E-Book, Deutsch, 560 Seiten
Pitts Jr. / Franßen Grant Park
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-945133-66-8
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 560 Seiten
ISBN: 978-3-945133-66-8
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Leonard Pitts, Jr. ist Kolumnist für den Miami Herald und Gewinner des Pulitzer-Preises 2004 for commentary. Er ist Autor der Romane Grant Park, Freeman, Before I Forget und mehrerer Sachbücher. Geboren und aufgewachsen in Südkalifornien, lebt Pitts heute in einem Vorort von Washington, D.C.
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Kapitel 2
Er schrie nicht. Er schreckte in der frühmorgendlichen Kühle nicht keuchend und zitternd hoch.
Es war ein alter Traum, der ihn seit vierzig Jahren immer wieder heimsuchte und längst nicht mehr erschütterte. Im Gegenteil, inzwischen war er fast ein alter Freund, der ab und zu vorbeischaute und ihn an dieses außerordentliche Versagen erinnerte, diesen schicksalhaften Moment, als er es gesehen hatte – er hatte es –, aber nicht rechtzeitig reagiert, nicht schnell genug begriffen, war erstarrt.
Manchmal, so wie in dieser Nacht, gestattete ihm der Traum einen neuen Versuch, ließ ihn rechtzeitig reagieren, ließ ihn das Richtige tun.
Die meiste Zeit entfaltete sich der Traum jedoch genauso wie dieser schreckliche Moment, und es war weniger ein Traum als vielmehr eine Erinnerung, die er im Schlaf durchlebte. Malcolm, der nichts tat, der nicht begriff, was er sah, der nicht erkannte, was gleich passieren würde, bis es schließlich passierte. Er hatte versagt. Der Schuss fiel. Die Kugel schlug in Martin Luther King ein wie ein Nagel in ein Stück Holz. Blut spritzte.
Malcolm Toussaint stand da, keine zwei Meter entfernt, und sah ohnmächtig zu.
.
Er schlug die Decke zurück, setzte sich auf die Bettkante, der Dielenboden kühl unter seinen bloßen Füßen. Er hatte keine Zeit, über sein Versagen von damals zu grübeln, als Lyndon Johnson Präsident war und der Wettlauf ins All in vollem Gang. Er musste sich dem Heute stellen. Und heute würde er gefeuert werden. Vielleicht würde man ihn sogar verhaften, vermutlich gab es irgendein Gesetz, das seine Tat unter Strafe stellte.
Eine Anklage hielt er nicht für wahrscheinlich, bestimmt ließen sie ihm den letzten Rest seiner Würde – auch wenn er die Möglichkeit nicht von vornherein ausschließen konnte. Aber feuern würden sie ihn in jedem Fall. Und er hatte es verdient, nicht weniger als die Gewohnheitsplagiatoren und Schmierenjournalisten, über die er sich lautstark aufgeregt hatte, die dummen Lügner, die einen geachteten Beruf in Verruf gebracht hatten, der in den letzten zwanzig Jahren Beruf gewesen war.
Jetzt war er also einer von ihnen. Er war der neueste Skandal im Journalismus.
Eine beispiellose Karriere – aus einem schäbigen Haus auf der South Side von Memphis in diesen Palast in Chicago, zwei Pulitzer-Preise und zahllose kleinere Preise, die die Wände seines Büros pflasterten – würde heute mit einem Knall enden. Keine zweimal wöchentlich landesweit erscheinende Kolumne mehr. Keine Bestseller mehr mit Klappentexten von Oprah Winfrey und Bill Clinton. Keine tägliche Radio-Talkshow mehr. Keine Einladungen mehr in die Sonntagmorgen-Politsendungen. Nichts mehr dergleichen. Keine Stimme würde sich zu seiner Verteidigung erheben. Die National Association of Black Journalists, die ihm erst vor vier Jahren einen Preis für sein Lebenswerk verliehen hatte, würde in peinlich berührtem Schweigen verharren, die National Association for the Advancement of Colored People würde sich wegducken.
Er würde ein Paria sein. Und das Schlimmste war, er hatte es verdient.
Garantiert würde man ihn fragen, warum er es getan hatte. Was sollte er darauf antworten? Er könnte die Wahrheit sagen, aber die würde man niemals verstehen. Er bedauerte, was er getan hatte, ja. Aber es tat ihm nicht leid. Selbst nachdem er unruhig darüber geschlafen hatte, tat es ihm nicht leid. War das nachvollziehbar? Wem würde der Unterschied klar sein?
»Ich war es einfach leid«, würde er sagen.
Und sie würden ihn verständnislos fragen: »Was denn?« Aber in der Meute würde es einen geben, stellte er sich vor, schwarz wie er, Journalist wie er, im selben Alter wie er, der nicht fragen musste. Der würde nur sein Notizbuch zuklappen und nicken, würde es verstehen, wenn auch nicht gutheißen, und vielleicht …
.
