E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Plentz Mit Laib und Seele
+ 8 Seiten Bildteil
ISBN: 978-3-7655-7628-7
Verlag: Brunnen Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Bäcker, der Hoffnung schenkt
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-7655-7628-7
Verlag: Brunnen Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Karl-Dietmar Plentz war unter anderem Referent auf dem Kongress Christlicher Führungskräfte 2019 und hielt dort den Abschlussvortrag, der von den Teilnehmenden Bestnoten erhalten hat.
Weitere Infos & Material
MAGDALENE
In unserer großen Familie bin ich der Nachzügler, das viel zu spät gekommene fünfte Kind. Wenn man drei große Schwestern hat, eine Mutter und noch dazu eine Ersatzmutter, Fräulein Hildegard, wächst man ganz schön umsorgt auf.
Magdalene, meine größte Schwester, war 14 Jahre älter als ich. Für sie war ich der perfekte Ersatz für Barbie und Ken, der kleine Dietmar konnte herhalten als Babypuppe in echt. Dass „Makka“, wie wir meine Schwester nannten, viel Zeit mit mir verbrachte, belegen auch die zahlreichen Bilder, die „Onkel Heinz Basikow“ mit seiner Kamera von uns beiden schoss. Er war Ortschronist und wohnte in der Nachbarschaft.
Als ich im Grundschulalter war, machte Magdalene gerade ihre Ausbildung zur MTA – zur medizinisch-technischen Assistentin. Dabei hatte sie unter anderem Anatomieunterricht. Als sie sich auf einen Anatomietest vorbereiten musste, stellte sie mich kurzerhand nur mit Badehose bekleidet mitten auf den Küchentisch. Meine anderen beiden Schwestern schauten interessiert zu, als Makka mit ihren Fingern feststellte, wo was war – sie ertastete Halswirbelsäule, Schlüsselbein, Speiche und Elle und spielte auf meinen herausstehenden Rippen sprichwörtlich Klavier.
Sowieso – ihre Hände sind mir in unglaublich lebhafter Erinnerung geblieben. Makka hatte diese ganz besondere Art, mit ihren Fingern herumzuspielen, bog sie nach hinten und drehte sie, wedelte mit einer gewissen Tüdelü-Art mit ihnen herum, spielte an ihren Ringen, die nicht selten in den unpassendsten Momenten in hohem Bogen durch den Raum flogen und die sie dann, peinlich berührt und mit hektischen Bewegungen, wieder einsammelte. Die Berührung ihrer Hände genoss ich sehr – wenn mir im Gottesdienst langweilig wurde und ich kaum noch still sitzen konnte, begann sie, mich zu massieren oder zu kraulen.
Unvergessen bleibt der Tag, als sie ihren kleinen Bruder, den sie mit all seinen Ängsten, seiner Vorsichtigkeit und seinen Muttersöhnchen-Allüren nur zu gut kannte, überredet hatte, ihn zu frisieren. Ich hatte große Angst vor dem Friseur, wie ich mich auch sonst vor vielen Dingen fürchtete. Magdalene hatte zu dieser Zeit große Freude daran, Puppen die Haare zu schneiden. Nun war also ich dran, der Frisierkopf in echt.
Demonstrativ und mit großer Geste baute Makka dafür in der Küche einen kleinen Turm aus Stühlen, damit mein Kopf in der richtigen Höhe war, machte mir aus dem berüchtigten Nylonkittel – der leicht entzündlichen Ost-Omaschürze, die man für Hausarbeiten anlegte – einen semi-professionellen Umhang. Beglückt begann sie dann, mir unter den bewundernden Blicken der anderen Schwestern die Haare zu schneiden. Dabei ging sie mit einer kruden Mischung aus entschlossenem Enthusiasmus, beruhigenden Worten und aufgekratztem Aktionismus ans Werk. In ihrer künstlerischen Art tänzelte sie um mich herum, kicherte und probierte affektiert ihre Friseurkünste an mir aus.
An meinem Pony arbeitete sie sich lange ab, schnitt ihn immer kürzer, noch einmal und noch einmal, bis er endlich gerade war. Dann wanderte sie weiter zur seitlichen Kopfpartie und schnippelte dort, bis die Schere aus irgendeinem Grund nicht mehr zu schließen war. Ich schrie auf. Blut tropfte auf den Nylonumhang. Mein Ohr schmerzte! Makka hatte mir den oberen Rand meiner linken Ohrmuschel abgeschnitten! Meine große Schwester wurde hektisch, versuchte mich mit guten Worten zu besänftigen, zu trösten, tupfte an mir herum, hätte am liebsten das Stück Ohr wieder angeklebt. Vor lauter Schreck ließ ich es regungslos über mich ergehen, wie sie mir mein Ohr zupflasterte. Still schluchzte ich in mich hinein. Mein schrecklichster Albtraum war Realität geworden und zementierte meine Angst vor dem Haareschneiden nur noch mehr.
Wenn ich heute beim Friseur bin, werde ich immer wieder an Makkas urkomische Frisieraktion erinnert – an der abgeschnittenen Stelle am Ohr wachsen inzwischen längere Härchen, die mein Friseur regelmäßig mit stutzen muss.
Nachdem Magdalene geheiratet hatte, baute sie mit ihrem Mann Adolf ein Haus in unserer Nachbarschaft. Im Osten konnte man ja nicht mal eben so schnell eine Baufirma beauftragen. Vielmehr wurden einem Baumaterialien zugeteilt und damit werkelte man dann an den Wochenenden und im Urlaub mit Nachbarn und Freunden an seinem Haus, Stück um Stück.
