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Plaschka | Das öde Land | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 274 Seiten

Plaschka Das öde Land

und andere Geschichten vom Ende der Welt
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-940036-59-9
Verlag: Low, Torsten
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

und andere Geschichten vom Ende der Welt

E-Book, Deutsch, 274 Seiten

ISBN: 978-3-940036-59-9
Verlag: Low, Torsten
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Fantastische Geschichten aus Vergangenheit und Zukunft, den fernen Winkeln der Welt und vom Ende aller Tage. Ein Dieb auf der Flucht im Orient Express. Eine Mission ins strahlende Zentrum der Galaxis. Ein Wasserspeier auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Die letzten Tage der Menschheit in den Weiten der Antarktis ... Vierzehn Reisen hinaus in die Ferne jenseits des Horizonts und hinab in die Tiefen der Seele. Dieser Band vereint Oliver Plaschkas gesammelte Kurzgeschichten in neuer Überarbeitung mit zahlreichen Erstveröffentlichungen. Außerdem dürfen sich Leser seiner Romane auf ein Wiedersehen mit Figuren aus London, Paris und Fairwater freuen.

Oliver Plaschka, geboren 1975 in Speyer, studierte an der Uni Heidelberg und arbeitet als freier Autor und Übersetzer vor allem im Bereich der Phantastik. Ausnahme von der Regel ist sein neuer Roman 'Marco Polo: Bis ans Ende der Welt', der gerade erschienen ist. 'Fairwater' gewann 2008 den deutschen Phantastikpreis für das beste Romandebüt, 'Das öde Land' 2016 für die beste Kurzgeschichte.
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Der Heimkehrer


Um ein Uhr früh bog der Kombi in seine Einfahrt.

Harold wollte nicht gehen.

Ein trügerischer Frieden hatte sich über die Palmen und Agaven des nächtlichen Gartens gelegt, und es kam ihm so vor, als ob der Kombi etwas Bedrohliches wäre, das nun schlangengleich über den Rasen auf ihn zuglitt. Auf einmal dachte er wieder an das Dach, das er ausbessern, und den Pool, den er reinigen musste, und an seine angebrochene Flasche Bourbon und das angebrochene Kreuzworträtsel und all die vielen anderen guten Gründe, nicht in diesen Wagen zu steigen, sondern hier auf seinem schützenden Berg in der warmen Brise des Pazifik zu bleiben. Doch er wusste, dass ihm kaum eine Wahl blieb.

Argwöhnisch verfolgte er, wie die schimmernden Türen sich lautlos öffneten. Susan und ihr Mann stiegen aus und winkten ihm zu.

»Ihr seid spät dran«, stellte er fest, während sie näherkamen. Die Finger hatte er fest um den Griff des Samsonite geschlossen. »Wollten wir nicht schon vor Mitternacht los?«

»Hi, Daddy«, sagte Susan und drückte ihn kurz. Er verkrampfte sich. »Es tut mir leid. Es gab einfach noch so viel zu regeln, ehe wir uns für ein paar Tage aus dem Staub machen konnten ...«

»Wollen wir hoffen, dass euer Wagen der Herausforderung gewachsen ist.« Er kniff skeptisch die Augen zusammen. »Kommt’s mir nur so vor, oder werden sie von Jahr zu Jahr kleiner? Ist das ein japanisches Fabrikat?«

»Guten Abend, Mr. Tanner.« Steve hielt ihm die Hand hin. »Wie geht es Ihnen?«

»Gut, gut«, sagte Harold und schüttelte seine Hand, ohne ihn richtig zur Kenntnis zu nehmen. »Ist das nicht eine Menge Gepäck da im Kofferraum?«

»Wir haben nicht halb so viel gepackt wie du«, scherzte Susan. »Wieso nur musst du immer wie für eine Weltreise packen? Steve, hilf mir doch mal.«

»Ist nicht meine Schuld«, sagte Harold, während seine Tochter und sein Schwiegersohn ihr Bestes gaben, den schweren Samsonite auf der Rückbank zu verstauen. »Niemand hat Donna darum gebeten, in Vegas zu heiraten. Herr im Himmel! Ich hätte ihnen eine schöne Hochzeit hier in La Jolla ausrichten können, und wir hätten nicht durch die verdammte Wüste dafür fahren müssen.«

»Daddy, lässt du es bitte gut sein? Wir haben das seit Thanksgiving diskutiert. Deine Älteste hat ihren großen Tag, und da darf sie sich auch aussuchen, wo sie feiert, selbst wenn es dir ein paar Unannehmlichkeiten bereitet. Oder uns, was das angeht. Wenn sie Vegas will, soll sie Vegas kriegen.«

