E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: tredition GmbH
Poljak ALT BÖSE TOT
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-347-87668-2
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dahinwelken im Altersheim? Die ehemalige Krimiautorin Melli will das nicht! Doch dann findet sie im Lainzer Tiergarten eine Leiche und ruft die Polizei. Vorbei ist es mit dem Dahinwelken!
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-347-87668-2
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geboren in Wien, entdeckte die Autorin im Alter von 13 Jahren das Buch "Der Geisterseher" von Schiller/Ewers, es wurde zu ihrem langjährigen Kultbuch. Gleichzeitig begann sie in Ermanglung von anderen Büchern, die ihr gefallen hätten, selbst Romane zu schreiben. Nach dem Studium an der TU Wien war sie viele Jahre als Architektin und nebenberuflich als Grafikerin tätig. Während dieser Zeit kam sie nur sporadisch zum Schreiben, einige Romane und Romanfragmente blieben liegen. Seit sie vor einigen Jahren den Beruf aufgegeben hat, widmet sie sich ganz dem Schreiben. Sie verfasst hauptsächlich Krimis, Thriller und mysteriöse Kurzgeschichten. Veröffentlichungen: "Bildermord", ein Salzburger Künstlerkrimi, Berenkamp-Verlag 2012, 2. Ausgabe bei Epubli 2015. "Auch Mord ist (k)eine Kunst", eBook mit Kurzkrimis, Verlag Stories & Friends 2014. "Die Hände des Doktor Kinich", tredition 2014. "Alles Theater", seltsame Kurzgeschichten, tredition 2015. "DIABELLIS INFERNO", Psychothriller, tredition, Neuauflage Juni 2018. "Rot wie Blut", böse Kurzgeschichten, tredition, 2019. "BLINDE BILDER", Psychothriller, tredition 2021. Homepage der Autorin: www.ingrid-j-poljak.com
Autoren/Hrsg.
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01 Dienstag
13:00 h
Melli hatte nie genug Zeit. Zehn Minuten wartete sie jetzt auf diesen Scheiß-Bus, und an der Umsteigstelle würde sich nochmals zehn Minuten warten. Das waren insgesamt 20 Minuten Wartezeit. 20 Minuten vergeudete Zeit. Ja, Zeitvergeudung! Als sie jung war, störte sie diese Zeitverschwendung nicht, da hatte sie noch das ganze Leben vor sich. Aber jetzt war sie 82.
Sie stieg in den Bus.
Der Bus blieb länger in der Station stehen, weil eine Alte aus dem Heim mit ihrem Rollator angetrippelt kam. Sie musste ja unbedingt den Bus erreichen.
Der Fahrer stieg aus und half ihr. Der gute Herr Erdic. Immer hilfsbereit.
Inzwischen fuhr der Gegen-Bus ein. Ein paar vom Heim stiegen aus, darunter der Stinke-Joe. Der arme Erdic! Wenn sie sich vorstellte, was er und seine Kollegen täglich alles aushalten mussten …
Na endlich! Erdic stieg wieder ein und der Bus fuhr ab. Joe verschwand im Eingang zum Heim. Den Göttinnen sei Dank: Sie waren einander nicht begegnet.
Diesmal musste Melli beim Umsteigen nicht lange auf den anderen Bus warten. Zehn Minuten später schritt sie fröhlich durch das Tor. Ihr zweites Paradies. Das erste war immer noch ihre kriminelle Fantasie.
Diese Hermesvilla. Vielleicht sollte sie hier einmal einen richtig makabren Mord geschehen lassen. Leichenteile mussten in den Vitrinen einer Ausstellung verfaulen oder von den Kronleuchtern hängen. Geil! – Ja, geil und grauslich! Genau das musste es sein, wenn man heutzutage Erfolg haben wollte …
Hinter den Nebengebäuden der Villa hielt sie kurz an. Im steinernen Brunnen lagen Münzen, hauptsächlich Fünf-Cent-Stücke. Aberglaube regiert die Welt.
