Pizzolatto | Galveston | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Pizzolatto Galveston


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8493-0098-2
Verlag: Metrolit Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-8493-0098-2
Verlag: Metrolit Verlag
Format: EPUB
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Der in New Orleans und später in der texanischen Hafenstadt Galveston angesiedelte Roman von Nic Pizzolatto, dem Drehbuchautor der gefeierten HBO-Serie True Detective, schildert in der Tradition von Jim Thompson und Charles Willeford die Läuterung des Syndikat-Killers Roy Cady, dessen Leben eine abrupte Wendung nimmt, als ihm vormittags Lungenkrebs diagnostiziert wird und sein Boss ihn abends wegen einer Eifersuchtsgeschichte umlegen lassen will. Bei dem Anschlag rettet er nicht nur sich, sondern auch einen Teenager, mit dem er sich fortan auf der Flucht befindet. Pizzolatto belebt das Genre des Krimi Noir neu und schafft mit Roy Cady eine Figur, die die Genre-Stereotypen nicht nur aufbricht, sondern auch stilprägend werden könnte. Ein Antiheld, der im Scheitern zu wahrer Größe findet, eine Story, die einen bis zur letzten Seite fesselt: Pizzolatto hat mit »Galveston« ein großartiges, trauriges und kraftvolles Buch geschaffen, das lange nachklingt. »Große Literatur« Der Spiegel »Galveston ist ein grossartiger Roman über Untergang und Überleben im Untergrund.« SonntagsZeitung »Beunruhigend, beeindruckend, nicht schön, aber schmerzhaft gut.« Faust-Kultur.de »Spannend, brutal, blutig!« WDR 3 »Pizzolatto hat mit Roy Cady erneut einen erinnerungswürdigen Antihelden geschaffen, an welchem Serienjunkies und Fans von Marty Hart oder auch Walter White sicherlich Ihre Freude haben werden.« Serienjunkies »Lakonisch, gnadenlos und spannend [...] Pizzolatto bricht Stereotype auf und lässt Charaktere entstehen.« Münchner Merkur »Der beste Krimi des Sommers.« Nordbayern.de »Inmitten der größten Depressionen und fiesesten Kater, die seine Geschichte pflastern, zaubert er für [die Figuren] Momente schönster melancholischer Anmut.« Süddeutsche Zeitung »Virtuos, geschmeidig, großes Krimihandwerk, philosophisch auf der Höhe der Zeit ... Amerikanisches Story-Telling auf höchstem Niveau.« Deutschlandfunk »Pizzolatto schreibt geniale Romane [ ... ] sehr lesenswert.« NEON

Nic Pizzolatto wurde in New Orleans geboren und ist in Lake Charles, Lousiana, aufgewachsen. Bereits an der Universität erhielt er zahlreiche Awards für sein Schreiben und war später auch als Dozent tätig. 2006 erschien seine Kurzgeschichtensammlung 'Between here and the yellow sea', die im gleichen Jahr auf der Longlist des Frank O'Connor International Short Story Awards stand. Seit 2010 ist Pizzolatto ebenfalls als Drehbuchautor tätig, u.a. für 'The Killing' und die hochgelobte HBO-Serie 'True Detective'.

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DER ARZT hat Bilder von meiner Lunge gemacht. Die sind voller Schneeflocken. Als ich das Sprechzimmer verließ, waren die Leute im Wartezimmer froh, dass sie nicht ich waren. Gewisse Dinge lassen sich im Gesicht ablesen. Ich wusste, dass irgendetwas nicht stimmte, denn zwei Tage zuvor hatte ich einen Typen eine Treppe hinauf in den zweiten Stock verfolgt und keine Luft mehr bekommen. Es war, als hätte mir jemand eine Hantel auf die Brust gepackt. Die zwei Wochen davor hatte ich ziemlich heftig gebechert, aber ich ahnte, dass mehr dahintersteckte. Der plötzliche Schmerz machte mich so wütend, dass ich dem Typen die Hand brach. Außerdem spuckte er Zähne. Er beklagte sich später bei Stan über meine maßlose Gewalt. Aber deshalb wurde ich ja angeheuert. Immer schon. Weil ich maßlos bin. Ich erzählte Stan von den Schmerzen in der Brust, und er schickte mich zu einem Arzt, der ihm vierzig Riesen schuldete. Auf der Straße vor der Praxis holte ich meine Zigaretten aus der Jacke und wollte das Päckchen zerquetschen, beschloss dann aber, dass dies nicht der Augenblick war, um aufzuhören. Ich zündete mir direkt eine an, aber sie schmeckte beschissen, und der Rauch ließ mich an Baumwollfasern denken, die durch meine Brust waberten. Busse und Autos glitten vorüber, Chrom und Scheiben