E-Book, Deutsch, 132 Seiten
Plessow "Ich wollte nichts Schlechtes schreiben"
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-4046-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Luise Teichmüllers Aufzeichnungen über ihre Kinder und Enkelkinder, 1906 - 1949
E-Book, Deutsch, 132 Seiten
ISBN: 978-3-6957-4046-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
"Ich wollte nichts Schlechtes schreiben" gibt allen historisch Interessierten einen authentischen Einblick in den deutschen Alltag der schicksalhaften Jahre 1906 bis 1949. Luise Teichmüller, Ur-Großmutter der Herausgeberin und Ehefrau von Wilhelm Teichmüller, Redaktionsleiter der Neuruppiner Märkische Zeitung, hält in unregelmäßigen Abständen die Entwicklungsschritte ihrer Kinder Hilde und Günther sowie ihrer neun Enkelkinder fest, immer vor der zeitgeschichtlichen Kulisse ihrer Epoche. Teichmüllers Aufzeichnungen sind in erster Linie sehr privater Natur, wenn es darum geht, wie ihre Schützlinge laufen und sprechen lernen, wie Krankheiten und Unfälle überwunden werden oder Feiertage begangen werden. Gleichzeitig lassen sie uns teilhaben am bürgerlichen Leben einer Neuruppiner Mittelstands-Familie und an den einfachen Verhältnissen in einem mecklenburg-vorpommerschen Dorfpastorat, in das ihre Tochter Hilde einheiratet. Besondere Herausforderungen stellen die Entbehrungen der Kriegs- und Nachkriegsjahre dar. Günthers Schilderung, wie er die Verköstigung bei einem Schulkameraden auf dem Lande genossen hat ("wie im Schlaraffenland, wie Frieden"), zeigt, mit welchen knappen Ressourcen die Familie während des Ersten Weltkriegs in der Stadt überleben musste. Der Zweite Weltkrieg fordert dann auch nahe persönliche Opfer: Der in der Nähe von Paris stationierte Soldat Günther wird im August 1944 auf einer Urlaubsreise Richtung Heimat gemeinsam mit seiner frisch angetrauten Braut bei einem Fliegerangriff auf den Zug verschüttet. Nur wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird seine Schwester Hilde zur Witwe, als ein marodierender Russe Joachim Pfannschmidt im Pfarrhaus erschießt. Die Eltern Luise und Wilhelm wollen ihrer Tochter, nun allein mit den insgesamt 9 Kindern, zur Hilfe eilen. Für die eigentlich 5-stündige Reise von Neuruppin ins vorpommersche Groß-Kiesow brauchen die Eltern Luise und Wilhelm knapp 6 Tage - immer auf der Suche nach Essbarem und auf der Hut vor feindlich gesinnten Soldaten, die auch Zivilisten nicht schonen. Deutsche Geschichte, hautnah geschildert von einer Mutter und Großmutter, besonders emotional erschütternd durch die zeitliche Nähe im Moment der Aufzeichnungen.
Autoren/Hrsg.
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Hilde — 1906: Unser Hildchen lachte am 1. April nach dem Baden zum ersten Mal, Tränen weinte sie schon, als sie drei Wochen alt war. Sonntag, den 8. April, machte Hildchen ihre erste Ausfahrt in den Garten. Mittwoch, den 11. April, besuchte sie ihre Großmama. Lang ist sie mit 6 Wochen, ungefähr 52 cm. In der Nacht ist sie meist sehr artig, sie schläft mindestens von 11 Uhr bis 1/2 5, aber oft länger. Bis 6 Uhr war ihre größte Leistung. Bei Tag ist sie meist sehr artig, weinen tut sie nicht sehr viel. Ihre schwarzen Härchen wachsen fürs erste immer länger. Ostersonntag, den 15. April, ist unser Hildchen getauft, zwei von ihren fünf Paten waren anwesend. Heißen tut sie: Hilde, Annemarie, Luise, Ida. Zur Taufe da waren Pastor Schneider, der sie in unserm Salon taufte, seine Frau, Mama1, Willy2, Ernst3, Tante Lieschen4 und Anna Drescher5. Außer Mama und Willy sind noch Paten: Vater und Ferdi6 Teichmüller und Tante Ida7. Die Großeltern8 waren auf einer italienischen Reise. Der kleine Täufling war zuerst lieb und artig, weinte nachher aber. Hildchen hatten wir mit Frau Hornungs Hülfe aus Mamas Brautkleid ein Taufkleid geschneidert, sie sah sehr niedlich aus. Es war ein wunderschöner, sonniger Frühlingstag, den Tauftisch hatte ich mit Gartenblumen geschmückt, Veilchen, Cillas und Zweige von einem gelben Strauch (Phorsytia). Ein ganz gemütliches Essen folgte. Von Onkel Willy bekam sie an diesem Tag ein wunderschönes Eßbesteck.
