E-Book, Deutsch, 342 Seiten
Poe Mord in Key West
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96089-413-1
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 342 Seiten
ISBN: 978-3-96089-413-1
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Aubrey Grant lebt im Stadtviertel Old Town des tropi-schen Paradieses Key West, hat ein hübsches Häuschen, eine schnuckelige Vespa und die großartige berufliche Aufgabe, das denkmalgeschützte Anwesen eines ehemaligen Kapitäns zu verwalten. Beim Besuch seines angehenden Freundes, dem erfolgreichen FBI-Agenten Jun Tanaka, der sich bei ihm etwas Erholung gönnen möchte, kann selbst Aubreys Narkolepsie die Vorfreude auf ihre Ferienpläne nicht trüben. Doch dann macht ihnen ein Skelett in einem Schrank einen Strich durch die Rechnung. Obwohl Aubrey und Jun sich vorgenommen hatten, die gemeinsame Zeit zu genießen, führt sie die Identität des Skeletts zu einem über hundert Jahre alten Geheimnis. Sie entdecken die Geschichte eines Piratenkönigs und seines verloren geglaubten Schatzes sowie einen Mörder der Gegenwart, der vor nichts haltmacht, um die verborgenen Reichtümer aufzuspüren.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
HÄUFIG SAGTEN mir Leute: „Mr Aubrey Grant, was leben Sie nur für ein seltsames Leben.“
Wobei es sich um eine recht treffende Einschätzung handelte.
Einmal wurde ich von einer wütenden Ex-Frau (nicht meiner, wohlgemerkt) mit einem geladenen Elefantengewehr bedroht – lange Geschichte. Ich habe einem Clown einen Faustschlag ins Gesicht verpasst – längere Geschichte. Und für sehr kurze Zeit war ich Teil einer Messerwerfer-Nummer bei einem Wanderzirkus – was nicht mit dem Clown zusammenhängt. Jedenfalls hatte ich in meinen achtunddreißig Jahren genug erlebt, um nicht allzu schockiert darüber zu sein, was mich manchmal hinter der nächsten Ecke erwartete.
Abgesehen von Leichen.
Ich kann voller Überzeugung sagen, dass ich niemals damit gerechnet hätte und ebenso wenig darauf vorbereitet war, auf sehr tote Menschen zu stoßen.
Und nicht etwa beerdigungstot.
Ich meine Skelett-im-Schrank-tot.
Also ein echtes Skelett.
Ich stützte mich an meinem Platz auf dem Boden, auf dem ich nach Schreien und Stolpern gelandet war, auf die Ellbogen. Und starrte durch die offene Tür.
Er … sie? Unser seliger Verstorbener hing vornübergebeugt aus der Lücke, wo ich soeben eine verborgene Nische in der Wand entdeckt hatte, obwohl ich das denkmalgeschützte Anwesen bereits seit zwei Jahren verwaltete. Und das auch nur, weil ich endlich damit begonnen hatte, die für die entsprechende Zeit unpassende Tapete zu entfernen.
Ich schluckte einige Male und bemühte mich, meine Atmung unter Kontrolle zu bringen, um nicht zu hyperventilieren. Da sich mein ganzer Körper schwach anfühlte, ließ ich mich wieder zu Boden sinken und starrte an die Decke. Verdammte Kataplexie. Unfreiwilliger Verlust der Kontrolle über meine Muskeln war eines der Symptome meiner Narkolepsie. Normalerweise passierte es, wenn ich viel lachte, aber manchmal … Tja, beinahe zu Tode erschreckt zu werden, konnte ebenfalls ein Auslöser sein.
Nach meinem Schrei war das Haus unheimlich still. Im Innern schienen sich keine Besucher zu befinden. Etwas ungewöhnlich für März – den Höhepunkt der Touristensaison –, jedoch war es auch erst kurz nach acht Uhr morgens. Auch der Touristenführer im unteren Stockwerk reagierte nicht, obwohl ich sicher laut genug geschrien hatte, um das eine oder andere Fenster zum Beben zu bringen. Verdammter Herbert. Vermutlich schlief er auf einem der Schaukelstühle auf der Veranda.
