E-Book, Deutsch, 216 Seiten
Pluchet Die Vermessung der Berge
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7112-5028-5
Verlag: BERGWELTEN
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Wanderung zur Entdeckung der Weltgesetze
E-Book, Deutsch, 216 Seiten
ISBN: 978-3-7112-5028-5
Verlag: BERGWELTEN
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Blandine Pluchet ist eine französische Physikerin und Autorin. Sie beschloss nach dem Studium, ihre beiden Leidenschaften miteinander zu verbinden, und schreibt seitdem Bücher über physikalisch-naturwissenschaftliche Phänomene für ein breites Publikum.
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Nach dem Abschluss meines Physikstudiums war ich von den Möglichkeiten, die sich mir boten, wenig überzeugt. Ich wusste nicht, ob ich wirklich in der Forschung arbeiten wollte. Aber einer Sache war ich mir sicher: Mich interessierte eine Wissenschaft, die auf die Welt blickt, die den Wind, die Erde oder den Himmel betrachtet, eine Physik, die das Draußen erforscht.
Als ich mir verschiedene Universitäten und andere Institute in Deutschland – wo ich lebte und bleiben wollte – ansah, entdeckte ich den Ort, der meine Erwartungen zu erfüllen schien: das Institut für Meteorologie und Klimaforschung in Garmisch-Partenkirchen in den bayerischen Alpen. Ich war begeistert: Wenn ich die nächsten Jahre meines Lebens der wissenschaftlichen Forschung widmen sollte, dann dort, wo ich in der Nähe der Gipfel die Atmosphäre erkunden, mit den Wolken spielen, Höhenluft untersuchen und atmen konnte. Eine Physik, die grundlegend ist für das Verständnis des Planeten, seines Wetters und Klimas, Wissenschaft auf Tuchfühlung mit atemberaubender Schönheit, zwischen Bergwäldern und Seen, Felsen und Schnee.
Ich bewarb mich um eine Doktorandenstelle, sowohl wegen dieser Physik als auch wegen der Wildbäche und Steinböcke, der Greifvögel und der Blumen auf den Almwiesen. Monate vergingen, schließlich erhielt ich eine Absage. Eine Zeit lang war ich enttäuscht, dann fand ich mich damit ab. Wie es schien, sollte ich nicht nach den Wolken greifen und im Kontakt mit den Alpengipfeln leben. Da ich nur eine Bewerbung verschickt hatte, kein anderer Ort mich wirklich reizte und die Aussicht auf eine Promotion mich letztlich wohl gar nicht so begeisterte, ließ ich es dabei bewenden. Ich kehrte nach Frankreich zurück, wo ich, fernab von den Bergen, andere Träume verfolgte, die ich ernst nehmen wollte: Ich wollte Bücher schreiben.
Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen. Am Ende bin ich nicht Wissenschaftlerin, sondern Schriftstellerin geworden. Die Physik blieb, sie lieferte den Stoff für meine Bücher. Ich schrieb über sie, wobei ich den Blick, den sie auf die Dinge wirft, auf meine Art wiedergab. Die Welt aus der Sicht der Wissenschaft betrachten, die Kräfte beschreiben, die seit der Entstehung des Universums am Werk sind, die ehernen Gesetze vorstellen, die sie regieren: Das war die Leidenschaft, die mich antrieb. Horizonte erweitern, Blicke weiten, in den Augen anderer Funken entzünden, indem ich die Wunderwerke der Natur schilderte, das machte mir Freude.
Die Berge waren meinem Leben inzwischen sehr fern. Wenn ich dort, wo ich lebte, im Westen Frankreichs, zum Horizont blickte, konnte ich noch so sehr die Augen zusammenkneifen, die hohen Bergketten blieben unsichtbar. Doch unterschwellig übten sie weiter eine Faszination auf mich aus, und von Zeit zu Zeit kehrte ich zu ihnen zurück, um zu wandern und eine Verschnaufpause von meinem Erwachsenenleben einzulegen. So ging es jahrelang. Bis zu jenem Herbst, als bei einer Klettertour mit einer befreundeten Bergsteigerin in den bayerischen Alpen mit Übernachtung in der Höhe das Feuer erneut aufflammte und diesmal richtig.
Es war später Nachmittag, und wir stapften durch dichten Nebel. Wir wussten, dass die Hütte jeden Augenblick aus der Suppe auftauchen musste, und so beschleunigten wir unsere Schritte auf dem Pfad, der einem steinernen Sturzbach glich, einer Geröllhalde aus den Überbleibseln erodierter Gipfel.
Ich hatte die Berge nicht im Blut wie meine Freundin Sunnhild, die mit ihnen groß geworden war. Sie standen nur für ein paar Zwischenspiele in meinem Leben. Gleichwohl hatte mich jeder meiner Besuche im Hochgebirge begeistert.
Ich hob den Kopf. Gipfel erschienen wie spitze Inseln unter der bereits tief stehenden Sonne, die durch den Nebel brach. Letzterer schien zu zergehen, und nach ein paar weiteren Minuten glitt er unter unsere Füße: Wir wandelten über den Wolken, über einem schwebenden Meer, das friedlich um die benachbarten Gipfel wogte. Das Tal, aus dem wir kamen, war verschwunden. So beendeten wir den langen Aufstieg, als kämen wir aus dem Innern der Erde.
