Pofalla | Low | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Pofalla Low


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8493-0366-2
Verlag: Metrolit Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: PC/MAC/eReader/Tablet/DL/kein Kopierschutz

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-8493-0366-2
Verlag: Metrolit Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: PC/MAC/eReader/Tablet/DL/kein Kopierschutz



Boris Pofalla legt mit LOW den wohl unaufgeregtesten Roman der Saison vor - gerade deshalb trifft er den Ton seiner Generation Den Sinn ihres Lebens begreifen Moritz und der junge Ich-Erzähler darin, sich der Welt zu entziehen: Der Gesellschaft, dem Alltag, jeder normativen Kraft. Denn erhaben ist nur, was man weder beherrschen noch benutzen kann. Ihr Tor zur Erhabenheit sind Drogen, Kreativität und der Mantel der Nacht. Doch eines Tages, mitten im Sommer, verschwindet Moritz spurlos und den Ich-Erzähler überfällt eine nie gekannte Verlorenheit. Er macht sich auf die Suche nach ihm, doch an den Schauplätzen, die bisher die Bühne für ihre Ekstase und ihren jugendlichen Hedonismus waren, fehlt jede Spur von ihm. Die Party ist vorerst vorbei. Erschöpfung, Ernüchterung, Angst , Trotz und schließlich die Erkenntnis: dass man sich allem entziehen kann. Nicht aber sich selbst. In seinem Debüt erzählt Boris Pofalla in einer einfachen, beeindruckend vollkommenen und unaufgeregten Sprache die Geschichte eines Erwachens und beschreibt gleichzeitig das Lebensgefühl einer ebenso brillanten und empfindsamen wie narzisstischen und visionslosen Generation.

Boris Pofalla, geboren am 29. November 1983 in Neuss, aufgewachsen im Bergischen Land. Studium der Allgemeinen und Vergleichende Literaturwissenschaft und der Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin. Boris Pofalla schreibt für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und das Kunstmagazin Monopol und lebt in Berlin. 'Low' ist sein erstes Buch.

