E-Book, Deutsch, Band 3, 320 Seiten
Reihe: Snow und Winter
Poe Das Geheimnis des bewegten Bildes
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96089-749-1
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Snow & Winter Buch 3
E-Book, Deutsch, Band 3, 320 Seiten
Reihe: Snow und Winter
ISBN: 978-3-96089-749-1
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Es ist Sommer in New York City und der Antiquar Sebastian Snow wagt den nächsten Schritt in seiner Beziehung mit dem Detective der Mordkommission, Calvin Winter: Sie ziehen zusammen. Es hätte eigentlich eine wundervolle Woche werden sollen, in der sie Familie spielen und Calvins Geburtstag feiern wollten. Doch diese friedvolle Zeit endet abrupt, als ein mysteriöses Paket in das Imperium geliefert wird. Im Inneren befindet sich das Kinetoskop von Thomas Edison. Ein Filmvorführer aus dem neunzehnten Jahrhundert, erfunden von dem Großvater des modernen Kinos, W.K.L Dickson. Außerdem liegt dem Paket Filmmaterial bei, das einen über hundert Jahre zurückliegenden Mord zeigt. Sebastian widersteht dem Drang, Ermittler zu spielen, auch wenn der Verdächtige längst verstorben ist und keine akute Gefahr besteht. Aber Einbrüche in das Imperium, ein Diebstahl und Leichen sind deutlich schwerer zu ignorieren. Schnell begreift Sebastian, dass der hundert Jahre alte Mord die Spur zu einem Mörder der Gegenwart ist. Trotz Sebastians enormen Wissens über das viktorianische Amerika und seines unerbittlichen Durchhaltevermögens im Angesicht der Gefahr: Dies könnte das eine Geheimnis sein, das er nicht überleben wird.
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KAPITEL EINS
Wenn mir in den letzten sechs Monaten voller Mord und Mysterien eins klar geworden war, dann, dass ich stets das Unerwartete erwarten musste.
Max Ridley und ich starrten auf die einen Meter zwanzig hohe Holzkiste, die an dem Morgen ins Imperium geliefert worden war. Für eine Minute sprach keiner von uns beiden.
»Ich wette einen Fünfer, dass da ein Toter drin ist«, sagte er schließlich.
Daraufhin schüttelte ich den Kopf. »Wir würden die Verwesung riechen.«
»Eine normale Person würde sowas nicht sagen«, antwortete er, ohne seinen Blick von der Kiste abzuwenden.
»Normal ist relativ.«
»Lass uns keine philosophische Diskussion vor zehn Uhr morgens starten.«
Ich trat einen Schritt nach vorne, zog den Lieferschein aus dem Plastikumschlag, der vorne auf der Kiste klebte, entfaltete ihn und hielt meine Lupe an die kleingedruckte Schrift.
»Von wem ist es?«, fragte Max.
»Bin ich mir nicht sicher.«
»Soll ich die Polizei rufen?«
Ich sah auf. »Das letzte Mal haben sie mir eine selbsternannte Ordnungshüterin geschickt, die mich umbringen wollte.«
»Das stimmt.« Max hielt sein Handy hoch. »Aber ich kenne drei Bullen und einen FBI-Agenten, wir haben also Möglichkeiten.«
»Beruhig dich.«
»Ich vertraue mysteriösen Paketen nicht, Seb. Nicht mehr.«
Erneut betrachtete ich das Adressetikett. »Es kommt von einem Versandlager auf der Upper East Side.«
»Aber kein Name?«
»Nein.«
»Und es wurde an dich adressiert?«
»Besitzer«, sagte ich nur.
»Ich ruf die Polizei.«
Als ich Max wieder ansah, streckte ich meinen Arm aus und legte die Hand auf sein Handy. »Calvin hat wahrscheinlich einfach etwas für die Wohnung gekauft.«
Ah ja, das war das einzig Gute daran, dass ich meine Wohnung im Februar durch eine Explosion verloren hatte. Zwei Monate lang hatten wir gesucht und Makler belästigt. Aber seit gestern waren Snow und Winter die neuen Bewohner von 4B – einem Loft-Apartment im East Village, direkt über einem Coffeeshop und einem Kleidungsladen für Hipster. Und obwohl es eigentlich hätte unmöglich sein sollen, hatten wir es geschafft, eine Wohnung mit all meinen neurotischen Must-Haves zu finden, ohne dass die Miete Calvin und mich komplett ausblutete.
