne Zivilisation auf ebendiesem ursprünglichen Verrat gründet. Alle traditionellen Gesellschaften der Welt, alle vormodernen Kulturen hatten irgendeine Form von Ritus, eine Initiation, die den Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenleben markierte. Zu einem weit zurückliegenden Zeitpunkt in unserer Geschichte gab jedoch die jüdisch-christliche Kultur zugunsten einer Indoktrination die Initiation auf, die jedem Menschen die Erkenntnis Gottes und seiner selbst erlaubte. Spirituelles Wissen war seitdem nicht mehr für jeden verfügbar. Nun wurde es von Priestern und Herrschern kontrolliert und geheim gehalten.
Die Geschichte dieses Übergangs lässt sich bis zur Schließung der Mysterienschulen zurückverfolgen, die bis zum Aufstieg des Christentums bedeutsame Institutionen waren. Alle großen Gestalten der Antike versammelten sich einmal im Jahr in Eleusis im antiken Griechenland, wo sie zusammen einen Trank zu sich nahmen, den Kykeon, der sehr wahrscheinlich psychedelisch wirkende Pflanzen enthielt. Im Mittelalter radierte jedoch die Kirche mit der Inquisition die europäischen Reste eines Pflanzenschamanismus vollkommen aus. Wer seherische Fähigkeiten besaß und Substanzen wie Belladonna oder das Schwarze Bilsenkraut nutzte, um Visionsreisen zu unternehmen, wurde als Hexe verbrannt.
Es entwickelte sich eine Zivilisation, die nur eine Art von Bewusstsein förderte – eine rationale, taghelle Form der Wachheit –, die zugleich das Intuitive, Visionäre und Mystische verunglimpfte. Diese Formen der holistischen, rechtshemisphärischen Wachheit können auch als weiblich bezeichnet werden. Die moderne Zivilisation hat nicht nur Frauen unterdrückt und weibliche Sexualität dämonisiert, sie hat auch die femininen, intuitiven Aspekte des Bewusstseins verdrängt. Stattdessen wurden nur die linkshemispärischen, maskulinen Aspekte für wertvoll erachtet. Da die patriarchale Gesellschaft Wissenschaft, Logik und militärische Disziplin entwickelte, war sie fähig, sich über die ganze Welt auszubreiten und ein globales Imperium zu schaffen.
Da sie uns angeboren ist, taucht die Sehnsucht nach Transzendenz und Initiation in der einen oder anderen Form immer wieder in uns auf. Wird sie nicht in einer gesunden und nützlichen Form in die Kultur integriert, geht sie Umwege und drückt sich unter Umständen auf albtraumhafte Weise aus. Der deutsch-jüdische Kulturkritiker Walter Benjamin schrieb zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, dass die Menschheit kollektive Erfahrungen, die uns in »ekstatischen Kontakt mit dem Kosmos« brächten, nicht würde vermeiden können. Entweder wir erschaffen solche Zeremonien bewusst, oder sie werden uns durch Katastrophen auferlegt. Benjamin sah im Ersten Weltkrieg ein Beispiel dafür. Er sei »ein Versuch der Einmischung kosmischer Kräfte in neuer und unvorhergesehener Weise« gewesen, der gigantische Kräfte des Todes und der Zerstörung entfesselt habe.
Heute haben wir unser angeborenes menschliches Streben nach Transzendenz auf die Technik verlegt. Im Silicon Valley ist Singularität zu einem quasi-religiösen Glauben geworden, der die Ideologie des Fortschritts unterstützt. Die Idee der Singularität besagt, dass es das Schicksal der Menschheit ist, mit den Maschinen zu verschmelzen oder von diesen ersetzt zu werden. Wie ich später noch genauer ausführen werde, halte ich das für eine falsche Richtung. Ich glaube nicht, dass wir die Technik völlig verteufeln sollten. Ich denke, dass unsere technische Entwicklung Teil der Bewusstseinsentwicklung ist. Wir sollten jedoch versuchen, unsere mechanischen und virtuellen Werkzeuge für humane, regenerative Ziele einzusetzen.
