E-Book, Deutsch, Band 3, 448 Seiten
Reihe: Aufzeichnungen
Polzer Aufzeichnungen III; 1994 - 2001
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7407-4189-1
Verlag: TWENTYSIX EPIC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zeit des Übergangs - Aufstieg und Fall
E-Book, Deutsch, Band 3, 448 Seiten
Reihe: Aufzeichnungen
ISBN: 978-3-7407-4189-1
Verlag: TWENTYSIX EPIC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Autor hat über Jahre ein großes Unternehmen der Medizintechnik geführt, und später verschiedene Unternehmen gegründet. Seit 2003 hat er mehrere Romane geschrieben, die das Leben zwischen unterschiedlichen Wertesystemen thematisieren.
Autoren/Hrsg.
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1995
21. Februar: Jetzt läuft das Karussell tatsächlich an und es ist völlig unklar auf welchem Pferd jeder zu sitzen kommt. Dabei findet alles statt, wie in einem surrealen Gruselkabinett.
Meine ganzen Sinne sind gespannt wie die eines Jägers auf dem Sprung. Gleichzeitig sickern die Gespräche der anderen Menschen um mich herum in mein Hirn, und ich kann mich nicht dagegen wehren. All dieses läppische und banale Gerede, das Menschen, vor allem Geschäftsreisende, so vor sich hin brabbeln. Über Skiresorts, über Italiener, über Essen, die ausgebreitete Familie, und immer wieder dieses „I am a nice guy, who are you?“. Es ist das klassische Stammtischgerede, übertragen in die Lounges der Fluggesellschaften überall auf der Welt. Schlagwörter und Gemeinplätze durchmischt mit Vorurteilen, bis die Luft nicht mehr zum Atmen reicht.
Doch bin ich anders? Inzwischen glaube ich ja. Ich denke anders, und ich handle anders. Inzwischen habe ich nicht einmal mehr Angst davor diese einsame Rolle zu spielen. Sie steht mir besser, als die des Kumpels. Und ich brauche Ruhe und Ausgeglichenheit, die Rolle zu spielen. Dabei ist es egal, ob als CEO einer eigenständigen Firma, oder als Manager in einem Konzernverbund. Das erste scheint mir aber mehr und mehr zu liegen. Ob es gelingt, das Endspiel zu gewinnen, weiß ich nicht. Eingeläutet ist die Endrunde zumindest, vorausgesetzt, dass Harvest Partners tatsächlich bietet. Aber das wissen wir spätestens am 10. März. Vorausgesetzt aber auch, dass der Geschäftsverlauf weiter stabil bleibt, aber das ist noch lange nicht sicher. Wir arbeiten täglich, wöchentlich und monatlich daran, dass es so bleibt, dass es so kam, und dass wir endlich ohne Grauen unsere Jobs tun können.
Spannend ist das ganze allemal, egal was am Ende dabei herauskommt.
Und immer wieder das Schreiben im Flugzeug. Ist es der einzige Ort, der mir ein Mindestmaß an Konzentration belässt? Ich kann nicht davonlaufen und mich auf etwas anderes stürzen, keiner will etwas von mir, keine Musik überlagert die Gedanken, und kaum ein Gespräch von nebenan durchdringt das monotone Rauschen der Luft, die an den Außenflächen entlang streicht.
Nur wenn das der einzige Ort ist, an dem ich meine Gedanken fließen lassen kann, dann stimmt etwas nicht mit meinem Leben. Zumindest nicht mit einem Leben, wie ich es mir sinnvoll vorstelle. Oder ist das eine jener egoistischen Wunschvorstellungen, dass wir unser Leben so einrichten können, dass es uns auch noch gefällt, und möglichst immer und bei allem was wir tun.
Die Wahrheit ist wohl eher, dass wir kaum Kontrolle darüber haben, was wir tun. Vorausgesetzt wir tun überhaupt etwas. Denn inzwischen ist fast jedes Handeln so vernetzt und voller gegenseitiger Abhängigkeiten, dass es kaum mehr möglich ist ‚sein’ Leben zu leben. Das gilt für den Taxifahrer, das Zimmermädchen, den Fahrer, den Schauspieler und den Spitzenmanager, wir alle leiden und profitieren von der gegenseitigen Abhängigkeit. Und das ganze auch noch auf einem weltweit verzahnten Niveau. Nur war das jemals anders?