Das heißt, sie war viel teurer als meine alte, gemütliche Wohnung mit Mieterschutz, aber nun setzte ich meine Unterschrift auf Dokumenten neben die des Mannes, den ich wirklich mochte … das schien mir das Geld wert zu sein.
»Ruf ihn an und frag«, forderte Max.
»Er ist mit männlichen Dingen beschäftigt«, sagte ich nur.
»Was?«
»Auspacken, schwere Sachen heben, Dinger in Schlitze stecken …«
»Ich kündige.«
»Jesus, Max –«
»Ruf ihn einfach an.«
Irritiert schnaubte ich, zog mein Handy aus der Gesäßtasche, rief meine zuletzt kontaktierten Nummern auf und wählte Calvins.
»Hey, Baby«, antwortete er.
»Hey«, grüßte ich. »Hast du einen Moment?«
»Für dich? Mehrere.«
»Ach, du bist ja süß.«
Calvin lachte. »Ist alles okay?«
»Ja. Mir wurde nur gerade ein Paket ins Imperium geliefert und ich habe mich gefragt, ob du etwas Größeres für die Wohnung bestellt hattest. Einen Kronleuchter oder sowas.«
»Und es in den Laden hab schicken lassen?«, fragte er unsicher.
»Jep.«
»Nein.«
Ich runzelte die Stirn und warf Max einen kurzen Blick zu. »Hier steht eine ein Meter zwanzig große, mysteriöse Kiste mitten auf meiner Ladenfläche.«
»Seit wann hat dich das jemals aufgehalten, Hercule?«
Das brachte mich zum Lächeln. »Ohhh …«
»Gefällt dir das?«, fragte Calvin.
»Tut es.«
»Dachte ich mir.«
Zu Max’ Unmut fing ich an zu lachen. »Dachte nur, ich sollte das vorher mit dir absprechen, bevor ich es öffne. Oft bekomme ich einen ziemlichen Müll. Die Leute räumen Omas Dachboden aus, schicken mir das Zeug und sagen ›behalt’s, bis es sich verkauft‹ , als wäre ich eine Lagerhalle.«
»Also steht kein Absender drauf?«, fragte Calvin und im Hintergrund konnte ich hören, wie er Klebeband von einer Pappkiste riss. Ich hatte an dem Morgen angeboten, das Imperium zu schließen, um ihm beim Auspacken zu helfen, doch er hatte mir einen freundlichen Kuss auf die Stirn gegeben und mich aus der Haustür geschoben.
»Nur so ein Versand- und Lieferbüro drüben in Uptown.«
»Hm.«
»Erwartest du ein Einweihungsgeschenk?«, versuchte ich es erneut.
Nicht, dass irgendjemand aus Calvins Familie gewusst hätte, dass wir zusammen gezogen waren. Die hatten komplett den Kontakt zu ihm abgebrochen, als er um Weihnachten herum geoutet hatte – mit Ausnahme von Calvins Onkel Nelson. Ein wirklich lieber, alter Kerl.
Ich hatte ein paar Mal kurz am Telefon mit ihm gesprochen und einen komplett anderen Eindruck bekommen, als von Calvins Vater. Der war pensionierter Militär, der mich schon aus Prinzip hasste.
»Nein«, antwortete Calvin.
»Okay, dann mache ich die Kiste jetzt auf.«
»Lass dich von mir nicht aufhalten.«
»Wir sehen uns heute Abend«, sagte ich.
»Gut, ich bin der große, verschwitzte Typ im Haus«, merkte Calvin an.
»Ich liebe es, wenn du verschwitzt bist.«
»Chef«, unterbrach mich Max und ich hätte schwören können zu hören, wie er die Augen verdrehte.
Calvin lachte. »Bis dann, Süßer.«
»Bis dann.« Ich schob das Handy wieder in meine Hosentasche.
»Wann sind die Flitterwochen?«
»Hör auf«, murmelte ich.
»Dann gehört es also nicht Calvin?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nö. Kannst du einen Hammer aus dem Büro holen?«
»Na gut«, antwortete er, wenn auch etwas zögerlich.