Die Weltkriege, die das 20. Jahrhundert so sehr prägten, können als Ausdruck des primitiven, unterdrückten Teils unserer kollektiven Psyche angesehen werden. Sie waren ein Spiegel des mangelnden Bewusstseins jener Zeit. Ebenso glaube ich, dass wir unbewusst die ökologische Megakrise entfesselt haben, um ein kollektives Erwachen zu erzwingen und auf dem Weg der Entfaltung unserer Spezies eine neue Ebene zu erreichen.
Die uns regierenden Eliten und gebildeten Klassen wissen seit einem halben Jahrhundert, dass wir auf den ökologischen Zusammenbruch zusteuern. Dazu gibt es eine Fülle an Daten. Die Berichte des Club of Rome und diverse Bücher wie Rachel Carsons Der stumme Frühling haben das schon vor Jahrzehnten klargemacht. Bislang waren wir jedoch unfähig, unsere Richtung zu ändern. Wir bewegen uns sogar immer schneller auf die Katastrophe zu. Unter dem Tempo, das die postindustrielle Gesellschaft vorlegt, liegt jedoch ein tiefer Brunnen voller unterdrücktem Schmerz ob des Leids, das wir unserer Biosphäre antun. Auch das sollten wir uns bewusst machen und zugeben.
Dasselbe Muster finden wir sowohl in uns selbst als auch im Leben der Menschen um uns herum. Die Menschen werden ihr suchthaftes und selbstzerstörerisches Verhalten so lange fortsetzen, bis sie sich gezwungen sehen, sich zwischen dem Weg der Selbsterkenntnis und dem der Zerstörung, des Todes, zu entscheiden. Neurologisch betrachtet versuchen sie sich bis an ihre Grenzen zu treiben und durchlaufen dabei verschiedene Bewusstseinszustände – auf der Suche nach einem intensiven Gefühl der Verbundenheit, das die normale Welt ihnen verweigert.
Kollektiv betrachtet zeigt die menschliche Spezies also dasselbe Muster selbstzerstörerischer Impulse, das wir auch auf individueller Ebene vorfinden, wobei unterdrückte Sehnsucht dazu führt, sich rücksichtslos gehen zu lassen. Bei dem Versuch, die nächste Ausdrucksform unseres menschlichen Seins zu finden, reizen wir die Grenzen des egobasierten Individualismus aus. Um uns entwickeln zu können, müssen wir dieses Muster erkennen.
Ein kollektives Übergangsritual
Wir können den von der Menschheit verursachten ökologischen Super-GAU als eine Art Übergangsritual unserer Spezies als Ganzes betrachten. Wie Ethnologen festgestellt haben, bestehen alle Übergangsrituale aus mehreren Phasen. Zunächst müssen die Kandidaten ihr Zuhause verlassen. Sie werden gezwungen, sich einem geheimnisvollen Prozess zu unterziehen, der zugleich lebensbedrohlich und heilig ist. Während dieser Schwellenphase werden sie schmerzhaften Prüfungen unterworfen, die sie unweigerlich in einen anderen Bewusstseinszustand bringen, in dem sie Visionen empfangen. Nun helfen die Stammesältesten ihnen, zu verstehen und zu interpretieren, was die spirituelle Welt ihnen offenbart hat. In der letzten Phase, der Wiedereingliederung, nimmt die Gemeinschaft sie wieder auf und feiert ihre Rückkehr.
Initiationen können viele verschiedene Formen annehmen. Sie können langes Fasten beinhalten, das Suchen von Visionen oder einsame Wanderungen in der Wildnis. Initiation kann bedeuten, psychedelische Pflanzen wie Peyote, Iboga, Pilze oder Ayahuasca einzunehmen. Intensität und Dauer können stark variieren. Eine Form der Initiation, wie sie die Aborigines in Australien praktizieren, beinhaltet, eine ganze qualvolle Nacht lang bis zum Hals in der Erde eingegraben zu sein. In der Tradition der Kogi, die in den Bergen Kolumbiens leben, müssen die Jungen, die als Mamos bestimmt wurden, als Schamanen und Lehrer ihrer Gemeinschaft, mehrere Jahre in Dunkelheit verbringen, um ihre...