reflektierten das Licht. Hinter meiner Sonnenbrille schien es, als wäre ich am Grund des Meeres angelangt, und die Fahrzeuge waren die Fische. Ich stellte mir einen kühleren, düstereren Ort vor, und die Fische verwandelten sich in Schatten. Die Hupe eines vorbeifahrenden Wagens schreckte mich auf. Ich trat auf die Straße und winkte ein Taxi heran. Ich dachte an Loraine, die junge Frau, mit der ich früher mal zusammen gewesen war, und daran, dass ich mich einmal am Strand von Galveston eine ganze Nacht lang mit ihr unterhalten habe. Von dort, wo wir gesessen hatten, hatte man den dichten weißen Rauch der Ölraffinerien sehen können, der sich in der Ferne nach oben geschraubt hatte wie eine Straße, die in die Sonne führt. Das musste jetzt zehn, elf Jahre her sein. Sie war schon immer zu jung für mich gewesen. Nicht nur wegen der Röntgenaufnahmen war ich stinksauer, Carmen, die Frau, die ich als meine Freundin betrachtete, hatte angefangen, mit meinem Boss Stan Ptitko zu schlafen. Jetzt war ich unterwegs, um ihn in seiner Bar zu treffen. Ziemlich sinnlos war das, aber du hörst nicht einfach auf, der zu sein, der du bist, nur weil in deiner Brust ein Wirbelsturm aus Seifenflocken tobt. Ich hatte wohl keine Chance, da lebend rauszukommen, aber genau wissen, wann, wollte ich auch nicht. Ich würde einen Teufel tun, Stan und Angelo davon zu erzählen. Ich wollte nicht, dass sie, wenn ich nicht da war, in der Bar abhingen und Witze über mich machten. Die Scheibe des Taxis war mit verschmierten Fingerabdrücken übersät, dahinter kam Uptown langsam näher. Manche Städte öffnen sich einem, aber New Orleans hat nichts von einem Tor. Die Stadt ist wie ein eingesunkener Amboss. Sie hat sich diese Atmosphäre selbst geschaffen und muss sie nun ertragen. Die Sonne flirrte wie ein Stroboskop zwischen Gebäuden und Eichen, Licht und Schatten huschten abwechselnd über mein Gesicht. Ich musste an Carmens Arsch denken und daran, wie sie mir über die Schulter zugelächelt hatte. Ich dachte immer noch viel an sie, was nichts brachte, denn sie war eine herzlose Hure. Als das mit uns anfing, war sie eigentlich mit Angelo Medeiras zusammen. Ich schätze, ich habe sie ihm mehr oder weniger ausgespannt. Jetzt war also Stan an der Reihe. Angelo arbeitete ebenfalls für ihn. Die Vorstellung, dass sie hinter Stans Rücken noch ein paar andere Typen vögelte, kühlte den Schmerz der Demütigung ein wenig. Ich überlegte, wem ich von meiner Lungengeschichte erzählen konnte. Irgendjemandem wollte ich es erzählen, denn niemand wird bestreiten, dass das eine verdammt beschissene Nachricht ist, zumal wenn man noch Geschäfte zu erledigen hat. Die Bar hieß Stan’s Place, ein Ziegelbau mit Blechdach, vergitterten Fenstern und einer verbeulten Metalltür. Drinnen saßen Lou Theriot, Jay Meires und ein paar ältere Typen, die ich nicht kannte. Der Barkeeper hieß George. Sein linkes Ohr war in weißen Mull gepackt. Ich fragte ihn, wo Stan steckte, und er nickte in Richtung der Treppe, die zum Büro hinaufführte. Die Tür war geschlossen, deshalb setzte ich mich an die Bar und bestellte ein Bier. Dann erinnerte ich mich daran, dass ich bald sterben würde, änderte meine Bestellung und verlangte einen Johnny Walker Blue. Lou und Jay unterhielten sich über Probleme mit einem der Wettbüros. Das war nicht schwer herauszuhören, da ich mit Anfang zwanzig selbst eine Zeitlang im Wettgeschäft unterwegs gewesen war und die Art kannte, darüber zu reden. Doch dann unterbrachen sie ihre Unterhaltung und sahen mich an, weil ich zuhörte. Ich lächelte nicht und verzog keine Miene, also redeten sie weiter, viel leiser allerdings und mit gesenkten Köpfen, damit ich nichts mehr mitbekam. Die beiden waren nie besonders herzlich zu mir gewesen. Sie kannten Carmen schon aus der Zeit, als sie hier gekellnert hatte, lange bevor sie sich Stan an den Hals geworfen hatte, und ich war mir sicher, dass sie ihretwegen einen gewissen Groll gegen mich hegten. Aber sie mochten mich wohl auch deshalb nicht, weil ich mich nie richtig in ihre Truppe eingefügt hatte. Stan hatte mich von seinem ehemaligen Boss, Sam Gino, übernommen, der wiederum hatte mich quasi von Harper Robicheaux geerbt, und letztlich war es