Melli schaute genauer hin: Da lag doch eine Uhr im Wasser, eine Armbanduhr! Sie schob den rechten Ärmel hoch und griff ins Becken. Eiskalt! Sie fischte die Uhr heraus, legt sie auf den Brunnenrand, betrachtete sie. Wassertröpfchen hafteten daran, keine Ablagerungen. Keine grünlichen Algen, wie sie an den Brunnenwänden klebten. Diese Uhr war noch nicht lange im Brunnen gelegen. Sie wischte die Uhr mit einem Papiertaschentuch trocken und inspizierte sie dann genauer. Eine HOREX, sicher sauteuer.
Sie steckte die Uhr ein, lächelte und marschierte weiter. Ob sie die Uhr irgendwo abgeben sollte? Eine Uhr, die jemandem gehörte, der sich auch einen Ersatz dafür leisten konnte. Der nicht arm war wie eine alte Pensionistin, die auch früher kein Vermögen gescheffelt hatte.
Sie stapfte den steilen Waldweg hinauf bis zur Brücke. Von dort nahm sie nicht mehr den Waldweg, sondern wanderte auf der Fahrstraße weiter. Während sie die große Kehre in Richtung Rohrhaus passierte, roch sie das erste Mal Schweine. Wildschweine.
Der Gestank nach Wildschweinen wurde immer intensiver. Ein Grunzen drang an Mellis Ohr. Da erblickte sie auch schon das Vieh. Links von der Straße, auf dem leicht abfallenden Waldboden. Es stand bis zum Bauch im Schlamm, bohrte die Nase in den Grund. Schmatzte und sabberte.
Es hob den Kopf, schaute eine Sekunde lang zu Melli herüber. Sie fasst ihre Walking Sticks fester, bereit sich zu verteidigen, wenn das Schwein angreifen sollte.
Doch es stand wie angewachsen da und rührte sich nicht.
Blöde Sau! – Oder war es ein Eber?
Melli fuchtelte mit den Stöcken in der Luft herum, das Vieh beeindruckte das nicht. Im Gegenteil, es steckte den Rüssel wieder in den Schlamm und wühlte und grunzte. Weit und breit keine Jungen, keine Rotte. War es ein einsamer, alter Eber? Es schnüffelte und zerrte an einem großen Ding herum, das dort im Morast lag.
Melli stakte vorsichtig den leichten Abhang hinunter. Stützte sich auf ihre Stöcke. Sie näherte sich dem Schwein. Ragten da nicht große Zähne seitlich aus dem Maul? Die Hauer eines Keilers?
Ihre Brille lief an. Da trat sie auf etwas Glitschiges, riss die Arme in die Höhe, schwankte, hielt sich gerade noch aufrecht.
Sie selbst stand jetzt im Schlamm, schnaufte. Der Eber warf ihr einen langen Blick zu, dann drehte er sich um und trottete davon. Einfach den Hang hinunter, dem dichteren Wald entgegen.
Den Göttinnen sei Dank!
Froh, dass sie nicht selbst im Schlamm gelandet war, putzte sie die Brille und schnäuzte sich. Während sie das Taschentuch einsteckte, erkannte sie es:
Da lag eine Leiche.
14:00 h
Melli rettete sich auf den festen Waldboden nahe der Straße. Sie nestelte ihr Smartphone aus der Tasche und wählte die Nummer der Polizei. Dann suchte sie sich in der Nähe einen Baumstumpf und wartete.
Dass sie das noch erleben durfte! Eine echte Tote! Echte Polizei würde aufkreuzen! Hoffentlich war es nicht die Leiche einer Frau, die zufällig das Zeitliche gesegnet hatte. Nach einem Herzinfarkt oder einer tödlichen Krankheit. Oder die einem Unfall zum Opfer gefallen war. Hoffentlich war es ein richtiger Mord!
Die Leiche lag 20 Meter von der Straße entfernt, vielleicht 25. Ein Pärchen spazierte vorüber, schaute kurz zu Melli her, winkte, bemerkte aber glücklicherweise nichts von der Toten. Doch was, wenn andere Leute hier auftauchten, die neugieriger waren als diese zwei? Wie sollte sie diese Leute verscheuchen? Schließlich war es IHRE Tote! IHR Mord!
So ein Glück, dass das Schwein verschwunden war.
Aber halt! War nicht Joe vor einer Stunde ins Heim zurückgekehrt? War er nicht mit dem Gegen-Bus angekommen! Er konnte hier gewesen sein, hier im Lainzer Tiergarten. Schließlich kam er öfter her. – Vielleicht war er hier gewesen, hier! Vielleicht hatte er …!
