Pluhar | Hedwig heißt man doch nicht mehr | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Pluhar Hedwig heißt man doch nicht mehr

Eine Lebensgeschichte
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7017-4665-1
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Lebensgeschichte

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-7017-4665-1
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Bestsellerautorin Erika Pluhar erzählt von einer Frau, die an einem Wendepunkt ihres Lebens steht. Mit 51 Jahren kehrt Hedwig Pflüger in die von ihrer Großmutter ererbte Wiener Wohnung zurück, nachdem sie diese Stadt und die alte Frau, bei der sie aufwuchs, einige Jahrzehnte gemieden hatte. Hedwig steht am Wendepunkt ihres Lebens und beginnt in der Stille des alten Wiener Wohnhauses, von Erinnerungen belagert, Vergangenes aufzuschreiben. Es wird zum Bericht vom Leben einer Frau, der nicht gelingen wollte, den genormten Forderungen ihrer Zeit zu genügen, die nach allem vergeblichen Bemühen immer wieder in Isolation und Einsamkeit geriet. Jetzt aber, während sie schreibend zurückblickt, erlernt Hedwig, Gegenwart anzunehmen und sich für neue Herausforderungen zu öffnen.

Erika Pluhar, geboren 1939 in Wien, war seit ihrer Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar bis 1999 Schauspielerin am Burgtheater in Wien. Sie textet und interpretiert Lieder, hat Filme gedreht und zahlreiche Bücher veröffentlicht. 2000 erhielt sie das Goldene Ehrenzeichen der Stadt Wien und 2009 den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln. Zuletzt erschienen: 'Anna - Eine Kindheit' (2018), 'Die Stimme erheben - Über Kultur, Politik und Leben' (2019), 'Hedwig heißt man doch nicht mehr' (2021).
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Hedwig nahm ihre Hände von der Tastatur und legte sie in den Schoß. Sie betrachtete das Geschriebene am Bildschirm.

Und plötzlich sah sie wirklich die Augen ihrer Großmutter auf sich gerichtet, es waren graue Augen mit grünlichen Einsprengseln, ähnlich ihren eigenen. Aber die milde Skepsis in ihnen habe ich damals nicht verstanden, dachte Hedwig. Ich war von dem, was Václav Havel an seine Frau Olga geschrieben hatte, unvorbereitet und bis tief in meine Seele ergriffen worden. Ich fühlte mich wie eine bislang dürre Wiese, die, nachdem ein Frühlingsregen sie tränkte, plötzlich zu blühen beginnt. Sogar dieses Gefühl so kitschig zu beschreiben scheute ich nicht, denn es war mir danach. Das ist es, dachte ich an diesem Abend, in dieser Nacht, das ist mein Weg. Mit einer ebenso aufrechten Haltung wie dieser Mann, unkorrumpierbar und furchtlos, werde ich ihn gehen. Gegen Ungerechtigkeit, gegen Niedertracht, gegen jede Form der Fälschung von Menschenwürde werde ich anschreiben und antreten, und ohne Rücksicht auf Verluste. Das wird mein Beruf sein. Meine Berufung.

Ja, das dachte ich.

Hedwig hob ihre Hände wieder, speicherte, was sie zuletzt geschrieben hatte, und einem plötzlichen Impuls folgend, begann sie alles Bisherige auszudrucken. Es funktionierte. Es wurde ein nicht unbeträchtlich hoher Stapel bedruckter Seiten. Alles für dich, Oma, dachte sie. Für heute.

Als Hedwig sich erhob und in die Küche ging, musste sie am Weg dorthin schon Licht machen, Abenddämmerung erfüllte die Wohnung. Ja, dachte sie müde, in jugendlicher Begeisterung meinte ich mit Leichtigkeit mehr als nur diese Vorzugsschülerin zu werden, der Großmutters Stolz galt. Das Institut für Publizistik hier in Wien betrat ich jedenfalls noch so, erfüllt von hehrem Anspruch und hoher Anforderung.