Ich warf einen Blick auf den Wandschrank.
Skelli hatte keine Meinung zur Situation.
Okay, alles ist in Ordnung. Es ist nur ein toter Typ. Oder eine Typin. Oder – ach ist doch auch egal.
Ich kämpfte mich auf die Füße und sammelte mich einen Moment, bevor ich mich dem Schrank näherte. Staub – in mehr als hundert Jahren angesammelt – tanzte im Morgenlicht umher, nach langer Zeit von mir aufgewirbelt, als ich den verborgenen Riegel für die geheime Nische in der Wand entdeckt hatte. Ich hustete und wedelte ihn mit der Hand fort.
Es war unglaublich. Im Smith-Family-Historical-Home in Old Town auf Key West war ein Skelett versteckt. Hier unten waren wir für unsere Schwulenparade bekannt, für unseren aus den echten Limetten der Florida Keys hergestellten Limettenkuchen und für eine Obrigkeit, die beim öffentlichen Konsumieren von Alkohol auf der Duval Street ein Auge zudrückte. Nicht für … was auch immer das war! Ich meine – verdammt. Wer war das? Wie war er gestorben? Wann war er gestorben? Warum war er in meiner verfluchten Wand?
Die letzten zwei Monate hatte ich mit einem gründlichen Instandsetzungsprojekt verbracht, zu dem auch die Überprüfung der Wände gehörte, für die ich eine spezielle Farbe kreieren wollte, die dem Originalfarbton von 1853 entsprach – dem Jahr, welches das Haus widerspiegeln sollte. Die nicht zum Rest passende Tapete im Wandschrank, so antik und wunderschön sie auch war, ging da aus historischer Sicht gar nicht. Da es auch keine Aufzeichnungen darüber gab, wer sie dort angebracht hatte, musste sie leider raus. Und offenbar war so etwas bei mir vorprogrammiert: Da spielte ich den Heimwerker, um meinen inneren Historiker zu befriedigen und wurde für die Mühe mit einem toten Typ belohnt.
Wie gesagt, ich nahm mein Los im Leben normalerweise ohne großes Gemecker und mit einer gesunden Portion Humor hin. Aber tote Dinge? So was von gar nicht mein bevorzugtes Gebiet. Schon ein überfahrenes Tier am Straßenrand setzte mir zu. In derartiges Zeug geriet eigentlich eher mein Kumpel mit dem Antiquitätengeschäft in New York, nicht ich. Ich machte keinen Unfug und schnüffelte in nichts herum, was mit toten Menschen zu tun hatte. Daher begrüßte ich es nicht, dass dieser tote Typ in mein Leben geplatzt war.
„Also gut“, sagte ich. „Ich muss … jemanden anrufen. Zum Beispiel … wahrscheinlich die Polizei. Guter Anfang.“
Okay.
Ich drehte mich auf dem Absatz um und eilte wie der Blitz die Treppe hinab.
Ich überprüfte mit einem kurzen Rundgang durch den ersten Stock und das Erdgeschoss, ob das Haus wirklich leer war und stürzte auf die Veranda hinaus. Ich zog die schwere Massivholztür hinter mir zu und schloss auch die zweite, die zum Schutz vor Stürmen diente. Ich ging in die Hocke, um sie sicher zu befestigen.
„Aubs?“, fragte Herb von seinem Stuhl.
Als ich einen Seitenblick auf ihn warf, sah ich, wie er sich den Schlaf aus den Augen blinzelte. Er war in Altersteilzeit und arbeitete halbtags als Fremdenführer, weil, um ihn zu zitieren, „mir langweilig ist und ich nichts Besseres zu tun habe, als rumzusitzen und auf den Tod zu warten.“ Ich erhob mich und steckte den Schlüsselbund des Hauses in die Tasche. „Im Wandschrank in der zweiten Etage ist ein Skelett.“
Herb spitzte die Lippen, rieb sich über den dicken, geraden Schnurrbart und sagte: „Okay.“
Ich neigte den Kopf zur Seite. „Wie bitte?“
Er wedelte träge mit der Hand. „Ich weiß ja, dass du heute früher gehen musst, aber wenn du schon eine halbe Stunde nach dem Öffnen schließt, warum habe ich dann überhaupt meinen alten Hintern herbemüht?“
Kurz starrte ich ihn ungläubig an. „Herb In meiner Abstellkammer ist ein toter Typ!“
Er lehnte sich wieder auf seinem Stuhl zurück. „Hast du getrunken, Aubs?“
„Nein“, schrie ich, vielleicht etwas lauter als nötig.