Am 6. Mai war sie 62 cm lang. Am 26. Mai feierten wir Vierteljahr-Geburtstag, ein Sträußchen und eine Korallenkette waren ihre Geschenke. Jetzt lacht sie schon laut und fängt an zu erzählen mit ein paar Lauten. Strampeln tut sie gar zu gern, abhalten9 tue ich sie schon, seit Frau Hornung fort ist, Mama nennt Hildchen das vierte Weltwunder. Ihre Haare scheint sie zu behalten. Die Nächte sind gleichmäßig ruhig meist bis 6 Uhr.
Fortsetzung der Prosa — Hilde ist nun schon 6 Monate, wird mit jedem Tag niedlicher, ihre Bäckchen sind rot von all der schönen Luft, die sie im Garten genießen kann. Sie ist immer kurzärmlig und ausgeschnitten, ohne Jäckchen, und jeder freut sich über ihre dicken Ärmchen. Greifen tut sie nun auch schon, hält man ihr etwas hin, kommt sie langsam mit beiden Händchen und nimmt das Hingehaltene. Ganz laut und anhaltend lacht und schreit sie vor Vergnügen. Aufgerichtet hat sie sich auch schon mal. Neulich hat sie ihre erste Fahrt im Landauer10 gemacht. Sie ist immer noch das liebe artige Geschöpfchen.
Am 4. Dezember 1906: Vier schöne Monate sind vergangen, Hildekind hat uns nur Freude gemacht, deshalb war für mich die letzte Woche besonders traurig, weil unser kleines Mädchen öfter Schmerzen auszuhalten hatte. Vor zwei Wochen bekam Hildchen Husten und Schnupfen, der wurde wieder besser, aber Sonntag, den 25. November, war sie sehr unruhig und konnte ihre Milch nicht mehr vertragen. Grade an ihrem 3/4 Jahrs-Geburtstag kam Dr. Bade; wir gaben ihr zwei Tage Hafergrütze, da gings besser, als wir mit etwas Milch anfingen, bekam sie stündlich Leibschmerzen, die Nächte trugen wir sie meist in der Stube herum. Nun bekam sie Ramogen11, der Zustand wurde wieder besser, am Sonntag dachte ich, wir wären über den Berg, da sehe ich am Montag, daß unser kleines Hildekind die Masern hat. Sie ist ganz zufrieden dabei, schläft schön, hoffentlich kommt sie gut drüber fort. Die Masern selbst dauerten bloß zwei Tage, aber das Vorsehen vor Erkältung ist das Schlimmere.
Heute ist der 13. Dezember, unser Hildchen wird gehütet, soviel ich kann, und doch hat sie wieder tüchtigen Husten und Schnupfen, hoffentlich ist sie zu Weihnachten wieder ganz gesund. Geistig und körperlich hat sie sehr zugenommen, sie erkennt uns schon lange, spielt mum, mum, tutut, nimmt sich allein die Wagengardine vors Gesichtchen, und machts dann wieder auf. Wirft mit Willen alles hin, freut sich, wenn es klappt, arbeitet mit allen Spielsachen wer weiß wie arg, klappert und klopft. Vielen Spaß macht es ihr, Vater Brille oder Kneifer abzuziehen, ebenfalls liebt sie seine Uhr sehr. Dann ist sie sehr für Abwechslung in Spielsachen; sehr niedlich ist sie, wenn sie sich im kleinen Handspiegel selbst anlacht; in den Mund soll alles, deshalb gebe ich ihr nicht gern Papier, was ihr sonst besonderes Vergnügen macht. Strampeln kann sie arg, darfs leider jetzt nicht, die halbe Stube schwimmt, wenn sie gebadet wird. Herren sind nicht ihre Schwärmerei, die empfängt sie mit viereckiger Schüppe und fängt gleich danach furchtbar an zu brüllen. Damen, namentlich mit Hüten, hat sie sehr gern. Menschen, die sie kennt, lacht sie sehr vergnügt an. Ihre Flasche liebt sie jetzt sehr, alles läßt sie fallen und greift danach. Morgens ist ihr Hunger ganz furchtbar, da schreit sie unheimlich; wenn die Flasche kommt und der Pfropfen im Munde ist, sind alle Schmerzen vergessen. Sie ist ein liebes und niedliches Mädchen, die dunkelblonden Haare umrahmen ihr kleines Gesichtchen, das steht ihr sehr gut. Erzählen tut sie jetzt sehr viel, adah, dada, baba, brr, und manches mehr. Der Übergang zur Flasche Mitte September war nicht so einfach, mit Teelöffel habe ich sie an die Milch gewöhnt, aber die Gummipfropfen, so verschieden sie auch waren, spuckte sie stets wieder aus, Großmutter, Onkel, Vater, Mutter, alle gaben sich die ordentlichste Mühe, ein Schluck machte uns selig, endlich drei Tage später trank sie die erste Flasche, beleuchtet von der Lampe, die Klapper vom Onkel geschwungen, die Mundbewegungen von Mutter vorgemacht, eigentlich getäuscht darüber fort. Dann gings noch besser. In den Michaelisferien12 hat Mama sie uns acht Tage gehütet, aber leicht ist es auch nicht gewesen. Sitzen tut sie schon ganz fein, und beim Herausheben aus dem Wagen stemmt sie die kleinen Beinchen, daß sie ordentlich leicht hochkommt. Am 27. Dezember fand ich Hildchens ersten Zahn. Ganz heimlich und ohne jede Schmerzen ist er gekommen.