Malcolm stand auf und tappte in ein marmorgefliestes Bad, das kaum kleiner war als das Haus, in dem er aufgewachsen war. Es war erst kurz nach vier. Wenn er sich beeilte, konnte er ins Büro fahren, seine Sachen packen, Erinnerungsstücke einer 36-jährigen Berufslaufbahn, und wieder verschwunden sein, bevor die anderen kamen. Die Alternative ließ ihn zusammenzucken. Die Alternative war, in das Gebäude zu gehen, die demütigenden Fragen und den Zorn ertragen zu müssen und gebeten zu werden, vor seinem Büro zu warten, während die Security – »Schadensverhütung« nannte man sie inzwischen auch – seine Sachen in eine Schachtel warf und ihn dann unter den fassungslosen und enttäuschten Blicken all derer hinausbegleitete, mit denen er gearbeitet, gelacht und gestritten hatte.
Er duschte schnell, ließ das Wasser aus fünf Richtungen gleichzeitig auf sich einprasseln. Dann wischte er mit einem Handtuch ein Stück Spiegel blank und fing an, den alten Mann, der ihm entgegenblickte, zu rasieren.
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Er bekam immer einen Schreck, wenn er sich das sagte, aber der Spiegel lieferte den unleugbaren Beweis. Seine müden, traurigen Augen lagen tief in ihren Höhlen, von unzähligen Falten umgeben. Seine braune Haut schien papierdünn. Der kurze schwarze Afro, den er an diesem schrecklichen Tag auf dem Balkon des Lorraine Motel getragen hatte, war zu einer kläglichen grauen Matte geworden, die oben auf seinem Kopf dünner wurde.
Malcolm war sechzig.
Er sah aus wie siebzig.
Er fühlte sich wie achtzig. Arthritis hatte seine Gelenke steif werden lassen. Sein Blutdruck war zu hoch. Seine Sehkraft war ein Witz. Seine Füße schmerzten unablässig. Am schlimmsten war die Müdigkeit, die ständige Erschöpfung, nicht so sehr des Körpers, hatte er das Gefühl, sondern des Kopfes. Des Geistes. Das Leben war zu einem Bußakt geworden.
Er war müde. Er war schon so lange müde, dass er sich nicht erinnern konnte, es jemals nicht gewesen zu sein. Der glückliche junge Mann, der sich Martin Luther King im letzten Moment dessen Leben genähert hatte, kam ihm wie ein Fremder vor. Nein, wie eine Lüge. Die Erinnerung an jemanden, den es nie gegeben hatte.
Malcolm rasierte sich. Dann zog er sich rasch an. Lange Unterhose, Bluejeans, ein langärmliges blaues Hemd mit dem Logo der über der Brusttasche, eine pelzgefütterte hüftlange Jacke, eine Kappe der Chicago Bulls auf dem Kopf. Auf eine der eleganten Krawatten und eins der Jacketts, bei denen seine schludrig gekleideten jungen Kollegen die Augen verdrehten und heimlich lachten, verzichtete er. Das war die Uniform eines Mannes, der in einem Büro arbeitete, und das tat er nicht mehr.
Er ging langsam den Flur entlang, dann die leicht geschwungene Treppe hinunter und an der afroamerikanischen Kunst vorbei, zum größten Teil Gemälde und ein paar kleine Skulpturen. Das war die Leidenschaft von Marie gewesen, die an Brustkrebs gestorben war. Mit all den ausgefallenen Kunstwerken an den Wänden und auf den Tischen hatte er sich oft wie in einem Museum gefühlt, aber jetzt war Marie seit zwei Jahren tot und er hatte die Sachen immer noch nicht entfernt. Wenn er das täte, würde er eingestehen, dass sie tatsächlich tot war, dass es kein Missverständnis war, kein Versehen, nichts, das sich berichtigen ließ. So weit war er noch nicht.
Im Wohnzimmer streifte er seine Handschuhe über, vom Kaminsims sahen ihm Fotos seines Sohnes und seiner Tochter mit ihren Partnern und Kindern zu. Beide waren verheiratet und lebten mit ihren Familien in Kalifornien. Für gewöhnlich trafen sie sich an Thanksgiving, und seit dem Tod seiner Frau gerieten sie dabei immer in Streit, weil er ihrer Meinung nach aufhören sollte zu arbeiten, das Haus verkaufen und zu ihnen an die Westküste ziehen sollte. Brauchte er wirklich dieses Riesenhaus, jetzt wo Mom tot war? Musste er sich in seinem Alter wirklich den Winter in Chicago antun?
. Als bliebe ihm mit seinen sechzig Jahren nichts anderes, als auf den Tod zu warten. Allerdings, und das war das Schlimmste daran, seit Marie nicht mehr da war, gab es tatsächlich Tage, an denen ihm nichts Besseres einfiel.
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Sein Auto stand direkt vor dem Haus in der Einfahrt, die einen Bogen um einen – im Winter stillgelegten – Springbrunnen beschrieb, wie ein Donut um ein Loch. Malcolm fuhr eine rote Corvette. Das Auto war nichts für einen Mann seines Alters mit kaputten Knien, ein Klischee auf vier Rädern, aber er konnte sich nicht davon trennen. Er liebte das Auto.
Leise stöhnend ließ er sich auf den Sitz sinken, als Onkel Arthur – so hatte seine Mutter ihre Arthritis genannt – mit einem Hammer auf seine Gelenke einschlug. Wie immer wurde er für den Schmerz mit dem tiefen, befriedigenden Röhren beim Anspringen des Motors entschädigt, und er...