»Was ist mit Jennifer?«, fragte Harold. »Hast du schon was von Jennifer gehört?«

Sie zögerte. »Sie wird auch da sein, Daddy. Sie freut sich schon sehr, dich zu sehen.«

»Wieso? Was verspricht sie sich davon?«

»Sie verspricht sich einen schönen Tag mit ihrer Familie, Daddy. Nicht mehr und nicht weniger.«

»Die letzten fünf Jahre waren wir alles, aber keine Familie, Susie, und das weißt du genau.«

Sie kam näher und griff seine Hand. »Bitte, Daddy. Fang nicht wieder damit an.«

»Na schön.« Er räusperte sich. »Vegas erwartet uns. Wie lange brauchen wir bis Sin City?«

Susan warf ihrem Mann einen eindringlichen Blick zu. »Vor Sonnenaufgang sind Sie in Ihrem Bett«, versicherte ihm Steve. »Das ist ein schneller Wagen, Mr. Tanner. Sie werden kaum etwas merken. Er hat diese neue Art von Zellen.«

»Wollen wir hoffen, dass ihr dran gedacht habt, sie auch zu laden«, murmelte Harold, warf einen letzten Blick auf seinen Garten und nahm dann auf der Rückbank Platz. »Brechen wir besser auf, ehe ich’s mir noch anders überlege. Vor Sonnenaufgang, was? Na schön. Je weniger ich von all dem mitkriege, desto besser.«

»Also, ich muss schon sagen«, murmelte er, während hinter ihnen die Lichter La Jollas wie der Sternenhimmel hinter Wolken verschwanden. »Das ist wirklich ein nettes, leises Auto. Und geräumiger, als ich dachte.«

Im Rückspiegel konnte er sehen, wie Steve und Susan abermals argwöhnische Blicke tauschten. »Es ist schon eher ein Van als ein Kombi«, sagte Steve. »Wir dachten, genau das Richtige für Gelegenheiten wie diese.«

»Gelegenheiten wie welche?«

»Wenn wir nicht fliegen«, erklärte Susan.

»Wenn ihr euren umständlichen alten Herrn durch die Gegend kutschieren müsst, meint ihr wohl«, brummte Harold und griff nach seinem Koffer, wie um sich zu vergewissern, dass er noch da war.

»Ich hab gesehen, dass du noch deinen alten Pick-up hast«, wechselte Susan das Thema.

»Aber sicher doch. Ich hab immer gesagt, das einzige Gefährt, dem ich mich je wieder anvertraue, muss schon ein Ford sein. Ich mache hier eine Riesenausnahme für dich, Susie.«

»Manchmal glaube ich, du bist der Letzte, der noch weiß, wie ein Verbrennungsmotor riecht.«

»Ich und meine verdammten Nachbarn.« Harold gackerte.

»Ihr habt immer noch Streit?«

»Die ganze Gegend geht doch den Bach runter.«

»Wahrscheinlich macht es sie nicht gerade attraktiver, wenn man Reporter mit einer Schrotflinte verjagt.«

»Hüte deine Zunge, junge Dame.«

Sie befeuchtete ihre Lippen. »Weißt du, Daddy, du musst nicht ganz allein da oben wohnen. Wir haben jede Menge Platz bei uns, und wir könnten noch anbauen. Ich dachte mir, solange die Regierung zahlt ...«

Harold lachte. »Bei dir klingt das ja, als ob ich reich wäre. Damit du’s weißt, das bin ich nicht, und mit jedem Jahr, das die Demokraten dran sind, wird es schlimmer.« Er schüttelte den Kopf. »Die Preise explodieren ja geradezu. Und denk ja nicht, ich rede nur von der Alkoholsteuer! Ich rede von Wasser und Strom, Handwerkern, Arztkosten, Benzin ...«

»Gehst du noch häufig zum Arzt, Daddy?«, fragte Susan.

»Nein«, sagte er. »Das war nur ein Beispiel.« Darauf schwiegen sie eine Weile.

Harold schaute aus dem Fenster. Durch das leicht getönte Glas wirkten die Sterne wie von einem Schleier verborgen, als ob das Innere des Kombis, das vielleicht doch nicht so geräumig war, wie er gedacht hatte, realer und in jedem Falle greifbarer wäre als die Unendlichkeit, die ihn von allen Seiten umgab ... Er biss die Zähne zusammen und wandte den Blick ab.

Susan und ihr Mann hatten die Stimmen gesenkt und redeten über was auch immer er ihrer Meinung nach nicht zu hören brauchte.