6. Februar 1907: Mein liebes, kleines Hildekind versteht immer mehr, jetzt zeigt sie schon, wie groß sie ist, sagt öfter Mama, und geht besonders gern zu mir. Tücher mag sie nicht leiden, die zieht sie immer herunter, allerdings mit großer Wonne. Sie steht schon ganz fein, ihre Beinchen werden immer grader. Ihre Erkältung wird sie gar nicht recht los, einmal ists etwas Husten, dann wieder Schnupfen. Hildchen verfolgt alles, was um sie vor geht, jetzt hat sie schöne gestrickte Höschen bekommen und soll augenblicklich ans Abhalten gewöhnt werden. Sie ist immer sehr vergnügt, augenblicklich räumt sie immer ihren Korb aus, aber es muß ordentlich hinfallen, dann ist die Freude groß.
19. März 1907: Heute schläft Hildchen zum ersten Mal im Gitterbett, sie verkrümelt sich noch etwas darin, es kam ihr aber sehr spaßhaft vor, sie setzte sich immer wieder auf und schüttelte sich vor Lachen. Am 15. März bekam sie ihren dritten Zahn, groß und breit ist er. Ihren Grießbrei ißt sie jetzt sehr verständig, zeigt, wie schön es schmeckt, und macht alle ihre kleinen Kunststücke auf Verlangen: „Bitte, bitte“, macht wie’s Pferdchen „brr“, „winke, winke“. Nur, wenn’s nötig ist, sich melden, das tut sie nicht. In Cafés ist sie sehr ernst und gemessen, mein Pelzkragen ist eine besondere Leidenschaft von ihr. Sie hatte eine merkwürdige Periode. Ganz ahnungslos will ich sie eines Sonntags wie immer baden, erhebt sie ein ängstliches, furchtbares Geschrei, steht beinah auf, klammert sich fest an mich und kann absolut nicht gebadet werden, so geht es ein paar Tage, ich stelle es auf acht Tage ganz ein (selbst das Waschen war ihr schrecklich), fange dann wieder an, es war immer noch Ängstlichkeit vorhanden, aber am zweiten Tag blieb schon das Weinen, und jetzt habe ich wieder ein verständiges reinliches Hildekind. Ihren Geburtstag verlebten wir sehr traurig, Herrmann Rose war totkrank schon an dem Tage.
Hildchen ist unser aller Sonnenschein; am Abend beim Waschen ziehe ich sie ganz aus und spiele dann mit ihr, das dicke Hildchen, vollständig nackt mit der Korallenkette ist etwas direkt Reizendes, sie fühlt sich auch besonders wohl dabei, sie turnt dann tüchtig auf meinem Schoß herum. Seit Mitte Februar oder schon früher ist sie ihre Erkältung ganz losgeworden, weil sie ihre Höschen trägt, die wir ihr gestrickt haben. Dreimal war sie draußen, als die Sonne schien und die Luft warm war, die ersten Tage im März, jetzt ist leider das Wetter gleich schlecht, der Winter will gar nicht weichen. Geschenke hat sie zu ihrem Geburtstage sehr viele bekommen, von Mama einen schönen Sportwagen, Kleidchen, Lätzchen zum Essen, von Tante Ida Geld, von Tante Lieschen Jäckchen und Lätzchen, von Willy einen Schieber13, von Großeltern...




