E-Book, Deutsch, 372 Seiten
Pogrzeba Fieker und der Teufelskreis
5. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7504-6250-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 372 Seiten
ISBN: 978-3-7504-6250-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jochen Pogrzeba, geb. 1967, lebt und arbeitet in Freiburg und schreibt seit mehreren Jahren Geschichten aus den Bereichen Mystery, Science-Fiction oder Krimi. "Fieker und der Teufelskreis" ist sein dritter Roman, jedoch der Erste aus einer geplanten "Fieker-Reihe".
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Fieker
Wenn man mich fragt, was mein erster Eindruck von Hauptkommissar Bernhard Fieker war, dann entgegne ich immer, dass es keinen wirklich ersten Eindruck gab. Es war vielmehr eine wahre Sintflut von ersten Eindrücken, die über mich hereinbrach, als ich ihn damals im Zusammenhang mit dem Fall des Teufelskreises von Liebenau kennenlernte.
Ich werde den Tag nie vergessen, an dem ich alleine in der Aula der Kriminalpolizeidirektion in Freiburg stand, einen übergroßen Rucksack auf dem Rücken, mit allerlei Utensilien gefüllt, von denen ich annahm, sie für meinen ersten Arbeitstag zu brauchen. Ich hatte am Wochenende zuvor meinen Umzug aus Aalen halbwegs geräuschlos über die Bühne gebracht und hatte nun den Kopf frei für meinen ersten Arbeitstag.
Mit dem verzweifelten Versuch, meine Unsicherheit zu verbergen, lief ich auf die dickliche Empfangsdame zu, die sich hinter einer Glasscheibe verschanzte. Als sie mich kommen sah, stand sie auf und blickte lächelnd durch das großzügige Fenster. Sie grapschte sich eine modern wirkende Hornbrille von der Tischablage und setzte sie umständlich auf. Einer der Bügel war noch eingeklappt, sodass sie die Brille wieder vor das Gesicht zog, ihre Haare zurückwarf und beim zweiten Versuch die Sehhilfe akkurat auf ihre Nase platzierte. „Sie wünschen?“
„Mein Name ist Kommissar Nick Reetmann. Ich habe heute meinen ersten Arbeitstag.“
Ihr Lächeln wich einem breiten Grinsen, und mit einem festen Ruck schob sie die dicke Glasscheibe zur Seite.
Mit einer Geschwindigkeit, die ihr plumper Körper nicht vermuten ließ, schnellte ihre Hand nach vorne. „Na, dann herzlich willkommen, Herr Reetmann. Ich bin Gabriele Ludwig. Sie dürfen aber natürlich Gabi zu mir sagen, das machen hier alle so. Wo müssen Sie denn jetzt hin?“
„Dezernat 11, Kapitaldelikte.“
„Ah ja, Kapitaldelikte. Das sind die ganz schweren Jungs.
Und wer ist Ihr vorgesetzter Kommissar?“
„Ich bin der Ermittlungsgruppe von Kriminalhauptkommissar Fieker zugeteilt.“
Ihr Blick fiel plötzlich nach unten. „Hauptkommissar Fieker sagen Sie?“
„Ja, stimmt was nicht?“
„Doch, doch, schon. Es ist nur so, dass …“ Sie fasste sich an ihre Brille und nahm einen Stapel Papier in die Hand, welchen sie verlegen durchblätterte.
„Ich sollte vielleicht ruhig sein, es ist besser, wenn Sie Ihre eigenen Erfahrungen mit Herrn Fieker machen. Er ist etwas, sagen wir, speziell.“
„Speziell?“
„Nun ja, manche kommen gut mit ihm aus und manche halt auch nicht. Aber Sie werden ihn ja bald kennenlernen.“
„Wo kann ich ihn denn finden?“
„Vierter Stock und dann den Gang nach hinten. Melden Sie sich am besten bei Angelika Leibinger. Sie ist die Aktenführerin und gute Seele der Truppe.“
„Danke. Ich denke, ich werde den Weg finden. Vierter Stock, sagten Sie?“
„Ja, genau. Ach, eins noch, Herr Reetmann.“
Ich trat wieder einen Schritt an die Empfangstheke heran.
Gabi klammerte sich nun an der Glasscheibe fest und beugte sich so weit wie möglich über den Tresen. „Wenn Sie Herrn Fieker ansprechen, achten Sie unbedingt darauf, dass Sie das in der Mitte wirklich lange aussprechen, sonst hört sich das an, wie … na, Sie wissen schon …“
„Ich glaube, ich habe verstanden.“
Ich nahm die Treppe in das vierte Obergeschoss und fand mich vor einer Glaswand wieder, die von innen mit gelben Vorhängen verdeckt war. Von einem längeren Gang, wie von Gabi beschrieben, war nichts zu erkennen.
Eine ältere Dame kam um die Ecke. In beiden Händen hielt sie eine hellbraune Aktenmappe, die sie fest an ihre Brust drückte.