Mit meinen halbstarken dreizehn Jahren wurde ich beim Hausbau zum „Helfershelfer“: fuhr die Schubkarre, siebte groben Kies, schleppte Steine. Teil der Großen zu sein, fühlte sich richtig wichtig an. Nicht ganz unattraktiv war auch die Tatsache, dass meine Schwester und ihr Mann einen Stundenlohn von drei Ostmark für die Helfer ausgerufen hatten. Beim Blecheschrubben in der Backstube kam ich auf nicht ganz so berühmte 2,50 Mark.
Indem ich mir Geld verdiente, verfolgte ich einen großen Traum: Ich wollte sparen, um mir dann mit fünfzehn ein Moped kaufen zu können, eine Simson S50 oder S51. Mein Moped würde dunkelgrün oder weinrot sein, meine Lieblingsfarben, und bei uns auf dem Hof stehen. Oder auf dem Schulhof – und natürlich so auf Hochglanz poliert wie das der tollen Jungs, die keine Mücke an ihr geliebtes Zweirad ranließen. So ein Ding war Kult, es bedeutete Status. Wie die Coolen würde ich es auseinanderschrauben, verchromen, die Schutzbleche kürzen, tunen, was im Rahmen des Möglichen war, um besonders lässig daherzukommen – und natürlich im besten Fall jemanden auf dem Rücksitz dabeihaben. Für diesen Traum lohnte es sich, von der Arbeit auf der Baustelle Blasen an den Händen zu bekommen.
Nun aber besaß Magdalene das Vorgängermodell, einen Simson Star. Ein altes Ding, das sie längst nicht mehr brauchte. Unter uns – sie war nicht die beste Fahrerin und hatte schon so einige Male die Erfahrung gemacht, unfreiwillig rechts oder links vom Moped abzusteigen. So stand das dunkelrote Gefährt angestaubt in einer Ecke der Garage.
Ich schnorrte Makka an, ob ich es nicht mal benutzen könnte. Natürlich war uns bewusst, dass es verboten ist, ohne Führerschein zu fahren; doch nach vielem Hin und Her gelang es mir – trotz der Bedenken meiner Eltern –, das Moped mit meinen Kumpels auf das Grundstück meines Bruders zu bringen, das sich am Waldrand von Schwante Sommerswalde befand. Dort hatte er gerade ein altes Haus erworben und im dazugehörigen Schuppen konnte der Simson Star erst einmal unterkommen.
Durch die lange Stehzeit war das Moped nicht wirklich einsatzfähig, aber der Bruder meines Kumpels Frank war erprobt im „Mopedschrauben“. Also holten wir ihn dazu, nahmen das Zweirad auseinander und machten den völlig verdreckten Vergaser sauber. Ich lernte, dass man den Abstand des Unterbrechers mit der Reibefläche einer Streichholzschachtel einstellen konnte – denn das ist genau der Millimeterabstand, der geeignet ist, damit der Funke überspringt. Bei solchen coolen Sachen konnte ich jetzt mitreden, wo ich sonst technisch eher nicht so die Leuchte war.
Neben Franks Bruder waren noch meine Kumpels Kalle, Manni und Dicker mit von der Partie, um an meinem Simson herumzuschrauben. Wie die „Großen“ nutzten wir die Gelegenheit, hier am Waldesrand mal unbeobachtet eine zu rauchen. Übrigens war der Gestank unserer ölverschmierten Finger eine sehr gute Möglichkeit, um den Zigarettengeruch zu übertünchen.
Wir wussten uns sehr privilegiert, dieses Moped zur Verfügung zu haben. Voller Stolz fuhren wir im Wald herum und kurvten über die hügeligen Flächen. Dabei kamen wir nur an wenigen Häusern vorbei und begegneten kaum einer Menschenseele. Doch an einem Tag waren die Hühner von Frau Bartz ausgebüxt und gackerten vor ihrem Grundstück herum. Als wir mit frischem Schwung um die Ecke bogen, knatterten wir direkt durch den Federvieh-Schwarm, der aufgescheucht in alle Richtungen floh. Leider sprang eine der Legehennen in ihrer Panik so wild davon, dass sie mit ihrem Kopf im Maschendrahtzaun von Frau Bartz’ Vorgarten hängen blieb. Dort kam das Tier auf sehr unangenehme Weise zu Tode.
Das sollte nichts Gutes bedeuten. Wütend zeterte Frau Bartz, was der Bengel vom Bäcker und seine Freunde da mit dem Huhn gemacht hatten! Sie drohte, uns anzuzeigen: Wir sollten das Verbot bekommen, jemals den Führerschein zu machen, weil wir hier schwarzgefahren seien, und übrigens, der Bürgermeister wohne auch in dieser Straße.
Der Schreck saß tief und sorgte für viele heiße Diskussionen unter uns. Wir hatten wirklich Angst, Frau Bartz würde uns anzeigen. Jedes Mal, wenn ich wieder an ihrer Einfahrt vorbeifuhr – und leider gab es keine Möglichkeit, ihr Grundstück zu meiden, hier musste ich vorbei –, wurde mein schlechtes Gewissen aktiviert. Doch offenbar war ihre Wut über den Verlust einer Henne irgendwann verraucht und die Sache verlief sich im Sand. Bezeichnenderweise wurde einer ihrer Söhne später einer der bekanntesten Speedway-Motorradfahrer, ein echter Held mit Stahlschuh aus dem MC Wolfslake. Und Frau Bartz bekam doch noch...




