E-Book, Deutsch, 508 Seiten
Pogrzeba Stadt der Krähen
5. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7431-0876-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 508 Seiten
ISBN: 978-3-7431-0876-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jochen Pogrzeba, geb. 1967, lebt und arbeitet in Freiburg und schreibt seit mehreren Jahren Geschichten aus den Bereichen Mystery, Science-Fiction oder Krimi.
Autoren/Hrsg.
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Elisabeth
Die Zigarre schmeckte wie ein frisch gemähtes Blumenfeld, als Colonel Le Mason einen ersten festen Zug nahm. Er schüttelte das brennende Streichholz aus und warf es noch leicht rauchend auf einen kleinen Blechteller, der auf seinem Sekretär stand. Le Mason saß auf einem unbequemen Stuhl und lehnte sich leicht zurück. Nach einem anstrengenden Tag hatte sich der Colonel in seine Privatgemächer zurückgezogen. Die Dienerschaft hatte ein kleines Feuer im Kamin entzündet, sein Bett war frisch bezogen, und auf dem kleinen runden Tisch vor dem Feuer stand eine Obstschale, gefüllt mit frischen Äpfeln. Es war bereits Abend, und das rege Treiben, das tagsüber in dieser alten Stadtvilla herrschte, hatte sich in eine angenehme Stille verwandelt. Le Mason schob den Vorhang zur Seite und blickte aus dem Fenster, von welchem aus man den verwilderten Garten einsehen konnte. Die Dunkelheit hatte sich bereits über die zerstörte Stadt gelegt und den warmen Septembertag abgelöst. Er warf einen unruhigen Blick auf die Auffahrt, auf der einige Wagen und Bauschutt standen. Die Bauarbeiten dauerten immer noch an. Mittlerweile war es den Handwerkern gelungen, die ersten beiden Etagen der alten Stadtvilla wieder instand zu setzen. Das Haus in der Mittelwiehre diente dem Colonel sowohl als Privatsitz als auch als Befehlstand für seinen Stab. In einer Zeit, in der fast alle Einwohner in Ruinen, Zelten oder halb zerfallenen Häusern wohnten, fühlte sich das Leben hier wie vollkommener Luxus an. Seit dem verheerenden Luftschlag der Briten war nun mittlerweile fast ein Jahr vergangen und seither war wenig von dieser Stadt wieder aufgebaut worden. Ein knappes halbes Jahr herrschte bereits Frieden in Europa, und die Siegermächte hatten das zertrümmerte Deutschland unter sich aufgeteilt. Der Südwesten fiel an die Franzosen, die sich gerade erst selbst aus der Paralyse der deutschen Besatzung befreit hatten. Als das zweite Regiment der Chasseurs d'Afrique in die Stadt einmarschierte, hatte es nur Ruinen vorgefunden sowie sechzigtausend Bewohner, die verunsichert und ängstlich ihre neuen Machthaber erwarteten.
Der Colonel nahm wieder einen festen Zug, ging zur Tür und öffnete einen der großen Flügel. Draußen standen zwei Soldaten in akkurat sitzender Uniform, die sofort zu einem militärischen Gruß ansetzten.
"Halten Sie sich bereit. Und achten Sie darauf, dass die Aktion ohne großes Aufsehen über die Bühne geht."
Der Größere der beiden legte seine Hand an den Pistolengürtel und versuchte krampfhaft, einen direkten Blick zu vermeiden.
"Oui, mon Colonel!"
Le Mason eilte zurück in sein Privatzimmer und zog die Tür hinter sich zu. Ein Blick aus dem großen Fenster auf die Auffahrt zeigte ihm, dass sich dort immer noch nichts rührte. Wo blieben sie denn?
Er griff nach einer verschlossenen Flasche Portwein. Das Etikett war nichtssagend, doch konnte er sich sicher sein, dass es ein feiner Tropfen war. Eine Portweinzange war nicht zur Hand, deswegen griff er nach seinem Taschenmesser und schnitt den Korken heraus, ganz vorsichtig, ohne den Bodensatz aufzuwirbeln. Mit einem Griff in ein Regal neben dem Fenster nahm er zwei Likörgläser heraus. Der Colonel schenkte sich einen Fingerbreit des Getränks ein und nippte an dem Glas, während er nach draußen in die Dunkelheit blickte. Es war eine schlechte Idee gewesen, direkt nach einer Zigarre einen so kräftigen Wein zu trinken. Le Mason stellte das angebrochene Glas lieblos auf die Anrichte, er hätte sich wohl doch lieber einen Apfel nehmen sollen. Die Äpfel seiner Kindheit kamen ihm in den Sinn, die an den Bäumen auf den Wiesen entlang der Loire wuchsen. Seine Jugend war geprägt vom Krieg, dem großen Krieg, den man nun den ersten Weltkrieg nannte. Wie gerne hatte er seinen beiden Onkeln zugehört, wenn sie von den Heldentaten der französischen Armee gegen die deutschen Eindringlinge berichteten. Der kleine Pierre war an ihren Lippen gehangen. Er hatte sie verehrt. Und er hatte sie auch noch verehrt, als beide plötzlich nicht mehr nach Hause kamen. Seine Mutter hatte stattdessen jeden Sonntag zwei Kerzen angezündet, die auf dem Kaminsims in der Bibliothek standen.
Oft hatte er die beiden flackernden Kerzenlichter angestarrt und sich gewünscht, zusammen mit seinen Onkeln für Frankreich kämpfen zu dürfen.