Am Küchentisch belegte Hedwig ein paar Brotschnitten mit Schinken und Käse. Beim Rotwein dachte sie vorerst nur an ein volles Glas, entschloss sich dann aber, die ganze Flasche mitzunehmen. Auf einem Tablett trug sie alles ins Wohnzimmer und näherte sich dann zum ersten Mal seit ihrer Rückkehr dem alten Fernsehgerät. Da stand es, so wie damals, als sie begonnen hatte, sich für die Welt zu interessieren. Fernbedienung gab es natürlich keine, und sie tat zögernd das, was sie früher getan hatte. Aber ganz simpel, einfach auf Knopfdruck, funktionierte der Apparat noch! Erstaunlich, dachte Hedwig. Sie konnte die beiden österreichischen Programme, ORF 1 und ORF 2, in sehr schlechter Qualität, aber doch empfangen.

Hedwig hatte ja auch aus dem Ausland stets das politische Geschehen in Österreich mitverfolgt. Jetzt aber plötzlich wie als junges Mädchen, als ganz junge Frau, wieder vor diesem altmodisch kleinen Bildschirm zu sitzen, sich Wein einzuschenken, belegte Brote zu kauen und eine abendliche Nachrichtensendung zu sehen, ließ Hedwig unvermutet Tränen in die Augen steigen. Den Sprecher kannte sie, auch in Lissabon hatte sie österreichische Programme gesehen, ermöglicht durch eine am Haus vorhandene Sat-Schüssel. Diese suspekte Ibiza-Affaire, die das Land in Aufruhr versetzt hatte, konnte sie ja gerade noch aus der Ferne miterleben. Sie selbst war jedoch nach der Trennung von Carlos und dem Tod ihres Hundes so sehr am Ende ihrer seelischen Kräfte, dass diese Kulmination von Niedertracht, die sogar den österreichischen Rechtspopulismus zu erschüttern vermochte, ihre eigene Lethargie nicht durchbrechen konnte, es war ihr egal gewesen.

Aber auch jetzt noch, schien es, war die politische Situation hierzulande nicht bereinigt. Die SPÖ zumindest ist wohl ganz aus dem Rennen, und das nicht nur hier, dachte Hedwig, die Sozialdemokratien an sich werden weltweit demoliert, oder können nicht Fuß fassen, Portugal ist ja zurzeit erstaunlich zur positiven Ausnahme geworden –

Hedwig! ermahnte Hedwig sich, lass es! Lass jetzt deine politischen Kommentare, das liegt hinter dir.

Sie schaute jedoch weiter, sah in einer Sendung namens »Seitenblicke« irgendein Film-Festival, gezwungen lächelnde Frauen in langen Roben sich auf dem ewigen roten Teppich drehen und wendend – da schau, die auch nicht mehr junge Julia Roberts, aber kaum geliftet, schön!

Hedwig saß vor ihren Broten, aß eines nach dem anderen auf, und trank allmählich auch die ganze Flasche Rotwein aus. Ich werde mir demnächst einen nagelneuen Flachbild-Fernseher anschaffen, dachte sie, der mickrige da vor mir wird ohnehin bald den Geist aufgeben. Ich tu heute das, was alle einsamen Menschen tun: Ich sitze vor dem Fernseher, mampfe in mich hinein, trinke Alkohol, werde müder und müder und gebe auch bald den Geist auf.

Mühsam erhob sie sich, schaltete das Fernsehgerät wieder per Knopfdruck aus und trug das Tablett in die Küche.

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Es hatte wieder leise zu regnen begonnen. Hedwig erhob sich vom Schreibtisch und trat an eines der geöffneten Fenster. Ja, ein leiser, lauer Sommerregen. Seit dem Gewitter und den wilden Regenfällen gestern hatte die davor herrschende Hitze sich in...


Erika Pluhar, geboren 1939 in Wien, war seit ihrer Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar bis 1999 Schauspielerin am Burgtheater in Wien. Sie textet und interpretiert Lieder, hat Filme gedreht und zahlreiche Bücher veröffentlicht. 2000 erhielt sie das Goldene Ehrenzeichen der Stadt Wien und 2009 den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln. Zuletzt erschienen: "Anna - Eine Kindheit" (2018), "Die Stimme erheben - Über Kultur, Politik und Leben" (2019), "Hedwig heißt man doch nicht mehr" (2021).



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