„Du bist ja angespannter als ein Flitzebogen. Gut, dass dieser Mann von dir heute landet. Wirklich, wir sagen das schon den ganzen Monat: Du brauchst Urlaub.“
Mit dem Gefühl, kurz vor einem Schlaganfall zu stehen, hob ich die Hände. Denn auch wenn ich Herb mochte, würde ich ihn gleich erwürgen. „Das Haus ist jetzt geschlossen. Ich muss telefonieren.“
„Mhm.“ Er schloss die Augen und schaukelte mit seinem Stuhl.
Ich sprang die Verandastufen hinunter und rannte durch den Garten. Dieser Mittwoch war tropenparadiesperfekt. Mit dem zu einem Strandbesuch einladenden Sonnenschein, der milden Brise und der bunten Schönheit der Blumen, die alle in voller Blüte standen, war es beinahe möglich, den im Schrank herumhängenden Skelli zu vergessen, der sich dort mit den billigen Reinigungsmitteln anfreundete.
Beinahe.
Ein Schauer aus Ih, Igitt, Brr und Oh mein Gott lief mir über den Rücken und ich rannte etwas schneller auf das Gebäude zu, das uns als Kasse und Souvenirladen diente. Durch die Hintertür trat ich ein und bewegte mich durch die chaotischen Korridore, die ausschließlich aus Lagerbestand errichtet worden waren, weil Adam Love, der sich um den Laden kümmerte, entweder nicht in der Lage oder nicht gewillt war, jemals etwas wegzuräumen.
„Heute keine Eintrittskarten“, rief ich in den Verkaufsraum stürzend.
Adam wandte sich überrascht von der Kasse ab und sah mich an. Er war ein gewaltiger Kerl. Wie ein Football-Spieler. Ein echter Elefant im Porzellanladen, dem man jedoch zugestehen musste, dass er bisher niemals etwas von den kitschigen Kleinigkeiten in den Regalen zerbrochen hatte. Er war der neueste Mitarbeiter, seit etwa vier Monaten dabei. Und jung – vermutlich höchstens fünfundzwanzig. Der Junge war auf die Keys gekommen, um ein Abenteuer zu beginnen. Ob er den Verkauf von Fünfzehn-Dollar-Eintrittskarten für ein altes Haus als besonders aufregend betrachtete, konnte ich nicht beurteilen, aber na ja – man muss nehmen, was man kriegt.
„Warum nicht?“, fragte er.
„Ich habe ein … Lange Geschichte. Aber keine Besucher für das Haus, in Ordnung? Nur Gartenführungen.“
„In Ordnung“, sagte er langsam.
Ich begab mich in den chaotischen hinteren Teil und zu der Nische, die mir als Büro diente. Die um meinen Schreibtisch herum errichteten Wände bestanden lediglich aus Kartons mit Weihnachtsdekoration, altem Lagerbestand, für den nirgendwo Platz war und verschiedenen Antiquitäten, die ins Wohnhaus kamen und gingen. Ich ließ mich auf meinem Stuhl nieder, atmete noch einige Male tief durch und hob den Hörer des Festnetztelefons ab. Um einen Fall für den Notruf schien es sich nicht zu handeln. Skelli sah eindeutig so aus, als hätte er sich schon eine Weile dort befunden. Wäre er das nicht gewesen, hätten wir alle eine verwesende Leiche gerochen.
Hinter der Wand meiner Wohnung damals in New York City hatte ich einmal ein totes Opossum gehabt. Was zum Teufel ein Opossum in Brooklyn vorhatte, ganz zu schweigen in...