„Entschuldigen Sie, ich suche Dezernat 11, Kapitaldelikte. Ermittlungsgruppe Fieker.“
„Oh, da sind Sie ein Stockwerk zu weit gegangen. Das befindet sich unter uns. Hier ist nur das Archiv.“
„Die Dame am Empfang meinte, dass ich in den vierten Stock muss.“
„Müssen Sie auch, aber das hier ist der fünfte Stock.“
„Aber direkt neben der Treppe stand ein Schild, das diese Etage als viertes Obergeschoss auswies.“
Die Frau beugte sich nun leicht nach hinten und fing an zu lachen. „Sie sind nicht von hier, stimmt‘s?“
„Äh, nein.“
„Im Badischen wird das Erdgeschoss als der erste Stock bezeichnet. Wenn man Sie also in den vierten Stock schickt, dann ist damit das dritte Obergeschoss gemeint. Sie müssen also eins nach unten.“
Kurz darauf stand ich in einem langen Flur, der auf ein raumhohes Fenster zuführte. Ein großer Gummibaum stand davor, der in dem tristen Gang einen grünen Glanzpunkt setzte. Die Zimmer auf beiden Seiten waren durch Glasscheiben einsehbar. Das Gebäude hatte seine besten Zeiten schon hinter sich, die abgegriffenen und verblassten Streben zwischen den stumpfen Fensterscheiben verströmten einen Achtzigerjahre-Charme, der die verblichene Modernität des Bauwerkes noch erahnen ließ. Der Blick in die Büros war nicht durch Gardinen, Jalousien oder Möbelstücke verdeckt, was der Abteilung eine offene Atmosphäre verlieh. An einem der ersten Büros war ein abgegriffenes Türschild befestigt. Mit geklebten Kunststofflettern war der Name „A. Leibinger“ darauf zu lesen. Drinnen konnte ich eine junge Frau erkennen, die lesend auf einen Bildschirm starrte. Ich klopfte an die Tür, wobei ich versuchte, mich weder zu zaghaft noch zu aufdringlich bemerkbar zu machen. Blitzschnell drehte sie ihren Kopf zur Seite, was ich als Einladung verstand. Die Klänge eines Mobiles zerrissen die Stille des Raumes, als ich die Tür nach innen öffnete. Angelika Leibinger, eine hübsche Endzwanzigerin, drehte sich mitsamt ihrem Bürostuhl zu mir und grinste mich an. „Sie müssen Kommissar Reetmann sein, richtig?“
Irgendwie gab mir diese Frau ein Gefühl, willkommen, ja vielleicht sogar angekommen zu sein.
„Ja, der bin ich. Auch wenn ich mich an den Kommissar noch nicht gewöhnt habe. Das ist meine erste Stelle nach der Anwartschaft.“
„Na, dann sind Sie bei uns genau richtig. Ich bin Angelika. Wenn Sie möchten, können wir uns duzen.“
„Gerne, ich heiße Nick.“
„Ich bin die Aktenführerin unserer kleinen Ermittlungsgruppe, aber tatsächlich noch ein bisschen mehr als das. Wenn du irgendwelche Sorgen und Nöte hast, bei denen ich dir helfen kann, wende dich jederzeit an mich. Nur der übliche Bürokram wie Kaffeekochen und Material heraussuchen fällt nicht in meinen Zuständigkeitsbereich. Ich bin nicht eure Sekretärin, auch wenn es dem Chef des Öfteren gelingt, dies zu ignorieren.“
„Hauptkommissar Fieker. Ist er denn zu sprechen?“
„Ja, er ist da. Er lief vor gut einer halben Stunde an meinem Büro vorbei. Lass mich mal schauen, ob seine Tür offen ist.“
Angelika grinste noch immer, als sie von ihrem Stuhl aufsprang und an mir vorbeilief. Sich mit der linken Hand am Türrahmen festhaltend, beugte sie sich nach vorne und blickte den Flur hinunter. Ich folgte ihrem Blick und konnte schräg gegenüber eine offene Tür erkennen.
„Du kannst jetzt zu ihm. Merke dir eins: Wenn die Bürotür geschlossen ist, darfst du niemals eintreten, nicht mal anklopfen. Selbst wenn es brennen würde. Der Chef ist da sehr eigen.“
„Gabi an der Rezeption hat mir schon angekündigt, dass Herr Fieker wäre.“
„So kann man es auch ausdrücken. Man muss ihn halt zu nehmen wissen. Es dauert seine Zeit, bis man gelernt hat, wie man mit ihm umgehen muss. Wir haben das alle durchgemacht, auch wenn es manchmal ein schmerzhafter Prozess war. Aber mach dir keine Sorgen, wenn du mit dem Chef nicht klarkommst, ist das kein Problem, weil du dann schneller weg bist, als du schauen kannst. Das war keine Drohung, einfach nur Erfahrung. Und gib ihm nicht die Hand, er hasst das. Danach kommst du wieder zu mir, dann zeige ich dir deinen Platz. Du wirst bei Oberkommissar Birnbaum sitzen. Er ist das krasse Gegenstück zum Chef, äußerst umgänglich.“
„Da bin ich ja beruhigt.“
„Dann bleibt mir noch, dich hier in unserer Ermittlungsgruppe herzlich willkommen zu heißen. Rechne nicht damit, dass der Chef das tut, deswegen musst du dich mit meinem Willkommensgruß zufriedengeben.“
Ich lief den Flur hinunter, die offene Tür, auf die Angelika gedeutet hatte, stets im Blick. Links war ein leerer Besprechungsraum zu erkennen, rechts zwei großzügige Büros. In einem davon saßen eine junge Frau sowie ein Mann mittleren Alters, das andere war leer. Ich stand nun vor der offenen Tür und blickte in ein karg eingerichtetes Büro. Ein schiefes Regal, in dem die Ordner kreuz und quer verteilt lagen, ein kleiner Besprechungstisch, der unter der Last der darauf gestapelten Akten zu ächzen schien, sowie ein vollbeladener Schreibtisch waren das einzige Interieur. Am Schreibtisch saß ein kleiner, dicklicher Mann...