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1
GENAU EINE WOCHE, NACHDEM ICH Moritz das letzte Mal gesehen habe, treffe ich Tom in der Brunnenstraße. Zuerst erkennt er mich nicht, weil er nach Süden geht, Richtung Rosenthaler, und die Sonne ihn blendet, doch nachdem er ein paar Schritte an mir vorbeigegangen ist, dreht er sich um und ruft meinen Namen. Wir haben uns zuletzt im Frühjahr gesehen oder im Winter, ich weiß es schon nicht mehr genau. Jetzt ist Sommer. Toms Turnschuhe sind neu und sauber, außerdem hat er sich die braunen Haare länger wachsen und einen Bart stehen lassen, den er ab und zu streichelt, während wir reden, als müsse er sich erst an ihn gewöhnen. „Wo warst du bloß die letzten Monate? Ich dachte schon, du bist weggezogen.“ „Wohin denn?“, frage ich und muss beinahe lachen. Tom zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung. Weg halt.“ Ich zünde mir eine Zigarette an. „Ich bin bloß weniger ausgegangen.“ „Mädchen.“ Ich zucke mit den Schultern. „Mir war nicht danach, das ist alles.“ Wir setzen uns an einen der kleinen Tische vor dem Marokkaner neben Beate Uhse und essen Falafel. Das heißt, Tom isst Falafel und ich trinke Tee. Hunger habe ich keinen. Auf der anderen Seite der Straße gibt es eine Baulücke, sodass die Sonne direkt in unsere Gesichter und auf die Fensterscheibe hinter uns scheint; die zusätzliche Wärme lässt den Hummus unter der Theke immer ein bisschen reifer schmecken als anderswo. Tom weiß das, und deshalb stört es ihn auch nicht, dass es ziemlich laut ist, überall Staub von den vielen Baustellen herumweht und einem in die Schuhe und in die Haare kriecht, so als lebe man am Strand. Ich erzähle Tom, was ich in den letzten Monaten so gemacht habe, was nicht besonders viel ist. Tom wird ständig angerufen, und während er gegen den Lärm anschreit, sehe ich den Leuten zu, die an uns vorbeigehen und rauchen. An dieser Stelle der Brunnenstraße ist der Gehweg besonders schmal. Die Leute müssen einzeln an uns vorbeigehen, aber niemand beschwert sich. Nachdem ich meine dritte Zigarette geraucht habe, hält ein Junge auf einem teuren Rennrad vor unserem Tisch und fragt mich nach Feuer. Ich zünde seine Zigarette an und dabei sehe ich, dass sein Gesicht mit aufgekratzten kleinen Pickeln übersäht ist; Speedpickel, denke ich. Der Junge bedankt sich und fragt, ob ich vielleicht auch eine richtige Zigarette für ihn hätte. Dabei deutet er auf die Kippe in seinem Mund, die zur Hälfte aus Papier besteht. So eine kleine, schlechtgedrehte Wurst ist das, richtig mitleiderregend. Ich schiebe ihm meine Packung zu. „Klar“, sage ich. Tom legt die Hand auf das Päckchen. „Die sieht doch ganz wunderbar aus“, sagt er und deutet auf die Selbstgedrehte, aus der jetzt kleine Krümel auf die Straße fallen. Der Junge macht große Augen. Er hat dunkle Augenringe und sieht ganz blass aus, obwohl Sommer ist. Einen Moment denke ich, dass es Ärger gibt, doch der Junge, der vielleicht vierzehn ist oder sechzehn, starrt uns bloß weiter mit glasigen Augen an und fragt, ob wir zufällig Interesse an einem Fahrrad hätten. Wir sagen gleichzeitig Nein und der Junge zuckt mit den Schultern und fährt dann weiter die Brunnenstraße hinauf Richtung Wedding. „Freak“, sagt Tom und legt sein Telefon auf den Tisch. Er starrt das Display an, sieht erneut dem Jungen nach und dann wieder auf das Telefon, als könne er sich nicht entscheiden, was ihn mehr irritiert. „Wer war’s denn?“, frage ich. „Daniel“, sagt Tom und schüttelt den Kopf. Ich trinke meinen Tee aus. Offenbar ist er doch in der Stadt. Seit drei Tagen versuche ich Daniel anzurufen, aber er geht entweder nicht ran oder hat das Telefon ausgeschaltet. Daniel war mit Moritz aus, eine Woche bevor er verschwunden ist. „Hat er ’ne neue Nummer?“, frage ich. „Wer? Daniel? Nein. Ich zahl das mal, okay?“ Während Tom nach drinnen geht, denke ich daran, wie Daniel und ich im letzten Sommer die weißen Betonfalten hochgeklettert sind, die den Schaft des Fernsehturms umgeben. Es ist nicht so einfach, weil sie nach oben hin immer breiter werden und man sich nicht festhalten kann, aber wenn man’s geschafft hat, sieht man den ganzen Rathausplatz, die Springbrunnen und die Teenager, die sich versammeln, Musik auf ihren Ghettoblastern hören und neue Tanzschritte üben. Manchmal kommt die Polizei, wenn zu viele Leute gegen die Marienkirche pinkeln. Dann muss man schnell sein, und das waren wir. Immer. „Wie geht’s Daniel eigentlich?