Melli wartete auf die Polizei. Genau wie ihr der Beamte am Telefon geraten hatte. Sie müssten ohnehin bald da sein.
Aber wenn Joe …
Im Augenblick war niemand unterwegs, weder die Polizei noch irgendwelche Ausflügler. Melli stand von ihrem Baumstumpf auf. Sie spähte hinüber zu dieser unförmigen, mit Schlamm bedeckten Leiche. Auf ihre Stöcke gestützt ging sie näher. Woran war die Tote gestorben? Erstochen? Erwürgt? Mit einem Stein auf den Kopf geschlagen? Man konnte doch von der Todesart auf den Täter schließen. Das hatte sie in ihren Romanen geschrieben.
Vorsichtig arbeitete sie sich näher, immer bedacht, dass sie nicht das Gleichgewicht verlor. Sie kam bis auf zwei Meter an die Leiche heran.
Kein Zweifel, es war eine dicke Frau, die da mit dem Gesicht im Schlamm lag. Mellis Nackenhärchen stellten sich auf. Sie zog ihre Jacke fester an sich. Sie hatte Leichen oft beschrieben, aber gesehen? Mit eingezogenem Kopf schaute sie sich um, ob nicht bald die Polizei auftauchte.
Da riss es ihr auf den glitschigen Untergrund einen Fuß weg. Sie ruderte mit den Armen, fuchtelte mit den Stöcken. Landete auf dem Hintern im Laub. Scheiße!
Während sie versuchte aufzustehen, knallten auf der Straße Autotüren. Zwei Polizisten eilten auf sie zu. Der kleinere half ihr auf die Beine, verlor dabei die Kappe. Den anderen riss es beinahe selbst von den Füßen. Zu dritt kämpften sie sich aus der Schlammfalle. Unten im Wald grunzte ein Schwein. Ob es dasselbe war?
Melli stand am sicheren Straßenrand. Die Feuchtigkeit, die sich unter dem Laub verbarg, hatte nicht vor ihrer Hose Halt gemacht. Vermutlich hatte sie am Hintern einen großen dunklen Fleck. Wie peinlich! Sie griff sich an den Hosenboden. Da klebten auch Blätter dran!
Der kleine Polizist setzte seine Kappe auf und rief ihr zu:
„Sie haben uns angerufen, Gnädigste? – Jetzt rennen S’ nicht davon.“
Von Rennen konnte keine Rede sein mit dem Laub, das ihr am Hintern pickte. Außerdem wollte Melli gar nicht davonrennen. Sie hatte die Leiche gefunden, die Polizei sollte sie fragen. Aber die Polizisten waren beschäftigt, rot-weiße Plastikleinen weitläufig um das Schlammloch herum zu spannen.
Jessas! Sie hätte die Leiche fotografieren sollen!
„Wollen S’ net was wissen von mir?“ Sie schaute sich um: Sie war die Einzige, die hier etwas aussagen konnte.
„Gnädigste, Sie müssen auf die Kripo warten. Mir san nur der Streifendienst.“
Ach ja, auch in ihren Romanen dauerte es immer eine Weile, bis die Kommissare und die Kriminaltechniker anrückten. Dabei hätte sie denen schon jetzt einen Tipp geben können.
„Ich bin öfter in der Gegend, wissen S’“, sagte sie. „Man kennt die Leut’, die immer wieder herkommen.“
Sie dachte dabei an den Joe. Der war ja heute hier gewesen. Vor einer Stunde war sie in den Bus gestiegen und er aus dem Bus.
„Ich könnt’ Ihnen a paar Leut nennen, die S’ fragen könnten.“ Nein, nicht verdächtigen, nur fragen. Schließlich konnte es ja ganz anders gewesen sein. Auch in ihren Romanen hatte sie die Leser immer mit Wendungen überraschen müssen.
Die Blätter fielen langsam von ihrem Hosenboden ab, sie half mit den Händen nach. Der Stoff fühlte sich bereits trocken an. Gerade rechtzeitig, denn da kamen schon zwei Autos mit rotierenden Blaulichtern die Straße...