Er wandte sich von mir ab, lief die Treppe hoch, an der Kasse vorbei und verschwand in meinem wandschrankgroßen Büro. »Aber wenn da irgendetwas Totes oder Sterbendes drin ist oder etwas, das einen von uns umbringen könnte, dann setze ich das Gebäude in Brand, weil es definitiv verflucht ist.«
»Bin mir nicht sicher, ob du versuchst mich zu retten oder mir das Leben schwer zu machen«, sagte ich, mehr zu mir selbst, aber Max hatte mich gehört.
»Glaub mir, das ist ein Rettungsversuch«, antwortete er. Er hüpfte von den Stufen und kam mit dem Hammer auf mich zu. »Geh zur Seite.«
»Du willst sie aufmachen?«
»Wenn ich derjenige bin, der es tut, dann schaffe ich es vielleicht das potenzielle Chaos abzuwenden, das dich normalerweise befällt.«
»Du bist aber lieb.« Ich trat einen Schritt zurück und verschränkte meine Arme.
»Kommt der Typ von der Antiquitätenmesse im Javits Center heute noch vorbei?«, fragte Max, als er die Rückseite des Hammers unter den hölzernen Deckel steckte und den Griff runterdrückte. Die Nägel quietschten laut, als sie aus dem Holz gehoben wurden.
»Sollte er.«
»Er sollte schon am Samstag kommen.«
»Und am Sonntag«, warf ich ein. »Dann habe ich gestern abgesagt, damit ich umziehen konnte. Wenn er heute nicht vorbeikommt, um meine Gegenstände für die Show abzuholen, dann können die mich nächstes Jahr mal, wenn sie wieder Sponsorengelder von mir haben wollen.«
»Ist echt so.« Max bewegte den Hammer und hob den Deckel nochmal an. »Also, wie ist die neue Wohnung?« Er warf mir einen Blick über seine Schulter zu.
Ich zuckte zusammen, als noch mehr Nägel aus dem Holz freigerissen wurden.
»Gut. Ich hoffe, dass unser Bett heute angeliefert wird. Letzte Nacht haben wir auf dem Wohnzimmerboden verbracht.«
»Immerhin hast du einen attraktiven Rotschopf, der dir Gesellschaft leistet.«
»Das stimmt.«
In letzter Zeit hatte es in meinem Leben ziemlich viele Veränderungen gegeben. Natürlich überwiegend gute.
Das Geschäft lief super, trotz des Pechs, das das Imperium zu haben schien. Schließlich war es in die Nevermore und Kuriositäten Fälle verwickelt gewesen. Zum Glück waren wir heil davongekommen. Und nach einer langen Reihe von festen Freunden, die mir nicht gutgetan hatten, war ich gerade mit einem Kerl zusammengezogen, der mein Seelenverwandter war. Freunde und Familie waren gesund, glücklich … und ich hatte jetzt sogar ein Haustier.
Also ja, viele Dinge in meinem Leben waren wirklich gut.
Natürlich war es möglich, dass das auch der Grund dafür war, wieso mich meine Sorgen in letzter Zeit in Ruhe ließen. Schließlich erwartete ich nicht, dass alte Selbstzweifel aufkämen, wenn ich doch überglücklich war. Es war, als wären mir die Komplimente, die Calvin mir machte, zu Kopf gestiegen und nachdem all meine Kleidung in dem Feuer verloren gegangen war, hatte ich mir zum ersten Mal seit sicherlich zehn Jahren eine komplett neue Garderobe zugelegt. Kein Secondhandzeug mehr. Mir gehörten nun bunte, figurbetonte Kleidungsstücke.
Ich hatte angenommen, dass die mir endlich helfen würden, was mein Selbstbewusstsein anging. Dabei handelte es sich schließlich um eine Unsicherheit, die ich normalerweise hinter selbstironischem Humor versteckte. Leider hatte das nicht geklappt. Seit dem ersten Moment, in dem ich die neue Kleidung getragen hatte, empfand ich nichts als Grauen.
Mir war bewusst, wie … dämlich das klingen musste. Aber bis jemand sich mal richtig unwohl in seiner Kleidung gefühlt hatte, verstanden die meisten nicht, dass dieGarderobe einem Menschen wirklich helfen oder ihn behindern konnte. Klar, die Sachen aus dem Secondhandladen passten nicht richtig, waren alt und abgetragen, aber sie...