hauptsächlich mein Fehler, dass mich die Typen nie richtig akzeptiert hatten. Sie pflegten immer noch diese Itaker-Attitüde – zwängten sich entweder in Trainingsanzüge oder in Hemden mit Umschlagmanschetten und schmierten sich Pomade ins Haar –, während ich Jeans, schwarze T-Shirts, Jacke und Cowboystiefel trug, weil ich das immer schon getragen hatte. Meine Haare waren länger, vor allem im Nacken, und ich hatte einen Vollbart. Ich heiße Roy Cady, aber schon Gino hatte damit angefangen, mich Big Country zu nennen, und jetzt tun es alle, wenn auch ohne jegliche Zuneigung. Ich stamme aus East Texas, dem goldenen Dreieck, und diese Typen haben mich immer als Abschaum betrachtet, was in Ordnung ist, weil sie andererseits auch Schiss vor mir haben. Ich habe nie Lust verspürt, mich nach oben zu arbeiten. Vor der Geschichte mit Carmen bin ich mit Angelo immer gut ausgekommen. Jetzt ist das anders. Die Bürotür ging auf, und Carmen kam heraus, strich sich das Kleid glatt und fuhr sich mit der Hand durchs Haar, bis sie mich sah und erstarrte. Doch Stan war schon direkt hinter ihr, deshalb ging sie langsam die Treppe herunter, gefolgt von Stan, der damit beschäftigt war, sein Hemd in die Hose zu stecken. Die alte Treppe ächzte unter ihren Schritten, und noch ehe sie unten war, zündete Carmen sich eine Zigarette an. Sie ging zum anderen Ende der Bar und bestellte einen Greyhound. Mir fiel ein ätzender Spruch ein, den ich ihr an den Kopf hätte werfen können, musste ihn aber für mich behalten. Der Hauptgrund, weshalb ich so sauer auf sie war, war der, dass sie mir das eigentlich angenehme Gefühl, einsam zu sein, verdorben hatte. Ich war schon seit geraumer Zeit allein gewesen, und wenn ich vögeln wollte, hatte sich immer jemand gefunden, aber ansonsten hatte ich viel Zeit allein verbracht und es genossen. Jetzt nicht mehr. Jetzt fühlte es sich alles andere als cool an. Stan nickte Lou und Jay zu, kam dann zu mir rüber, sagte, dass Angelo und ich am Abend einen Job zu erledigen hätten. Ich gab mir alle Mühe, so zu tun, als fände ich es richtig klasse, mit Angelo zusammenzuarbeiten. Stan hatte diese sich wie Kliffs vorwölbenden Polackenbrauen, die Schatten über seine winzigen Augen warfen. Er drückte mir ein Stück Papier in die Hand: »Jefferson Heights. Ihr stattet Frank Sienkiewicz einen Besuch ab.« Der Name sagte mir was, der Vorsitzende oder ehemalige Vorsitzende oder Anwalt der Hafenarbeiter-Gewerkschaft. Offenbar waren die Jungs ins Visier der Feds geraten, gerüchteweise hieß es, sie seien Ziel einer Untersuchung. Sie handelten Ware für Stans Partner, und das Geld, das sie dafür bekamen, hielt die Gewerkschaft über Wasser, aber Genaueres wusste ich auch nicht. »Es soll niemand verletzt werden«, sagte Stan. »Das kann ich jetzt nicht gebrauchen.« Er trat hinter meinen Hocker und legte mir die Hand auf die Schulter. Ich habe es nie vermocht, in diesen kleinen Augen zu lesen, die wie eingemeißelt unter den ausladenden Augenbrauen hervorlugten. Aber ein Geheimnis seines Erfolges musste mit der Gnadenlosigkeit zu tun haben, die sie austrahlten. Die slawischen Wangenknochen und der lippenlose Mund taten ihr Übriges. Stan hat die Züge eines brandschatzenden Kosaken, und wenn die Sowjets damals tatsächlich Leute gehabt haben, die ihren Opfern glühende Kleiderbügel in die Harnröhre schoben, mussten das Typen wie Stanislaw Ptitko gewesen sein. »Ich will nur, dass der Mann kapiert, wie’s läuft. Dass er sich in den Dienst der Mannschaft zu stellen hat. Sonst nichts.« »Und dafür brauche ich Angelo?« »Nimm ihn einfach mit. Man kann nie vorsichtig genug sein. Vorher holst du noch in Gretna etwas für mich ab. Also pass auf, dass du nicht zu spät kommst«, sagte er und schaute auf den Johnnie Walker in meiner Hand. Stan kippte einen Stoli und schob das Glas zum Barkeeper zurück. Der Mull um Georges Ohr hatte in der Mitte einen gelben Fleck. Stan sah mich gar nicht mehr richtig an, als er seine Krawatte zurechtrückte und sagte: »Keine Eisen, verstanden?« »Was?« »Erinnerst du dich an den Trucker letztes Jahr? Ich will nicht, dass jemand eine Kugel abbekommt, nur weil einem die...



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