Doch im nächsten Krieg, in diesem Krieg, sollte er dazu reichlich Gelegenheit bekommen. Seine Laufbahn verlief schwindelerregend, vom kleinen Offizier zum Befehlshaber. In Windeseile durchlief er alle militärischen Ränge. Als die Deutschen Anfang des Jahres kapitulierten, erhielt er, mittlerweile fast fünfzigjährig, seine vorerst letzte Beförderung. Colonel der französischen Armee, Einsatz als Militärgouverneur in Fribourg-en-Brisgau, verantwortlich für Sicherung und Aufbau der französischen Aktivitäten in diesem Teil der Besatzungszone. Verantwortlich für eine halbe Million Menschen und mehrere tausend französische Soldaten. Innerhalb von wenigen Tagen ließ er seine Frau und seine beiden Söhne alleine und nahm hier in der Ferne seinen Dienst auf.
Er schreckte aus seinen Gedanken hoch, als er ein Motorengeräusch auf der Auffahrt wahrnahm. Endlich war sie da. Vorsichtig drückte er seine Zigarre aus und warf einen Blick aus dem Fenster. Aus der Hintertür der DKW Limousine stieg eine Gestalt aus, die gänzlich in eine schwarze Robe gehüllt war. Le Mason konnte sehen, dass die Gestalt barfuß ging, als sie vorsichtig einen Fuß auf den gepflasterten Boden setzte. Dutzende Male hatte er bereits hier an dem Fenster gestanden und Elisabeth beobachtet, wie sie schüchtern aber anmutig aus dem großen Wagen stieg. Und wie immer hatte der Fahrer es nicht für nötig gehalten, ebenfalls auszusteigen und ihr die Tür aufzuhalten. Die schwarze Gestalt hielt sich die dunkle Robe zu und warf einen flüchtigen Blick auf die Auffahrt. Der Colonel konnte ihre bleichen schlanken Hände sehen, wie sie den Stoff festhielten. Am plötzlich auftretenden Lichtschein war zu erkennen, dass das Hausmädchen die große Eingangstür geöffnet hatte. Mit kurzen Schritten bewegte sich der schwarze Umhang, unter dem sich Elisabeth verbarg, in Richtung des Lichtes.
Es dauerte ungefähr eine knappe Minute, bis es an seiner Tür klopfte.
"Bitte!"
Die Tür öffnete sich und das Dienstmädchen trat herein.
"Ihr Besuch ist da, Monsieur le Colonel…"
Hinter dem Dienstmädchen betrat Elisabeth den Raum. Sie hatte nun die Kapuze ihrer Robe abgezogen. Ihr langes, dichtes schwarzes Haar umrahmte ihr hübsches, mädchenhaftes Gesicht. Wie all die Abende zuvor stand sie schüchtern im Türrahmen und versuchte den direkten Blickkontakt mit ihm zu vermeiden.
"Lassen Sie uns alleine! Sie können nun Feierabend machen, gehen Sie zu Bett."
"Jawohl, Monsieur le Colonel."
Das Zimmermädchen schloss leise die Tür hinter sich, und der Colonel war nun mit dem jungen Mädchen allein. Es wirkte alles wie immer, so wie in den Wochen zuvor auch. Doch heute würde es anders werden. Er spürte ein tiefes Unbehagen und doch fühlte er, dass er keine andere Wahl hatte. Er musste es tun.
"Guten Abend, Elisabeth."
"Bonsieur, mon Colonel."
Normalerweise musste er immer schmunzeln, wenn Elisabeth versuchte, französische Wörter zu benutzen. Doch heute war ihm nicht danach. Elisabeth war ungebildet und aus einfachem Haus, ihre Versuche, weltgewandt zu wirken, machten auf ihn einen leicht lächerlichen Eindruck.
"Ich soll Ihnen beste Grüße von der Frau Gräfin ausrichten, mon Colonel."
Elisabeth hatte die Worte gerade zu Ende gesprochen, als sie mit einer eleganten Handbewegung ihre Robe fallen ließ. Der schwarze Stoff glitt an ihrer Haut entlang, und einen halben Augenblick später stand sie völlig nackt vor ihm, bekleidet nur mit einer Perlenkette um ihren Hals und dem Stoff der Robe, der sich wie eine Schlange um ihre Füße wand.
Der Colonel konnte den Blick nicht von dem nackten jungen Mädchen lassen, ihrem glatten Haar, ihrer zarten weißen Haut. Sein Blick glitt ihren Körper entlang und verfing sich unter ihren Brüsten, wo ihre schlanke Figur von einer kaum merklichen Wölbung unterbrochen schien. Sie bemerkte seinen Blick und streichelte sanft ihren Bauch mit beiden Händen.
"Colette."
Der Colonel ging langsam einen Schritt auf Elisabeth zu. Sie erwiderte seinen Blick.
"Colette. Unser Kind soll Colette heißen. Ich will, dass sie einen französischen Namen bekommt, so wie ihr Vater."
"Colette? Was macht dich so sicher, dass du ein Mädchen bekommst?"
Elisabeth lächelte schüchtern.
"Ich kann es spüren, mon Colonel. Es ist ein Mädchen."
Der Colonel spielte mit ihrer Perlenkette, welche sanft um ihren Hals lag. Er nahm eine der Perlen und rollte sie leicht zwischen den Fingern.
"Das ist alles nicht so einfach, mein Kind."
"Mon Colonel?"
"Ich bin ein Colonel der französischen Armee, du bist eine einfache Bedienstete. Wir beide können kein Kind zusammen haben."
Elisabeth ließ den Blick auf den Boden...