Er durchsuchte seine Taschen. Er fand seinen Füllfederhalter, seine Tabletten, ein paar alte Visitenkarten, die er nicht mehr benötigte, sein Taschentuch und den Geldbeutel mit seinen Kreditkarten, dem Führerschein und etwas Kleingeld. Er steckte alles wieder ein und versuchte, seine Beine in eine bequemere Position zu bringen.

Eine Weile studierte er die Kontrollleuchten im Cockpit, dann wanderte sein Blick nach oben, wo eine weitere getönte Scheibe in den cremefarbenen Fahrzeughimmel eingelassen war. Das feine Gittermuster darin war kaum zu erkennen. »Solarzellen«, murmelte er.

»Hast du in letzter Zeit was von Onkel Bobby gehört?«, erkundigte sich Susan.

»Nein. Warum fragst du?«

»Nur so. Das letzte Mal, als ich ihn gesprochen habe, meinte er, es würde ihn sehr freuen, mal wieder von dir zu hören.«

»Er kann mich jederzeit anrufen«, entgegnete Harold. »Aber die letzten fünf Jahre war Major Robert Grant wohl zu beschäftigt damit, durchs Land zu reisen, wie sich das für einen guten Nationalhelden gehört.«

»Wieso redest du so?«, fragte Susan. »Er ist auch nicht mehr ein Held als du, Daddy.«

»Sie hat recht«, mischte Steve sich ein. »Als ich Ihren Freund des letzte Mal im Fernsehen ...«

»Ich hab dich nicht nach deiner Meinung gefragt, Sohn«, unterbrach Harold. »Also erspar sie mir bitte.«

Steve verstummte. Susan legte ihrem Mann sachte die Hand auf die Schulter.

»Daddy, wieso hältst du nicht ein Nickerchen?«, schlug sie vor. Doch Harold hatte die Augen starr auf ihre Rücklehne gerichtet und gab keine Antwort.

In den folgenden Minuten war das einzige Geräusch im Wagen das sanfte Klicken der Armaturen. Dann machte Susan das Radio an, und sie verbrachten die nächste Stunde ohne eine Wort. Irgendwann hielt Steve kurz an und besorgte ihnen Kaffee, doch danach gab es keine Spuren von Zivilisation mehr jenseits der rauchfarbenen Scheiben, nur die sich langsam wandelnden Muster der Wüste und des Sternenrads, das sich darüber spannte.

»Du bist abgebogen«, stellte Harold fest. »Wieso bist du abgebogen?«

Eine weitere Stunde waren sie durch die Einsamkeit der Mojave-Wüste gefahren, wo nur gelegentlich ein Felsen oder die dornige Silhouette eines Josuabaums wie eine bizarre Prozession von Vogelscheuchen vor dem Fenster vorbeizog.

»Wir wollten die neue Interstate benutzen«, erklärte Steve. »Diese Abkürzung bringt uns schneller ans Ziel, und je schneller wir aus der Wüste raus sind, desto besser, oder nicht?«

»Allerdings«, murmelte Harold. »Allerdings.«

»Ist alles in Ordnung, Daddy?«, fragte Susan. »Hast du ein Nickerchen gemacht?«

»Nicht so richtig.« Harold wich ihrem Blick aus.

»War das Radio zu laut? Wieso hast du nichts gesagt?«

»Tatsächlich war es deutlich angenehmer als der Klang dieses Motors. Wieso hast du es ausgemacht?«

»Wir sind auf halbem Weg zwischen hier und nirgendwo, und die einzigen Sender, die wir reinkriegen, spielen Countrymusik.«

»Wie ich schon sagte, sehr viel angenehmer als der Klang dieses Motors.« Er grunzte. »Davon abgesehen ist es das Gerüttel, das mich wach hält. Wie lange brauchen wir noch? Gott, ich wünschte, wir wären schon da.«

»Daddy ...«

»Wieso musste es Vegas sein? Und die Wüste?« Harold war jetzt hellwach, aber er hob noch immer nicht den Blick und hielt die...


Oliver Plaschka, geboren 1975 in Speyer, studierte an der Uni Heidelberg und arbeitet als freier Autor und Übersetzer vor allem im Bereich der Phantastik. Ausnahme von der Regel ist sein neuer Roman "Marco Polo: Bis ans Ende der Welt", der gerade erschienen ist.
"Fairwater" gewann 2008 den deutschen Phantastikpreis für das beste Romandebüt, "Das öde Land" 2016 für die beste Kurzgeschichte.



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