“, frage ich, als Tom zurückkommt. Er erzählt mir, dass sie gestern zusammen aus waren, Flyer verteilen, und dass Daniel danach noch im Golden Gate war mit Anna und Dean, wo er die beiden allerdings schnell verloren hat. Anschließend soll er im Sage gewesen sein, wo er jetzt angeblich Hausverbot hat und zwar für immer. Ich frage warum, und Tom sagt, dass Daniel sich an nichts erinnern könne, und das erste Mal seit ungefähr einer Woche muss ich lachen. „Kommt mir bekannt vor“, sage ich und Tom lacht auch, zumindest sein Mund, aber dann sagt er, dass er nicht weiß, wer jetzt für ihn flyern soll im Golden Gate. Ich antworte, dass er schon jemanden finden wird, und er sagt, wahrscheinlich, und dann zahlen wir und gehen Richtung Hackescher Markt, weil Daniel und die anderen am Spreeufer sind, und weil ich Daniel unbedingt sprechen will, komme ich mit. Vielleicht weiß er ja, warum Moritz einfach nicht nach Hause kommt. Unterwegs erzählt mir Tom von der Irren, die seit einiger Zeit in dieser Gegend unterwegs ist. Sie trägt einen roten Plastikeimer auf dem Kopf und schreit allen Leuten „Schlampe“ hinterher, egal ob es Männer sind oder Frauen. Ob ich die schon gesehen hätte? „Nein“, sage ich. „Und den Bärtigen, der aussieht wie Robin Williams? Der hat mir von der jüdischen Weltverschwörung erzählt. Das war im Weinbergspark.“ „Leider nicht.“ Wir nehmen die S-Bahn bis zum Ostbahnof, dann gehen wir zu Fuß weiter, an der Mauer entlang. Die Luft über dem Asphalt flirrt, so heiß ist es, und ich bin froh, dass sie die Mauer hier noch nicht abgerissen haben, denn das Ding wirft einen ziemlich breiten Schatten, und in dem gehen wir. „Meinst du, sie ist hier irgendwo?“ „Ganz bestimmt“, sagt Tom, und dann fällt mir die Frau aus der U-Bahn ein, die so dünn ist, dass sie Knieschoner tragen muss, um sich hinknien zu können. Sie verkauft Zettelchen mit ihren Gedichten darauf und hat eine Stimme wie ein Kind, obwohl sie aussieht wie eine Greisin. Ich erzähle Tom von ihr und er sagt, das sei gar keine Frau, sondern ein Mann. Der habe als Junge immer Müll gegessen und irgendwann habe sein Körper angefangen, sich selbst zu verdauen, eine seltene Krankheit, und deshalb müsse er immerzu essen und essen, um nicht zu verhungern. „Wo hast du denn den Scheiß her?“, frage ich und spüre, wie sich die Haare auf meinen Armen aufstellen. „Na, gehört halt.“ An einer Stelle hat die Mauer eine Lücke. Dahinter ist Sand aufgeschüttet und es gibt eine Bar, von der aus man auf den Fluss schauen kann. Unter einem Baum am Ufer liegen Anna und Dean. Anna winkt, als sie mich bemerkt. Sie trägt ein weißes T-Shirt mit gelben Streifen und eine sehr kurze weiße Hose. Ihre Beine sind ganz braun. Wir waren für ein paar Monate ein Paar. Jedenfalls glaube ich, dass es so war; wir haben nie darüber gesprochen, was es eigentlich gewesen ist und als wir uns dann weniger und weniger sahen, wussten wir beide nicht, woran es lag, nur dass es nun definitiv zu spät war, um daran noch irgendetwas zu ändern. Ich beuge mich zu ihr herunter, rieche das vertraute Parfum, vermischt mit Sonnencreme und etwas Rauch. Wir umarmen uns nicht, sondern küssen uns links und rechts auf die Wangen. „Lange nicht gesehen“, sage ich. „Wie geht’s dir so?“ „Gut. Siehst du doch.“ Anna lacht. Ihre Stimme klingt heiser, und in ihren Haaren sind lauter Sandkörner, so als hätte sie hier geschlafen, und vielleicht hat sie das ja auch. „Seit wann seid ihr hier?“, frage ich. „Seit … ich weiß nicht. Dean?“ „Seitdem wir nicht mehr im Golden Gate sind.“ „Also seit heute Mittag.“ „Und Daniel?“, frage ich. „Dem war schlecht.“ Ich lege mich auf die Decke neben Anna, ziehe mein T-Shirt aus und halte die Hände übers Gesicht. Nur einen kleinen Spalt zwischen den Fingern lasse ich frei, betrachte die Leute und den Baum, der sich über den Fluss neigt und sich nicht bewegt, weil absolut kein Wind geht. Dean fragt mich nach Papers. Er war den Winter über in Indien und dann in London, um zu arbeiten. Seine blonden Locken scheinen heute noch heller zu sein als sonst. Statt der üblichen engen Jeans trägt er weite Shorts und ein psychedelisch gemustertes T-Shirt. Seine Stimme ist so heiser, dass man ihn kaum versteht. „Papers, guys? Papers?“ Niemand von uns hat welche. Dean steht umständlich auf und läuft zwischen den Liegestühlen umher, und ein Mann mit zwei blonden Kindern gibt ihm schließlich welche. „Also was ist mit Daniel?“, frage ich. Tom stöhnt. Anna erwähnt eine Party, bei der ein gewisser Sultan Crack auflegen wird und zu der wir alle eingeladen seien. Ich höre zu, ohne wirklich zuzuhören, und starre in den Himmel. Auf dem gegenüberliegenden Ufer liegt Kreuzberg; ein paar alte Fabriken und verfallende Häuser aus Backstein, und dazwischen fließt die Spree. Es ist keine Wolke am Himmel, keine einzige. Ich schaue durch die Spalten zwischen meinen Fingern, deren Ränder rot leuchten, und denke, dass es Kilometer sind,...



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