Zur Zeit der Jäger und Fallensteller vielleicht. Aber mit jeder organisierten Lebensgemeinschaft wuchs die Abhängigkeit und der Zwang sich gegenseitig ertragen zu müssen. Das war das Ende des Individuums. Ersatz kam durch den Homo Sozialis, der sich immer mehr zum Herdenwesen entwickelte, und so überhaupt erst in der Lage war diese alles beherrschende, alles vernichtende Rolle zu spielen, die er heute wie selbstverständlich ganz virtuos zu immer neuen Blüten treibt.
Erst die Bereitschaft uns unterzuordnen, dem Willen eines anderen, einer Sache oder einer Idee, hat den Menschen fast unbezwingbar gemacht. Und seine Vernichtung kommt vermutlich wiederum nur durch sich selbst. Oder ist das eine dieser Selbstüberschätzungen, die zeigt, wie sehr wir bereits den Bezug zur Realität verloren haben. Nur was ist noch Realität? Die Natur, die wir über die Jahrtausende bereits verändert haben? Das Universum, das wir kaum verstehen? Ein Gott, den wir uns geschaffen haben, und den es gar nicht gibt? Vermutlich ist das ganze Übel nur bedingt durch die Fähigkeit unseres Hirns, sich zu erinnern. Dadurch häufen wir Fragen über Fragen aufeinander, und schaffen uns gigantische Gebäude an Gedankenwelten als Antwort auf die Berge selbst geschaffener Fragen. Aber wenn die Fähigkeit zu fragen, und uns zu erinnern, die Triebfeder unseres Systems sind, dann sollten wir weitermachen, denn es ist enorm spannend, was dabei herauskommt.
Rückflug nach einer Wirbelwindtour durch die Staaten. New York, Chicago, Phoenix, Atlanta. Eckpfeiler meiner USA-Lebenshälfte. Städte, die mir bekannter und lieber sind als Hamburg oder Düsseldorf. Nur was heißt das schon. Mit Tara in Cambridge werden wir vermutlich auch London zu den Städten addieren, in denen wir zu Hause sind. Heißt das, dass wir Europäer sind, oder Atlantiker, oder einfach nur entwurzelte? Zumindest sind wir eine seltsame Minderheit, die zwar wächst, aber noch lange nicht der Lebensstandard ist. Auch wenn die Flughäfen bersten von Transitmenschen, und jeder Sitz in den Flugzeugen gefüllt ist.
Tara in St Maws, auf dem Weg nach Cambridge.
So, und was kommt jetzt dabei heraus? Mehr Arbeit? Mehr Belastung? Warum nicht einmal mehr Ruhe, mehr Gelassenheit? Wäre doch auch ganz schön.
Vielleicht gelingt es diesmal sogar. Die Zeichen sehen gut aus. Aber nicht zu hoffnungsvoll sein, nicht zu sehr anschieben, nichts kaputt machen, was zusammenzuwachsen scheint. Im richtigen Moment durch die offene Tür gehen und gleichmäßig weiterbauen an einem soliden Fundament für ein stabiles Haus.
Alles schönes Gerede, aber im Grunde sehe ich in diesem Nebel der ungeklärten Gesellschafter-Frage nicht von einem Tag zum anderen klar. Nur komisch, dass mir das zurzeit fast nichts ausmacht. Wir machen unsere Arbeit, verspannen uns gelegentlich dabei, und freuen uns, dass das Geschäft besser läuft. Dabei wissen wir, dass wir auf einem potenziellen Vulkan sitzen, oder bilden wir uns das nur ein. Möglicherweise ist die Gesellschafterthematik nur ein weiterer Aspekt der Kostenkonsolidierung, und endlich auch einer mittel- bis langfristigen Perspektive. Spannend ist es allemal, bis die ersten wirklichen Übernahmegespräche beginnen. Dann steigt der Frust...