Beim Anblick der plötzlich aus dem Nebel auftauchenden Gipfel stürmten Bilder auf mich ein: Ich sah mich die Falten unseres Planeten erkunden. Ich stellte mir im Zeitraffer die Bewegungen der tektonischen Platten vor, wie sie gegeneinanderstießen, sich aneinander rieben, die Risse und Spalten und die unaufhaltsame Orogenese, die diese natürlichen Pyramiden errichtet hatte. Ich spürte die gewaltigen Kräfte, die das Gebirge erschaffen hatten. Ich sah auch die Erosion von Jahrmillionen, die Schluchten, Felsnadeln oder Steinwälder geformt hatte. Ich spürte bei jedem Schritt die Geschichte unseres Planeten, die sich in den unterschiedlichen Gesteinen verbarg, aus denen die Wege bestanden, ich bewunderte das Leben, das auf seine Art diesen Ort besiedelt hatte, indem es spielend die Hänge überwand, sich den mineralischen Verhältnissen anpasste, die obere Troposphäre grüßte und dem geringen Luftdruck trotzte. Es war, als ob die Stimmen dieser Gipfel mir ihre Geschichten erzählten.
Als die Sonne hinter den Bergen versank, tauchte, auf einem schmalen Felsplateau thronend, die Schutzhütte auf. Endlich am Ziel, stellten wir unsere Stiefel unter die dafür vorgesehenen Bänke am Eingang, legten unsere Schlafsäcke in die Schlafkammer und setzten uns dann im Aufenthaltsraum an den Tisch in der Nähe des Ofens. Die Kacheln waren noch warm. Von Zeit zu Zeit hörten wir den Wind pfeifen. Der Himmel hinter den kleinen Fensterscheiben war pechschwarz und verhieß eine herrliche Sternennacht.
Das Knistern des Feuers weckte Erinnerungen, und bald sprachen wir beim Essen über alte Zeiten. Es war sehr lange her, dass wir uns das letzte Mal gesehen hatten.
»Erinnerst du dich an die Doktorandenstelle in Garmisch?«, fragte Sunnhild mit einem Mal und hob ihre klaren Augen, die ihre slawische Herkunft verrieten. »Wenn sie dich genommen hätten, würdest du vielleicht noch hier in der Gegend leben, und wir würden öfter zusammen wandern gehen.«
Ich sah sie nachdenklich an. Die Erwähnung dieser Geschichte stieß bei mir auf eine seltsame Resonanz. Dort in der Berghütte, weit weg von meiner Familie, allein mit meiner Freundin aus längst verflossenen Zeiten, erwachte meine alte Forscherseele, und die zwanzig Jahre Leben, die seit damals vergangen waren, erschienen mir wie ein bloßes Intermezzo, beinahe unwirklich. Ich nahm wieder Kontakt zu der auf, die ich damals gewesen war, die so begierig darauf war, zu forschen und zu entdecken und die Welt, in der ich lebte, zu verstehen.
Die Bilder von der Entstehung der Gebirge, die am Nachmittag auf mich eingestürmt waren, und die Erinnerungen, die Sunnhild in mir wachgerufen hatte, ließen mir den restlichen Abend keine Ruhe mehr. In mir keimte wieder derselbe Wunsch von damals, als ich mich bei diesem Institut beworben hatte: Ich wollte viel mehr über die Berge erfahren. Und so fasste ich einen Entschluss: Ich musste diese Berge, die mir ihre Geschichte ins Ohr raunten, näher kennenlernen. Nicht mehr als Wanderin, sondern als Physikerin. Ich bereitete mich darauf vor, den wachen Blick, den zu verfeinern ich gelernt hatte, auf sie zu richten, zu einem ganz einfachen Zweck: um die Welt zu erkunden und ihre Gesetze zu entdecken.
Schließlich wurden die Berge und die Wissenschaftler, die täglich dort arbeiten, ein Jahr lang meine Führer. Nur: Was konnte ich lernen, was nicht schon in den Lehrbüchern stand? Tatsächlich hat sich eine ganze Welt vor mir aufgetan, von der ich nichts wusste, und ich habe inmitten der Berge ein Geheimnis entdeckt: Sie sind ein Refugium, in dem bis heute Überbleibsel einer untergegangenen Welt gedeihen.
Tatsächlich sind die Berge, wenn ich es mir recht überlege, die letzten unberührten Inseln in unseren modernen Gesellschaften. Und diese Unberührtheit geht über die Biosphäre hinaus: Sie schließt die Mineralwelt und den Kosmos mit ein. Die Berge bieten unermesslich viele Geschichten, denn sie sind das Refugium der Welt in ihrer ursprünglichen Gestalt, von all den verschiedenen Lebensformen bis zu den fernen Sternen. Unbewohnbare Räume für den gewöhnlichen Sterblichen, sind sie teilweise noch von den vielfältigen, vom Menschen verursachten Verschmutzungen verschont geblieben. Die Täler und das Flachland sind längst denaturiert und von den menschlichen Gesellschaften geprägt. Nur die Berge haben bislang überdauert und sich ihre Naturschätze bewahrt. Durch ihre Geschichte verraten sie uns die Geheimnisse der Welt, in der wir leben, und dienen uns als Leitfaden dafür, wie wir sie schützen können.
Bei meinen Nachforschungen habe ich zudem gelernt, ihre Existenz im Zusammenhang mit einer Geschichte zu sehen, die viel länger ist als die wenigen Jahrzehnte, die ich auf der Erde zubringe, und geografisch einen viel größeren Raum einnimmt, als die Kammlinien erahnen lassen. Ich habe nämlich festgestellt, dass Berge auch dort sind, wo man sie am wenigsten erwartet: Sie verbergen sich in den scheinbar gewöhnlichen Landschaften unseres Alltags, in denen sich häufig Spuren...




